Als die DDR unterging, kam es fast über Nacht zur Demontage der gesamten ostdeutschen Literatur. Millionen Bücher wurden vernichtet, Verlage und Betriebe für wenige D-Mark veräußert, Bibliotheken geschlossen. Die Bewertung des schriftstellerischen Schaffens und der literarischen Werke – wie auch jener der bildenden Kunst oder des Theaters – erfolgte nicht nach ästhetischen Maßstäben, sondern nach ideologischen. Autorinnen und Autoren wurden pauschal als »staatsnah« oder »-fern« eingeteilt und aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt. Das hatte traumatische Folgen, nicht nur für die Diffamierten.
Carsten Gansel zeigt in Ausradiert? exemplarisch, warum der Westen im Osten bis heute als dominant und übergriffig empfunden wird. Er wirbt in seinem Buch für einen anderen Blick auf die DDR-Literatur und die Ostdeutschen, inklusive einer Rehabilitierung.
Von Christa und Gerhard Wolf bis Uwe Johnson, von Werner Bräunig bis Gerti Tetzner, von Brigitte Reimann bis Fritz Rudolf Fries, von Irmtraud Morgner bis Ulrich Plenzdorf, von Volker Braun bis Jenny Erpenbeck.
Das Buch soll hier nicht zuallererst inhaltlich besprochen werden, sondern zu fragen ist nach den Absichten und Ansatzpunkten für eine Darstellung, die – wie der Autor selbst sehr wohl wusste – Gegenwind provozieren würde. Ausgangspunkt sind daher zwei Annotationen, die der populären Rezensionsseite „Perlentaucher“ entstammen, also wohl einflussreich, aber nicht zwingend repräsentativ sind. Eine Auseinandersetzung mit der Rezeption ist hier weder zu leisten noch beabsichtigt und erfolgt nur, insoweit typische Missverständnisse belegt werden sollen, die sich aus dem Widerstand gegen Carsten Gansels These ergeben, Literatur der DDR sei „ausradiert“ worden. Wie zu erwarten und von Gansel vorausgesehen nehmen die beinahe ausnahmslos im Besitz von Westdeutschen befindlichen und in Sachen „Osten“ mit Deutungshoheit versehenen Medien das Buch mit gemischten Gefühlen auf: So findet der SZ- Kritiker Lothar Müller, der „Umgang mit der in der DDR entstandenen Literatur nach 1989/90 [sei] kein Gegenstück zum Abriss des Palastes der Republik.“ Er hat insofern Recht, als vom Palast der Republik 0% übriggeblieben sind, während von der gesamten deutschen Buchproduktion heute immerhin noch 2,1% auf Ostverlage entfallen. „Bizarr“ sind daher auch nicht „die vielen Entschuldigungen, die der Autor findet, um politische Entgleisungen in Ostdeutschland als berechtigte Empörung auf unfaire Behandlung zu framen“ (zit. n. Perlentaucher), „bizarr“ ist hingegen der Umstand, dass dieser Vorwurf wiederholt wird, ohne dass man sich die Mühe macht, sich mit der von Gansel sachlich vorgetragenen Argumentation auseinanderzusetzen. Dessen Befund, dass das nach der Wende angesichts von Arbeitslosigkeit, Stasi-Vorwürfen, Eigentumsübertragungen, Biografie-Entwertungen etc. mühsam aufgebaute Systemvertrauen, das für Westdeutsche Teil des gewohnten Alltags (meine Bank, mein Arzt, meine Rente, meine Regierung usw. – vgl. 303) war und ist, im Osten seit geraumer Zeit erodiert, erscheint so als nicht diskussionswürdig. Verständlich, wenn man Gansel darin folgt, dass für die „Reproduktion eines westdeutschen Selbstbildes“ die permanente Behauptung einer Überlegenheit von Demokratie- gegenüber Diktaturerfahrungen konstitutiv sei, da sonst das angesichts der realen Widersprüche in der heurigen deutschen Gesellschaft immer noch unverzichtbare „stabilisierende Gegenbild“ (305) abhanden zu kommen droht. „Drüben“ war halt alles noch schlechter und das „Hauptmerkmal der DDR“ waren „Hässliche Städte, hässliche Häuser, hässliche Möbel, hässliche Autos, hässliche Mode, hässliche Zeitungsartikel, hässliche Musik.“ (288) Jedenfalls kann aus dieser Perspektive der von Gansel zitierte Befund von Stefan Mau und anderen nicht akzeptabel sein, es ginge den „Ossis“ heute gar nicht mehr um „den Osten“ (Ostalgie) oder um „den Westen“ (Besser-Wessis); abgearbeitet würde sich „an der Gegenwart, um die geht es. Ganz abgesehen davon, fragt man sich, woran Ostdeutsche sich nach 35 Jahren weiterhin ‚abarbeiten‘ sollten? Noch dazu, wo das Durchschnittsalter im Osten laut Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle bei 44 Jahren liegt?“ (304)
