Im Sog der femme fatale
»Die Rache einer gedemütigten Frau«, steht riesengroß auf der Rückseite und das verheißt bei Richard Rayner nichts Gutes für den männlichen Helden.
Beim grandiosen Debüt-Roman »Planlos in L.A.« hatte der Held seine sichere Stelle bei einer Londoner Tageszeitung aufgegeben, um einer untalententierten blonden Schauspielerin nach Hollywood hintherzureisen. Seine Ankunft im Land der Surf-Nazis ist der Anfang einer Serie von Pannen und Peinlichkeiten, in der sich nicht nur der eigentlich unerwünschte Gast aus England nicht gerade mit Ruhm bekleckert, Las Vegas steht auch auf dem Reiseplan von L.A. without a Map, der spontanem Ringetausch im Paradies der schnellen Eheschließung gehört ebenfalls dazu. Und als Ehemann wird seine Lage danach noch prekärer. Aber wenigstens kämpft er nicht um sein Leben oder Überleben wie Maurice Valentine, der im Vegas der Mafia-Ära als vermeintlicher Agent in eigener Sache gegen seine Interessen ermittelt.
Der Archtiekt des Vorzeigehotels El Sheik, das dem Mafiaboss Mantellini gehört, ist zu Beginn schon verheiratet und (offizieller) Vater von zwei Söhnen. Und er zieht in jeder Hinsicht seine Vorteile daraus, dass er seinen Namen für den Erstgeborenen hergegeben und nie dumme Fragen gestellt hat. Schwiegervater Joe ist Drahtzieher bei den Demokraten und bietet Maurice einen Sitz im Senat für Nevada an, da Amtsinhaber Boss Booth auch ohne Nachhilfe nicht mehr lange leben wird.
Doch sobald die Platinblonde Millionenerbin und Archtitektin Mallory Walker in seinem Büro auftaucht und von ihm eine Villa will, lässt er alles stehen und liegen und nicht viel später liegen die beiden im selben Strandhaus, das er für sich und seine Kinder gebaut hat. Bei nächster Gelegenheit schleppt er sie oder eher sie ihn in sein Hotel-Apartment im Sheik, wo er sie Mantellini vorstellt, der auch hin und weg ist, ehe er in der reizenden Jungen Dame, die ihm permannent widerspricht seine Ex-Geliebte Beth Dyer wiederzuerkennen glaubt. Und da Rayner in die 1956er-Handlung immer wieder Kapitel aus der düsteren Jugend einer Beth Dyer eingeschmuggelt hat, weiß zumindest der Leser, dass es sich bei Valentines Herzensdame um eine Hochstaplerin handeln muss. Dem schwant wenigstens, dass es sich bei ihren brillanten Entwürfe samt und sonders um jene Mappe handeln muss, die sein Lehrmeister Luis, der sie ihm zuerst vorgestellt hat, so sehr vermisst. Als Mallory ihn auch noch versetzt, sieht sich Maurice gezwungen, Mantellini darauf hinzuweisen, dass sein Mitbringsel die hinreißenden Entwürfe in ihrer Mappe samt und sonders seinem Ex-Partner Luis gestohlen hat. Als ihn Mallory in der Nacht darauf niederschießt, hält Maurice ihren Akt für eine überzogene Rache für seinen Verrat.
Vertigo lässt schön grüßen
Als der niedergeschossene Kandidat für den Senat wieder zu sich kommt, ist nicht nur sein Schwiegervater über die Nacht vor dem Schuss auf dem laufenden, sondern auch seine Frau, die aber nur zu bereit ist, dem gemeinsamen Ziel Washington alles andere unterzuordnen. Zumal der Porsche der Unglücksschützin aus dem Lake Mead geborgen wurde, samt bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Überresten. Doch als Luis mit der Ankündigung von Mallory Walkers Hochzeit hereinschneit, beginnt der eigentliche Krimi. Warum Maurice sämtliche Rücksichten vergisst, wird so wenig klar, wie die Fasziniation, die von Beth Dyer ausgeht, deren Lebensweg bis Anno 1951 in weiteren Kapiteln eingestreut werden, ehe Maurice auf die ersten gemeinsamen Bekannten trifft.
