Bestsellerautor Pascal Mercier, der Meister des philosophischen Erzählens, über Loslassen, Freiheit, Erinnerung und die Erfahrung von Vergänglichkeit und Zeit
Die Romane »Nachtzug nach Lissabon« und »Das Gewicht der Worte« verführten ein Millionenpublikum dazu, über große Themen wie Identität, Freiheit, Zeit oder den Sinn des Lebens nachzudenken. Nun ist Pascal Mercier in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal die Zeit seines Aufbruchs ins Leben heraufbeschwören? Wann beschädigt Großzügigkeit die Würde eines Künstlers? Gibt es Emotionen, die unser Verstand nicht mehr erreicht? Noch einmal lernen wir mit Pascal Mercier unvergessliche Figuren kennen, die uns mit ihren Gefühlen und Gedanken sehr nahekommen – und dabei unverhofft Einblicke in unser eigenes Selbst eröffnen.
Pascal Mercier is the pseudonym of Peter Bieri, a Swiss writer and philosopher. Bieri studied philosophy, English studies and Indian studies in both London and Heidelberg.
Mercier wurde vor allem bekannt durch Nachtzug nach Lissabon, als literarische Verarbeitung seines Buches über die Freiheit des Willens. Die Bücher bedienen ein gewisses Reflexionslevel, ohne aber die formalästhetischen Grenzen des ungezwungenen Erzählens anzutasten. Ihn zeichnet eine gewisse Unaufgeregtheit aus, die besonders in seinem kleinen posthum-veröffentlichten Erzählband Der Fluss der Zeit zur Geltung kommt:
Ich machte das Fenster auf und sah in die leere Gasse hinunter. Aus der Kneipe gegenüber war Gelächter zu hören. Ich nahm den Schlüssel, den mir Schweikerts gegeben hatten, ging leise hinaus und betrat die Kneipe. Der Raum selbst hatte sich kaum verändert, aber die Tische und Stühle waren neu, und ich war verblüfft, dass ich die Veränderung nach der langen Zeit sofort sah. Ich setzte mich in eine Ecke, bestellte einen Wein und sah den Leuten zu. Zwei alte Männer meinte ich von früher zu erkennen. Ich war damals nicht oft hierhergekommen, Kneipen dieser Art habe ich nie gemocht. Ab und zu streifte mich jemand mit seinem Blick, und einer prostete mir zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier machte. Mehr und mehr kam mir mein ganzes Unternehmen abstrus vor, und ich zahlte bald.
Seine Erzählweise erinnert stark an Christoph Heins Der Tangospieler oder Der fremde Freund. Sie verzichtet auf jede Emphase, auf jedes Ornament. Sie dröppelt und träufelt und schwebt durch ihren selbstgestifteten Raum, aber transportiert dadurch eine träge, sattsam sich ihrer selbstgewisse Melancholie, die aus dem Hier und Jetzt nach Antworten sucht, aber keine findet, weder in sich noch in den Beziehungen zu anderen. Mercier schreibt im Sinne eines Cees Nootebooms, eines Christoph Heins über Einzelgänger, traurige Schattengestalten ihrer Selbst, die ihr Leben verfehlen, sich im Verfehlen aber irgendwie wohlfühlen und bleiben, wohin es sie nun einmal getrieben hat.
Die Frau war aufgestanden und ging, hastig rauchend, im Korridor auf und ab. »Glauben Sie, dass wir, der Junge und ich, uns aus seinem Leben hätten zurückziehen sollen? […] Jemand tritt in das Leben eines anderen und bleibt dann darin. Bleibt einfach. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wissen Sie, was ich meine?« Ja, sagte ich, ich wisse, was sie meine. Ich wagte nicht hinzuzufügen: Ich habe nie jemanden länger als acht Tage in meinem Leben ausgehalten. Die Frau setzte sich wieder aufs Bett und versank in Schweigen. Sie versank so tief, dass ich Angst hatte, sie könnte darin verloren gehen und nie wieder zurückkommen.