Erodierendes Staatsvertrauen ist ein wichtiges Stichwort. Den Gründen dafür wäre nachzufragen, wofür man sich allerdings „die Mühe machen [muss], einen Blickwechsel vorzunehmen, und ihren Sichtweisen (denen der Ostdeutschen- F.S.) auf den Grund [zu] gehen.“ Vielleicht würde man, würden sich die Rezensenten selbst „in Verhaltensmustern wiederfinden, die uns Ostgeborenen so urvertraut sind.“ (318) Stattdessen findet Erhard Schütz (Die Welt) die Empörung über die "‘materielle Delegitimierung‘ durch die Treuhand“ und „die ‘Bücherentsorgung‘ im großen Stil“ übertrieben. Bücher "entsorgen"-welcher Literaturfreund würde sich da nicht empören? Für den Rezensenten wird das Buch allerdings erst „nach der Empörung [...] interessant.“ (Perlentaucher) Immerhin...
Aber so selbstgerecht, wie hier die Zerstörung geistig-materieller Zeugnisse von DDR-Kultur (Architektur, Bücher, Bilder, Verlage usw.) vom Tisch gewischt wird, nimmt sich dann auch die Betonung der von Gansel gar nicht in Frage gestellten großen Zahl der „in den Neunzigerjahren […] mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten Autoren“ aus. Aber was will das besagen? Freilich ist in „Archiven, auch in den Zeitungsarchiven, im Blick auf Nachlässe und Vorlässe […], in der Sichtung der Erstpublikationen von Tagebüchern und Briefen“ viel in Sachen Aufarbeitung geleistet worden. Gelegentlich kam es sogar zur „Neuedition von Werken“, aber deswegen von einem „Weiterleben der DDR-Literatur“ (Perlentaucher) zu sprechen, mutet angesichts der im „deutsch-deutschen Literaturstreit“ vorgenommenen und unbestreitbaren „Demontage gerade jener Autorinnen und Autoren […], die wie Christa Wolf oder Stefan Heym über Jahrzehnte im Westen als die moralischen und ästhetischen ‚Leitgrößen‘ DDR-deutscher Literatur gegolten hatten“ (64), durchaus grotesk an. Das erst recht, wenn man mit Gansel unter „DDR-Literatur“ nicht nur die Bücher der im Westen hofierten oppositionellen oder wenigstens DDR-kritischen (was immer das heißen sollte) Autoren versteht, sondern eben auch diejenigen Romane oder Werke einschließt, mit denen Millionen von Leserinnen und Lesern in der DDR aufgewachsen sind. Verwiesen sei hier nur auf die riesengroße Leerstelle Kinder- und Jugendliteratur, die vom Autor ausdrücklich in ihrem heute verdrängten antifaschistischen und völkerverbindenden Gehalt gewürdigt wird. Im Resultat kam es, Gansel zitiert hier Dietrich Mühlberg, verstärkt durch Medien, die zwar über Ostdeutsche, aber kaum von deren Erfahrungen berichten, zu einer schmerzlichen „geistigen Heimatlosigkeit“. (64)
In diesem Zusammenhang erinnert Gansel an die Ideale und Utopien des Anfangs und an die in Ost und West unterschiedlichen Ausgangspunkte für die später kanonisierten ästhetischen Formen und Stile. Während im Westen Deutschlands, vermittelt durch die Vorbilder in West- Europa, schon bald Modelle der subjektzentrierten und auf ästhetische wie individuelle Autonomie (Existentialismus) ausgerichteten Literatur überwogen, öffnete sich der Literaturmarkt im Osten zunächst den in Westdeutschland verfemten Exil- bzw. den Autoren des antifaschistischen Widerstands. Obwohl