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Unüberhörbar: Gehörlos, weiblich, unbequem – über Ableismus, Wut und Widerstand von Katrin Aimee

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Als Katrin Aimee mit 13 Jahren ihre Lehrerin bittet, sich ein Mikrofon anzustecken, damit sie sie trotz ihrer starken Schwerhörigkeit verstehen kann, wird sie barsch zurückgewiesen — und Katrin verstummt beschämt. Denn sie hat längst verinnerlicht, dass sie als behinderte Frau zwar existieren darf, aber bitte keine Umstände machen soll.


Mit großer Offenheit und analytischem Blick zeigt Katrin Aimee, wie strukturelle Diskriminierung wirkt und welche Veränderungen nötig sind, damit Vielfalt zur Norm wird.




209 pages, Kindle Edition

Published March 2, 2026

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Profile Image for Tutankhamun18.
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March 16, 2026
In diesem Buch erzählt Katrin Aimee über ihre Kindheit und ihrem Studium als gehörlose Frau und beleuchtet Ableismus und Wut.

Sie hat Ihre Erfahrungen und Ableismus gut zusammengeflochten und erklärt Grundsätzliches wie der Unterschied zwischen Inklusion und Integration sowie die Macht des Wuts sehr gut. Sie nimmt auch winige Male Bezug auf Behindert und Stolz von Luisa L’Audace, welches für mich ein Fantastischer BasisText zur Behinderung ist.


ZITATE:

“Seitdem 1cb besser verstehe, wo ich mich in unserer Gesellschaft befinde, wo mein Platz ist, den mir diese Gesellschaft vorgibt, desto we-auger verurteile ich mich selbst für Dinge, die mir geschehen, Ich habe verstanden, aber ich habe nicht akzeptiert. Im Gegenteil - ich spüre Wut. Wut, die mich befreit hat. Wut, die mich noch weiter befreien.”

“In der Folge dürft ihr rabig auch zu wütenden Menschen werden - aber dadurch cor allem zu befreiten Menschen. Zu Menschen, die ihr eigenes Potenzial durch Wut sehen. Die durch Wut anfangen zu träumen. Aber die auch durch Wut anfangen zu verzeihen, vor allem sich selbst.
Die durch Wut bestenfalls Altes hinter sich lassen und Neues aufbauen.”

“Die Präferenz für das Erlernen von Lautsprache hat sogar einen eigenen Begriff: Der sogenannte Oralismus hatte vor allem zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts viele Anhänger*innen und wurde als pädagogisches Grundprinzip angewandt. Seinen Anfang nahm dies auf dem Mailänder Kongress von 188o: Bei dieser internationalen Konferenz von Pada-gog*innen für Gehörlose wurde beschlossen, Gebärdensprache weltweit aus dem Unterricht zu verbannen." Natürlich nahmen an dieser Konferenz fast keine gehörlosen Menschen teil. Man sprach wie immer über sie anstatt mit ihnen. Das Hauptargument der Beteiligten für die Verbannung der Gebärdensprache war damals, dass Lautsprache angeblich zu einer besseren Integration in die Mehrheitsgesellschaft führen würde. Außerdem galt Gebärdensprache nicht nur als „unnatürlich" , sondern als
Hemmnis für die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern. Als Folge wurde in vielen Ländern, auch in Deutsch-land, Gebärdensprache jahrzehntelang unterdrückt und sogar verboten.*”

“Die Ideologie des Oralismus besagt, dass Behinderung, insbesondere Gehörlosigkeit, ein Defizit sei, welches es zu „reparie-ren" galt. Das Ziel war, gehörlose Kinder so weit wie möglich an die Kommunikationsform von Hörenden anzupassen. Natürlich brachte der Oralismus seine Folgen mit sich: Kinder ohne frühzeitigen Zugang zu Gebärdensprache hatten oft eine verzögerte Sprachentwicklung, da die Lautsprache für sie, wenn überhaupt, auditiv eingeschränkt oder allein visuell (durch Lesen der Lippen) zugänglich war.* Ein fehlender sprachlicher Input in den ersten Lebensjahren kann zu dauerhaften Nachteilen beim Sprach-erwerb, insbesondere beim Erwerb weiterer Sprachen, führen.° Des Weiteren brachte Oralismus verringerte Bildungschancen mit sich: Ohne visuell zugängliche Sprache verstanden gehörlose Kinder oft nur bruchstückhaft den Unterricht. Ein Mangel an bilingualem Unterricht, also Unterricht in Gebärdensprache und Lautsprache, führte zu geringeren Bildungsergebnissen und höheren Abbruchquoten." Des Weiteren spielt Isolation eine Rolle. Eine oralistische Erziehung kann Kinder einerseits von der hörenden Welt, aber auch von der Gehörlosengemeinschaft entfremden - viele entwickeln das Gefühl, weder in der einen noch in der anderen Welt vollständig dazuzugehören.”