Auf seinem Weg zur Wahrheit muss er sich nämich etlichen Leuten stellen, die er seinem Erfolgskonzept geopfert hat, um am Ende festzustellen, dass er selbst nur ein williges Element in den Plänen anderer gewesen ist, bis es beinahe zu spät dafür ist. Der zweite Teil ist deutlich besser und könnte sogar atemberaubend sein, hätte Rayner nicht zwei Kapitel eingestreut, in denen die Bösen unter sich sind und alles besprechen. Eine Todsünde bei einem Roman mit einem Ich-Erzähler-Anteil von über 80%, eine überflüssige allemal, da es zu einem dramatischen Showdown kommt, der trotzdem genügend Spielraum für eigene Intelligenzleistungen der betroffenen Personen gelassen hätte.Aber vielleicht gehen diese seltsamen Einschübe auch auf das Konto des zuletzt gelobten Lektor Dan Conaway.
»Wer Raymond Chandler schätzt, wird Richard Rayner lieben«, steht auf der Rückseite. Dieser Anhang zum Wolkenfänger ist aber etliche Jahrzehnte später entstanden und so authentisch wie ein Chrysler PT Cruiser, auch wenn nichts auslässt, was der gebildete Leser mit dieser Ära in Verbindung bringt. Maurice Valentine ist ein traumatisierter Flieger, der sich nach dem zweiten Weltkrieg neu erfunden hat. Lehrmeister Luis und Erstkunde Slominsky sind ebenso Opfer von Senator Mcarthy wie die Eltern von Beths bester Freundin. Ober-Mafioso Mantellini macht Geschäfte mit Jimmy Hoffa und dessen Teamster-Gewerkschaft. Und alle leben gut von der Atombombe, vor allem die Überlebenden. Mantellini gibt illustre Parties bei den Zündungen mit Panoramablick vom El Sheik und dessen Baumeister verdient noch mit, da er auch noch die Häuser baut, die dabei zu Bruch gehen sollen. Die zuletzt glücklich aufgeklärte Ursünde ist natürlich auch noch ein Verbrechen gegen die political correctness. Auch wenn die Auflösung letztendlich voll den Hardboiled-Standards entspricht, so sorgt diese unvermeidliche Zutat der Nachgeborenen doch dafür, dass dem Retro-Krimi dasselbe Gschmäckle anhaftet wie historischen Romanen, in denen sich die Edlen Ritter samt und sonders so verhalten, wie es derzeit gängigen Moralvorstellungen entspricht. Mit Zweiter Weltkrieg, Mcarthy-Ära, Atom-Bomben, Teamster-Mafia-Bünden und Rassentrennung lässt Rayner nichts aus, was für das Nachkriegsjahrzehnt historisch relevant ist. Es gelingt ihm sogar das meiste davon für seinen Plot und die Auflösung zu instrumentalisieren. Und immerhin handelt es sich dieses mal, im Gegensatz zu genialen Erstling »Planlos in L.A.«. um eine ganz hervorragende Schauspielerin, für die der zumeist unglücklich agierende Held alles auf Spiel setzt.
Irgendwann sagt Mantellini zu Maurice, er habe bessere Architekten gekannt, kleiner Hinweis darauf, dass es bei »Das dunkle Herz der Wüste«, um das Sequel zum Wolkenfänger handelt, der mit einem großartigen Auftritt Mantellinis beginnt, der jede Seite im Nachfolgeroman so alt aussehen lässt, wie dieser Pate seit 1928 geworden ist. Hauptinhalt des doppelt so dicken Romans (524 enger bedruckte Seiten) um einen finnischen Archtiekten ist »die Obsession für die Russin Katerina Malysheva. Beide Passionen führen ihn nach New York, wo er als Architekt Karriere macht, aber im Grund nur von einem einzigen Gedanken besessen ist: die liebe seines Lebens zu erobern.« So steht es jedenfalls auf der Rückseite.
Fazit: Rayner ist einmal mehr seiner Obsession erlegen. Aber natürlich scheitert er auf höherem Niveau als die meisten hier verhandelten Klischee-Farbrikanten