Thomas und Heinrich Mann, Anna Seghers, Arnold Zweig oder Theodor Plivier, mit Abstrichen auch Bertolt Brecht, Pate standen, galten die im Anschluss an solche Vorbilder verfassten Texte junger ostdeutscher Autorinnen und Autoren in der Bundesrepublik schnell als ästhetisch minderwertig und ideologisch verdächtig, weil sie nicht dem eigenen Literatur- und Wertemodell entsprachen. Gansel widmet sich hier u.a. der Frage, warum in der DDR (anders als in der BRD) die Niederlage, Flucht oder Vertreibung, Vergewaltigungen oder „Stunde Null“ kaum zum Thema wurden. Dabei verweist er sowohl auf Traumata als auch auf ein „Tabu“ (111), das nicht in der Pflege von Komplexen, sondern in dem Annehmen von Schuld in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus seine Ursache hatte. Darin wurzelte die oft bemängelte anfängliche Kritiklosigkeit gegenüber dogmatischen Standpunkten der älteren Vorbildgeneration. Gansel zitiert de Bruyn: „Denn die eifernde Schulleiterin hatte unter Hitler im Gefängnis gesessen, der dogmatischste und gebildetste der Dozenten war in der Emigration gewesen – man selbst hatte Hitler gedient.“ (115)
Hier liegen zweifellos Unterschiede zwischen Ost und West, die eine Auseinandersetzung mit dem herausfordern, was „Erinnerung“ heute bedeuten kann oder sollte. Zunächst betont Gansel den Unterschied zwischen Zeitgeschichte und eben Erinnerung und wendet sich mit Jürgen Kocka dagegen „moralisch-politische Urteile der Gegenwart relativ ungefiltert auf die Interpretation der DDR-Geschichte durchschlagen“ (9) zu lassen. Insofern sei das heute staatlich geförderte und medial allgegenwärtige „Diktaturgedächtnis“ zwar wichtig und notwendig, jedoch nicht die einzig mögliche und für die meisten Ex-DDR-Bürgerinnen und -Bürger auch kaum noch die wichtigste Erinnerungsform. Angesichts des Umstandes, dass die allermeisten Menschen (bis hinein in die sogenannte „Dienstklasse“) ihren Alltag jenseits von Parteitagen oder Parteiprogrammen lebten, sei die dominierende Erinnerungsform das „Arrangementgedächtnis“ (59). Wichtig ist, dass Carsten Gansel hier nicht dem Mainstream folgt und sogleich Opportunismus unterstellt, wo es doch um Aushandlungsprozesse und unterschiedlich schwer errungene Kompromisse ging, die bewusste Gestaltungsansprüche einschlossen und mitnichten bloß Unterwerfung waren. Die Teilung in „SED“ und „Volk“ als ein wie auch immer geartetes Oppositionsverhältnis ist eine unhaltbare schematische Vereinfachung, denn zwischen den Polen der „Macht“ und der „Opposition“ lag (wie heute auch) das weite Feld der sogenannten „Systemstabilisierer“ (41), ein Begriff, der nichts anderes zu fassen versucht, als das Vorhandensein von Menschen, die ihr Leben, ihre Ideale, möglicherweise kritisch oder auch affirmativ, so oder so an den neuen Staat gebunden hatten und bis zum Schluss gegenüber den oppositionellen Aktivisten die Mehrheit stellten. In diesem Sinne, und nur in diesem Sinne, gab es in der DDR sehr früh eine „systemstabilisierende“ Literatur, die dieser Funktion ironischer (und kaum beabsichtigter) Weise gerade (!) aufgrund der Behinderungen durch den Parteiapparat, aufgrund von Zensur oder Verbot gerecht werden konnte. Die Autorinnen und Autoren zeigten kritische Potentiale und Wertvorstellungen auf, mit denen sich die Leserinnen und Leser lange Zeit viel eher als mit oppositionellen, die DDR radikal ablehnenden Vorstellungen identifizieren konnten, zumal dergleichen ja nicht einmal auf Johnson, Kunze oder Biermann zutraf. Hierfür kein Gespür zu haben, das ist der implizite Vorwurf, den Gansel dem westdeutschen Literatur-, Kritik- und Politikbetrieb damals wie heute macht. Ich meine: Zu Recht.