Die Figuren von Mercier immunisieren sich durch ihre Einsamkeit. Diese erlaubt Entschleunigung und Entzauberung, aber auch ein gewissen kleinodisches Erzählen, das hier und da eine Authentizität besitzt, die etwas Großväterliches, aber auch Überzeugendes, ja Direktes und Eindringliches erhält. Leider verbleiben die Bücher von Mercier, wie auch dieses, lediglich am Rand eines psychologischen Problems. Sie lassen sich nicht fallen. Sie halten eine Pose aufrecht, und diese Maske bewahrt die Sprache davor, wahrscheinlich das Gesicht zu verlieren.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: angenehme, unanstrengende Lektüre, gemäßigt, gedämpft, lau, und etwas meditativ, hochgradig deeskalierend, jede Intensität vermeidend, aber fließend-flüssig mit der Zeit und der Erzählung rollend. Besitzt überhaupt kein Widerstandspotential. ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, die Erzählungen wirken wie Erinnerungen ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) na ja, geschmeidig geschrieben, aber eher konventionell ●ein zweites Mal lesen? Wahrscheinlich nicht. --> 3 Sterne
Inhalt: ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 5 Erzählungen, die unabhängig voneinander sind.
Die Übergabe: Ein Ehepaar nimmt die Schlüssel eines ältlichen Hausbesitzers, Karl Prager, entgegen, der als Restaurator in diesem Haus gewirkt und sein ganzes Leben verlebt hat. Da seine Tochter kein Interesse an der Weiterführung seines Geschäfts gehabt hat, seine Frau verstorben ist, die Tochter woanders wohnt, verkauft er das Haus und geht von dort aus direkt ins Pflegeheim. Offenkundig fällt ihm der Abschied schwer. Das Ehepaar verfällt in eine gewisse Tristesse, zumal er trotz Verabschiedung immer wieder kommt. Höhepunkt, als Prager seine Pfeife holt, diese aber vor ihren Augen ins Gebüsch wirft, als letztes Zeichen, dass er aufgibt, auch das Rauchen, scheinbar den ganzen Lebenswillen. – Seltsame Sache mit der Weihnachtsdeko, und er behält einen Satz Schlüssel, wie sie feststellen.
Die Wohnung: Ein Ich-Erzähler freundet sich mit einem Pianisten an, Luca Gasparin. Mit seiner Frau haben sie ein Konzert besucht. Wenige Wochen später lernt er ihn auf der Geburtstagsfeier einer Vera kennen. Luca hat sich an der Hand verletzt und wirkt melancholisch. Eine Freundschaft beginnt. Als Luca aus der Wohnung geschmissen werden soll, falls er die Wohnung nicht selbst kauft, kauft das Ehepaar für ihn die Wohnung und überschreibt sie ihn großzügig. Er kann sein Glück nicht fassen, aber eine Distanz stellt sich nun zwischen den Gönnern und ihn ein. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass er die Wohnung wieder zurückgibt und für das Wohnen Miete zahlt, zum Glück hat sich seine Hand erholt und er kann mit Filmmusik wieder Geld verdienen. Dem Pianisten war die innere Freiheit lieber als die äußere, Dankbarkeit für eine Wohnung verspüren zu müssen, die ganze Zeit. Am Ende treffen sie sich zum Schachspielen, wieder auf Augenhöhe, nachdem Luca die Miete gezahlt hat.
Warten auf den Befund: Ein Deutschlehrer hat mit dem Rauchen aufgehört. Kurze Zeit später hat sich ein hartnäckiger Husten eingestellt. Der Arzt führt eine Bronchoskopie durch, um einen Befund zu erstellen, zur Sicherheit. Der Lehrer fürchtet sich sehr, redet mit seiner Ehefrau, von der er getrennt lebt, redet mit seinem Sohn, der in der IT arbeitet, redet mit seiner Tochter, die sich über ihr Leben beklagt, fährt mit seiner Frau nach Paris. Doch stets begleitet ihn die Sorge um den Befund. Immer wieder wird alles durch das über ihn hängende Damoklesschwert gedämpft, bis sich am Ende herausstellt, dass es keine Auffälligkeiten gibt.
Tödlicher Lärm: Ein Nachbar in einem italienischen Ferienort springt vom Balkon in den Freitod, ohne offensichtliche Fremdeinwirkung. Er bezeugt, dass die Ehefrau mit dem Sprung nichts zu tun hat, und erfährt nun von dieser die Leidensgeschichte des schwer am Lärm leidenden Mannes. Sie hat ihn kennengelernt und sich ihm angeschlossen, weil er so groß und stabil erschien, Wilhelm, „ein Koloss“. Sie hat aus der ersten Ehe ein Kind mitgebracht, aber Wilhelm und der Sohn kamen nie miteinander aus. Wilhelm wurde zudem immer geräuschempfindlicher. Der Sohn nutzt diese Schwäche aus, quält den Vater, der sich im Gegenzug über das Stottern lustig macht. Als die Situation im Italienurlaub eskaliert, stürzt sich der Koloss lieber aus dem Fenster als auf den Jungen.
