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Liefern: Roman

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»Prallvoll mit Überlebenslust, Herzwärme und Witz.« Pieke Biermann

Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin, überall schwirren sie durch die Stä Essenslieferanten. Tomer Gardi verbindet ihre Geschichten zu einem weltumspannenden Gegenwarts-Epos. »Liefern« erzählt von Rassismus und Ausbeutung, von Liebe, Familie und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit. So gegenwärtig, so international, so politisch und leichtfüßig zugleich war lange kein deutscher Roman.
Der Roman entstand in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer, die auch den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen übersetzt hat.

Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, arbeitet als Lieferant. Er will genug Geld sammeln, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Sein Job ist immer in Gefahr, er hat keine Arbeitserlaubnis und fährt unter falschem Namen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum, die zu einem Austauschsemester nach Delhi reist, wo sie sich in den Argentinier Ramón verliebt. Der Erzähler fährt nach Istanbul, um nach einer Gaunerei bei einem Literaturpreis das Preisgeld zu verprassen. Und in Buenos Aires muss Ramóns Mutter mit der Abwesenheit ihres Sohnes fertig werden. »Liefern« ist eine literarische Weltreise in sechs Episoden und eine Feier der Erzählkunst, wie sie nur Tomer Gardi veranstalten tiefgründig und humorvoll, mit politischer Sensibilität und literarischer Verve.

302 pages, Kindle Edition

Published February 14, 2026

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About the author

Tomer Gardi

6 books4 followers

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Displaying 1 - 22 of 22 reviews
Profile Image for Ileana (The Tiniest Book Club).
251 reviews46 followers
March 11, 2026
Eine Art Dorfschreier, Zirkusdirektor lädt uns Leser*innen in das globale Dorf ein. Tomer Gardis „Liefern“ lebt vom rasanten Perspektivwechsel. Kaleidoskopartig sind Porträts auf der ganzen Welt miteinander verknüpft, in Istanbul, Buenos Aires, Tel Aviv, Delhi und Berlin.

Wir lernen Filmon kennen, einen Eritreer in Tel Aviv. Filmons Frau und 8-jährige Tochter (die er noch nie gesehen hat) sind von Eritrea nach Deutschland geflohen, er möchte ihnen folgen und versucht, jeden Cent zu sparen. Durch einen zwielichtigen Jobvermittler findet Filmon Arbeit als Rider bei einem Lieferdienst. Zwölf-Stunden-Tage auf E-Bikes sind die Regel.
Filmons Kampf in seiner durch Flucht, Einsamkeit, durch niemals endende Ausbeutung geprägten Realität ist herzzerreißend. „Liefern“ ist niederschmetternd schon in kurzen Nebensätzen, aber es ist nie ohne Hoffnung.

Da ist Sachin mit ihrem Sohn Vivaan, eine der wenigen Lieferantinnen in Delhi, stets bedroht durch sexistische Übergriffe und den wahnsinnigen Verkehr. Es geht um die Gemeinschaft unter der Liefernden, um Konkurrenzdruck, Polizeikontrollen, Arbeit ohne Arbeitsschutzgesetze und die andauernde Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Kapitalismus.

Die Welt wird zum Dorf, wenn Tomer Gardis Alter Ego in Berlin eine Rose kauft, geerntet auf einer Blumenfarm in Kenia von Akiny, die unter Belästigung und mit geringer Bezahlung der Knochenarbeit des Rosenschneidens nachgehen muss.

„Liefern“ ist ein warmherziger, ehrlicher Roman, der aufrüttelt und aufnahmefähig macht für die Lebenswege derjenigen, die den Planeten versorgen müssen. Wie Atlas tragen sie ihren „kubischen Globus“ auf dem Rücken.

„Filmon was here“ ritzt einer der Hauptcharaktere in die Rückwand einer Spülmaschine 💔.
148 reviews7 followers
February 24, 2026
Leider nicht wirklich abgeliefert

„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.

„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.

Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.

In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.

Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.

In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.

In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.

Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.

Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.


Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und Tropen für das Rezensionsexemplar!

Profile Image for Lena.
54 reviews2 followers
February 26, 2026
"Liefern" ist ein Buch, das Dinge tut, die Tomer Gardi besonders gut kann. Mit einer - für ihn typischen - ordentlichen Portion Witz und Absurdität erzählt er Begebenheiten, die beim ersten Lesen zwar vielleicht noch amüsieren, spätestens beim erneuten Hinschauen aber zum ersten Mal für Gänsehaut sorgen. Dass in diesem Roman Essenslieferanten im Mittelpunkt der Handlung stehen fand ich besonders spannend, da Leser:innen so einer Personengruppe folgen, die sonst in der Masse verschwindet.

Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft in der wir leben wird von Tomer Gardi schonungslos angeprangert, Missverhältnisse und Ungerechtigkeiten ausgestellt und angeklagt. Gleichzeitig macht er auch die grausamen Ambivalenzen unserer Gesellschaft offensichtlich. Denn die Existenz von Filmon, den Arbeiterinnen auf der Rosenplantage hängt in gewisser Weise auch von den - im Überfluss lebenden - Konsumierenden ab und dessen sind sie sich schmerzhaft bewusst.

"Liefern" bewegt zum Nachdenken. Der Schreibstil ist einzigartig. Leider hat er nicht immer ganz meinem Geschmack entsprochen, was seiner Qualität aber selbstverständlich keinen Abbruch tut. Ich bin etwas unschlüssig, was den roten Faden des Buches betrifft. Während ich mir stellenweise etwas mehr Verknüpfung der einzelnen Episoden gewünscht hätte, bewirkt die Vielfalt der Passagen gleichzeitig, dass erst wirklich deutlich wird, mit was für einem weltumfassenden Problem wir es hier zu tun haben. Definitiv ein lesenswertes Buch!
Profile Image for Karola.
860 reviews7 followers
February 14, 2026
Interessante, nicht alltägliche Beiträge, lose miteinander verbandelt
Das Cover zeigt einen Motorradfahrer mit einer Lieferkiste auf dem Rücken in orange markantem Symbol, wie in einem Hamsterrad gefangen wirkend. Bestandsaufnahmen zu extremen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen aus sechs verschiedenen Gegenden, teils verwoben mit Lieferdiensten, teils eingewandert in Deutschland, berühren mit ihren Geschichten einen bunten Themenkreis wie Fremdheitserfahrungen, Ausbeutung durch mafiöse Arbeitgeber weltweit, Rassismus, Luftverschmutzung bekämpft mit künstlichem Regen, Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot und mehr. Die verschiedenen Episoden wirken sehr realistisch, vermitteln viel Informationsgehalt in nicht alltäglichen Begebenheiten wie Haartransplantation in Istanbul, mühelosem Kauf der systeminternen Kryptowährung Smooth Love Potion, Fanverhalten der Boca Juniors im Stadion La Bombonera in Buenos Aires oder wie internationaler Rosenvertrieb der Firma Naivasha Bloom in Kenia funktioniert. Mit Erich Auerbach, dem jüdischen Verfasser des Buches Nemesis, der über Istanbul vor den Nazis floh, wird auch deutsche Geschichte erwähnt.
Als Leser wandert man durch sehr verschiedene kulturelle Räume, sozialkritisch und literarisch gut aufbereitet.
139 reviews4 followers
March 1, 2026
Lose verbunden, weltweit verstrickt - Geschichten von globaler Ausbeutung

Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den Argentinier Rámon. Sachin muss in Neu Delhi als alleinstehende, seltene weibliche Essenslieferantin die Existenz ihrer kleinen Familie sichern. Der Erzähler reist mit einem Freund zur Haartransplantation nach Istanbul und trifft dort auf den studierten Essenslieferanten Resul. Ciervo versucht in Argentinien der drohenden Armut als Essenslieferant und Onlinespieler zu entgehen. Akiny findet in Kenia endlich Arbeit auf einer Rosenfarm.

All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.
153 reviews
March 8, 2026
Wie ich sie verfluch(t)e: mit leisen Elektrorollern fahren sie auf Radwegen und über Fußgängerbrücken, schneiden eine im Überholen von links und von rechts und bescheren damit mehrere Schrecksekunden - Essenslieferanten. Zwar war mir klar, dass sie in prekären Lebensumständen leben, trotzdem waren sie mir ehrlichgestanden des Öfteren ein Ärgernis. Tomer Gardi hat dem Abhilfe verschaffen und liefert mit "Liefern" ein eindringliches Bild von den Menschen, die durch unsere Bequemlichkeit nicht nur prekär, sondern fast schon versklavt leben müssen.

Wir folgen im gesamten Buch, das sich aus mehreren Erzählungen zusammensetzt, schier zahllosen Schicksalen von Menschen, die liefern. Die ihr Glück in einem anderen Land oder einer anderen Stadt suchen und egal was ihr Hintergrund ist, sie finden sich zu dieser undankbaren Arbeit, die ihnen vor allem eines beschert: Stress. Und kaum Verdienst. Sie müssen kämpfen, um ihren Online-Status nach oben zu treiben, den jede schlechte Bewertung könnte ihnen zum Verhängnis werden und ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen.

Aber wer glaubt, Gardi tut das mit erhobenen Zeigenfinger, der irrt. Die meisten Einzelschicksale werden humorig erzählt, wir lernen Lieferanten und Lieferantinnen aus und auf der ganzen Welt kennen, erfahren Momentaufnahmen aus ihrer Biographie, hetzen mit ihnen von Auftrag zu Auftrag, verweilen mit ihnen beim Fischen und beim Erzählen über ihr Leben, lernen andere Personen kennen, die die ein oder andere Berührung mit ihnen hatten, staunen über Absurdes und darüber, dass eine Geschichte dann plötzlich abbricht.