Insofern kann ich mit Blick auf die zentralen Thesen des Autors keine „Deckungslücke“ (was wohl Beleglücke meint) erkennen und die Bezeichnung „Probebohrungen“ ist irrelevant, weil Gansel für die jeweiligen Generationen repräsentative Texte bespricht und den angedeuteten theoretischen Rahmen immer wieder durch Zeitzeugenschaft (also eigene Erlebnisse) auflockert. Keinesfalls „tritt“ dabei „der Literaturhistoriker hinter dem Zeitzeugen zurück“, wie Müller (lt. Perlentaucher) meint. Daher ist der vorgelegte Text in zweierlei Hinsicht interessant: Er erinnert einerseits an vergangene und heute kaum noch (oder wie im Falle von „Spur der Steine“ von Erik Neutsch nur als Film) präsente Literatur, die nicht nur zeitgeschichtlich eingeordnet, sondern in ihrem – von Menschen ohne DDR- Lebenserfahrung wohl kaum zu erschließenden – „Aufstörungspotential“ (Luhmann) vorgestellt wird. Es ist damit Gansels Anliegen, auf die Momente hinzuweisen, die trotz ihrer aus damaliger wie heutiger Perspektive ideologischen Gehalte den Erfolg und die Wirkung bestimmter Werke in der DDR erklären.
Das Buch besteht also nicht aus einer Aneinanderreihung von Werkinterpretationen, sondern bietet eher einen Leitfaden für das Verständnis einer ganz anderen gesellschaftlichen Rolle und Stellung von literarischen Texten und ihrer Verfasser. Literatur nahm in der DDR eine Stellvertreterfunktion für Aushandlungsprozesse wahr, die in offenen Gesellschaften eben der bürgerlichen Öffentlichkeit, den demokratischen Wahlen usw. zukam und zukommt, weshalb sie außerhalb einer solchen Öffentlichkeit in ganz anderer Weise wahrgenommen und wichtig wurde. Alle mit „Zensur“, „Verbot“, „Überwachung“ usw. bezeichneten Phänomene bedingten ironischerweise die moralische Autorität von Autorinnen und Autoren, die es so in der BRD nur in der frühen dissidentischen Autorenschaft (Böll, Grass etc.) der Adenauer-Zeit gegeben hat. Mit der Abkehr von piefiger Intoleranz und ideologischer Engstirnigkeit der Nazi- Vergangenheit hatte sich in der Bundesrepublik spätestens in den 60-iger und 70-iger Jahren erledigt, was in der DDR bis zum Schluss ein für die eigene Identität wichtiger Bezugspunkt blieb. Insofern es von Becher über Neutsch, Kant oder die Wolfs, Hermlin, Becker oder Kunert und Kirsch keine Autorin und keinen Autor gab, der nicht mit Widrigkeiten zu kämpfen und daher Ausdrucksformen zu finden hatte, mit denen er ideologisch engstirnige Klippen umschiffen und sich trotzdem einem auf Anregungen und Kritik begierigen Lesepublikum mitteilen konnte, ist für DDR-sozialisierte Leserinnen und Leser die Unterscheidung in irgendwie staatstragende, kritische oder oppositionelle Kunstschaffende lange Zeit nur wenig relevant gewesen, wie beispielsweise der überragende Erfolg von Büchern des „staatstreuen“ langjährigen Vorsitzenden des DDR- Schriftstellerverbandes Herrmann Kant eindrucksvoll belegt.
