Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, findet die junge Franziska ihren Seelenverwandten. Sie lernt, sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen ihr Leiden zu immunisieren. Die beiden entwickeln eine absolute Sprachbesessenheit und forschen fortan und bis an alle denkbaren Grenzen gemeinsam nach der perfekten Sprache.
»Schleifen« ist ein großer, ein kluger Roman über die Macht und den Einfluss von Sprache auf unser Leben, der richtig Spaß macht beim Lesen. Immer wieder stellt sich bei Elias Hirschl das schier Unglaubliche als wahr heraus, und der Rest ist extrem gut erfunden.
Elias Hirschl verknüpft in Schleifen die sprachexperimentelle Fröhlichkeit einer Barbi Marković aus Minihorror mit der Faszination für modallogische Probleme der Linguistik und Mathematik aus Dietmar Daths Gentzen oder: Betrunken aufräumen durch einen aus der Gemengelage der Gegenwartsliteratur herausstechenden Stil einer Raphaela Edelbauer aus Die Inkommensurablen. Im Zentrum des Geschehens stehen Franziska Denk und Otto Mandel, die ein Institut für angewandte Sprachforschung in Berlin Charlottenburg gründen:
Wusste man, wie ein Zeichen aussah, kannte man also auch sofort seine Bedeutung innerhalb der Taxonomie allen Seins. Jedes einzelne Objekt im Universum hatte sein eigenes unverwechselbares Zeichen, seinen eigenen individuellen Namen. […] Jedes einzelne der Zeichen korrelierte dabei mit einem Phonem. Für jedes zusätzlich hinzugefügte Symbol, das einen Begriff genauer verortete, kam ein zusätzlicher phonetischer Laut hinzu, sodass die Sprache zumindest theoretisch auch gesprochen werden konnte.
Diese Objektsprache scheitert jedoch aus einsehbar praktikablen Gründen, denn die Zurückführung eines jeden einzelnen Gegenstandes auf einen Namen zerstört alle Begriffe und darum jedwede Möglichkeit, Informationen ohne Präsenzsystem zu erzeugen können. Diese Zersplitterung der Sprache soll die formallogischen Probleme lösen, die sich bspw. in der Mathematik und auch allgemeinen Kommunikationstheorien ergeben und mit Gödels Unvollständigkeitssätzen 1931 ihre Formalisierung gefunden haben. Schleifen erzählt nun aber auch die Liebesgeschichte zwischen Mandel und Denk, und dies auf einfallsreiche, sensible Weise:
Doch jedes Mal, wenn sich Otto danach erkundigte, wie es ihr ging, erlitt sie einen neuen Anfall, da sie durch seine Briefe immer wieder an ihre Krankheit erinnert wurde. Irgendwann war sie schon nahe daran, den Briefkontakt vollständig abzubrechen, doch dann traf eines Tages ein neuer Brief von Otto ein. Ein komplett leerer Brief. Mit diesem Brief wurde eine Zeit eingeläutet, die die Germanistin Franka Sendzik später als Denks und Mandls »leere Ära« bezeichnen würde. Über mehrere Jahre hinweg schickten sich die beiden Jugendlichen Briefe ohne Inhalt. Diese jahrelange stille Freundschaft half Franziska, aus dem Loch herauszukommen, in das sie gefallen war.
In ungewöhnlich geschliffener, stilistisch sicherer, flüssiger Art zeichnet Hirschl die logischen und emotionalen Problemen seiner Figuren nach, mischt viele Allegorien, Fabulationen und witzige wie erschreckende Eskapaden in den Fließtext und gestaltet so eine Art intellektuellen Schelmenroman als Antwort auf die Sprachverwirrungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Seltsam unterhaltsam, spritzig, überzeugend werden die Motive bekannter Geistesgrößen mit den radikalen Experimenten seiner Figuren vermischt, bis am Ende so etwas wie ein kassandrisches Kafka-Orakel gefunden wird, das die logischen Probleme löst, indem die Semantologie freiverfügbar, also ins lockere Gefüge gesetzt wird. Mit anderen Worten, alles lässt sich vorhersagen, wenn alles mit allem bezeichnet wird, bspw. das Wetter, wenn Regen, Sonnenschein etc … nur mit einem Wort benannt werden. Das Lustige und Tragische an dieser Lösung zeigt sich am langsamen Wahnsinnig-Werden der Figuren, das quasi die zerfallenen Pilze eines Hofmannsthal in die neumodische Brandrede eines KI-Algorithmus übersetzt. Auf bedenkliche und sehr bedenkenswerte Art und Weise.
Elias Hirschl zeigt, wie Literatur, statt wie Benjamin Labatut in Maniac die Wissenschaft nur als Schaulaufen auszubeuten und sowohl Ernst wie Spiel beider Sprachschöpfungen zu schaden, sie beiden gerecht werden kann, ohne an Abstraktionshöhe zu verlieren oder an Unterhaltsamkeit und Ästhetik einzubüßen.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): - Franziska Denk (F), erleidet die Krankheit, von der sie hört (direkte Verkörperung der versprachlichten Symptome Sprache als Gefahr), hat Kontakt zu Kurt Gödel, Wiener Kreis; Vater von F heißt Carl Stonebrook, christlicher Missionar; Fs Mutter wie Fs Vater von der Philosophie Francesco Savogini überzeugt, dass es den Turmbau zu Babel gegeben hat; nach Tod von Moritz Schlick, Flucht der Familie in die USA; Carl stirbt, als F 10 Jahre alt ist, 10.01.1942; Mutter wird verrückt, beginnt eine Mathematik auszuarbeiten, erschlägt mit einer Ausgabe von Kritik der reinen Vernunft Fs Katze Fuzzy; Mutter verschwindet am 31.12.1942; hat mathematische Theorien in Schleifenform verschickt. - Otto Mandl, Sohn von Alfred Mandl, Entdecker des Küstenparadoxons (Länge der Küste hängt von Genauigkeit des Maßstabes ab – Fraktale, Benoit Mandelbrot); wird von Eltern getrennt, und zur Kriegszeit nach England gebracht. Folgt seinem Vater als Mathematiker, will die Philosophie der Mathematik revolutionieren. -Franka Sendzik, Germanistin, die über F und O forscht, gründet 1992 die Denk-Mandl-Gesellschaft, ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: F und O lernen sich im Herbst 1948 kennen; O hat auf einen Aufsatz von Fs Mutter geantwortet, die zufällig im selben Sanatorium lebte, wie dann F. Wegen Fs Probleme mit versprachlichten Krankheiten, schicken sie sich irgendwann nur noch leere Blätter. 1952 zieht F zu O nach Westberlin, wo O Mathematik an der FU studiert. Fs Symptome werden besser, sie liest viel und verfasst viele Essays. Sie beginnen mit Aktionskunstwerken, bspw. 1961 auf der Kunstausstellung „Goethe zerbomben“. Und F wird durch literarische Arbeiten bekannt. 