Die Figuren, die Gardi schildert, sind nicht zwangsläufig sympathisch, oft nerven sie sogar gewaltig - besonders zu Beginn, im ersten Kapitel "Indie-Go", in dem wir Filmon als Lieferant in Israel begleiten, dachte ich mir manchmal: ich werde dieses Buch nicht beenden können, die Art und Weise dieses Typen ist einfach nur nervig. Nächste Szene, nächste Protagonist*innen und es wurde besser. Ich kann nicht leugnen, dass das Buch bis zum Schluss ein kleiner Lesekampf war, teilweise war es etwas schwer, die Zusammenhänge zusammenzubekommen, ABER: das Buch hallt nach und erst nach Beendigung fand bei mir der Prozess der Begeisterung statt. Langsam dämmerte mir, wie genial der Autor die Zusammenhänge der Figuren global zusammenführt. Und wie gesellschaftskritisch er dabei agiert, unterschwellig, denn es muss erst sickern. Es gibt viele Leerstellen, Geschichten die begonnen und nicht fertig erzählt werden, aber die Lebensgeschichten, über die wir lesen, sind nur Einzelaufnahmen und alle teilen sie das selbe Schicksal: sie sind dem kapitalistischen System ausgeliefert.

Mein Fazit: "Liefern" ist ein rasanter Roman in Episoden, der es weiß, die unterschiedlichen Protagonist*innen fein miteinander zu verweben und ihre Gemeinsamkeiten unterschwellig herauszuarbeiten. Es ist ein kritisches Buch, dass erst verdaut werden muss, ehe es seine vollkommene Wirkkraft entfaltet. Eine klare Leseempfehlung, die aber Durchhaltevermögen voraussetzt.
36 reviews
March 10, 2026
Humorvolle und kritische Einblicke in die Welt der Lieferfahrer

Der Roman „Liefern“ von Tomer Gardi greift ein sehr aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema auf: die Arbeitsrealität von Essenslieferanten und anderen Dienstleistenden in der Plattformökonomie. Gerade in Zeiten von Liefer-Apps und digital vermittelter Arbeit eröffnet das Buch einen Blick auf eine Welt, die für viele Menschen alltäglich ist, über die man jedoch oft nur wenig weiß.
Der Roman ist in mehrere Episoden gegliedert, die an unterschiedlichen Orten der Welt spielen – unter anderem in Berlin, Tel Aviv oder Buenos Aires. In diesen einzelnen Geschichten begleitet man verschiedene Figuren, die als Lieferfahrer arbeiten und häufig einen Migrationshintergrund haben. Sie alle versuchen, unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Dabei geht es nicht nur um Arbeit, sondern auch um Themen wie Migration, Zugehörigkeit, Familie, Hoffnung und Zukunft.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Gardi gesellschaftliche Kritik mit einer teilweise humorvollen und sehr lebendigen Erzählweise verbindet. Manche Szenen sind durchaus witzig oder leicht erzählt, gleichzeitig wird aber immer wieder deutlich, wie prekär die Lebenssituationen vieler Figuren sind. Das Lachen bleibt einem daher gelegentlich im Halse stecken, wenn sichtbar wird, wie stark Ungleichheit, Ausbeutung oder fehlende Perspektiven den Alltag der Lieferfahrer prägen.
Die Figuren wirken meist nahbar und sympathisch, ihre Geschichten zeigen unterschiedliche Facetten von Flucht, Neuanfang und dem Versuch, irgendwo anzukommen. Dadurch entsteht ein globales Panorama von Menschen, deren Leben sich zwar an verschiedenen Orten abspielt, die aber mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen.
Allerdings wirkt die episodenhafte Struktur nicht immer ganz rund. Manche Geschichten beginnen vielversprechend, bleiben aber relativ kurz oder enden recht offen. Dadurch können einzelne Abschnitte etwas fragmentarisch wirken, als würden eher Momentaufnahmen als vollständig ausgearbeitete Erzählungen präsentiert. Gerade gegen Ende entsteht dadurch ein leicht irritierender Eindruck, weil sich nicht alle Handlungsstränge zu einem klaren Abschluss zusammenfügen.
Insgesamt ist „Liefern“ ein origineller und zum Nachdenken anregender Roman, der auf eindrucksvolle Weise auf die Menschen hinter unserem alltäglichen Komfort aufmerksam macht. Trotz kleiner Schwächen in der Struktur überzeugt das Buch vor allem durch sein wichtiges Thema, seine lebendigen Figuren und den gelungenen Mix aus Unterhaltung und gesellschaftlicher Kritik.
Profile Image for Leelo.
60 reviews
March 12, 2026
Im Roman “Liefern” liefert Tomer Gardi einen interkontinentalen Einblick in die Welt der Lieferdienste. Überall etwas anders und doch ist das Prinzip und System auf der ganzen Welt das gleiche. Die Massen verlangen nach Essen - bequem, schnell, an die Tür. Der Markt mit einer Monsterindustrie geantwortet, in der jene, die keine Alternative haben, einmal mehr unter prekären Arbeitsbedingungen das globale Bedürfnis nach Bequemlichkeit befriedigen. Fast Food next Level.
Und hier punktet Gardi mit seinem Buch - er gibt der gesichtslosen Massenware Arbeitskraft, die vor unserer Tür auftaucht und wieder in der Anonymität verschwindet, eine Geschichte, Motive, Identität und ein Gesicht. Er benennt das System der Ausbeutung dahinter, zeigt, wie Menschen zu einer Nummer von vielen werden und weshalb. Vielleicht denken wir das nächste Mal darüber nach, bevor wir für den gerade erhaltenen Service eine Bewertung abgeben. Darüber, was ein einfacher Klick für einen anderen Menschen bedeuten kann. Darüber, dass dieser Lieferant auch ein Mensch ist - keine Maschine! -, der in und mit seinen Umständen lebt. Und vielleicht überkommt uns auch etwas Nachsicht mit den verrückten Kamikazefahrern, die von Nachfrage und Industrielogik getrieben, auf den Strassen buchstäblich unseren Weg kreuzen. Message delivered!
Gelungen ist Gardi auch der Textfluss - leicht getrieben, eine Kaskade an Schwadronieren und Fokus in einem, eine faszinierende Mischung aus Alltag und Aussergewöhnlichkeiten. Es war schwer, das Buch zur Seite zu legen, wenn ich mal drin war. Es hat mich allerdings nicht gerufen, wenn ich es nicht in der Hand hatte. Dafür gab es zu viele Teile, die für mich zu wenig in die Hauptthematik reingepasst haben. Glatzköpfige Männer auf ihrer Suche nach Erlösung, eine verliebte Studentin in Indien, eine Mutter, die ihren verlorenen Sohn nicht loslassen kann - sie waren für mich eher Ablenkung, haben mit ihrer Ausführlichkeit zu weit vom Fokus und dem Grund abgelenkt, weshalb ich dieses Buch eigentlich interessant fand.

