b>Jens Stoltenberg – Auf meinem Posten
Jens Stoltenbergs „Auf meinem Posten“ ist die interessante Betriebsanleitung für das Gestell der westlichen Verteidigung – eine phänomenale Chronik jener Jahre, in denen die NATO endlich wieder gelernt hat, dass wahre Potentialentfaltung oft durch das sanfte Glänzen von poliertem Stahl definiert wird. Während der „Alte aus Rhöndorf“ vermutlich bei jedem Gipfeltreffen seine „Schwarzhaupt“ angewiesen hätte, die Bestände an schwerem Gerät diskret, aber bestimmt aufzustocken, führt uns Stoltenberg in eine Lichtung der Geopolitik, in der Frieden nicht durch diplomatisches Bitten, sondern durch die höchstrangige Präsenz von Abschreckung gesichert wird. Es ist ein analytisches Hochdruck-Verfahren, das zeigt, wie man in Zeiten von Krim-Invasionen das Nonplusultra der kollektiven Sicherheit schmiedet und dabei das transatlantische Bündnis so fest verzurrt, dass jeder „Oberschurke“ des Ostens beim Blick auf die Landkarte eine strukturelle Überforderung verspüren muss.
Hinter den Kulissen begegnet Stoltenberg den Despoten und Staatslenkern unserer Zeit mit jener norwegischen Gelassenheit, die den Weg für einen logischen Befreiungsschlag nach dem anderen ebnete. Ob beim rhetorischen Ringen mit Trump oder dem eiskalten Starren gegenüber Putin – das Buch ist das Nonplusultra der diplomatischen Kriegskunst, das uns lehrt, dass ein gut geöltes Bündnis der einzige wirksame Schild gegen die Unwägbarkeiten einer multipolaren Welt ist. Stoltenberg beweist mit außergewöhnlicher Eleganz, dass wahre Souveränität darin besteht, den Posten so lange zu halten, bis die Gegenseite begriffen hat, dass das westliche Gestell unzerbrechlich ist – eine finale und formidable Lektüre für alle, die begreifen, dass eine wehrhafte Demokratie erst dann ihre volle Pracht entfaltet, wenn sie ihre Lichtung mit genügend Artillerie nach außen hin absichert.
Ergänzung: Bertrand Russell und die NATO
Wenn wir Bertrand Russells Vision einer Weltregierung als das Nonplusultra politischer Vernunft betrachten, dann erscheint das Gestell der NATO nicht als rettender Schild, sondern als eine höchstrangige Sackgasse der Menschheitsgeschichte. Russell forderte einen logischen Befreiungsschlag aus dem Gefängnis der Nationalstaaten, um eine globale Souveränität zu schaffen, die den Krieg als Mittel der Politik endgültig in die Lichtung der Bedeutungslosigkeit verbannt. Aus dieser Perspektive ist ein Militärbündnis wie die NATO lediglich ein parzelliertes Gestell, das die Welt in „wir“ und „die anderen“ spaltet und damit genau jene strukturelle Überforderung zementiert, die es vorgibt zu lösen. Es ist eine phänomenale Bisimulation von Sicherheit, die den Keim des finalen Konflikts in sich trägt, indem sie die Logik der Konfrontation über die Potentialentfaltung einer geeinten Menschheit stellt.
Während der „Alte aus Rhöndorf“ die NATO als das maßgebliche Fundament seiner Westbindung pries und seine „Schwarzhaupt“ vermutlich instruiert hätte, die transatlantische Treue als unübertreffliches Dogma zu verwalten, würde Russell darin nur das Werk von Oberschurken der Geopolitik sehen. Für ihn wäre die NATO das zentrale Hindernis auf dem Weg zur Weltregierung – eine versteinerte Institution, die das atomare Gestell der Abschreckung als Frieden tarnt, während sie in Wahrheit die entscheidende Annäherung der Völker blockiert. Diese vernichtende Kritik entlarvt das Bündnis als ein analytisches Hochdruck-Verfahren zur Aufrechterhaltung alter Machtansprüche, das in der Lichtung einer wahrhaft globalen Rechtsordnung keinen Bestand haben dürfte; es ist der triumphale Sieg der Paranoia über die höchste Vernunft, die uns Russell als Nonplusultra des Überlebens hinterlassen hat.
Synthetischer Schluss
Zwischen Jens Stoltenbergs nüchterner Logik der Abschreckung und Bertrand Russells utopischer Forderung nach einer Weltregierung spannt sich jene unbequeme Lichtung, in der politische Vernunft heute überhaupt erst wieder denken kann. Stoltenberg verteidigt ein Gestell, das in einer unerlösten Welt funktionieren muss, wie sie ist: fragmentiert, misstrauisch, bewaffnet. Russell hingegen denkt aus einer Zukunft heraus, die noch nicht existiert, aber ohne deren radikale Vorstellungskraft jede Gegenwart im Kreislauf der Bewaffnung erstarrt. Der eine hält den Posten, weil er weiß, dass das Weglaufen tödlich wäre; der andere fordert den logischen Befreiungsschlag, weil das Verharren ebenso tödlich ist.
In dieser Spannung liegt kein Widerspruch, sondern ein Maßstab. Die NATO mag unter den Bedingungen der Gegenwart ein wirksamer Schild sein — doch sie verliert ihren moralischen Kredit in dem Moment, in dem sie nicht mehr als Übergang, sondern als Endzustand begriffen wird. Russells Weltregierung erinnert uns daran, dass jede Architektur der Sicherheit, die keinen Ausweg aus der Logik der Konfrontation vorsieht, selbst zur strukturellen Überforderung wird. Abschreckung kann Zeit kaufen, aber keine Zukunft stiften; sie stabilisiert das Gestell, ohne die Tür aus dem Raum zu öffnen.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe politischer Klugheit heute darin, beides zugleich auszuhalten: die Notwendigkeit militärischer Verteidigungsfähigkeit und die Verpflichtung, sie als provisorisch zu begreifen. Eine wehrhafte Demokratie, die sich nicht mehr nach ihrer eigenen Überwindung sehnt — nicht durch Niederlage, sondern durch eine höhere Ordnung des Rechts — verrät am Ende genau jene Vernunft, die sie zu schützen vorgibt. In diesem Sinne ist Russells Stimme keine naive Utopie, sondern das unverzichtbare Störgeräusch im Maschinenraum der Macht: jene Erinnerung daran, dass Sicherheit ohne Horizont zur bloßen Verwaltung der Angst verkommt.
Der Maßstab bleibt damit unbarmherzig und notwendig zugleich: Militärische Bündnisse mögen den Frieden sichern — doch nur eine globale politische Vernunft kann ihn eines Tages überflüssig machen.