Noch einmal die Mansarde: Ein Linguist besucht seine alte Studentenschaft, soll zu einem Vortrag eines Konkurrenten, der seine Thesen angreift. Statt sich der Debatte zu stellen, vertrödelt er seine Zeit und geht durch die Straßen, hängt seinen Studentenerinnerungen nach, wie ins Kino ging, wo er wohnte, bis er tatsächlich die Vermieter seines alten Studentenzimmers besucht, mit ihnen speist, und kurzerhand auch dort übernachtet. Er merkt aber, dass er die Zeit nicht zurückholen kann, wird nostalgisch, desillusioniert. Eine Entzauberung fand statt. Die Situation lässt ihn nicht los, also schreibt er sie auf.
--> 3 Sterne
Form: ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) Mercier schreibt leichte Prosakost, wenig Konzentrationsaufwendung nötig, sehr eingängige und gefällige Sprache, wenig Bombast, kein Experimentieren, sehr eng gestrickt im Erwartungshorizont. Fiktional durch das Erzählte, nicht das Erzählen. Keine formale Abgrenzung direkt. ●Wortschatz: eher konventionell ●Type-Token-Ratio: 0,17 abwechslungsreich, geschliffen (Musil >0,25 - Genre < 0,1) ●Satzlängen-Verteilung-Median: 11,8 – Median 10 – STAB 7,4 (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter) ●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 85% (Musil/Mann <70% - Genre >80%) ●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 661 Wörter. ●Auffälligkeiten: keine ●Innovation: keine --> 3 Sterne
Der Autor ist eher für etwas umfangreichere Werke bekannt. Leider ist er im Jahr 2023 verstorben. Und nun wurden diese fünf Geschichten aus seinem Nachlass veröffentlicht. Nacheinander kann man an einer Hausübergabe teilnehmen, bei der der ehemalige Inhaber nur schwer loslassen kann, erleben, wie Wohnungslosigkeit droht und was dagegen unternommen wird, man wartet gemeinsam mit dem Protagonisten auf eine Diagnose, man erlebt die möglichen negativen Auswirkungen von Lärm und kehrt nach Jahren nochmal in die Studentenzeit zurück.
Bis auf eine der kleinen Erzählungen kann man sich in die Situationen gut hinein fühlen. Klar ist es schwierig, sein Haus zu verkaufen. Es gilt ein Gleichgewicht zu halten, zwischen der Weitergabe von Informationen und einer leichten Übergriffigkeit. Oder wenn man befürchten muss die Wohnung zu verlieren, wie geht man dann mit unerwarteter Hilfe um. Wann wird es zu viel. Wie beklemmend das Warten auf eine Diagnose sein kann, besonders wenn es nicht so schnell geht, kann sich wohl jeder vorstellen. Etwas schwieriger ist es mit dem Lärm, aber da muss sich jeder seine Gedanken machen. Möglicherweise geht es auch eher um die Reaktion. Das man dann die Gelegenheit wahrnimmt, den Ort des Studium nach Jahren neu zu erkunden, sicher. Ist man vielleicht doch fremd nach all den Jahren.
Diese schönen und auch überraschenden Geschichten erfreuen beim Lesen. Man wüsste gerne, in welchem Lebensalter sie geschrieben wurden, denn es wäre interessant zu wissen, ob er selbst in einem ähnlichen Alter war. Er jedenfalls konnte die Situationen so perfekt beschreiben, dass man beim Lesen denkt, ja, so kann es sein. Dieses kleine Büchlein schließt man mit einem Lächeln, weil man mit dieser tollen Facette des Autors nicht gerechnet hat.
Die fünf Kurzgeschichten haben mir gut gefallen. Die Gefühle und Handlungen der Charaktere kamen mir ehrlich vor und ich konnte gut in Die Szenen eintauchen. Mir gefällt, dass die Geschichten in ihrer Kürze zum Nachdenken über das eigene Leben anregen. Nur eine der Geschichten hat mich nicht angesprochen.
Von den fünf Erzählungen des Werks konnte mich zwei gut unterhalten, während ich die anderen drei ganz solide fand. Insgesamt ist mir bewusst geworden, dass der Autor potenziell jemand sein könnte, dessen Literatur mich begeistern könnte, da mir sowohl sein Schreibstil als auch seine Themenwahl gefallen hat. Allerdings konnte er mich in diesem Sammelband noch nicht gänzlich von sich überzeugen. Es hat mir an einigen Stellen die Tiefe gefehlt, sodass die Erzählungen gehäuft zu Ende waren, bevor ich überhaupt richtig in die Geschichte eindringen konnte. Trotz dessen kann ich mir vorstellen, dass die Erzählungen einige begeistern könnten, weswegen ich dieses Werk grundsätzlich weiterempfehlen würde. (Ich bedanke mich außerdem herzlich bei NetGalley für das Bereitstellen des Rezensionsexemplares!)