“Integration bedeutet in erster Linie, dass wir ein festes gesell schaftliches System etabliert haben, an dem Menschen, die anders sind, teilnehmen dürfen - vorausgesetzt, sie passen sich den bereits vorgegebenen Rahmenbedingungen an…Inklusion hat eine ganz andere Perspektive auf unsere Ge-sellschaft: Hier ist kein gesellschaftliches System vorgegeben, sondern das System zeichnet sich durch seine Mitglieder selbst aus.”

“Die Intragruppen-Distanzierung hat dabei eine wichtige psychologische Funktion: Sie dient unter anderem dem Selbst-schutz, denn die Distanzierung zur eigenen Gruppe kann kurzfristig das Gefühl geben, dass man weniger Diskriminierung er-fährt.º Gleichzeitig ist sie eine Anpassungsstrategie, um in der dominanten Gruppe (in dem Fall der Mehrheitsgesellschaft) auf-zugehen, sich ihr also zu assimilieren. Genauso führt sie wie bei internalisiertem Ableismus zu einer Reduktion von kognitiver Dissonanz: „Wenn ich nicht wie die anderen bin, dann betrifft mich dieses Stigma ja auch gar nicht."”

“In einer Gesellschaft, die nicht ableistisch sein soll, brauchen wir eine Sprache, die nicht ableistisch ist. In einer Welt, die sich zu Inklusion hinbewegen soll, müssen wir uns mit ableistischer Sprache auseinandersetzen.”

“Das Wort unüberhörbar ist audistisch. Audismus bedeutet prinzipiell, dass hörende Menschen als überlegen gelten und gehörlose oder schwerhörige Menschen deshalb abgewertet oder ausgeschlossen werden…Ja, der Begriff unüberhörbar ist audistisch. Und trotzdem ist er jetzt Titel dieses Buchs. Trotzdem habe ich Ihn gewählt. Weil diese Ambiguitätstoleranz so viel für mich bedeutet - sie macht die Diskriminierung, der gehörlose und schwer. hörige Menschen ausgesetzt sind, eben gerade sichtbar. Ich wollte ein Buch schreiben über Sprache, über Diskriminierung, über Lautsein.”

“Indem ich meine Bitten in Forderungen verwandelt habe, veränderte sich auch die Reaktion meines Ge-genübers. Aus „Bitte, ich wäre so gern dabei" wurde „Ich gehöre hierher und benötige X, damit ich gleichberechtigt teilnehmen kann". Manche Leute, vor allem Frauen, begegnen mir nun mit mehr Respekt. Männer weniger, denn ich nehme mir als behinderte Frau vermeintlich Raum, der mir nach ihrer Ansicht nicht zusteht. Meine Sprache sendete ein neues Signal: Hier ist eine Frau, die weiß, was ihr zusteht. Und sie ist auch noch behindert.”

“Jedoch besteht auch die Gefahr, dass Empowerment „neolibe-ralisiert" wird. Das bedeutet, dass in unserer Gesellschaft gerne der Fokus auf individuelle Stärke gelegt wird anstatt auf strukturelle Veränderung. Sätze wie „Wenn du nur willst, kannst du alles schaffen" bilden gerade für mehrfach marginalisierte Menschen einfach nicht die Realität ab. Nach Sabine Hark muss deshalb der Feminismus strukturelle Machtfragen stellen, weil Empowerment ohne kollektive Kämpfe ins Leere laufen würde.1 Selbstermächtigung kann auch als Basis für Netzwerke genutzt werden: Wer sich selbst definiert, kann auch solidarisch mit anderen handeln. So wird Selbstermächtigung schließlich zum kollektiven Prozess. Gemeinsam Widerstand zu zeigen kann man daher auch als kollektive Selbstermächtigung definieren.”

“Heute ist Wut etwas Produktives für mich. Sie erlaubt mir, wütend zu sein über Ungerechtigkeiten - aber sie lässt mich dort nicht stagnie-ren, sondern bringt mich zum Handeln. Meine Wut treibt mich an, Petitionen zu unterschreiben, Reden zu halten, Missstände anzuprangern. Audre Lorde sagte, dass Wut voller Wissen und Energie sei - man müsse Wut nutzen, um Wandel herbeizufüh-ren. Das habe ich früher nicht verstanden, mittlerweile schon.
Ich nutze Wut, um Dinge zu bewegen, statt sie in mich hinein-zufressen. Meine Wut hat mich befreit. Wenn ich heute wütend. bin, dann teile ich sie, ich mache etwas aus ihr. Ich lasse die Wut raus, aber in Bahnen, die produktiv sind. Und es stimmt tatsäch-lich: Wut kann etwas verändern. Sie hat mich verändert.”


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