In einer Zeit, in der politische Lagerbildung die Regel ist, zeigt Volker Wissing in dieser Schrift, wie eine erfolgreiche demokratische Debattenkultur aussehen müsste - und wie weit wir derzeit davon entfernt sind. Wissing berichtet aus dem Schaltzentralen in Berlin und zeichnet ein Bild tiefer Zerwürfnisse und politischer Grabenkämpfe, aber auch von demokratischer Haltung, wenn es wirklich zählt. Denn Verantwortung zu übernehmen heißt konstruktive Politik für Menschen zu machen statt sich in Lagerkämpfen zu verlieren. Mit präziser Sprache, klaren Analysen und einem einzigartigen Blick hinter die Kulissen der Macht zeigt Wissing, warum Politik nicht mehr in Symbolen und Erregungsspiralen verharren darf, sondern mutige Entscheidungen und gegenseitigen Respekt braucht. Verantwortungist ein engagierter Beitrag für eine andere politische Kultur – und ein Appell, die eigene Haltung zum Freiheitsbegriff neu zu überdenken.
Insgesamt eine überzeugende und überaus optimistische Sicht auf Gesellschaft und Politik, die an vielen Stellen sehr gut nachvollzogen werden kann.
Es wird schnell deutlich, dass der Austritt Wissings aus der FDP einen echten Verlust für die immer libertärer auftretende Partei darstellt. Wissings Verständnis und überzeugendes Konzept von Freiheit ist das was eine liberale Partei im Kern ausmachen sollte.
Unabhängig vom Inhalt ist es sehr redundant und ohne formale Stringenz verfasst. Hier hätte man ordentlich lektorieren und kürzen müssen.
Als ein knappes und präzises Essay wäre es sicher eine sehr gelungene Arbeit.
Eine bemerkenswerte Schrift, die mich nachdenklich macht und die ich allen ans Herz legen möchte, die sich für die Frage interessieren, wie politisches Handeln in einer freien Gesellschaft aussehen sollte.
Ein Plädoyer für Menschenwürde, Empathie, Höflichkeit, Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Gelassenheit, Anstand - und gegen Empörung, Unwissen, Lügen, Verkürzungen, Schubladendenken, Abwehrhaltungen, Egoismus. Natürlich sind das in erster Linie Schlagworte und es ist wohlfeil, in der Stimmungslage, in der sich unser Miteinander befindet, für bessere Umgangsformen und Optimismus zu werben.
Wissing verbindet sein Plädoyer jedoch mit einer Fülle an Eindrücken, Hinweisen, Erfahrungen, Überzeugungen und Elräuterungen. Sie alle basieren auf seiner persönlichen Haltung, auf seiner Vorstellung von Staat und Gesellschaft, wie sie historisch gewachsen sind, welche Funktionen sie erfüllen und wie Politiker:innen und Wähler:innen sie gestalten und zu ihrem Wohl und Wehe beitragen.
Er wirbt für die föderalistische repräsentative Demokratie, er wirbt für den Beruf des Politikers und er wirbt dafür, dass die Arbeit an unserem Gemeinwesen von allen nach ihren Möglichkeiten geleistet werden muss, damit alle sich in ihm in Freiheit entfalten können. Eigentlich eine simple Formel, die aber nur dann aufgeht, wenn jede Person ihrer jeweiligen Verantwortung gerecht wird - die eben aus den Freiheiten erwächst, die unser Staat uns garantiert. Zentral und unbedingt unterstützenswert sind dabei folgende Aussagen: Der Staat (d. h. die Regierung) geht vor Partei und Fraktion. Das Amt geht vor persönlichen politischen Befindlichkeiten. Koalitionsvertrag geht vor Wahlprogramm. Parlamentarische Demokratie und soziale Marktwirtschaft sind weder Wunschkonzert noch Rosinenpickerei. Das macht es nicht nur zur Pflichtlektüre für Abgeordnete und Minister:innen, sondern auch (und vor allem) für normale Leute, die sich einer Partei verschrieben haben, und letztlich für jede Person, der Gesellschaft und Demokratie auf eine Weise am Herzen liegen, dass man sich nicht nur als deren reine:r Konsument:in begreift. Wir sind frei, uns für oder gegen etwas zu entscheiden. Und für jede dieser Entscheidungen sind wir verantwortlich - als Individuen und als Gesellschaft.