"Für einen Moment hellte sich Pragers Gesicht auf. In diesem einen, kurzen Augenblick gelang es ihm, alles loszulassen. Dann war es wieder vorbei."
Dieser Satz aus der ersten von ingesamt fünf Kurzgeschichten in "Der Fluss der Zeit" steht für mich für das gesamte Buch. In allen Geschichten geht es um das Loslassen, das Vergängliche oder das Beenden von etwas. Das passt sehr gut, sind die Geschichten doch dem Nachlass von Pascal Mercier entnommen. Der Leser begegnet darin einem Paar, das ein Haus kauft. Der ehemalige Besitzer ist darin aufgewachsen und kann sich kaum von diesem mit Geschichte(n) vollen Gebäude trennen. Außerdem findet sich eine Erzählung über einen äußerst lärmempfindlichen Mann und eine weitere über den Versuch, alte Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. In einem wieder anderen Text erzählt Mercier von dem Bangen und Hoffen auf eine ärztliche Diagnose. Die Geschichte über eine Wohnung fragt hingegen nach der Verpflichtung, die wir mit Geschenken, die wir annehmen, eingehen.
Wer das Werk Merciers kennt, wird auch hier nicht enttäuscht. Präzise und doch poetisch liest sich jeder Satz. Es fällt leicht, in die Geschichten abzutauchen und das besondere Gänsehautgefühl über so viel sprachliche Schönheit stellt sich wieder ein. Eine seiner Figuren lässt Mercier sich daran erinnern, wie sie als Student Chandler gelesen hat und dabei die Gestaltung der Sätze viel wichtiger nahm als den Inhalt. So etwa geht es mir, wenn ich Texte von Mercier lese. Wie viel vom Autor selbst in dieser Aussage steckt, kann man nur vermuten.
Der Band ist eine echte Empfehlung für Liebhaber ruhiger Erzählungen mit einem besonderen Blick für die Sprache. Es bleibt lediglich zu bedauern, dass der Autor 2023 verstorben ist.
Lass dich wegtragen mit einer Bandbreite an Emotionen in die Bedeutung von Zeit und Loslassen.
Der Fluss der Zeit beinhaltet fünf Kurzgeschichten, in denen die verschiedensten Charaktere auftreten. So begleiteten wir den Hauskauf eines Paares, die Freundschaft zwischen einem Pianisten und einem Paar, das Warten auf einen Krankheitsbefund, das Schicksal eines Selbstmordes und das Wiederentdecken einer alten Wohnung aus Studienzeiten.
Obwohl die Geschichten nicht sehr lang sind, schafft es Mercier dennoch eine emotionale Tiefe aufzubauen und vielschichtige Charaktere darzustellen in Geschichten, die einen berühren und zum Nachdenken anregen. Für mich hat sich jedes Mal eine neue Welt aufgetan, in die ich eingetaucht bin und die Erzählungen waren so intensiv, dass es sich für mich nach weitaus mehr als eine Kurzgeschichte angefühlt hat. Ich hätte noch einiges mehr lesen können, und freue mich nun weitere Werke des Autors zu entdecken.
Eine klare Leseempfehlung!
Vielen Dank an NetGalley & Hanser Verlag an das Rezensionsexemplar!