“Liefern” war für mich im Kernthema interessant und fesselnd, hat mich aber an Nebenschauplätzen verloren, die zu breit ausgetreten wurden. Obwohl ich dieses fragmentierte Erzählen grundsätzlich gerne lese, war die Sache hier für mich nicht ganz rund.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und dem Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.
Profile Image for Fatma.
86 reviews34 followers
March 3, 2026
Der Roman „Liefern“ von Tomer Gardi ist ein episodisch aufgebautes Werk, das unterschiedliche Figuren und Lebenswelten miteinander verknüpft. Die Geschichten erzählen von Migration, Arbeit, Identität und Zufall und das anhand von Charakteren, die fast immer am Rand der Gesellschaft leben bzw. Teil der modernen Welt sind, aber von vielen nicht beachtet werden.

Inhaltlich haben mich die meisten der einzelnen Storys durchaus interessiert. Sie sind spannend konstruiert, teilweise überraschend und leben davon, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander verbunden sind – oft auf unerwartete Weise. Gerade dieser Gedanke, dass wir alle, ob bewusst oder unbewusst, miteinander verknüpft sind, hat mich zum Nachdenken angeregt. Das Buch eröffnet damit interessante Perspektiven auf gesellschaftliche Zusammenhänge und die Frage, ob unsere Verbundenheit mit anderen ein Vor- oder Nachteil ist.

Allerdings konnte mich der Schreibstil nicht wirklich überzeugen. Die häufig wechselnden Perspektiven innerhalb einzelner Episoden – teils sogar innerhalb eines Absatzes – wirken auf mich ziemlich verwirrend.. Oft fiel es mir schwer, zeitlich einzuordnen, was wann geschehen ist und auch die Reihenfolge der Ereignisse.
Hinzu kommen sprachliche Ungereimtheiten: Manche Formulierungen wirken gestelzt, an anderen Stellen irritieren Ungenauigkeiten oder Brüche – etwa wechselnde Namen (River wird zu Silver, Leandro zu Leonardo, Resuls Frau trägt plötzlich einen anderen Namen), Auch einzelne Figuren wie etwa der Muskelmann, der im Teil "Mimesis" mehrmals erwähnt wird und dann aber in der Geschichte von Filmon und Pavan einmal zur Sprache kommt ohne Kontext und nie wieder auftaucht, haben mich ziemlich irritiert.

Teilweise greifen die Episoden zudem auf Klischees zurück, was der sonst so vielschichtigen Story etwas die Tiefe nimmt. Das letzte Kapitel und insbesondere das Ende empfand ich als sehr merkwürdig - wo war die Verbindung zum Rest des Romans und das Ende war viel zu offen. Ich habe das Gefühl, dass es sehr schnell geschrieben worden ist und deshalb nicht die Stärke von den vorangegangenen Teiles des Buches hat.