1968 trägt auf der letzten Tagung der Gruppe 47 einen Text namens „Die Truppen des Warschauer Paktes werden diese Lesung unterbrechen“ vor, was tatsächlich dann passierte. 1970 gründen sie in Berlin Charlottenburg das Institut für angewandte Sprachforschung, aber Os Einfluss nimmt ab, während F immer mehr zur Führungspersönlichkeit aufsteigt. F entwickelt sich weg von der Wissenschaft, hin zu einer Spiritualität, hin zu einer postverbalen Utopie. F versucht eine neue Sprache zu erfinden, die alle anderen Sprachen ersetzt. Die Sprache wird aber überkomplex. 1980. Eine ihrer Anhängerin aber, die Deutsch als Unterrichtssprache absetzen will und schon einige Schritte erfolgreich unternommen hat, Petra Janosch, wird am 11. März 1980 von einem rechtsradikalen erschossen. Das führt zu einer Radikalisierung seitens Fs. Sie veröffentlicht ein Nonverbales Manifest. Nachdem 1.4.1980 widmet sie ihr Leben dem Kampf gegen die Wörterbücher. Etabliert die Coelho-Methode: aus dem Buch „Der Alchimist“ wird mittels semiotischer Verschiebung ein jedes andere Buch. 1992. Gilt zunehmend als mystische Seherin, verfasst das Buch „Die drittstärkste mongolische Partei“, was 1992 zu Neuwahlen in der Mongolei führt. Verdient Geld dadurch. Radikalisierung durch Scheitern der Objektsprache. F strebt Auslöschung jeder unvollkommenen Sprache an, Brandanschläge auf Pons, Langenscheidt. 1996, Ende März, bereitet F einen Anschlag vor, radikalisiert ihre Anhänger. O kann gerade noch verhindern, dass F ein Mitglied, das sich dagegen ausspricht, erschießt. Er verlässt die zur Sekte gewordene Vereinigung. F zieht nach Lido di Ostia, O verlässt Europa, fliegt zu einer Konferenz nach Tokyo, zu der ihn Darya Petrova eingeladen hat, um die interdimensionale Teichmüllertheorie zu diskutieren, die die Probleme der Grundlagen der Mathematik beheben soll, von Minamoto. Zur Vorbereitung sucht er Literatur und findet zufällig ein Manuskript seines Vaters. Auf der Konferenz kommt es zum Streit, weil Minamoto Ergebnisse von Mandels Vater für seine eigenen ausgibt, zudem tautologisch argumentiert. Im Hotelzimmer gelingt O ein Durchbruch (Mathematik nur Sprache, und so müssten alle Symbole einzigartig werden, um die Abzählbarkeit, Grundlage des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes, zu verhindern, der auf Nummerierung beruht), wird aber herausgeworfen, und verschwindet auf einer geheimnisvollen Verkehrsinsel. 1997, ein hundertseitiges Rohmanuskript von O, das in seinem Koffer gefunden wurde, wird vom S. Fischer Verlag publiziert, namens Transit, in welchem jedes Wort nur einmal vorkommt. 2000er. F baut Sekte auf, als Anführerin der Nonverbalisten, kauft ein ganzes Gebiet, Wodot, gründet eigenen Staat. Sie entwickelt eine Tablette mit Beipackzettel, die zum partiellen Realitätsverlust führt, heilt so auch Traumata, aber andere Nebenwirkungen können auftreten, wie völliger Identitätsverlust [endet später in Massen von gleichbenamsten, synchronisierten Menschen wie Jim Blum], sogenannte Semantostatika. Worte werden vergessen, und so auch das Symptom. 2023 letzter Auftritt von F, lädt zum Symposium nach Wodot ein, F ruft ihre Anhängerschaft zur Selbstverbrennung auf. F flieht aus dem Chaos. Fliegt nach Japan, trifft dort auf der Verkehrsinsel O, wo sie Sex haben. 2024. F schreibt (Jahrzehnte später als 1942) einen autofiktionalen Roman namens „Schleifen“ … all dies mehr oder weniger als Beobachter durch Franka Sendzik (Fan von F) und Darya Petrova, Kollegin von O. Beide verwandeln sich am Ende in Jim Blum. Vereinzelte Ideen: -Episode in Wannata, Verarbeitung des Cargo Kults auf Tanna und Vanuata, ein Orakel verkündet den Heilland Jim Blum und seiner magischen Insel Wodot. Warten auf Jim Blum, Garten von Wodot. -Deutsche Mathematik, Drittes Reich, Teichmüller, Alfred Mandl, Selbstmord von Ottos Eltern. -John Cage, und Ang Gurong, die Nichtmusik, das Nichtkomponieren, die Leere und Stille als Musik wie die leeren Briefe und die gesammelten leeren Blätter von Franziska und Otto. Ang Gurongs Aufstieg und Fall. Nachahmerin: Annikka Fredsz’ Leben als Neurologin in Tallinn. -eine stockende Kommunikation zwischen Aliens und der Menschheit, die Aliens reden irgendwann mit den Walen. -Einführung der Objektsprache, ihr Scheitern, Einführung des Nonverbalen Programms. -Alfred Mandels Novellierung der Mathematik ausgehend von „1=1“ müsste falsch sein; Herstellung von unendlich vielen Zahlsymbolen, das Apeironalsystem, um dadurch selbstreferenzielle Aussagen zu vermeiden (Aufhebung des Unvollständigkeitssatzes, aber auch der Mathematik). -Francesco Savoginis Verbrennung, während er eine (Brand-)Rede an den Papst hält, 18.10.1582. Beweis der Creatio ex nihilo. Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos, für jede Ordnungsgebung muss etwas brennen. Sein Werk Kritik der Ordnung. -Seltsame Beschleunigung der Zeit, 10 Tage Adventisten, Zerstörung vom Urkilogramm, Urmeter -Franz Kafkas Romane, die wegen Selbstplagiat zurückgerufen werden, nach Anklage durch den Vater, Hermann. Fälschungen durch F. Kafka im Landgericht, kommt rein. Kafkas Text als seltsamer Attraktor, seine Texte gewinnen bei jedem Durchlauf an Komplexität. -Päpstliche Konklave. ●Kurzfassung: Germanistin Franziska wird durch die Allgemeinheit der Sprache verletzt (sie erleidet in ihrer Gegenwart angesprochene Krankheiten) und will eine Universalsprache herstellen, eine Objektsprache für jedes einzelne Ding. Zusammen mit dem Mathematiker Otto, der die logischen Grundlagenprobleme der Mathematik lösen, gründen sie ein Institut, das aber scheitert. Franziska radikalisiert sich zur Sektenanführerin und will die Sprache vernichten, erfindet eine Tablette, die durch den Beipackzettel die Begriffe verunsichtbart. Otto streitet sich in Tokyo mit einem Mathematiker über die interdimensionale Teichmüllertheorie. Am Ende treffen sich Franziska und Otto auf einer Verkehrsinsel wieder und haben Sex. ●Charaktere: (rund/flach) eher intellektueller, improvisierter Roman ●Überflüssige Szenen/Charaktere: bei dieser Montage nicht möglich ●Besondere Ereignisse/Szenen: Sprachspiele, fürchterliche Szene, wie Fuzzy, die Katze erschlagen wird; Brandrede auf dem Scheiterhaufen von Savogini. ●Diskurs: … Anagramme: Franzsika Denk, Franka Sendzik, Dennisz R. Kafka, Annikka Fredsz, Nesrin F. Zakkad, Dr. Anke Fiszank für mglw. „Franz Kandenski“ …. durch die Fußnoten ein physisch-haptisch überraschendes Ende … spannend, verwirrend, verspielt, daher sehr unterhaltsam und vergnüglich mit vielen kleinen Einfällen, wirkt auch als Plot durch die langsame Radikalisierung Franziskas und die Sprachbekämpfung, trotzdem ein wenig lose, manches. -->