Mit “Nachtzug nach Lissabon” hat Pascal Mercier wirklich ein Meisterwerk geschaffen, das ich schon mehrmals verschlungen habe. Auch “Das Gewicht der Worte” hat mich durchaus berührt, weshalb ich mich wahnsinnig drauf gefreut hatte, „Der Fluss der Zeit“ zu lesen. Ein kleiner, feiner und schmaler posthum erschienener Erzählband, der fünf bislang unveröffentlichte Texte zwischen zwei Buchdeckel bringt. In diesen kurzen Geschichten hatte ich das Gefühl, die zentralen Themen von Merciers Romane auf engstem Raum zusammengefasst zu lesen. Es geht um Zeit, Erinnerung, Freiheit, Selbstbestimmung und die Zerbrechlichkeiten, die die menschliche Existenz mit sich bringt. Ich würde die Texte auch fast schon als lautes Denken bezeichnen. Man kann Pascal Merciers Gedankenströme direkt mitverfolgen. Die fünf Erzählungen sind in sich abgeschlossen, thematisch jedoch eng miteinander verbunden. Sie konzentrieren sich jeweils auf einzelne Figuren, die sich in Übergangs- oder Krisensituationen befinden. Oft sind es scheinbar unspektakuläre Momente, wie zum Beispiel ein Hauskauf, das Warten auf eine medizinische Diagnose oder eine Reise zu einem einst vertrauten Ort. Gerade in diesen Situationen wird die Erfahrung von Zeit zum zentralen Gegenstand: als Rückblick, als Stillstand, als unaufhaltsames Fortschreiten oder als schmerzhafte Erkenntnis des Vergänglichen. Das ist schon ein sehr intensives Leseereignis, wenn man sich drauf einlassen mag. Ein wiederkehrendes Thema ist die Spannung zwischen Freiheit und Determination. Mercier stellt die Frage, inwieweit Menschen tatsächlich frei handeln (können) oder ob ihre Entscheidungen stets von biografischen Prägungen, äußeren Umständen und inneren psychologischen Zwängen beeinflusst sind. Eindeutige Antworten bekommt man natürlich nicht - wieso auch? Seine Texte geben einem die inneren Monologe seiner Hauptprotagonist:innen, gedankliche Schleifen und präzise Beobachtungen, die man für die eigene Reflexion nutzen kann. Und ohne es bewusst zu forcieren, wird man reflektieren und die eigenen Gefühle und Gedanken beim Lesen mit einfließen lassen. Man kann gefühlt gar nicht anders. Stilistisch ist „Der Fluss der Zeit“ von einer ruhigen, klaren und kontrollierten Sprache geprägt. Man spürt förmlich die Konzentration, die Mercier beim Schreiben aufgebracht hat. Er verbietet sich jede erzählerische Ausschweifung und konzentriert sich auf die Wahrnehmungen. Ganz Philosoph eben. Ich empfand die Kürze der Erzählungen sehr angenehm, denn Mercier gelingt es, auf wenigen Seiten eine große gedankliche Tiefe zu erzeugen und Fragen zu stellen, die über die Lektüre hinaus Gedanken anschubsen. Ein kleines Manko für mich ist, dass die Perspektiven tatsächlich überwiegend männlich geprägt sind und klassischen Erzählmustern folgen. Aber nun gut… Das schmälert nicht die Brillanz der Erzählung. Insgesamt ist „Der Fluss der Zeit“ ein tendenziell nachdenklicher Band, der weniger unterhält als zum Innehalten und Nachdenken anregt. Wer für philosophisch fundierter Literatur empfänglich ist, der wird hier eine große Freude beim Lesen haben. Wer eher in äußeren Handlungen aufgeht und einen Spannungsbogen braucht, um glücklich zu sein, wird hier nicht fündig werden. Dieses Buch ist am besten zu genießen, wenn man Zeit hat und sich ein Glas Wein oder einen Tee bereitstellt und dann eintaucht in die Gedankenwelt von Pascal Mercier.
Pascal Mercier ist mir vor allem vom NACHTZUG NACH LISSABON bekannt. Fünf Erzählungen aus dem Nachlass von ihm sind es, die den FLUSS DER ZEIT thematisieren, ein schmaler Erzählband über das Loslassen oder davon, dass dies nicht jedem gut gelingen mag.
Wie etwa Karl Prager, dessen Familie 99 Jahre in dem Haus gelebt hat, das er nun an ein junges Paar verkauft hat. Die Übergabe berichtet davon. Er hat alles akribisch vorbereitet, ist stolz auf seinen Besitz, seinen ehemaligen Besitz, denn das Notarielle ist schon erledigt. Man spürt seine innere Zerrissenheit, sein ganzes Leben steckt in diesem Haus, seine Vergangenheit, all die schönen Momente und die Erinnerungen daran. Und dann kommt dieser schmerzliche Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt.
Jede Geschichte ist besonders, jede behandelt ein anderes Thema. Und doch geht es um das Leben, zuweilen um das Überleben müssen und darum, ob dies für den Einzelnen möglich ist. Es geht um die Stille, die ein Mann sucht, die er in seinem lauten Umfeld unbedingt braucht, ein anderer wartet auf einen Befund, der ungeahnte Ängste auslöst, der Nächste sieht sich durch einen Schicksalsschlag ohne jegliche Perspektive da stehen und wieder ein anderer kehrt nach vierzig Jahren zu dem Ort seiner Studienzeit zurück, schwelgt in Erinnerungen, verklärt das Vergangene.