Insgesamt ist „Liefern“ ein Roman mit starken inhaltlichen Ansätzen und spannenden Verknüpfungen, der jedoch stilistisch und strukturell mich nicht ganz überzeugt hat.
17 reviews
Review of advance copy
January 30, 2026
"Willkommen im globalen Dorf"

Dieses Buch ist absolut empfehlenswert, eigentlich sollte niemand nach dem Lesen des Klappentextes überlegen müssen, ob mensch das Buch lesen möchte, denn dieser bringt den Inhalt des Buches schon gut auf den Punkt und beschreibt die Atmosphäre des Romans sehr gut. Aber für alle, die sich noch unschlüssig sind, ein paar mehr Argumente warum „Liefern“ von Tomer Gardi für 2026 ein ‚must read‘ ist: Es gibt das Sprichwort ‚Die Welt ist ein Dorf‘, gerade durch die Globalisierung ist die Erde noch mehr zu einem solchen geworden. Das wird auch in „Liefern“ deutlich, dessen Erzählung sich über fast alle Kontinente erstreckt und die Schicksale und Geschichten der einzelnen Menschen miteinander verwebt und zusammenführt. Wie ein Kaleidoskop erhält der Lesende Einblick in die Leben der Protagonist:innen, nicht alles Liefernde, Momentaufnahmen, die nicht immer zu Ende geführt werden, sondern teilweise offen gelassen werden, sodass es an der Imagination des Lesenden ist die Geschichte weiter zu spinnen.
Gardi schreibt in einer klaren Sprache, mit einem Auge für Details und vor allem auch immer mit Blick auf die Gefühlswelt der Protagonist:innen. So zeichnet er seine Charaktere mit all ihren Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen und Stärken, manche belgeitet der Lesende in der Erzählung über ein paar Jahre, manche nur für ein paar Tage und dennoch hat mensch bei allen das Gefühl sie nach der Lektüre besser zu verstehen. Und wenn alle nach der Lektüre mehr Verständnis aufbringen, wenn eine Lieferung Mal später kommt, dann hat das Buch neben einem sehr guten Leseerlebnis schon sehr viel erreicht!
Eine ganz klare Leseempfehlung für alle, egal welches Genre man sonst gerne liest, denn dieses Buch öffnet die Augen über soziale Ungerechtigkeiten, veranschaulicht an Einzelschicksalen und ist gleichzeitig fast eine Sozialstudie unserer globalisierten Klassengesellschaft. Eignet sich auch ganz wunderbar als Geschenk!
192 reviews
February 22, 2026
Lieferanten sind überall – und doch nimmt man sie kaum wahr. Genau das ändert Tomer Gardi mit seinem Roman Liefern. Das Buch hat mich wirklich beeindruckt, weil es einer Gruppe von Menschen eine Stimme gibt, mit der man sich sonst viel zu selten beschäftigt.

Schon das Cover ist ein echter Hingucker: der knallblaue Hintergrund, darauf der Lieferant in einem orangen Pfeil, der an Google Maps erinnert. Dieses Motiv passt perfekt zum Inhalt, denn genauso wie die Lieferanten ständig unterwegs sind, kommt man auch beim Lesen viel herum – geografisch wie emotional. Man reist durch verschiedene Städte und Kontinente und taucht immer tiefer in die Leben der Protagonist*innen ein.

Der Roman verknüpft mehrere Geschichten zu einem großen, weltumspannenden Mosaik. Da ist Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflohen ist und als Lieferant unter falschem Namen arbeitet, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Sein Ziel ist es, genug Geld zu verdienen, um seine Familie nach Berlin zu holen. Parallel dazu begleiten wir seine Frau und Tochter beim Deutschlernen, eine Lehrerin, die nach Delhi reist, eine Liebesgeschichte, die Kontinente verbindet, und einen Erzähler, der von Istanbul bis Buenos Aires unterwegs ist. All diese Episoden greifen ineinander und zeigen, wie eng unsere Welt eigentlich verbunden ist – auch wenn sie sich für viele Menschen so zerbrechlich anfühlt.

Liefern erzählt von Ausbeutung, Rassismus und Unsicherheit, aber auch von Liebe, Hoffnung und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Der Roman ist politisch, international und gleichzeitig erstaunlich leichtfüßig geschrieben. Manche Passagen fordern Aufmerksamkeit, aber gerade das macht das Lesen interessant.