Form: ●Eindruck: sehr angenehm, flüssig, abwechslungsreich, harmonisch zu lesen, geradezu schön ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad trotz vieler Namen aus der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte ●Wortschatz/Wortzahl: (über 90000) abwechslungsreich ●Auffälligkeiten: wohlgeformte Sätze, wenig Hilfsverben, hohe Stilisierung, Fußnoten, Anagramme, Wortspielereien ●Innovation: expressionistisch … gehört zum stilistisch überzeugendsten Texten in der Gegenwartsliteratur --> 5+1 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: es gibt einen Ich-Erzähler, es gibt auch eine Erzählerin, Franziska in ihrem autofiktionalen Text „Schleifen“, hierdurch permutiert, verspielt, geht in der Rahmung auf als Montage und Reflexion auf die eigene Form ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): an manchen Stellen schimmert so etwas wie ein Germanistik-Erzählinstanz durch, reflektiert, aber eher als lockere Form und Verknüpfung ●Erzählverhalten, -stil, -weise: lustig, satirisch, ernsthaft trotz Verspieltheit, Ironie ●Einschätzung: ufert ein wenig aus, wird aber durch die einheitliche und formgebende Sprache in Zaum gehalten, trotzdem postmoderne Beliebigkeit, selbstreferenzielle Popart mit so vielen Verweisen. --> 3 Sterne
Komposition: ●Eindruck: Schwachpunkt sicherlich die Erzählstimme, da die Erzählinstanz nicht rekursiv sich selbst verarbeitet, eher lose verknüpft Vieles, wird aber durch die Form zusammengehalten und durch den Inhalt pointiert, d.h. als Gesamteindruck stimmig, obgleich eben eine gewisse, nicht befriedigende Beliebigkeit im Einzelnen vorherrscht ●Signal/Noise-Ratio: hohes Noise, gehört dazu, im Rauschen das Spiel ●Operative Geschlossenheit: ja, im Sinne des Begriffsrealismus und des Nominalismusstreites, als ontologische Sprachreflexion ins Literarische gehoben, wann bedeutet ein Wort irgendetwas. ●Rahmenstabilisierende Details: die zwei Wissenschaftlerinnen rahmen die Ereignisse als Beobachterinnen – Franka Sendzik und Darya Petrova. ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr dynamische Abfolgen ●Extradiegetische Abschnitte: mglw. die Alienpassagen ●Lose Versatzstücke: in dieser Form kaum möglich ●Reliefbildung: starkes Relief, hohe Dynamik ●Einschätzung: hat Phantasie, intellektuelle Transzendenz, Gewagtheiten und Spekulation als wortreiches Fabulieren, in Perspektive-Stellen von Sprach- und Wortdiskussionen --> 5 Sterne
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: durch die Sprache ein ästhetisches Erlebnis, stimulierend, bewegend, lustig, intellektualisierend fröhlich, und dazu sinnvoll in seiner Allegorisierung ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als intellektueller Schelmenroman ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, durch den Schreibstil ●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, Inhalt und Form durchdringen sich, bedingen sich ●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, durch die schiere Menge an Motiven möglich --> 5 Sterne
<-- warum nicht in den Kanon: weil es ein paar Ausrutscher gibt, die eher störend wirken, zu viele gewollte Anspielungen dümmlicher Art (Garten auf Wodot), überflüssiges "Haben F und O miteinander gefickt?" -- diesbezüglich auch etwas dummes Ende, also trotz sehr inspirativer Grundstruktur, etwas überzogen hier und da.
Now Shortlisted for the German Book Prize 2026 I'm not sure what Elias Hirschl was on when he wrote this novel, but I want some, too! "Schleifen" (Loops) refers to the narrative, structural and aesthetic principle of the text, which is the Möbius strip: Characters, story lines, motifs, etc. appear, disappear, and re-appear, it's an endless and disorienting mise en abyme. But fear not, the author also gives us a plot - well, kind of: Our protagonists are linguistic philosopher Franziska Denk and her mathematician friend Otto Mandl who aim to create a universal language to encompass everything there is and solve all of humanities' problems. While these two eccentrics are fictional, the story is set around the real Vienna Circle of philosophers and other scientists.
The whole text ponders the power of language: Does it reflect and/or create reality? It's the real deal for every semiotics freak: What happens in the gap between signifier and signified (hello, Ferdinand de Saussure), who determines the conventions of sign and meaning? And Hirschl pushes the boundaries further and further: He ponders languages and plays with fake sources (much like his Austrian compatriot Clemens J. Setz in Die Bienen und das Unsichtbare and Indigo), he questions human relationships and how we shape them with words (not unlike Catherine Lacey in The Möbius Book), indulges in excessive and absurd footnotes (hello, David Foster Wallace), and overall provides a veritable companion piece to Laurent Binet's The Seventh Function of Language.
The overflowing love for language games, puzzles, and eccentric scenes leads to outright surreal subplots, like that of tofu salesman Ang Gurong who is destroyed by unexpected fame. Text forms oscillate, there are ideas over ideas over ideas in a maze-like structure without escape. Language morphs and transforms, once spoken, it becomes a reality, but it can also be manipulated and eradicated, and with it the reality it once referred to.
This is a very ambitious novel, and it requires a reader who is ready to work for a rewarding experience. There is so much going on, it's both overwhelming and playful. Not easy to to conquer, but what a view from the top!
