Herbert W. Franke: Rettet uns! Veith Kanoder-Brunnel: Waldgeister Heidrun Jänchen: Die Jahrgangsbeste Christian Endres: Die neue Gedankenschwere von Mäusen in der Schwerelosigkeit Gabriele Behrend: Die singenden Gärten von Floralys Gard Spirlin: Octopodia Ralph Alexander Neumüller: Am Brunnenboden Regina Schleheck: Wurzelgemüse Karin Reddemann: Der hohlköpfige Held Monika Niehaus: Reine Logik Marianne Labisch: Alarm Andreas Flögel: Intelligenz wird überbewertet Susann Obando-Amendt: Die Flüsterhexe von Joschija Wolf Welling: Das Messias-Training Ansgar Sadeghi: Die Intelligenz der Mudru Friedhelm Schneidewind: Klänge weben Achim Stößer: Zwischenstille im Kopf Corinna Griesbach: Brenda Jörg Weigand: Ferne Verwandte Johann Seidl: Synapsen aus Licht Jacqueline Montemurri: Myzelium Detlef Klewer: Hundehirn Maximilian Wust: Metanoq Christian Künne: Die Traurigkeit der Sonnen Christian J. Meier: Silbernetz Arno Endler: Ein Kammerspiel zweier Ungleicher Heidrun Jänchen: Kinder des Waldes Thorsten Küper: Abmaba can fix it Die Gaststory: Nina Munteanu: Der Weg des Wassers
NOVAsekundär
Dominik Irtenkauf: Die Intelligenz der Honigbienen. Dominik Irtenkauf: Intelligente Bewegungsformen Dominik Irtenkauf: Philosophie & Science-Fiction: Eine zu entdeckende intelligente Beziehung. Dominik Irtenkauf: Sammelinterview zu anderen Intelligenzen Thomas Ballhausen: Fantastisches Erzählen im Zeichen »Künstlerischer Intelligenz«. Eine Wiederbegegnung mit Moebius Zura Jishkariani: Abkömmlinge der Sonne. Die Hypothese des toten Universums
Mit Illustrationen von Gabriele Behrend, Uli Bendick, Mario Franke, Frank G. Gerigk, Stefan Junghanns, Veith Kanoder-Brunnel, Detlef Klewer, Andreas Schwietzke, Achim Stößer und Maximilian Wust.
Wow, diese NOVA Ausgabe hat es in sich: Mit über 440 Seiten ist sie fast dreimal so umfangreich wie die vorhergehende Nummer 36. Die Themenausgabe »Intelligenz« – und nicht etwa »Künstliche Intelligenz« – enthält 29 Kurzgeschichten, darunter sind 27 Erstveröffentlichungen. Hinzu kommen verschiedene weitere Texte in der über sechzig Seiten umfassenden Rubrik »NOVAsekundär«. Es ist ganz schön viel Text in dieser Ausgabe und es dauert, bis man durch ist. Dafür sieht das gedruckte Buch mit den vielen farbigen Illustrationen, von denen mir die meisten gut gefallen haben, wirklich gut aus. Mit dieser NOVA zusammen mit der »Andymonaden« Anthologie aus dem Memoranda Verlag bekommt man einen sehr guten Überblick über die aktuell Aktiven in der deutschsprachigen SF–Kurzgeschichtenszene. Bei aller Begeisterung über die umfangreiche Ausgabe möchte ich aber nicht verschweigen, dass ich mir eine strengere Kurzgeschichten Auswahl gewünscht hätte.
