Die bipolare Nation: Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten | 250 Jahre USA: Die süß-saure Würdigung eines fremd werdenden Freundes
Von der Gründung zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum chaotischen Faktor, von der Verheißung zur die gemischte Bilanz der amerikanischen Epoche.
Die Vereinigten Staaten haben sich und der Welt ungeheuer viel geschenkt – und ähnlich viel zugemutet. Philipp Gasserts Bilanz der amerikanischen Geschichte und ihres internationalen Einflusses ist ambivalent und so erhellend wie ernüchternd, wenn er nachzeichnet, wie tief die kaum zu überbrückenden Widersprüche, die heute so offen zutage treten, in der Gründung und der Geschichte des Landes verwurzelt sind.
Für manche sind die USA der „große Bruder“, für andere wiederum sind sie das Epizentrum globaler Krisen. Zum 250. Jahrestag der Amerikanischen Revolution entwirft der Historiker Philipp Gassert ein ausgewogeneres Bild. Indem er die widersprüchliche Entwicklung der USA nachzeichnet, gibt er uns Lesern Orientierung in einer Zeit, in der (zurecht) vieles infrage gestellt wird.
Die USA sind ein Paradebeispiel für Ambivalenz und Bipolarität. Ihre inneren Widersprüche existieren seit jeher in Spannungsfeldern wie „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ und Rassismus, Massenkonsum und Umweltzerstörung, Liberalisierung und Imperialismus. Und gerade weil die USA ein Land der Einwanderer sind, sind dort oft gesellschaftliche Diskussionen um Werte wie Freiheit oder Gleichberechtigung früher behandelt worden als anderswo. Mit Blick auf die Gegenwart lässt sich somit verstehen, was am aktuellen US-Präsidenten „Mr T.“ eigentlich so neu ist – aber dass auch er in der Tradition zahlreicher Debatten steht, die die USA seit vielen Jahrzehnten durchziehen.
Philipp Gasserts Perspektive des Sowohl-Als-Auch hilft, emotionsgeladene Urteile zu hinterfragen. Mir persönlich hat unter anderem die Beschäftigung mit der Iran-Contra-Affäre gefehlt. Diese offenbart meiner Meinung nach ein elementares Schema US-amerikanischer Außenpolitik nach 1945, nämlich verdeckt zu operieren. Die Zahl der Beispiele ließe sich beliebig erweitern und so ließe sich auch ein weiterer Punkt verstehen, warum der Unmut über die USA in den letzten Jahren so gewachsen ist.