“Schleifen” creates a second reality by weaving alternative mathematical and physical theories, bizarre linguistic theories, and a potpourri of fictional thinkers, artists, and researchers into our (historical) reality. In doing so, Hirschl manages the balancing act between satire and madness astonishingly well.
The novel does not reinvent postmodernism, but it does breathe new life into it. The whole thing reads like a self-referential and intertextual blend of Borges, Calvino, Pynchon, Beckett, Setz, Kafka, the Dadaists, and (linguistic) philosophical treatises, with traces of Monty Python, “Asterix,” and Derrida, and builds its own mythology—much like Danielewski does in “House of Leaves.”
The actual plot is secondary, and the two central protagonists, Franziska Denk and Otto Mandl, appear, disappear, go missing, and return. In between, the story deals, among other things, with the Nonverbalists, the Ten-Day Adventists, the interdimensional Teichmüller theory, extraterrestrials, the small Italian state of Wodot, a roundabout in Tokyo and Jim Blum.
Thus, “Schleifen” follows a wave-like motion in which one abstruse idea after another appears, forming a crest of madness for a moment before crashing against the cliffs of reality. But when you consider the totality of these ideas, you find yourself confronted with a tsunami that sweeps you along, overpowers everything, and carries you far beyond the limits of the imaginable.
Ich weiß nicht, wann mich zum letzten Mal ein Buch gleichzeitig so amüsiert und im positiven Sinne gefordert hat: Mit seinen zahlreichen absurden Ideen ist dieses Buch ungemein witzig, gleichzeitig begibt es sich in die durchaus anspruchsvollen Gedanken der Sprachphilosophie. Wer einen konsistenten, stringenten Plot oder plausible Figurenentwicklung, gar psychologische Einsichten erwartet, wird hier eher nicht bedient. Figuren verschieben sich ähnlich wie Bedeutungsstrukturen entlang des titelgebenden Möbius-Bandes. Strukturell erinnert die Sprunghaftigkeit und der Reichtum an anekdotischen Abschweifungen an Lewrence Sterne oder David Foster Wallace, dessen Sinn fürs Absurde hier offensichtlich auch Pate stand. Die Sprache selbst ist hier Thema, der Zusammenhang von Sprache, Wahrnehmung und Bewusstsein, von Bedeutung und Realität, am Ende gar Individualität. Das ist ein wilder Ritt voller philosophischer, aber auch popkultureller Anspielungen, und als man denkt, die Sache ist jetzt langsam ausgereizt, verpasst Hirschl dem Text noch einen metafiktionalen Twist. Mein bisheriges Jahres-Highlight und vielleicht ein neues Lieblingsbuch.
„Schleifen“ ist unbestreitbar eine völlig einzigartige Leseerfahrung gewesen, aber auch eine sehr anstrengende und beanspruchende. Dabei haben sich bei mir Faszination und Genervtheit in so einem schnellen Intervall von Kapitel zu Kapitel abgewechselt. Manchmal sogar schon im Kapitel und/oder von Satz zu Satz. Selbst bei einzelnen Worten oder gelegentlich bei Buchstaben hat sich dieser rasche Stimmungswechsel bemerkbar gemacht. Nur bei den wenigen Leerstellen des Buches hat sich dieses beklemmende Stimmungsgemisch in eine ruhige, ausgleichende und angenehme Stille gelichtet.
Das Wort „Sprachverwirrung“ beschreibt nicht nur den Roman gut, sondern trifft dabei auch ganz gut meinen Zustand beim Lesen. Der Roman oszilliert nicht nur zwischen Genie und Wahnsinn, sondern eben auch einfach zwischen Quatsch und Arbitrarität. Und die Grenzen sind dabei fließend – um nicht zu sagen: schwer messbar. Elias Hirschl navigiert ständig entlang dieses Randes und überschreitet ihn auch recht avantgardistisch-humoristisch immer wieder. So zitiert Hirschl dazu auf S. 264 in einer Fußnote Franz Kafkas bekannten Aphorismus:
„Sarkasmus ist die niedrigste Form des Witzes, aber die höchste Form der Intelligenz.“
Dem ersten Teil stimme ich zu, aber dem zweiten? Einfach nö?! Vor allem, wenn der Witz dann aus einem selbstreferenziellen Schenkelklopfer besteht, weil der gebildete Leser dann versteht: Ah ja, dieser Satz kommt ja gar nicht von Franz Kafka, sondern eigentlich von Ludwig Wittgenstein. Oh man haha. Und das Zitat kommt ja auch gar nicht in „Schleifen“ auf Seite 264 in der Fußnote 72 vor. Wie mega lustig, weil es so intelligent selbstreferenziell ist und ich es verstanden habe… genau auf dieser Humorebene wird hier in diesem Buch oft operiert... n'Brüller.
Und ich finde es persönlich einfach so schade, dass Hirschl immer wieder in die Rolle des Schelms verfällt. So werden die wirklich brillanten Ideen und ernsteren Kapitel durch die vielen albernen und dahin plappernden abgeschwächt. Er benutzt hier zwar eher eine spielerische und polemische Ironie als eine zynisch destruktive. Dennoch war es mir schlichtweg immer wieder zu quatschig und Hirschl hätte sich mehr an DIE Objektivität von Humor halten sollen.
Mehr als nur einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, was wäre, wenn dieser Elias Hirschl seine offensichtliche Intelligenz nicht nur für überdrehte Satire und absurdistische, ins Nichts führende Gedankenspiele einsetzt?! Und dann natürlich die zwingend daraus folgende logische Konsequenz: Was wäre, wenn dieser Danny Hane seine Zeit nicht mit dem Lesen von Lektüre verbringt, die ihn oft nur an der Nase herumführen will und deren Gedankenschleifen ihm nur Kopfschmerzen erzeugen? Wenn man das jetzt weiterdenkt, dann müsste jetzt auch dieser Goodreads-User nicht diese chaotische und halbpsychotische Review lesen, die sich einfach nur der stilistischen Mittel des Romans bedient und genau das macht, was sie eigentlich kritisiert. Und genau das meine ich ja.
Nehmen wir mal beispielsweise das vorletzte Kapitel: „Alle Zungen“. Da passiert ja etwas, das tiefer geht als nur Albernheit oder mentale Ideenspielerei. Da gibt uns Elias Hirschl einen Einblick in sich. Hat zwar 380 Seiten gebraucht, bis er sich das traut, aber hey, Rom wurde laut dem Roman ja auch an nur einem Tag gebaut.