Für mich ist Liefern ein sehr lesenswerter, kluger Roman, der den Blick auf den Alltag – und auf die Menschen, die ihn am Laufen halten – nachhaltig verändert. Ein starkes Buch, dem ich gerne 4 Sterne gebe.
101 reviews1 follower
Review of advance copy
January 31, 2026
Ausbeutung
Dieses Buch ist die Geschichte von Essenlieferanten. Sie spielt in verschiedenen Kontinenten der Erde. Berlin, Istanbul, New Dehli, Buenos Aires und Tel Aviv.
Um Männer und Frauen die verzweifelt versuchen, ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen anderen Menschen ihr Essen zu liefern. Alles immer schnell, freundlich, fehlerfrei. Sonst droht eine schlechte Bewertung. Mit einer schlechten Bewertung gibt es weniger Aufträge, dadurch weniger Geld. Ein perfides System. Denn in den meisten Ländern gibt es die (trotz allem) begehrten Plätze nur über korrupte Mittelsmänner. Auch in Berlin.
Tomer Gardi hat an mehreren Schauplätzen recherchiert und mit den Essensboten gesprochen.
Er schreibt nicht nur einen fundierte Geschichte, sondern er schafft es auch noch diese globalen Geschichten durch dünne Fäden kunstvoll miteinander zu verbinden. Die meisten Schnüre verknoten sich in einer Sprachschule in Berlin. Dort unterrichtet Nina, die für ein Auslandssemester nach Indien geht. Dort ist eine junge Mutter, die, von dem Mann verlassen versucht durch Essenslieferungen sich und ihren kleinen Sohn durchzubringen. Nina lernt dort Ramon kennen und telefoniert dann im letzten Kapitel mit dessen Mutter aus Buenos Aires.
Wenn du dir häufiger mal was liefern lässt, dann solltest du dieses Buch lesen. Wenn nicht, dann auch. Es geht um Ausbeutung und Rassismus, aber auch um Familie und Liebe. Denn auch diese Lieferanten sind nur Menschen und machen schon mal einen Fehler. Für verzögerte Lieferzeiten können sie häufig nichts, müssen aber die volle Verantwortung übernehmen. Sehr gesellschaftskritisch und politisch. Doch durch die persönlichen Schicksale kommen mir diese Menschen sehr nahe.
Ein spannender Pageturner, dieses menschenverachtende System auf unterhaltsame Weise aufdeckt.
Profile Image for SarahJaneBooks.
26 reviews
Review of advance copy
January 31, 2026
Wie sieht das Leben aus derjenigen, die unsere Essensbestellungen ausliefern? Irgendwie haben wir alle abstrakt schon mitbekommen, dass die Arbeitsbedingungen nicht gut sind, es quasi keinen Kündigungsschutz dafür umso mehr Druck gibt und die meisten Lieferanten offiziell selbstständig sind. Tomer Gardi geht dem mehr auf den Grund. Er erzählt von Lieferdiensten auf vier Kontinenten und auch, woher eigentlich die Rosen, die wir täglich kaufen können, auch im Winter stammen. Allen Protagonist*innen ist gemein, dass ihre Lebens- und Arbeitssituation (fast) prekär ist. Wie so häufig: ein abstraktes Unrecht, oft: des Kapitalismus und der sowieso Benachteiligten, an einzelnen Personen mitzuerleben, hilft. Das war auch hier wieder der Fall.

Der Schreibstil war sehr leicht zu lesen - ich bin durch die einzelnen Kapitel durchgeflogen und wollte gleich weiterlesen. Dennoch schafft Gardi es, dass jedes Kapitel und damit jede*r Protagonist*in etwas anders klingt.

Persönlich am wenigsten gefallen hat mir der Teil in Istanbul. Dort standen zwei Touristen im Vordergrund. Die treffen zwar einen Kurier, der ihnen seine Geschichte erzählt - und dabei nicht nur die Bedingungen und Gefahren für Kuriere schildert, sondern auch, wie das türkische Bildungssystem (nicht) funktioniert. Dieser Kurier und seine Präsenz tragen die Geschichte aber nicht wie bei den anderen Städten, was ich etwas schade fand.
4 reviews
Review of advance copy received from Publisher
February 11, 2026
Liefern von Tomar Gardi war für mich wie eine Weltreise, nicht als ein Tourist, sondern eine Reise durch die harte Realität für die Menschen, die an verschiedenen Orten leben. Ich kannte es schon, Essenslieferanten fahren immer sehr schnell, damit die Kunden ihr Essen schnell genug bekommen, aber nie habe ich gedacht, dass ihre Arbeit und ihr Leben davon abhängen. Wie die Lieferanten alles riskieren, um ein besseres Leben zu haben. Wie eine niedrige Bewertung ihre Arbeit beeinflussen kann. Viele Charaktere in diesem Buch, obwohl die fiktiv sind, wirken ganz echt. Das Leben ist nicht einfach für diese Leute.

Filmon aus Eritrea arbeitet als Lieferant in Israel. Er vermisst seine Frau und Tochter. Er arbeitet so hart wie möglich. Obwohl die Bedingungen schlecht sind, ist es humorvoll, und als er versucht, mit Abraham Deutsch zu üben, musste ich lachen. Als Inderin finde ich Geschichte aus Indien besonders interessant. Die Essenslieferantin Sachin war für mich ganz außergewöhnlich. Ich kenne einige Frauen, die wie Männer arbeiten, um ihre Familie zu kümmern. Vielleicht deswegen hat der Autor den Namen 'Sachin' (hauptsächlich männlicher Name) hier genommen. Jede Geschichte hat Leute, die es nicht leicht haben und die ihr Bestes geben, um ein besseres Leben zu haben. Für mich war es wirklich ein Perspektivwechsel. Ich empfehle dieses Buch sehr.
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Review of advance copy
January 29, 2026
Irgendjemand bezahlt immer den Preis...

