Eine feinfühlige Erkundung der wohl prägendsten Beziehung unseres Lebens, der zu unseren Müttern. Ein bewegend aufrichtiger Roman.
«Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen, sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns», schreibt Lena Gorelik.
Alle meine Mütter erzählt von einer besonderen, oft lebenslang komplexen Beziehung und auch davon, welche Mütter wir selbst zu sein versuchen. Wie wir manchmal scheitern, zweifeln, stolpern. Welche Ängste uns begleiten. Was uns bindet und prägt, was uns abhält. Was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können.
Tiefste Liebe, Zweifel, ganz verschiedene Formen von Glück – in der ersten Bindung unseres Lebens tritt der ganze Kosmos menschlicher Beziehungen zutage. Dieses Buch geht alle an.
Lena Goreliks Roman „Alle meine Mütter“ ist kein klassischer Roman mit durchgehender Handlung, sondern ein Text, der in Gedanken, Beobachtungen, kleinen fiktionalen Geschichten und Erinnerungen organisiert ist. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Schicksale von Müttern und wie sich dies auch auf Kinder auswirkt. Durch das Collagenartige des Texts wird man dazu angeregt, mitzudenken und sich selbst zu reflektieren.
Besonders gefallen hat mir Goreliks Bemühen, um möglichst vielfältige Perspektiven. Insbesondere die Stellen, an denen Mutterschaft nicht idealisiert wird, fand ich gelungen - wobei Goreliks Betrachtungen über die eigene Mutter diese schon auch als Übermutter, die nur für ihre Familie lebt, darstellt. Außerdem strahlt der Text viel Freude am poetischen Formulieren und am Nachdenken aus.
„Alle meine Mütter“ ist insgesamt ein stiller, kluger Roman, der keine fertigen Antworten gibt, aber viele relevante Fragen stellt. Damit ist er fast eher ein Sachbuch oder Essayband, der mich an Daniel Schreibers Bücher erinnert hat. Wer seine Texte mag, wird auch diesen Roman gerne lesen.
Lena Gorelik umkreist in ihrem neuen Buch Mutterschaft. Sie schreibt über ihre eigene Mutter, über ihr Muttersein, über fremde Mütter. Über persönliche und fremde Zuschreibungen an Mütter. Über Mütter, die ihr Kind im Krieg verloren haben. Über Mütter, die von der ableistischen Welt konfrontiert werden. Über Mütter, die keine sein wollten. Über Mütter, die keine werden konnten. Und sie schreibt über die Mütter, über die sie nicht geschrieben hat. Lena Gorelik schreibt behutsam, nachdenklich und aufmerksam.
Irgendwie hatte ich mir, wenn ich ehrlich bin, von diesem Buch mehr erwartet und ich wollte es wirklich unbedingt lieben. Aber die ganze Zeit habe ich beim Lesen darauf gewartet, dass sich all diese einzelnen Puzzlesteine irgendwie zu etwas zusammen fügen, einem Gesamtgebilde. Das ist für mich nicht geschehen. Es ist eine Ansammlung einzelner Puzzlesteine geblieben und ich hatte das Gefühl, dass das Buch eigentlich noch nicht fertig ist. Natürlich könnte man immer weiter Puzzlesteine hinzufügen, aber das wäre nicht, was das Buch fertig machen könnte. Ich hatte das Gefühl, dass es mehr Zeit, mehr Geduld gebraucht hätte, damit es wirklich seine Message entfalten und zeigen kann. Aber vielleicht hat man soviel Zeit gar nicht. Die Message über Mütter, sie ist vielleicht nie fertig, weil sie so gewaltig ist.
3,5 ⭐️. Ein emotionales Buch mit vielen berührenden Momenten und starken Sätzen. Hab aber irgendwie etwas Anderes erwartet. Einige Passagen fand ich sehr berührend, mit anderen widerrum bin ich nicht warm geworden. Trotzdem lesenswert und berührendes Thema.
„Mein Leben lang habe ich Bücher über starke, inspirierende Frauen aufgesogen, aber meine Mutter einfach übersehen. Genau deshalb, weil sie meine Mutter war.“
Das Buch startet nach einer kurzen Einleitung überraschend mit einem Text über Abtreibung in der Sowjetunion. Danach wird aber der Faden vom Anfang aufgenommen und über das Komplexe Verhältnis der Schriftstellerin zu ihrer Mutter gesprochen, - das erweitert sich, kreist um viele andere Mütter, Mutter-Kind-Verhältnisse, seltsam vertraute Szenen, voll Sehnsucht und Zuneigung selbstkritisch und fragend erzählt, von dem Wunsch nach Kindern angefangen bis zum Tod. Dass es einem eng wird in der Kehle.