Es sind kurze Episoden, die vom Sinn des Lebens berichten. Vom FLUSS DER ZEIT, der sich durch das Leben schlängelt. Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, denen ich begegne, alle kommen sie mir nahe. Es sind meist ältere Menschen, deren Geschichten mich nachhaltig beeindrucken, denen ich ein Weilchen zusehe, wie sie mit den Unzulänglichkeiten des Lebens fertig werden müssen. Oder auch nicht. Mercier, der Philosophie-Professor war, bringt diese Kurzgeschichten auf den Punkt. Jede einzelne dieser fünf Geschichten lässt mich nachdenklich zurück, jede ist in sich stimmig.
Buchmeinung zu Pascal Mercier – »Der Fluss der Zeit«
»Der Fluss der Zeit« ist eine Sammlung von fünf Erzählungen von Pascal Mercier, die 2026 bei Hanser erschienen ist.
Zum Autor: Peter Bieri (geboren 23. Juni 1944 in Bern; gestorben 27. Juni 2023 in Berlin) war ein Schweizer Philosoph mit Beiträgen insbesondere zur Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik. Ab 1995 wurde er unter dem Pseudonym Pascal Mercier vor allem als Autor von fünf literarischen Werken bekannt. Besonders erfolgreich war der Roman Nachtzug nach Lissabon.
Zum Inhalt: Das Buch enthält die Erzählungen - Die Übergabe - Die Wohnung - Warten auf den Befund - Tödlicher Lärm - Noch einmal die Mansarde
Meine Meinung: Mich haben jede der fünf Geschichten beeindruckt und zum Nachdenken gebracht. Meist konnte ich mich in die Figuren hineinversetzen und ihre Situation nachvollziehen. Aus eigener Erfahrung hat mich das Warten auf den Befund besonders mitgenommen. Der Ton der fünf Erzählungen ist eher leicht dunkel und doch entsteht ein positiver Eindruck. Der alte Mann, der sich nur schwer von seinem Geburtshaus trennen kann, hatte etwas anrührendes. Der Zusammenhang zwischen Generösität und Dankbarkeit und die Auswirkungen auf die Beteiligten wird am Beispiel einer geschenkten Wohnung diskutiert. Tödlicher Lärm war die Erzählung, mit der ich wenig anfangen konnte. In der fünften Erzählung erlebt ein Professor, das die Erinnerungen manchmal mehr versprechen als die Realität bieten kann. Jede der Erzählungen bot Ansätze zum eigenen Nachdenken und was kann man mehr von kurzen Erzählungen erwarten.
Fazit: Fünf Erzählungen, die unspektakulär wirken, und mich doch zum Nachdenken gebracht haben. Deshalb bewerte ich den Titel mit vier von fünf Sternen (80 von 100 Punkten) und spreche eine Leseempfehlung aus.
In fünf Kurzgeschichten erzählt der Autor (posthum) über den Wandel des Lebens. Es ist in der Tat alles im Fluss und wir können die Zeit nicht anhalten. Und wir Menschen verändern uns ebenfalls, und das manchmal, ohne es selbst wahrzunehmen.
Die fünf Geschichten erzählen von unterschiedlichen Veränderungen, haben aber doch eines gemein. Das Ende kommt teils abrupt und lässt es zu, dass der Leser seinen eigenen Abschluss findet. Es sind in dem Sinne keine offenen Enden, aber schon welche, die Interpretationsspielraum zulassen. Sie eint ein stiller, aber eindringlicher Humanismus, der sich weniger durch große Gesten als durch die psychologische Genauigkeit ihrer Figuren entfaltet. Jede Erzählung greift in einen anderen Bereich menschlicher Verletzlichkeit.
Pascal Mercier nutzt eine klare, unaufdringliche Sprache, die eine große emotionale Tiefenschärfe erzeugt, und verzichtet konsequent auf Sentimentalität und vertraut darauf, dass die leisen Beobachtungen stärker wirken als jede dramatische Wendung. Der Wandel, die Veränderungen entstehen aus dem psychologischen Druck, den das Alltägliche auf die Menschen ausübt. Hier merkt der Leser den psychologischen Hintergrund des Autors sehr deutlich.
Fazit Die Anthologie thematisiert den Verlust, den der Fluss der Zeit mit sich bringt. Dabei erzählt der Autor ruhig und emotional vom menschlichen Sein, und der Leser sollte offen sein für erzählerische Geschichten, die auf psychologischer Ebene einen selbst berühren.