Man muss aber dennoch einfach sagen: Es ist wirklich enorm, was für eine atomare Kettenreaktion an Ideen dieser Roman ist. Die Kernspaltung ist dabei die Idee „Was wäre, wenn Sprache wirklich wirkte?“, und Hirschl erforscht experimentell die Wechselwirkung von Sprache und Wirklichkeit in drei Teilen, die in sich, aber auch gesamtkompositorisch die Möbiusband/schleife durchspielen. Besonders Teil 3 fand ich größtenteils sehr schwach und schlichtweg stilistisch inkonsequent, obwohl er konsequent die Komposition des Romans verfolgt. Mir wäre generell es auch hier lieber gewesen, er hätte sich auf die Narration von Franziska und Otto fokussiert und diese weiter erforscht, anstatt in ständige Form- und Ideenexperimente abzugleiten, und dann ändert sich auf einmal auf dem Nichts die Erzählebene: Und ich sitze auf meiner Couch und schreibe im halbliegenden Zustand, der gar nicht mal so entspannend ist, mit angezogenen Schultern über die Grenzen der Sprache und wie der Beschreibungsrahmen selbst Teil des Beschriebenen ist und ich habe heute auch noch nichts gegessen und wir haben schon fast 16 Uhr. Ich habe ehrlich gesagt auch echt keine Ahnung, was eigentlich auf der Erzählerebene passiert und was ich hier gerade schreibe.
Ach ja, Elias Hirschl „Schleifen“ Review. Nie im Leben würde ich das noch mal lesen wollen. Wobei ich Hirschl sehr dankbar bin, denn durch ihn bin ich auf „Die Kritik der Ordnung“ von Francesco Savogini aufmerksam geworden. Ich habe da gerade ein bisschen reingelesen (bis zur Stelle mit dem Feuer) und bin beeindruckt von der eleganten Reduziertheit der Ideen und Zeitlosigkeit des Textes. Sollte sich Hirschl mal eine Schleife von abschneiden.
Anfangs bin ich restlos begeistert: Was für eine schräge Idee?! So etwas hab ich noch nie gelesen. Die vielen Details! Was da Arbeit, Recherche drinnen stecken muss! Der Sprachwitz! Selten noch musste ich bei einem Roman so oft lauf auflachen. Dazwischen wird es zwar etwas zu absurd und hat seine Längen. Insgesamt bleibt der Eindruck aber sehr positiv und ich vergebe 5 Sterne für die literarische Wucht.
Entgegen meiner Erwartungen (Rezensionen) ist das Buch mEn erstaunlich einfach und schnell zu lesen.
Hat denn bisher niemand die Verbindungen zu Steven Halls Gedankenhaie (Raw Shard Texts) gesehen?
Elias Hirschls Schleifen ist eines dieser Bücher, bei denen man sich ziemlich schnell fragt, ob man selbst das eigentliche Problem ist. Der Roman ist hochintelligent, theoretisch aufgeladen und so ambitioniert, dass man sich beim Lesen fühlt, als würde man geistig barfuß durch ein CERN-Labor laufen – beeindruckend, aber schmerzhaft und maximal überfordernd.
Dabei ist die Grundidee eigentlich großartig: Franziska leidet an einer seltenen Erkrankung, durch die sie jede Krankheit körperlich spürt, sobald sie davon hört oder liest. Sprache wird für sie zur Gefahr. Gemeinsam mit dem Mathematiker Otto versucht sie deshalb, eine perfekte, eindeutige Sprache zu entwickeln – ein faszinierender Ansatz zwischen Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Leider verliert sich der Roman immer wieder in sehr verworrenen Nebenhandlungen, die das ohnehin anspruchsvolle Gedankengebäude zusätzlich vernebeln.
So klug Schleifen auch ist, emotional hat es mich kaum erreicht. Schmerz, Nähe und Verzweiflung bleiben überraschend kühl, fast steril. Am Ende bleibt mein Eindruck eines extrem schlauen Buches, das viel weiß und viel denkt – und mich dabei konstant ein bisschen dumm fühlen lässt. Bewundernswert, ja. Verstanden? Leider eher nicht.
Für die Eltern der kleinen Franziska Denk ist es nicht leicht, ihr Kind zu schützen. Denn hört ihre Kleine irgendein Krankheitssymptom, bekommt sie es sofort. Ein kleiner Trost ist allein, sie stirbt nicht und die Krankheitszeichen vergehen. Doch natürlich will man sein Kind nicht unnötig leiden lassen. Die Eltern sind Intellektuelle des Wiener Kreises in den 1930er Jahren. Später schaffen es die Eltern mit ihr nach Amerika zu emigrieren. Dort lernt Franziska mühsam, dass ihre Symptome weniger werden, wenn sie sie mit toten Sprachen benennt. Dadurch wird ihr Leben zeitweilig normaler und sie kann mit dem jungen Mathematiker Otto Mandl zunächst per Brief in Kontakt treten.
Zwei besondere und ausgesprochen intelligente junge Menschen schaffen es trotz der Umstände eine Art Beziehung zu führen, die für sie intellektuell anregend ist. Aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln versuchen sie, die Welt zu erkennen und zu formen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges gehen sie nach Europa und besonders Franziska baut einen Kreis auf, dem sie ihre Forschungen nahebringen möchte. Das bleibt in der Fachwelt nicht unentdeckt. Franziska, deren gesundheitliche Probleme wieder stärker hervortreten, zieht sich von der Welt zurück. Damit löst sie noch mehr Diskussionen und Rätselraten als als vorher mit ihren Denkschriften allein.
Der Roman „Schleifen“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 und ist auch für den Österreichischen Buchpreis 2026 nominiert. Nach der Lektüre dieses anspruchsvollen Romans wundert man sich darüber nicht. Durch Besprechungen erst vorsichtig und dann doch neugierig geworden, kann man nun sagen, dass das Werk in Teilen doch sehr lesbar ist, weil es dem Autor gelingt, Sympathien für seine handelnden Personen zu wecken. Je weiter diese sich von der Welt entfernen, desto schwieriger wird es zwar. Aber dennoch bleibt viel Respekt vor dem Text, denn man bekommt den Eindruck, dass zumindest der Autor nicht den Faden verloren hat. Dieser Text bleibt sicher in Erinnerung, auch wenn man selbst nicht behaupten würde, dass man den Sinn entschlüsselt hätte. Denkwürdig.