S.56: „Wie kann eine Lebenslinie zu lang sein? Kann man zu lange leben?“ S.74: „Die Knie meiner Mutter schmerzen, aber sie würde vermutlich sagen: Was schmerzt denn im Alter nicht? Und hinzufügen: Aber es lohnt nicht, über die Schmerzen zu sprechen. Erzähl mir lieber von dir.“ S.166: „Können wir das als Erinnerung aufbewahren? Was ist das eigentlich, woran halten wir uns fest? Tragen wir dieselbe Angst mit uns, meine Kinder und ich, dass unsere gemeinsame Zeit sonst spurlos vergeht? Dass wir uns verlieren?“ S.168: „Mütter sagen manchmal Sätze, in denen Zweifel, Müdigkeit, Ungenügen stecken.“ S.198: „Sie würde ihr Leben für sie geben, und irgendwie hat sie das schon getan. Sie hat ihr Leben für deren Leben gegeben,…“ S.208: „Die Angst ist eine plötzliche, eine ursprüngliche, als wäre ich verloren gegangen. Die Grundeinsamkeit eines Kindes, wie soll ich ohne Mama?“
Gegen Ende schreibt die Autorin, dass das Buch eine Sammlung von Zetteln auf ihrem Tisch war. So wird es auch präsentiert: eine Abfolge von Ideen, Erfahrungen und quasi-Reportagen zum Thema Mütter. Gut geschrieben, oft berührend, manchmal langatmig, sicher kein Roman - wäre es nicht für meinen Buchclub gewesen hätte ich es nicht zu Ende gelesen.
Die Autorin erzählt in ihrem Roman ohne eigentliche Handlung über Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft, und schämt sich, manche Mütter-Geschichten nicht erzählt zu haben. Die Geschichten, von denen sie suchend, tastend und vor allem reflektierend berichtet, berühren, ohne kitschig zu werden. Vielmehr wirken ihre Beobachtungen, Gedanken, Erfahrungen und Reflexionen wahrhaftig, sensibel und authentisch. Mit einfachen Sätzen, aber einer bohrenden Sprache dringt sie tief in die Verästelungen der Beziehungen zwischen Müttern und ihrem Umfeld ein - und in die komplexe Beziehung zu ihrer eigenen, nun krebskranken Mutter. Eine erhebende, nachdenklich stimmende, aber auch anstrengende Lektüre.
Ein so wundervolles Kaleidoskop, das Muttersein auf so viele Arten und Weisen portraitiert. Kraftvoll und authentisch geschrieben. Mal poetisch, mal nüchtern, immer ehrlich. Es lässt einen dankbar zurück für die schönen Momente, die man als Mutter erleben darf, und tröstet einen im geteilten und doch einsamen Schmerz, mit dem Mütter auf unterschiedliche Weise konfrontiert sind.
Man schlägt dieses Buch auf und merkt ziemlich schnell: Hier wird nichts beschönigt. Lena Gorelik schreibt über Mütter und plötzlich sitzt man da und denkt an die eigene. An Sätze aus der Kindheit, an Augenrollen am Küchentisch, an Momente, die man längst vergessen glaubte. Schon verrückt, wie schnell einen so ein Buch erwischt.
Alle meine Mütter ist kein klassischer Roman, eher eine sehr persönliche Reise durch Mutterschaft, Erwartungen und diese merkwürdige Mischung aus Liebe, Druck, Nähe und Distanz. Gorelik schreibt brutal ehrlich, manchmal fast schon entwaffnend offen. Beim Lesen hatte ich mehr als einmal das Gefühl, bei Gedanken zuzuhören, die man selbst kennt, aber selten laut ausspricht.
Besonders stark ist, wie viele verschiedene Formen von Mutterschaft hier auftauchen. Gewollt, ungewollt, voller Zweifel, voller Sehnsucht. Da wird nichts idealisiert. Stattdessen stolpert man gemeinsam durch Ängste, Hoffnungen und diese ewige Frage, ob man eigentlich alles richtig macht.
Und während man liest, merkt man plötzlich: Dieses Buch handelt nicht nur von Müttern. Es handelt davon, wie sehr uns Menschen prägen, auch wenn wir längst erwachsen sind. Manche Seiten haben mich zum Schmunzeln gebracht, andere waren überraschend still und nachdenklich.