Es beginnt mit einem Klassiker: »Rettet uns!« ist eine schöne Geschichte von Herbert W. Franke, einem Großmeister der SF–Kurzgeschichten. Knapp und treffend wird eine überraschend aktuelle Geschichte aus einer zerstörten Welt erzählt. Leider verrät die einleitende Grafik die Pointe. Ralph Alexander Neumüllers »Am Brunnenboden« war für mich die erste richtig originelle Geschichte in dieser NOVA. Es geht um einen »Regenmacher« auf einer Erde der nahen Zukunft. Es wird vieles nur angedeutet: die zerstörte Welt, der Konflikt um die letzten Ressourcen, die Außerirdischen, die gekommen und wieder gegangen sind und dabei die Menschen quasi eingesperrt haben. Und es geht um die Menschen, die immer noch nichts kapiert haben. Auch »Metanoq« von Maximilian Wust fand ich sehr gut. Darin steuert Jonas ein großes Prospektions– und Minenschiff. Eigentlich verschmilzt er mit diesem Schiff und fühlt sich dann wie ein Gott. Er entdeckt einen sehr großen, aber auch sehr seltsamen Gasplaneten, der für ihn und den Rest der Besatzung eine sehr gewinnbringende Entdeckung sein könnte, aber erst einmal zur lebensgefährlichen Falle wird. Die Schilderung dieser Falle und der Kampf ums Überleben bilden den Rest der längeren Geschichte. Dabei werden beeindruckend viele Details aufgeführt, die Zusammensetzung der Mannschaft ist vielfältig und das Problem, vor dem diese Mannschaft steht, ist interessant. Dazu kommen etliche technische Einzelheiten, die ich bei weitem nicht alle verstanden habe. Auch hier hatte ich das Gefühl, etwas Neues zu lesen, eine meiner wichtigsten Motivationen für die Lektüre von SF–Kurzgeschichten. Im Hintergrund gibt es noch deutlich mehr Weltenbau, der hin und wieder durchschimmert. Insgesamt fand ich die Geschichte aber auch anstrengend. Sie sollte Bestandteil eines Romans werden, in dem mehr aus den Versatzstücken gemacht werden kann.
Drei meiner Highlights dieser Ausgabe kommen erst am Schluss der Rubrik »NOVA Storys«. Es beginnt mit Arno Endlers »Ein Kammerspiel zweier Ungleicher«. Eine junge Frau besucht hier eine seltsame Person, die abgeschieden auf einem Planeten lebt und keinen Besuch empfangen will. Damit beginnt das »Kammerspiel zweier Ungleicher« und in einem Gespräch der beiden wird eine spannende Geschichte um eine der Grundfragen menschlicher Existenz erzählt. Wer oder was die Person ist und was ihre Aufgabe zusammen mit einigen anderen letztlich war, möchte ich hier nicht verraten. Die Lösung der wichtigen Frage ist nicht ganz überraschend und bei der Fragestellung wäre ich auch darauf gekommen – aber ich fand es sehr gut erzählt. Das zweite meiner Abschluss–Highlight war Heidrun Jänchens »Kinder des Waldes«, eine Geschichte, die sich etwas hinzieht, mir aber trotzdem sehr gefallen hat. Sie schildert die Versuche einer Expedition, das Ökosystem auf einem fremden Planeten zu verstehen. Dort leben humanoide Wesen offenbar im Einklang mit der Natur und insbesondere mit den Bäumen. Doch vieles ist seltsam und es kommt zur Katastrophe, als die Wissenschaftler einem Irrtum unterliegen und einen Fehler begehen. Diese Katastrophe wird untersucht und die zugehörigen Daten werden ausgewertet. Was mir gefehlt hat, ist eine bessere Charakterisierung der Figuren. Es gibt viel Dialog und viele Diskussionen, es wäre Platz gewesen für echte Figuren. Am Ende gibt es sogar eine Lösung für das seltsame Verhalten der Lebewesen, die zeigt, wie unterschiedlich Leben und Intelligenz sein kann und das ist schließlich das Thema dieser NOVA–Ausgabe. Eine weitere sehr gute Geschichte kommt ganz am Schluss. Thorsten Küpers »Abmaba can fix it« beginnt mit dem Ende: Der Protagonist Daecon ist gescheitert und erwartet seinen Tod. Thorsten Küper schafft es sehr schnell, eine überzeugende Welt zu zeichnen, eine Near–Future Erde, auf der es einen Kampf um die letzten Rohstoffe gibt, wie z.B. um Kupfer. Auch in den Körpern der Menschen. Daecon, mit Naniten im Körper, hatte einen Auftrag, der ihn auf eine Müllhalde in Ghana führte. Dort leben Menschen im Müll und aus all den kaputten Handys, Konsolen, Laptops und anderem Elektroschrott hat sich etwas entwickelt und dieses »Abmaba« entpuppt sich als eine Bedrohung für die Weltwirtschaft und ist gleichzeitig eine Hoffnung für viele Menschen. Gut geschrieben mit beeindruckenden Einzelschicksalen, aktuellen politischen Bezügen und mit einem Schuss Hoffnung.