5 Sterne für die schönen Worte - 4 Sterne weil zu kurz
Pascal Mercier kann es einfach: Mit nur wenigen Worten erschafft er ein Setting, in dem man sich sofort wiederfindet. Kaum angefangen zu lesen, fühlt man sich schon mitten in der Geschichte – ganz nah bei den Figuren, ihren Gedanken, ihren Erinnerungen. Genau das, was man von ihm erwartet, und genau das, was ihn so besonders macht.
In diesen fünf Erzählungen geht es um große Fragen: um das Loslassen, um Freiheit, um Zeit und Vergänglichkeit. Mercier nähert sich diesen Themen leise, nachdenklich und sehr menschlich. Seine Figuren wirken real, verletzlich und vertraut – fast so, als würde man ihnen zufällig über die Schulter schauen.
Was mich allerdings zwiegespalten zurückgelassen hat, ist die Form. Es sind Kurzgeschichten, und vielleicht bin ich einfach nicht der Typ dafür. Kaum ist man richtig drin, kaum hat sich eine Geschichte emotional entfaltet, ist sie auch schon wieder vorbei. Ich hätte mir jedes Mal gewünscht, noch länger bei den Figuren bleiben zu dürfen. Denn die Geschichten hallen nach.
Fazit: Sprachlich und atmosphärisch ist das Buch großartig, typisch Mercier eben. Wer kurze, intensive literarische Momente liebt, wird hier sicher glücklich. Ich persönlich hätte mir weniger Abschiede und mehr Raum gewünscht – denn jede dieser Geschichten hätte für mich auch ein ganzer Roman sein dürfen.
Lieben Dank an den Hanser Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars über Netgalley.
Fünf Kurzgeschichten, die in Kurzgeschichten Manier sehr überzeichnet sind und doch die Gefühle in solchen Situationen darstellen. Ein alter Mann verkauft sein Haus, das er liebt, das für ihn aber doch zu groß, eine Bürde zu sein scheint, doch er kann sie nicht loslassen. - mehr in Pianist ist im Begriff, seine Wohnung zu verlieren, da der Vermieter sie an einer Gesellschaft verkauft, es sich nicht leisten kann, sie zurück zu kaufen. Ein Paar springt ein und möchte sie ihm schenken. Doch wie geht er mit dieser Schenkung? - Winter, der auf eine Diagnose wartet und die Zeit bis dahin als enorm Qual empfindet. Ein Mann, dem der Lern des Alltags zunehmend zusetzt, und der, als er ihn nicht mehr ertragen kann, vom Balkon springt. Und die Geschichte dahinter, die sich in der Beziehung zum Stiefsohn wieder findet. - Ein Mann, der sich an seine Studienzeit zurückerinnert. An das Zimmer, in dem er wohnte, an die Familie, in deren Wohnung dieses Zimmer war, an die Emotionen und an das Gefühl, dass er noch etwas nicht zu Ende gebracht hatte.
In jedem Fall sind Merciers Kurzgeschichten Meisterwerke für sich. Er transportiert, alltägliche, aber auch große Emotionen und es fällt nicht schwer, sich in diese Emotionen hineinzuversetzen, weil er sie so meisterhaft und klar ausformuliert . Eine schöne, kurze Lektüre.
In fünf Kurzgeschichten lädt Mercier dazu ein, über die kleinen, oft übersehenen Dinge des Lebens nachzudenken. Was ist uns wirklich wichtig? Worauf sollten wir achtgeben? Und wem vertrauen wir uns an? Die Geschichten erzählen von einem Hausbesitzer, der nicht loslassen kann, weil seine ganze Seele in den vertrauten vier Wänden verankert ist; von einer Wohnung, die beinahe drei Freunde entzweit hätte; von einem Husten und der quälenden Ungewissheit beim Warten auf Untersuchungsergebnisse; von einem tragischen Familiendrama, ausgelöst durch den allgegenwärtigen Lärm der Welt; und vom Empfinden von Zeit, die alles verändern kann und doch manchmal stillzustehen scheint. Poetisch, literarisch, sprachgewaltig – Pascal Mercier bringt mich bereits nach wenigen Seiten zum Nachdenken. Jede Geschichte benötigt kaum mehr als eine halbe Stunde, um mich mit dem Schicksal der handelnden Figuren zu verbinden. Eine halbe Stunde am Tag. Mehr braucht es nicht, um den eigenen Alltag bewusster wahrzunehmen. Mit den Worten von Christian Morgenstern: „Über jedem guten Buch muss das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell werden.“
Diese 5 Erzählungen aus dem Nachlaß von Pascal Mercier sind wirklich ein Geschenk. Es sind sorgsam erstellte Erzählungen, sehr sensibel gemacht. Es gibt Einblicke in die Gefühlslage von Menschen in besonderen Situatinen, sei es ein alter Mann, der aus seinem Haus ausziehen muss, wo er sein Leben lang gewohnt hat, oder die Sorge eines Mannes, der auf den Befund einer möglicherweise schweren Erkrankungen wartet. Auch die Geschichte um den Pianisten, der von seinen Freunden eine Wohnung geschenkt bekommt, ist sehr fein ausgearbeitet. Es ist ein Glück für ihn, aber jetzt gibt es auch das Problem der Verpflichtung zur Dankbarkeit, die die Beziehung zu den Freunden belastet. Entscheidend ist oft auch die Erzählperspektive, die immer gut und geschickt gewählt ist. Die Erzählungen passen zueinander. Man hat das Gefühl, sie wären aus einem Guß.