„Schleifen“, der neue Roman von Elias Hirschl, erschienen 2026 im Paul Zsolnay Verlag, ist ein Buch, für das ich ganz sicher nicht die richtigen Worte finden werde – und irgendwie ist das sehr passend. Was für ein Autor! Wie konnte ich ihn bisher komplett übersehen? Ich muss jetzt unbedingt alles von ihm lesen. So viel sei direkt gesagt: „Schleifen“ ist kein Buch, dass man mal eben nebenher liest, hier liegt ein unglaublich intelligenter Roman vor, der mit jeder Seite noch intelligenter wird, ich würde schon sagen, es ist ein Intellektuellen-Roman, zumindest sollte die lesende Person sich darauf einlassen, eine ganz neue Liebe zur Linguistik zu entdecken – aber da Hirschl auch einen wirklich großartigen Humor hat, ist das Buch zu keinem Zeitpunkt anstrengend. Nur ohne Liebe zur Sprache und Bock auf Gedankenakrobatik geht es nicht.
Zum Inhalt – hahaha, nein, es tut mir leid, das ist wirklich nicht möglich, den Inhalt auch nur im Ansatz wiederzugeben, zu genial ist die Welt, die sich Elias Hirschl hier ausgedacht hat. Formal besteht das Buch aus drei Teilen, Schleifen (um die geht es viel), Wodot (oh ja, darum geht es auch viel) und Jim Blum (um diese Person geht es quasi unendlich viel). Innerhalb dieser Teile erleben wir wohl alle möglichen Textformen wie beispielsweise Brief, Essay, Vortrag, Reportage, Fußnoten, Roman – ja richtig gehört, natürlich schreibt Hirschl auch einen Roman im Roman, wie er auch eine kafkaeske Geschichte über Kafka schreibt, mit der er Kafka natürlich dekonstruiert, um ihn zeitgleich neu zu erschaffen, ach, ihr merkt schon.
Es geht um Sprache. Es geht um Mathematik. Es geht um die Frage, ob Sprache eigentlich mathematisch ist. Oder unendlich? Ist die Unendlichkeit endlich? Wenn wir sie doch nur mit Worten beschreiben können? Und was hat das alles mit einem Hamster zu tun?
Eigentlich geht es um Franziska Denk. Sie bekommt alle Krankheiten, mit denen sie sprachlich konfrontiert wird. Natürlich nicht wirklich, symptomatisch aber schon. Es geht um die Macht von Sprache und wie sie uns ermächtigt. Oder wie wir Macht über die Sprache erlangen können. Es geht um die Frage, wie sehr Sprache unsere Welt konturiert und gestaltet, während wir noch denken, dass sie nur das Abbild der Welt wäre. Es geht um Plansprachen, so ein spannendes Thema! Und ihre Unmöglichkeit. Es geht auch um die vielen großen Denker wie Gödel oder Wittgenstein, es geht um den Salon, es geht um Frauen in der Wissenschaft, es geht um Liebe und um Wahnsinn, immer wieder geht es um Babel, es geht irgendwie auch um die große Sehnsucht, mit der Sprache ein gemeinsames Wir zu formen auf der Welt, es geht um Identität. Es geht vielleicht ganz einfach um den Irrsinn, diese Welt begreifen und beschreiben zu wollen, auch wenn die Welt viel größer ist als der Mensch, weshalb der Versuch nur scheitern kann.
Das alles geschieht natürlich eingebettet in das Leben von Franziska Denk, die in Otto Mandl, dem Mathematiker, ihr scheinbares Gegenstück findet und eine Art Sekte gründet, die wie alle Sekten nichts Geringeres anstrebt als die Weltherrschaft – durch Sprache. Und es liest sich so unglaublich herrlich! Hirschl muss einen enormen Rechercheaufwand betrieben haben – oder er ist einfach einer dieser Menschen, die unfassbar viel wissen. Gekonnt mixt er durchweg historische mit fiktiven Persönlichkeiten und letztere stattet er so plausibel mit Vita aus, dass es kaum möglich ist, Fakten und Fiktion zu trennen. Dabei zieht auch sein Schreiben immer wildere Schleifen, die man einfach nicht mehr verlassen kann und selten habe ich bei einem Roman voller Wissenschaft so oft laut aufgelacht. Am Ende des Romans war ich mir nicht mehr sicher, ob ich jemals wieder einen Satz gerade rausbringen kann – aber sind wir nicht alle ein bisschen Jim Blum?
Ich gebe es jetzt auf, dieses Buch, das ein ganzer Kosmos ist, beschreiben zu wollen. IHR MÜSST DAS LESEN. An diesem Buch führt kein Weg vorbei. Möge es Preise regnen für Elias Hirschl.
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und den Paul Zsolnay Verlag für das Rezensionsexemplar!
Mein erster Satz über diesen Roman muss einfach der Folgende sein: "Schleifen" ist das abgedrehteste Buch, das ich je gelesen habe!
In der ersten Hälfte des Buches war ich wie gelähmt von dieser Genialität und der Ideenvielfalt, die in diesem Roman steckt. Ich habe mich wirklich gefragt, warum dieses Buch nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Doch leider hat mir die zweite Hälfte des Buches die Antwort darauf gegeben.
Im Mittelpunkt dieses komplexen Romans stehen die Leben Franziska Denks und Otto Mandls. Franziska leidet bereits seit ihrer Geburt an einer eigenartigen Krankheit: Jede Krankheit und jedes Symptom, von dem sie hört, kriegt sie. Sei es Schnupfen, die Pest oder Lepra. Natürlich ohne die Tödlichkeit. Als junge Erwachsene lernt sie den Mathematiker Otto Mandl kennen und zusammen entdecken sie eine Obsession, die sie bis an ihr Lebensende in den Wahnsinn treiben wird: Sie wollen die perfekte Plansprache kreieren. Und schon bald überschlägt ein Ereignis das nächste und man weiß nicht mehr, wo oben und wo unten ist.
"Schleifen" ist wohl einer der durchdachtesten Romane, die in den letzten Jahren im deutschen Buchmarkt erschienen sind. Elias Hirschl spielt (bis ins Extremste) und philosophiert über die Macht und Struktur der Sprache. Er baut sie gänzlich auseinander, erfindet sie neu und entwickelt ein vierdimensionales, unvorstellbares Bild der Sprache als Kommunikationsmittel. Wirklich genial.
Doch leider verliert der Roman ab der Hälfte an Glaubwürdigkeit, Sinn und Tiefe. Die herausragenden Ideen, die zu Beginn quasi aus allen Seiten heraussprudeln, werden ab dort nur noch zu leeren Gedanken ohne Halt an der Handlung. Teilweise finden sich etliche Kapitel ohne Sinn und Zweck, die zwar irgendwie zum Gesamtkonzept passen, das Lesen jedoch irrelevant machen.
Trotz der Kritik ist dieser Roman eine erfrischende und unterhaltsame Abwechslung zwischen den sonst so ernsten Büchern unserer Zeit. Elias Hirschl legt spielerisch dar, wie Sprache unsere Welten schafft und begrenzt, während er versucht, genau diese Grenzen zu sprengen.