Ein paar Bemerkungen zu einigen anderen Geschichten: »Die neue Gedankenschwere von Mäusen in der Schwerelosigkeit« von Christian Endres ist eine amüsante Geschichte über »Mäuse im Weltraum«, die auf einer Raumstation aus ihrem Käfig ausbrechen und Abenteuer erleben. (Wir wissen ja seit dem »Hitchhiker«, dass die Mäuse die intelligenteste Spezies auf der Erde sind.) In Gabriele Behrends »Die singenden Gärten von Floralys« löst eine Wissenschaftlerin die Kommunikationsprobleme zwischen den Siedlern auf einem Planeten und den die Welt umspannenden Wäldern. Das wirkt auf mich manchmal, als sei ein Roman geplant gewesen, denn es wird zu viel zu schnell erzählt. Das soll heißen, dass die Probleme alle ziemlich schnell gelöst werden: Die Kontaktaufnahme mit den Bäumen, der Widerstand unter den Siedlern, die Lösung. Besser wäre vielleicht gewesen, entweder eine Kurzgeschichte zu schreiben, die sich auf einen Teil der Handlung konzentriert, oder einen längeren Text, der die Probleme auch wie Probleme behandelt und nicht sofort und etwas naiv weg erklärt. Die Geschichte ist natürlich trotzdem sehr unterhaltsam. Gard Spirlin beginnt sein »Octopodia« mit dem Durchbrechen der vierten Wand. Der Autor erklärt uns, was er machen möchte und wie er sich die Arbeit vereinfacht hat. Letztlich erzählt er uns eine Geschichte unter Oktopoden, deren Weltbild sich durch einen Sensationsfund verändert. Die Oktopoden sind stark vermenschlicht (wie der Autor anfangs schon angekündigt hat) und leider wird die Pointe durch die Grafik verraten. Marianne Labischs »Alarm« besteht aus einer Diskussion unter anderen Intelligenzen unseres Planeten darüber, wie man verhindern kann, dass die Menschen die Erde unbewohnbar machen. Eine nette Idee zu einem wichtigen Thema, die mir aber nicht neu vorkommt. Der Ich–Erzähler und seine Mutter leiden in Wolf Wellings »Das Messias–Training« unter dem herrischen Vater, der streng religiös ist und eine kleine Gruppe von Gläubigen um sich geschart hat. Der Vater will den Sohn zu einem neuen Messias machen und behandelt ihn mit irgendetwas, das seine Intelligenz steigern soll. Das geht ziemlich schief. Gute Beschreibung der bedrückenden Atmosphäre und der Unterdrückung durch den Vater. »Klänge weben« von Friedhelm Schneidewind wird in Form einer gerichtlichen Auseinandersetzung erzählt. Es geht darum, ob die Bewohner eines fremden Planeten als intelligent anzusehen sind und daher geschützt werden müssen. Die Einheimischen beweisen ihre Intelligenz dadurch, dass sie singen können. Sie verständigen sich durch Musik und nehmen so auch mit Menschen Kontakt auf. Das war gut gemacht und hat mir gefallen. In Jacqueline Montemurris »Myzelium« führt Jonas Untersuchungen in der Eifel durch, die helfen sollen, über einen Staudamm dort zu entscheiden. Dann scheint ein Pilz mit ihm Kontakt aufzunehmen. Es bleibt unklar, ob er nur kommuniziert oder vor allem manipuliert. Gut geschrieben. Christian Künnes »Die Traurigkeit der Sonnen« beginnt rätselhaft und lässt mich am Ende auch verwirrt zurück. Ein Wissenschaftler arbeitet in einer weit entfernten Station und hat seine Kündigung vorbereitet – auf Papier, das hier noch verwendet wird. Man schickt Drohnen aus, die in die Ferne »springen« und eine kommt ohne Daten zurück. Es gibt weitere rätselhafte Ergebnisse und am Ende gelangt der Protagonist anscheinend bis ans Ende des bekannten Universums. Jedes der sechs kleinen Kapitel der Geschichte beginnt mit zwei rätselhaften Zeilen und auch das Ende ist stimmungsvoll aber ohne eindeutige Erklärung. In »Silbernetz« von Christian J. Meier werden immer mehr elektronische Geräte von einem Biotech–Pilz befallen, der sich von Information ernährt, wofür es eine eine pseudo– wissenschaftliche Erklärung gibt. Adrian gelingt eine Kontaktaufnahme. Die Geschichte hat ihre originellen Momente, z.B bei der Kontaktaufnahme.
Zum Abschluss habe ich natürlich auch den »NOVAsekundär« Teil gelesen. Am interessantesten fand ich darin die Interviews mit dem Bienenforscher Tautz und dem Philosophen Reusch. Mit den Überlegungen zu »Intelligenten[n] Bewegungsformen« konnte ich gar nichts anfangen und die »Hypothese des toten Universums« war auch nichts für mich. Mich nerven halt sich wissenschaftlich gebende Spekulationen, wenn sie ohne Belege verbreitet werden. Insgesamt eine sehr schöne Ausgabe.