Wie lässt sich der Hass auf Israel erklären? Woher kommt der tief verwurzelte Antisemitismus, der sowohl in der westlichen als auch in der arabischen Welt existiert? Stephan Grigat beleuchtet die verschiedenen Gesichter des Antisemitismus – von christlichem und islamischem Antijudaismus über modernen Antisemitismus bis hin zum Antizionismus. Er untersucht, wie diese Formen des Hasses historisch entstanden sind und als Ideologien in politischen Bewegungen aus diversen politischen Spektren wirksam werden – vom linken Antizionismus bis zum Nationalsozialismus, vom arabischen Nationalismus bis zum politischen Islam.
"Dementsprechend ist der Zionismus für die materialistische Kritik zwar nicht die richtige Antwort auf den Antisemitismus (das wäre die Errichtung einer freien Assoziation freier Individuen, die befreite Gesellschaft, die es den Menschen ermöglicht, ohne Angst und Zwang verschieden zu sein), aber er ist, ganz unabhängig von seiner je konkreten Ausgestaltung in der je unterschiedlich begründeten und zu bewertenden israelischen Regierungspolitik, die vorläufig einzig mögliche. So gesehen ist der Zionismus „das notwendig falsche Bewußtsein der Juden und Jüdinnen, die das richtige Bewußtsein über ihre Verfolgung erlangt haben“ (Scheit 2004: 286). Hier wird deutlich, dass der kategorische Imperativ in der Marx’schen Fassung und in der Adorno’schen sich keineswegs widersprechen, dass also Adornos Forderung, alles Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe, letztlich nur dann entsprochen werden kann, wenn man sich der Forderung verpflichtet fühlt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Adorno thematisiert allerdings mit unmittelbarem Bezug auf den Marx’schen kategorischen Imperativ – und anders als Debord oder Agnoli –, was im „Stande der Unfreiheit“ zu tun ist. Der zionistische kategorische Imperativ lautete dann, vom materialistischen Verständnis aus betrachtet, in etwa: Solange es Menschen gibt, die sich zwar der allgemeinen Emanzipation und einem universalistischen Freiheits- und Gleichheitsbegriff verpflichtet fühlen, mit ihrem Anliegen aber keineswegs erfolgreich sind, versucht der Zionismus dem Adorno’schen Imperativ dadurch gerecht zu werden, dass mittels Gewalt die körperliche Unversehrtheit von Juden und Jüdinnen gewährleistet wird. [...]
Wer sich mit der Formel x Ware A = y Ware B nicht nur irgendwie beschäftigen, sondern sie in all ihren Konsequenzen kritisieren möchte, muss sich mit der bewaffneten Selbstverteidigung Israels solidarisch erklären." (231f.)