Ein durchdachtes Gedankenkonstrukt, das ich allen Sprachliebhabern empfehlen kann!
SCHLEIFEN hat mich sofort angesprochen, weil im Klappentext von Sprache und Krankheit die Rede ist und ich die Leseprobe durch die humorvolle Art mochte. Leider hat sich das nach und nach von positiv in neutral und dann in negativ gewandelt, es fühlte sich zäh und langatmig an. Die interessanten Teilabschnitte waren zu kurz, der Rest zu lang und absurd für meine Verhältnisse. Schleifen hat sich für mich gleichzeitig zu ernst und nicht ernst genug genommen lol. Teilweise hat mich die Erfahrung beim Lesen daran erinnert, als ich Julia Friese's Delulu, Italo Calvino's If on a Winter's Night a Traveler, Barbi Markovic's Minihorror und Elina Penner's Die Unbußfertigen gelesen habe. Für mich zu viel Rückkopplung, Über-Erzählung, Satire, die für mich nicht zündet. Die vielen Anagramme haben mich schnell gestört, weil es zu spät behandelt wurde und ich da schon die Nase voll von diesem Stilmittel hatte. Es hätte gerne 100 Seiten kürzer, weniger konstruiert und bunt sein können, damit es halbwegs Spaß und Sinn macht. Auf der Rückseite wird Schleifen ein Ideenroman genannt und da würde ich sogar mitgehen: es ist ein Ideenroman, aber kein Umsetzung-Roman oder Antworten-Roman. Vieles wird aufgemacht, aber für mich nicht zufrieden erzählt.
tw/cw: alles mögliche - Tod, Mord, Massenhysterie, Krankheiten aller Art, Verbrennung, Bücherverbrennung, Essen von Papier/Büchern, Verschwörungstheorien, Suizidbomber, Koma, Krankenhaus, Medical Malpractice, Wahn/Halluzinationen, Massaker etc.
Man muss auf jeden Fall Spaß an akademischen Fehden haben und sich für Literatur, Sprache oder Mathe interessieren, davon sind das ein und andere meine täglichen Brote. Dementsprechend fand ich es absurd, verschwörerisch, bombastisch amüsant und genial sondergleichen. Große Empfehlung 💋
Der Roman schwankt zwischen absurder Genialität und groteskem Wahnsinn und bordet über an unglaublich kreativen Themen, Sprachspielen und Reflexionen darüber, wie sich Sprache derart verdichten lässt, dass sich alles in und mit einem einzigen Wort ausdrücken lässt, wodurch sich die Komplexität dieser Universalsprache ins Unermeßliche steigert - und sich letztendlich im Nichts verliert. Das ist jedoch nur eine Handlungsebene von mehreren. Der Autor ist ob seines Einfallsreichtums zu bewundern, obgleich ich vermutlich nicht alle skurrilen Einfälle verstanden habe. Das Seltsame ist, dass das Lesevergnügen dadurch keinesfalls geschmälert wird. Allein die Entlarvung des Kafka'schen Prozess-Romans als Selbstplagiat ist herrlich verschroben und absolut lesenswert.
Nach ein paar Kapiteln wusste ich: Dieses Buch zu reviewen wird eine Herausforderung. Und jetzt sitze ich hier und es ist genau so gekommen und ich versuche, mein Gedankenwirrwarr zu ordnen. Fest steht: „Schleifen“ ist absolut nicht für jeden was. Aber wer mutig ist, sich auf unkonventionelle Erzählweisen und irrwitzige, fast schon philosophische Gedankenexperimente einlassen kann, und ein gehöriges Interesse für Sprachwissenschaften mitbringt, bitte lest es! Ihr werdet es nicht bereuen. Mein größter Kritikpunkt vorweg: Der Aufhänger mit den Krankheiten vom bloßen Hören wird nach ein paar Seiten essenziell irrelevant. Schade, da ich dieses Konzept total faszinierend fand. Aber keine Sorge, mit originellen Ideen bleibt man nicht auf der Strecke. Der erste Teil spielt viel mit Sprache und ihren Möglichkeiten und Grenzen und ist dabei unerwartet humorvoll. Ich sag nur Tofuverkäufer, der Hamster und Estland. Für mich als Sprachnerd ein Genuss und mein Highlight des Romans. Im ersten Teil könnte noch der Eindruck erweckt werden, dass man es hier mit einer willkürlichen Aneinanderreihung von Kapiteln zu tun hat, aber ich finde, ab der zweiten Hälfte kommt mehr Plot im klassischeren Sinne rein. Allerdings wird man ab da auch ins komplette Chaos gestürzt. Man könnte sagen, das nobverbalistische Manifest nimmt Form an… oder wohl eher: verliert jegliche Form ;) Mein kleines Hirn hat bei diesen gefühlt 45 Meta-Ebenen ein neues Bewusstseinslevel freigeschaltet, glaube ich. Es ist für mich völlig unfassbar, dass sich ein einzelner Mensch so eine Geschichte ausdenken kann. Ich sag’s, wie’s ist: Elias Hirschl ist für mich ein Genie. Ich verstehe alle, die „Schleifen“ so gar nichts abgewinnen können, aber für mich war es ein Volltreffer! Das wird nicht mein letzter Roman von Hirschl bleiben.
da bekomme ich doch direkt lust auch salto mortale zu lesen liebe fußnoten, ideen, gymnasiastenhumor, meta shit, kleine rätsel und dark and twisted academia æsthetics
4 Sterne für ein Buch, das ist nicht uneingeschränkt empfehlen kann - warum? Elias Hirschl ist ein Sprachgigant, ein unglaublicher Künstler des Worldbuildings, aber wenn dies nicht wäre, wäre das Buch einfach ...langweilig? Es ist sehr nerdig, was mich nicht stört, aber man muss wissen, dass es definitiv von der Sprache und nicht von der Handlung oder den Figuren lebt. Dieses Genie schafft es, einen dahintröpfelnden Plot derartig sprachlich zu schmücken wie kein anderer. Somit 4 Sterne für seine Genialität - Handlung: meh
Herrlich! Eines der besten deutschsprachigen und zeitgenössischen Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Voller Witz, Intelligenz und Absurdität bringt es genau die Art von Geist mit, die zur momentanen Bewältigung der Realität vonnöten ist.
Schleifen von Elias Hirschl ist ein ganz besonderer Roman. Schlau komponiert reißt der Spannungsfaden der Geschichte kaum ab.
Franziska Denk und Otto Mandl, zwei vermeintlich große Denker*innen (man könnte stellenweise fast meinen, die beiden gab es wirklich), lösen Mathematik und Sprache aus unterschiedlichen Ecken. Und doch geht es in beiden Fällen um Bedeutung und Sprachentwicklung. Das Zusammenspiel von Mathe und Logik gefiel mir sehr.