In Episoden schildert der Autor das Leben der Task-Arbeiter, die uns Essen liefern oder Rosen für den Valentinstag. Einwanderer, die sich im Schatten durchschlagen müssen - aber auch besser situierte Menschen, die nur durch Zufall über das Leben am anderen Ende der Skala stolpern.
Der Autor schildert, wie die Lieferanbieter ihren Algorithmus auf Kosten der Fahrer schnittiger machen, wie eine schlechte Bewertung direkte Auswirkungen auf deren EInkommen hat und wie sich findige Vermittler in den Grauzonen der Legalität breit machen.
Die einzelnen Episoden sind zum Teil miteinander verbunden, manchmal nur durch einen kurzen Gastauftritt bereits bekannter Personen. Man lernt viele Menschen kennen, gewinnt viele bunte Eindrücke aus vielen Ecken der Welt - und schlägt das Buch mit einem gewissen Gefühl der Dankbarkeit zu, dass man in einer der wohlhabenden Bubbles der Welt leben darf.
Und ganz sicher macht man sich bei der nächsten Lieferbestellung ein paar mehr Gedanken über die Situation der Menschen, die dann an der eigenen Tür klingeln.
Mir gefällt die sehr menschliche Erzählweise - auch in den kurzen Episoden taucht man direkt ein und nimmt teil. Sehr schön erzählt, liefert nicht nur Lese- sondern auch eine Menge Denkstoff.
Profile Image for that library bookworm.
8 reviews
February 16, 2026
Tomer Gardi hat in den verschiedenen beschriebenen Städten seine Recherche betreiben und das spürt man. Man erfährt vieles über die Kultur, den Geschichten der einzelnen Personen, den Menschen und ihrer Religion. Ebenfalls erhält man Einblicke in die Schwierigkeiten, die Armut und den hohen Stress, welchen die Ausliefer ausgesetzt sind. Zwar springt man viel zwischen den Figuren und Ländern hin und her, aber das stört wenig, da diese häufig miteinander verbunden sind.
Die Kapitelnamen und das Buchcover sind sehr auf den Punkt gebracht, wodurch man einschätzen kann, was einen erwartet.