Vor diesem Hintergrund versteht er Parteiendemokratie, politisches Handeln und Regieren als Kompromissmaschine, um individuelle Freiheiten zu achten, miteinander in Einklang zu bringen und zu sinnvollen und akzeptablen Lösungen zu gelangen, die alle etwas angehen. Dabei ist es nicht nur Aufgabe 'der Politik', Konsens herbeizuführen, sondern Aufgabe aller Wähler:innen, aller Bürger:innen am Konsens mitzuwirken und ihn in einer global vernetzten, nicht von uns allein beeinflussbaren Welt als Errungenschaft zu erkennen.
Ich kann mir vorstellen, dass viele, die sich gemeinhin als links bezeichnen, dieses Buch nicht mal mit spitzen Fingernägeln anfassen würden, wenn sie sich den Autor anschauen und seine (vermeintlichen) Botschaften antizipieren. Falls es doch welche aufschlagen, würden es wohl nicht wenige vielfältig kritisieren und sich an etlichen Punkten getriggert fühlen, weil eben ihre Schlagworte, ihre Programmatik, ihre Thesen und Theorien nicht in der Form berücksichtigt werden, wie sie es eben gewohnt sind (Oh Schreck, ein älterer weißer privilegierter Mann beruft sich auf andere Gründe als ich!). Ebenso steht natürlich zu erwarten, dass die meisten Konservativen und Rechten (von Rechtsextremen ganz zu schweigen) wohl nur ein müdes, überhebliches Lächeln für Wissing übrig hätten, obwohl gerade sie sich angesprochen fühlen sollten. (Zu guter Letzt: Die politikunfähigen Libertären, mit denen Wissing hart ins Gericht geht, werden sich wohl auch auf den Schlips getreten fühlen.)
Die Krux an der ganzen Sache ist nun diejenige: Wissing möchte Gräben zwischen Demokrat:innen verkleinern und überbrücken - dafür muss aber auf den jeweiligen Seiten dieser Gräben überhaupt erst die Bereitschaft herrschen, sich auf das gegenseitige Annähern einzulassen (bspw. indem man ein solches Buch liest). Hier fehlt mir bei ihm die konkretere Antwort, wie man einen solchen Impuls in den Menschen auslöst. (Und mir selbst fehlt zunehmend die Hoffnung, dass irgendjemand anderes diese Antwort hat.) Es handelt sich bei diesem Buch aber auch ausdrücklich nicht um einen Ratgeber, viel mehr ist es eine Vision, ein Idealbild, das erstrebenswert und auch nicht unmöglich ist. Und für dessen Umsetzung der Autor nicht allein zuständig ist. Er macht den Menschen ein Angebot - und ganz im Sinne seiner eigenen Argumentation sind sie frei, es anzunehmen oder abzulehnen. Am Ende tragen sie die Verantwortung für eine gespaltene oder eine zusammenhaltende Gesellschaft.
Eine vorletzte Anmerkung: Ich teile Wissings Meinung nicht in allen Aspekten und Details (aber, so dürfte in dieser Rezension deutlich geworden sein, im Großen und Ganzen). Nur apropos Krux - um über solche Einzelfragen streiten zu können, bedarf es einer gemeinsamen Basis, die wiederum eines gegenseitigen Anerkennes und des Interesses an einer gemeinsamen Lösung bedarf... Die Zeiten, in denen wir leben, verlangen uns Ambiguitätstoleranz ab, und zwar in einem solchen Maße, dass es regelmäßig weh tut, weil unsere Bubbles so gemütlich sind, obwohl sie mit jedem Tag enger werden. Wissing appelliert an alle, die sich auf dem Boden von Verfassung und freiheitlich-demokratischer Grundordnung sehen, einander offener zu begegnen, um statt Vereinzelung tragfähige, freiheitserweiternde Problemlösungen zu finden.
Eine letzte Anmerkung: Die Sprache ist eindeutig persönlich gefärbt, weil sie sich nicht liest wie bei einem professionellen Autor. Wer grundsätzlich viel und aufmerksam liest, wird ein stärkeres Niveau gewohnt sein und es sich ein bisschen spritziger wünschen. Aber ich halte sie zum einen für sehr authentisch. Und zum anderen fiel mir mit der Zeit auf, dass es eine einfache Sprache ist, die auf angenehme Art komplexe Gedankengänge wiedergibt. Lobenswert.