Ein geheimnisvolles Bild, eine nicht gelebte große Liebe: nach »Die Geschichte des Klangs« das neue Buch von Ben Shattuck
Ein neues Glanzstück von Ben Shattuck, dem Meister der filigranen Seelenerkundung: Nantucket im Jahre 1796. Die verwitwete Laurel bekommt überraschend Besuch von ihrer Jugendliebe Will in Begleitung seiner jungen Braut. Sie sind auf dem Weg nach Barbados und bleiben über Nacht. Während alle schlafen, durchsucht Laurels Sohn Wills Sachen und findet alte Liebesbriefe. Am Morgen darauf ist Will ohne Vorwarnung verschwunden, er hat nur ein Bild hinterlassen, das ein Rotkehlchen zeigt, an dessen Bein ein himmelblaues Band gebunden ist. Zweihundert Jahre später taucht das rätselhafte Bild wieder auf. Ein Maler versucht seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
"Die einzigen unvorhergesehene Dinge kommen mit Krieg oder Krankheit. Das ist jedenfalls meine Erfahrung."
Edwin Chase ist der Meinung, dass das Leben im Jahr 1796 schon in ruhigen Bahnen verlaufen wird. Wie soll es auf dem Hof am letzten Ende von Nantucket auch anders sein? Das Mädchen des Leuchtturmwärters wird er heiraten und dann den Hof übernehmen, wenn die Mutter nicht mehr ist. Doch bald wird er eines Besseren belehrt. Denn plötzlich stehen Will und seine auffallend stille Frau vor der Tür. Sie wollen zu Laurel, Edwins Mutter, bevor beide in die Karibik übersiedeln. Edwin bemerkt sofort die Nähe zwischen seiner Mutter und dem Fremden - und misstraut Will. Als dieser schläft, durchsucht Edwin Wills Tasche und findet alte Liebesbriefe der Mutter. Dennoch macht sich Will ohne ein Wort des Abschieds aus dem Staub. Nur ein Bild lässt er da. Dieses Gemälde wird rund 250 Jahre später, in der zweiten Geschichte, eine große Rolle spielen.
Ursprünglich sind die beiden Erzählungen des Beststellerautors Ben Shattuck in einem Sammelband erschienen. Hier, als zwei Teile von "Eine Geschichte der Sehnsucht" zeigt sich aber ihr enger Zusammenhang. Wie schon der Titel zeigt. sind beide Episoden die Seiten einer Medaille. In beiden Texte wird die Suche nach dem, was sein könnte, thematisiert. Allerdings nicht offensichtlich und plakativ, sondern stil zwischen den Zeilen. Das Bild fungiert dabei als Angelpunkt zwischen den beiden Texten. Wie man es von Shattuck kennt, entfaltet sich die eigentliche Bedeutung erst im Nachgang. Wirken die Erzählungen beim Lesen fast willkürlich aus dem Alltag der Protagonisten herausgerissen, so zeigt sich erst beim Nachdenken über den Text, wofür sie eigentlich stehen: Die Frage, nach dem, was hätte sein können. Die Möglichkeit, des Unentschiedens. Die Grenzen der Freiheit des eigenen Handelns. Damit ist "Die Geschichte der Sehnsucht" ein zutiefst berührender Roman, der leise und langsam seine volle Wirkung entfaltet.
Shattuck greift - vor allem in der zweiten Geschichte - auf Bewährtes zurück. Wieder wird ein Haus ausgeräumt und Erinnerungen kommen zu Tage. Das sind aber auch schon alle inhaltlichen Parallelen zu "Die Geschichte des Klanges". Was aber genauso im ersten wie im zweiten Band funktioniert, ist die Sprache. Shattuck versteht es, den Leser in seinen Bann zu ziehen und erst am Ende der Geschichte voller Fragen wieder auszuspucken. Eine absolute Leseempfehlung!
In zwei miteinander verknüpften Erzählungen nimmt uns Ben Shattuck mit auf die Insel Nantucket. Auf zwei Zeitebenen erzählt der Autor von Sehnsucht und unerfüllter Liebe, vom Leben auf der Insel Nantucket, von Liebesbriefen und einem kleinen Gemälde.
Ben Shattuck schreibt auf eine wunderbar unaufgeregte, ruhige Art, die mir schon in “Die Geschichte des Klangs” so gut gefallen hat. Mit wenigen Worten erfasst er Charaktere, Stimmungen und Orte. Und zwischen diesen Worten bleibt genug Raum für die eigene Vorstellungskraft. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass dieses Werk etwas umfangreicher ausgefallen wäre, da ich gern noch etwas Zeit mit den Figuren in diesem Buch verbracht hätte.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das mich in Vorfreude auf weitere Werke des Autors zurücklässt.