Entgegen meiner Erwartung spielte Franziskas Krankheit fast keine Rolle mehr. Dafür war die Kritik an Religion ein Leitthema.
Die intellektuellen Passagen über die Lösung mathematischer Probleme oder komplizierte sprachliche Phänomene haben mich teilweise etwas verloren. Die humorvollen Passagen über teils kuriose Sprachentwicklungen verstand man hingegen auch ohne Sprachwissenschaftsstudium und waren zum schmunzeln.
Das Buch hinterlässt mich nachdenklich. Elias Hirschl schaffte wirklich ein schlaues Buch, für alle, die philosophisch und sprachwissenschaftlich nicht alles so ernst nehmen :-)
Ein linguistisch-mathematischer Fiebertraum. Das Streben nach der perfekten Sprache wird zur Ablehnung der Sprache. Kommunikation wird unmöglich, die gemeinsame Grundlage bricht weg. Und wer ist und war überhaupt Franziska Denk? Und wer bin ich, wenn nicht Jim Blum? Und dann ist da noch dieses, also ähm, dieses... sie wissen schon, ähm...
Ein unbeschreibliches Werk, das in seinem Witz und seiner Absurdität so glänzt, dass einen die Gegenwartsbezüge oft erst im Nachhinein einholen. Elias Hirschl schreibt von Sprache, von gemeinsamer Konversationsgrundlage, von Gesellschaften und Individuen, von Sekten, von Terroristen, Mathematikern, Nationalsozialisten, von authentischen Musikern, von Fälschungen, Religion, Kafka, Germanist:innen, Kreisverkehren, Medikamenten, Supercomputern... und verflechtet diese Themen so miteinander, dass sie in Schleifen immer wieder hochkommen.
Ein durch und durch verrückter Spaß von unglaublicher Tiefe und stetem Witz! Auf Empfehlung der Buchhändlerin von gegenüber habe ich "Schleifen" gekauft - und kann es nur und unbedingt und überhaupt und definitiv weiterempfehlen!
Eine Zusammenfassung fällt mir schwer und würde dem Buch nicht gerecht werden. Mal mäandert es ein wenig, mal gibt es kurze Brüche und Einschübe, mal ausführliche Passagen, aber immer ist es komplex, ohne überfordernd zu sein - wenn man sich darauf einlässt, nicht alle Details und Referenzen zu erfassen, vor allem, wenn man die 400 Seiten nicht am Stück und hochkonzentriert liest. Alle Untiefen, Verschachtelungen und - ja - Schleifen wird man nicht auf einmal durchsteigen können, was der Erheiterung und der Erweiterung des eigenen Geistes aber in keiner Weise entgegensteht.
Als Science Fiction könnte man es einordnen, aber nicht auf der klassischen Basis der Astrophysik, sondern aus germanistisch-linguistisch-logischer Sicht, was allein schon ein gewagtes Unterfangen ist. Dazu sind dem Autor eine ausufernde Kreativität und die spürbare Freude an der eigenen Geschichte zu attestieren, die diesen Roman zu einem Ereignis machen. Da hat jemand nicht nur mit Interesse recherchiert und niedergeschrieben, sondern sich einen hochintelligenten Jux erlaubt, um diesen dann in handwerklich exzellenter Vielschichtigkeit zu Papier zu bringen.
All die Struktur, die Figuren, die Bezüge, die Politik, die Geschichte usw. usf., die der Roman beinhaltet, kann man sicherlich ad nauseam analysieren, weil man Etliches finden wird, dass literarischen und literaturtheoretischen Wert hat. Oder man lässt ihn einfach auf sich wirken, denkt mit, lacht mit, schüttelt mal den Kopf oder kratzt sich an selbigem, fragt und wundert sich und, zu guter Letzt, feiert man Elias Hirschl für eine Klasseleistung.
Schleifen ist ein Buch, das man lieben, hassen oder eher nicht verstehen kann. Ich bekenne mich an vielen Stellen zu Letzteren. Es fällt schon schwer zu beschreiben, um was es in diesem Buch eigentlich geht. Es fängt harmlos an, mit Esperanto und einer Frau auf der Suche nach einer besseren Sprache. Es wird auf den Boden gespuckt, mit Ausserirdischen kommuniziert, es geht um Begriffe aus der Mathematik und um hochwirksame Homöopathie. Irgendwann wird Passierschein A38 nötig und Asterix fehlt um zu helfen. Dann fehlen Wörter und es wird noch schwieriger.
Die Phantasie des Autors ist bewundernswert, allerdings geht es mir an vielen Stellen zu weit und es wird zu konfus.
Unfassbar dicht, sprachlich ansprechend, geringfügig unterhaltsam: "Schleifen" von Elias Hirschl ist ein enigmatischer Roman, der gekonnt die Grenzen von Sprache verhandelt, mich aber verloren hat.
Zusammenzufassen, um was es in "Schleifen" geht, ist gar nicht mal so leicht. Und das ist in Anbetracht des Endes des Buches reichlich ironisch. Im Mittelpunkt der Handlung steht Franziska Denk, die als Heranwachsende Opfer einer jeden Krankheit wird, die sie nur zu Ohren bekommt. Hört sie beispielsweise "Lepra", fallen ihr Hautfetzen ab. Sprache bestimmt für sie das Sein. So ist es im Prinzip nur schlüssig, dass sie später Anführerin der sogenannten Nonverbalisten wird, einer Gruppe, die die bestehenden Sprachsysteme abschaffen will und dafür auch vor Gewalt nicht Halt macht.
Grundsätzlich hat der Roman mehrere interessante Handlungselemente, kann sich aber für keines vollständig begeistern und folgt den unterschiedlichen Storyplots leidenschaftslos. Oftmals - so scheint mir - siegt die Pointe über die Erzählung. Dadurch fehlt es dem Buch an Gravitas, obwohl die Handlung insbesondere gegen Ende weltumspannend wird.
Dem Humor wird viel Raum eingeräumt, nur leider funktioniert er für mich quasi überhaupt nicht. "Menschenwürde wird in Wodot großgeschrieben. Wer sie kleinschreibt, wird öffentlich gevierteilt", ist ein gutes Beispiel hierfür. Das ergibt zwar intradiegetisch durchaus Sinn, wirkt aber für mich wie ein Kalauer.
Humor ist aber bekanntlich Geschmackssache. Zudem habe ich einige Themen im Roman mangels Hintergrundwissen schlicht nicht verstanden, was meinen Leseeindruck sicherlich noch einmal zusätzlich verschlechtert hat. Ein:e andere:r findet daher sicherlich Gefallen an diesem ungewöhnlichen, anregenden Buch.