geht in diesen fünf Erzählungen um fein gezeichnete Emotionen und Gedanken von Menschen in vermeintlich stressiger Lebenssituation. Die hier vorgestellten Helden sind entweder voller Selbstzweifel, unterziehen sich einer angedeuteten Lebensbilanz voller Rückerinnerungen oder eine vermeintliche Katastrophe entpuppt sich als Wendepunkt. Diese fein gezeichneten Einsichten in diverse menschliche, nicht ganz alltägliche Lebensabschnitte berühren, führen mitunter auch zu Selbstreflektion. In ruhigem, melancholischem Schreibstil erfährt man von der Vergänglichkeit von einst tiefen Empfindungen, von nicht mehr greifbaren wichtigen Zeitspannen mit wohl prägenden Ereignissen und einschneidenden Entscheidungen.
Der Fluß der Zeit von Pascal Mercier gelesen dank Netgalley 5 im Nachlass veröffentlichte Geschichten des Autoren von Nachtzug nach Lissabon. In gewohnt gekonnter Sprache sind hier 5 ganz unterschiedliche Geschichten versammelt, die für mich mehr durch den Urheber als durch ein Thema verbunden sind. Manche wie „Die Übergabe“ klingen nach, andere sind nicht mehr als ein gut geschriebenes Intermezzo. 5 kurze Texte, gut zu lesen, in sich abgeschlossen, nicht zwingend mit einem Spannungsbogen. Aber ein kurzer Lesegenuss für Zwischendurch #KathrinliebtLesen #Bookstagram #Rezension #DerFlussderZeit #PascalMercier #NetGalleyDE!
Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier nimmt die Leser:innen mit auf eine ruhige, nachdenkliche Reise. In kurzen Texten geht es um Zeit, Erinnerungen, das Älterwerden und die kleinen Momente, die unser Leben prägen.
Die Sprache ist klar und ruhig, die Geschichten sind eher Gedanken und Beobachtungen als spannende Handlung. Genau das macht das Buch besonders: Es lädt dazu ein, kurz stehen zu bleiben und über das eigene Leben nachzudenken. Es ist ein leises, tiefgründiges Buch für alle, die ruhige und philosophische Geschichten mögen. Ideal zum langsamen Lesen und Nachwirkenlassen.
Es hat einen besonderen Reiz, "neues" Werk von bereits verstorbenen Autoren lesen zu können. "Nachtzug nach Lissabon" ist eins meiner absoluten Lieblingsbücher und auch Das Gewicht der Worte fand ich sehr schön. Und augenscheinlich konnte Mercier auch Kurzgeschichten. Die fünf Erzählungen in diesem Band sind für mich alle gleich stark - was selten der Fall ist bei einer Geschichtensammlung! Trotzdem habe ich zwei Lieblinge: "Noch einmal die Mansarde", weil es so klar aufzeigt, dass man Erinnerungen am besten Erinnerungen bleiben lässt (oh, was kenne ich diese Enttäuschung, ein heiß geliebter Kinderfilm nochmal zu sehen und zutiefst enttäuscht zu sein!) - und "Die Wohnung", über die Großzügigkeit und die Verpflichtung zu/Erwartung von Dankbarkeit. Großartig! Aber auch "Die Übergabe" war klasse - man spürt die Emotionen aller Beteiligten so sehr und kann sie von beiden Seiten nachempfinden - genau wie die Gefühlsregungen des Erzählers von "Der Befund". "Tödlicher Lärm" ist allein des Titels wegen schon spitze - fast könnte man Zynismus unterstellen, doch Mercier beschreibt tatsächlich die Tragik einer Überempfindlichkeit die man in der einen oder anderen Weise in der heutigen, schnellebigen, lauten und von Bildern überfluteten Welt genauso wiedererkennt.