Am Ende bleibt ein warmes, leicht melancholisches Gefühl. Wie nach einem langen Gespräch über Familie, bei dem man viel gelacht hat und am Ende doch kurz schlucken muss. Genau solche Bücher bleiben im Kopf.
Ich kann das Buch nur mit einem englischen Wort beschreiben. So tender - weich, ja, aber auch wund. Augen brennen beim Lesen, ein leichter Kloß im Hals. Fragen, die auch ich mir stelle. Mama, ich weiß im Endeffekt so wenig über dich. Nur in groben Zügen kenne ich den Schmerz, der dir widerfahren ist. Ist es zu spät zu fragen?
Immer wieder hallt es beim Lesen in mir: Wie geht es wohl meiner Mama? Was würde sie zu dieser Passage sagen? Mama, war ich ein gutes Kind? War ich anstrengend? War meine Existenz es wert, dass du meinen Vater kennenlernen musstest? Wie geht es dir heute? Würde ich dir dieses Buch schenken können oder wärst du verwirrt, das Deutsch und die Narration zu komplex, Begriffe wie “Care Arbeit” zu abstrakt? Was rede ich, natürlich kennst du Care Arbeit, du kennst sie bis in die Knochen, jeden Tag kennst du sie, aber kennst du die Begriffe? Das akademische Jargon? Bin ich von dir weggewachsen in eine fremde Sprache, und aus dieser Sprache in eine noch fremdere? Mama, ich liebe dich.
Vielleicht auch 3,5. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch, die es nicht vollends erfüllen konnte. Lena Gorelik schreibt über Mutterschaft und Tocherschaft und bringt hier verschiedenste Perspektiven ein - von ableistischen Zuschreibungen bis zum Verlust der eigenen Kinder im Krieg. Diese werden sehr intensiv beleuchtet, sodass diese Lebensrealitäten plötzlich greifbar scheinen und mich sehr berührt haben. Gleichzeitig reist sie aber auch viele Aspekte zum Thema Mutter-Sein an, äußert dass sie darüber gerne geschrieben hätte, aber es bleibt in der Metaebene und die inhaltliche Auseinandersetzung fehlt. Das fand ich schade. Wenngleich klar ist, dass ein Buch nicht alle Aspekte zum Thema Mutter-Sein abdecken kann, so hat das anreißen, aber nicht wirklich darüber schreiben mich eher enttäuscht zurück gelassen.
Neben den verschiedenen Perspektiven, die sie sich ausgewählt hat näher zu porträtieren, geht es immer wieder viel auch um ihre eigene Mutter, sich selbst als Tochter und sich selbst als Mutter ihrer eigenen Kinder. Hierbei gab es immer wieder sehr kluge Sätze, die mich sehr berührt haben und in mir noch nachklingen, beispielsweise wenn sie darüber schreibt, dass wir in unseren Rollen als Tochter oder Mutter gefangen sind und den Menschen hinter der Mutter aktiv suchen müssen, wenn wir ihn kennenlernen wollen.
Insgesamt bleibt das Buch für mich durch das fragmentarische, das keiner richtigen Struktur folgt, aber auch unfertig und ich werde das Gefühl nicht los, dass ein bisschen mehr Struktur dem Buch gut getan hätte.
Das Buch ist so großartig, ich möchte noch nach dem Lesen in Tränen ausbrechen. Lena Gorelik schreibt so wunderbar, feinfühlig, deutlich und eindrücklich, auch brutal über Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft, über ihre Kinder, ihre Kindheit, ihre Mutter als Mutter und als eigenständige Person, über Mutterliebe und über Verlust des Kindes, sie findet ihre eigene Stimme, sucht die ihrer Mutter und gibt den Frauen eine, die nicht gehört werden können oder wollen - ob aus Scham, Furcht, Missverständnis, Unsichtbarkeit. Wir müssen unsere Mütter schätzen, bessere Fragen stellen, Verständnis haben, gewappnet sein auf Mutterschaft, falls wir sie denn wollen oder kriegen, und wir müssen aufklären (besonders Männer und (werdende) Väter. ;)
Sehr bewegend und ehrlich! Dieses Buch hat mich als Mutter, wie auch im Hinblick auf alle Frauen, die gerne Mutter geworden wären oder eben bewusst keine Mutter werden möchten, sehr berührt. Es geht um Frauen........