Ich habe dieses Buch mit dem leisen Gefühl aufgeschlagen, Zeuge einer Welt zu werden, die mir als Mann nicht unmittelbar gehört – einer Innenwelt, die sich zwischen Verletzlichkeit, Verlust und Selbstermächtigung entfaltet. Und doch fand ich mich beim Lesen in einer Resonanz wieder, die jenseits von Geschlecht oder Rolle liegt – in der rohen, ehrlichen Menschlichkeit, die Jasmin Schreiber mit einer fast schmerzhaften Zärtlichkeit beschreibt.
Schreiber gelingt es, Trauer nicht als dramatischen Ausnahmezustand zu inszenieren, sondern als langsames, oft widersprüchliches Zurechtrücken der eigenen Existenz. Ihre Sprache tastet sich voran, scheut nicht vor Brüchen, vor Ungenauigkeiten, vor Schweigen zurück – und gerade dadurch wirkt jeder Satz wie ein Atemzug. Ich las, wie man zuhört, wenn jemand endlich den Mut findet, von etwas zu erzählen, das kaum aussprechbar ist.
Als Mann empfinde ich dabei gleich zwei Dinge: das Bedürfnis, zu verstehen, und gleichzeitig das Bewusstsein, dass mein Zugang immer partiell bleiben wird. Schreibers Figuren bewegen sich in Räumen, in denen weibliche Erfahrung nicht erklärt, sondern gelebt wird. Dieses Erzählen verweigert sich einer einfachen, bequemen Identifikation – und lehrt gerade dadurch Empathie, nicht das Einfühlen im Sinne der Besitznahme, sondern das respektvolle Danebensein.
Besonders spannend, ja richtig und irgendwie sogar fast versöhnlich „schön“ finde ich, dass man Frank keine Stimme verleiht. Dieses Schweigen ist kein Versäumnis, sondern eine Entscheidung – eine literarische wie ethische Aussage. In einer Welt, in der männliche Stimmen ohnehin so selbstverständlich Raum beanspruchen, wirkt das Verstummen des Mannes hier wie eine behutsame Umkehrung: Die Leerstelle spricht lauter, als es jede Erklärung je könnte.
Es gibt Stellen, an denen das Buch mich an mein eigenes Schweigen erinnert hat – an die Momente, in denen Männer lieber erklären als zuhören. Die Protagonistin zwingt einen, still zu werden, und das ist vielleicht die größte menschliche Qualität dieser Geschichte: Sie öffnet einen Raum, in dem Schmerz, Liebe und Versöhnung nebeneinander stehen dürfen, ohne dass jemand das letzte Wort haben muss.
Am Ende bleibe ich jetzt hier still sitzen, lange nachdem die letzte Seite gelesen war. Nicht, weil das Buch mir Antworten gegeben hätte, sondern weil es mich daran erinnert hat, dass Verstehen nicht immer bedeutet, etwas zu begreifen – manchmal genügt es, da zu sein, wo man den anderen sehen kann.