Allerdings hatte ich mir was anderes erhofft. Zwar stehen die Auslieferer im Vordergrund, sind aber nicht immer Hauptperson. Häufig wird auch von anderen Personen erzählt, die nur eine Randfigur des Ganzen sind. Deren Geschichte wird allerdings so umfangreich behandelt, weswegen ich mich häufig gelangweilt und gequält habe. Viele Personen und Szenen fand ich überzogen oder unpassend. In viele Figuren konnte ich mich ebenfalls sehr schlecht hineinversetzen, manche empfand ich auch als klischeehaft.
Kurz gesagt, anhand der Leseprobe hatte ich mir etwas anderes erhofft, was nur zum geringen Teil erfüllt werden konnte
Profile Image for Joanna.
14 reviews
February 22, 2026
Das Cover von "Liefern" ist schlicht, aber sehr wirkungsvoll gestaltet. Es transportiert bereits visuell das zentrale Thema des Buches und passt gut zur eher nüchternen, realitätsnahen Erzählweise. Die Gestaltung wirkt durchdacht und unterstützt den Inhalt, ohne viel vorwegzunehmen.
Inhaltlich wirft das Buch einen ehrlichen Blick auf die Arbeitswelt von Auslieferern. Ohne ins Detail zu gehen, begleitet man Menschen, die in einem körperlich und mental forderden Job arbeiten, der im Alltag oft übersehen oder als selbstverständlich wahrgenommen wird. Besonders gelungen find eich, dass nicht nur die äußeren Arbeitsbedingungen gezeigt werden, sondern auch die Auswirkungen auf das Privatleben, die Psyche und das Selbstbild der Figuren. Das Buch hat mir dadurch einen neuen Blick auf diese Berufsgruppe gegeben und mein eigenes Konsumverhalten zumindest zum Nachdenken gebracht.
Der Schreibstil ist direkt, klar und gut verständlich. Gleichzeitig wirkt er nicht trocken, sondern nah an den Figuren. Dadurch fällt es leicht, in die Geschichte hineinzukommen und sich auf die Perspektiven einzulassen. Die Sprache unterstütz die Ernsthaftigkeit des Themas, ohne belehrend zu wirken.
2,343 reviews13 followers
February 15, 2026
Zum Inhalt:
Filmom arbeitet ohne Arbeitserlaubnis unter falschem Namen in Tel Aviv als Lieferant. Geflüchtet aus Eritrea will er genug Geld verdienen, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum. Nina reist nach Delhi zu einem Auslandssemester, wo sie sich in dem Argentinier Ramon verliebt. Diese und weitere Episoden umfasst das Buch.
Meine Meinung:
Das Buch verlangt schon einiges von einem ab, denn es ist kein klassischer Roman, sondern ein zum Teil verwirrendes Werk, dass für den Leser extrem herausfordernd ist. Immer wieder hatte ich auch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, weil mir plötzlich was fehlte, aber genau das führt auch dazu, dass man sich intensiv mit der Lektüre befassen muss. Thematisch ist es ein Buch, dass auch aufrüttelt, weil der Finger auf Wunden gelegt wird, über die man vorher nicht mal nachgedacht hat. Würde ich das Buch empfehlen? Schwierig, da bestimmt nicht massenkompatipel, aber nicht uninteressant.
Fazit:
Keine leichte Lektüre
Profile Image for Yellowistheone.
18 reviews
Review of advance copy received from Publisher
January 30, 2026
Der Titel des Buches ist sehr gut gewählt - und wir bekommen einen Einblick, wie es ist, wenn "liefern" die einzige Option ist. Auch im Sinne von "abliefern", weil das erwartet wird.
Verschiedene Handlungsstränge werden hier mehr oder weniger eng miteinander verknüpft, nicht zu gewollt, sondern gerade mit der richtigen Brise Zufall. Wir lernen verschiedene Schicksale kennen, die, um zu überleben, anzukommen, weiterzukommen, etwas zu "werden", sich im Niedriglohnbereich wiederfinden und eben liefern müssen.
Der Autor hat ausgiebig recherchiert, die Schauplätze und Personen wirken echt und aus dem Leben gegriffen. Abgebrüht genug, um das Leben, das ihnen da gegeben wurde, nicht mit jammern zu vergeuden sondern um irgendwie durchzukommen.
Mir hat das Buch mit seinen kurzweiligen Einblicken in das Leben Anderer sehr gut gefallen. Es erlaubt einen, soweit ich das beurteilen kann, authentischen Blick hinter die Kulissen unserer Lieferdienstgesellschaft.
160 reviews
Review of advance copy
January 31, 2026
Wenn man das Buch vor sich hat, kann man mit dem knappen Titel und dem schlichten Cover ersteinmal nur erahnen, worum es geht. Mich hat das Buch dennoch neugierig gemacht. Der Einstieg fällt leicht, der Schreibstil ist angenehm. Es geht um die Lieferdienste, die Essen und Einkäufe nach Hause liefern um besser gestellten Menschen einen gewissen Luxus zu ermöglichen. Ob sie da jemand Gedanken um die prekären Bedingungen macht unter denen das geschieht? Dieses Buch beschreibt die Schicksale verschiedener Rider in unterschiedlichen Ländern. Doch eines verbindet sie alle: Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und einem menschenwürdigen Leben. Ein Job der zum Leben reicht. Mir gefällt es gut, wie die Geschichten verwoben sind und dass sie teilweise die Personen aus unterschiedlichen Kapiteln begegnen. Eine super durchdachte Geschichte, die aufhorchen lässt. Ich empfehle das Buch gerne weiter.
Profile Image for Agnieszka Hofmann.
Author 24 books57 followers
February 19, 2026
Tomer Gardi zabrał mnie do Tel Avivu, Berlina, Stambułu, Buenos Aires. To opowieści o prekariacie, szczególnym o tyle, że ich bohaterowie zwykle są dla większości niewidzialni, a jeśli już, to dostaną napiwek i git, albo falę bluzgów. A to - dostawcy jedzenia - ludzie przecież, często dobrze wykształceni, zawsze marzący o lepszym życiu, często żyjący na marginesie społecznym, na skraju kultur i języków. Gardi nie uprawia tu taniego sentymentalizmu, ale traktuje swoich bohaterów po ludzku, z wyrozumiałością, sympatią, zrozumieniem. I zagłębia się w ich życia tak głęboko, że powstaje ten rodzaj zanurzenia, który lubię najbardziej - gdy hermetyczne, kompletnie nieznane mi światy stają się znajome i oswojone. Ciekawy jest jest myk z zazębianiem się tych historii, o włos, o przypadek, o ślepy traf. I pochłania się je jednym tchem.
2 reviews
March 27, 2026
Ehrlicher Einblick in das Prekariat verschiedenster Länder. Zeigt doch wie ähnlich die Verhältnisse sind unter welchen einfache Arbeiter:innen leiden. Ein Geschichte zur Organisierung via WhatsApp zeigt aber auch wie eine Änderung möglich sein kann.
Nervig ist leider, dass an manchen Stellen sehr deutlich bemerkbar ist, dass das Buch von einem Mann verfasst wurde und Sexismus reproduziert wird.
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