Und das sollte ab 1990 nicht mehr gelten, sollte falsch gewesen sein und nichts als Ausdruck der eigenen Verblendung oder von Mitläufertum? Gansel betont, dass sich ehemalige DDR-Bürger, die sich nach einer Phase der Verunsicherung erfolgreich in die neuen Verhältnisse hineingekämpft haben, aus der Erfahrung selbst errungener Freiheit heraus weder in dieser noch in irgendeiner anderen Hinsicht noch einmal „auf Linie“ bringen lassen. Insofern sie als nunmehr geborene „Komparatisten“ Systeme vergleichen könnten, seien sie „Seismographen der Demokratie“ (318), deren billige Verunglimpfung einer Realitäts- und Veränderungsverweigerung gleichkäme, die „Ossis“ aus der DDR gut kennen. Das wäre, so schwer es im Westen auch fallen mag, selbst im Angesicht eines nicht akzeptierten Wahlverhaltens als Kompetenz anzuerkennen, weil ohne eine solche Anerkennung die Verständigung über eine bessere gemeinsame Zukunft (jenseits von AfD-, CDU- oder was auch immer für Wahl- und Parteiprogrammen) nicht möglich sein wird.
Somit ist Carsten Gansels Buch weder eine Literatur- noch eine Politikgeschichte. Vielmehr schlüpft hier ein DDR- sozialisierter Literaturwissenschaftler noch einmal in die (alte) Rolle, die das Fach Germanistik für die DDR-Gesellschaft gespielt hat. Anders als heute begriffen sich Wissenschaftler als „Dolmetscher“ und Vermittler von Sinngehalten einer Literatur, die zur Beschäftigung mit und zu Veränderungen der als durchaus unvollkommen begriffenen Gesellschaft aufrief. Literatur ist nie unpolitisch und sollte so nicht aufgefasst werden. In den Auseinandersetzungen um kanonische oder im Sinne eines Anti-Kanons des Vergessens werte Werke der (gesamt)deutschen (!) Literatur wären deren Wirkungsbedingungen deutlich zu machen, die mehr über die Gesellschaft ihrer Zeit (oder der Zeit, in der über sie gestritten wird) aussagt, als Soziologie oder Politikwissenschaft u.U. erfassen können. Deshalb ist Gansels Buch wichtig und sei vor allem denjenigen zur Lektüre und zum Durch- und Weiterdenken empfohlen, die DDR-Literatur nicht kennen. Alle anderen werden durch Wiedererkennungseffekte ihre Freude haben und sich vielleicht (hoffentlich?) bemüßigt fühlen, in „alter Weise“ an die alten Diskussionen anzuknüpfen und dabei den Wegen in die Gegenwart zu folgen, die aufgezeigt zu haben Gansels unbestreitbares Verdienst ist.
Man sitzt da, liest ein paar Seiten und merkt schnell, das ist kein gemütlicher Literaturplausch, sondern eher so ein gedanklicher Wachrüttler mit Ansage. Carsten Gansel nimmt sich ein Thema vor, das gern mal unter den Teppich gekehrt wird, und zieht es einfach gnadenlos wieder hervor. Fand ich erst ein bisschen anstrengend, dann aber ziemlich notwendig.
Spannend ist vor allem dieser Blick darauf, wie schnell ein ganzer literarischer Kosmos nach der Wende quasi aussortiert wurde. Da geht es nicht nur um Bücher, sondern um Biografien, um Stimmen, die plötzlich keiner mehr hören wollte. Beim Lesen kam öfter der Gedanke hoch, wie bequem es eigentlich ist, Dinge einfach in eine Schublade zu stecken und abzuhaken.
Natürlich ist das Ganze nicht immer leicht verdaulich. An manchen Stellen wirkt es ein bisschen wie ein wiederholtes Nachhaken, so nach dem Motto, hast du das jetzt wirklich verstanden. Aber genau das sorgt auch dafür, dass die Argumente hängen bleiben und nicht einfach vorbeirauschen.
Was richtig gut funktioniert, ist dieser Mix aus Analyse und persönlicher Betroffenheit. Das fühlt sich nicht trocken akademisch an, sondern eher wie jemand, der wirklich was loswerden muss. Und genau das macht das Buch am Ende stärker, als ich gedacht hätte.
Unterm Strich kein Wohlfühlbuch, aber eins, das im Kopf bleibt und genau deswegen gelesen werden sollte.
Eine interessanter, auch persönlicher Blick auf die DDR-Literatur, der durchaus Lust macht, einiges davon (noch) einmal zu lesen. Das letzte Kapitel konnte ich nicht mehr gut aufnehmen, da fehlte mir die klare Linie - oder ich habe sie nicht erfasst ; )