Ich bin rezeptionsästhetisch geschult genug, um zu wissen, wie sehr das Lektüreergebnis von den Überzeugungen abhängt, mit denen man an einen Text herangeht. Und so wird das Buch alle diejenigen schwerlich überzeugen, die schon vorher wissen und immer schon gewusst zu haben meinen, dass man "sein Heimatland" verteidigen müsse. Puhhh, Nestbeschmutzer, undankbarer Nutznießer von Freiheit und Demokratie und so. Geschenkt. Andere, die - wie ich - Kriege abstoßend und eigentlich "sinnlos" finden und deswegen der Idee, in selbige zu ziehen oder ihre Kinder dorthin zu schicken, eher ablehnend gegenüber stehen, werden aber gerade deshalb noch manch interessante Idee finden, die die eigene Meinung weiter qualifizieren und modifizieren kann. Argumente gegen Kriege, gegen Wehrdienste, gegen Patriotismus und anderen Unsinn findet man sowieso. Von daher lohnt die Lektüre gerade für diejenigen, die sich als Pazifisten begreifen oder aus anderen Gründen Kriege prinzipiell ablehnen.
Das ganze Elend beginnt nach Ole Nymoen schon mit der Konstruktion vom "Heimatland". Freilich gibt es "Heimat", aber die liegt halt für einen Norddeutschen nicht im Allgäu. Als "Landsleute" begreifen sich regional verwurzelte Menschen nur insofern, als ihnen ein historisch gewordener Staat, den sie nicht gewählt haben und den sie auch nicht abwählen können, ein "Land" vorgaukelt, von dem schon traditionell meist im Kollektivsingular gesprochen wird: "Unser" oder gar "mein Land"? Nymoen stellt nun konsequent die Frage, die ich meinen ukrainischen Schüler/innen schon vor 2014 gestellt habe: Wie viel "Land" gehört euch? Was ist, wenn ihr von "unserem Land" sprecht, "euer"? Ist es nicht vielmehr so, dass z.B. den Oligarchen, die Fabriken, Bergwerke und Schürfrechte im Donbass besitzen, "Land" wirklich gehört, von dem die anderen nur träumen und das sie sich oft als Häuslebauer nicht leisten können? Und genauso ist es gekommen: Heute tragen dort arme Leute, denen im Donbass nichts gehört und die die dort lebenden oder dorthin gekommenen Kämpfer vorher nie als "Feinde" begriffen hätten, ihre Haut auch noch für "unsere Werte", "unsere Sicherheit" (alles EU!) usw. zu Markte. Meint: Der Staat ist ein Machtsubjekt, das Interessen (der Reichen) vertritt und sich dafür das Recht anmaßt, Menschen in den Tod zu schicken. Kriege sind also nicht "sinnlos"; sie folgen Interessen, die zu verschleiern all das Gerede von "Freiheit", "Werten", "Patriotismus" usw. gerade gut genug ist. Nix als Gedöns.
Dafür würde der Autor nicht in den Krieg ziehen- ich auch nicht. Dabei ist doch aber ein Leben in "Freiheit" und "Demokratie" (Stimme abgeben!) besser als das in einer Diktatur, oder? Freilich. Nur dass die Freiheit in dem Moment endet, in dem staatliche Interessen wirklich berührt werden. So hat der Autor natürlich die Freiheit, seine Meinung in Buchform unters Volk zu bringen. Aber, so fragt Nymoen zu Recht, hätte er auch die Freiheit, im Falle, dass der Staat in einen Krieg eintritt bei seiner Kriegsdienst- Verweigerung zu bleiben? Nein, dann käme in Deutschland wie in der Ukraine die Feldgendarmerie und man würde im besten Falle im Knast landen, im schlechteren würde man standrechtlich erschossen. Und ob es wirklich besser ist, seine Arbeitskraft demokratisch (wo gibt es am Arbeitsplatz Demokratie?) zu Markte zu tragen, wo man das - inklusive des Konsumismus - auch in China tun könnte, ist angesichts der Alternative "Tod oder Leben" zumindest fraglich. Was wohl stimmt, denn DDR- Bürger konnten ungestört zur Arbeit gehen und litten nicht täglich unter der Diktatur. Ob man darunter "leidet", ist eine politische und meist keine lebenspraktische Frage. Die meisten DDR- Bürger vermissten die Freiheit viel weniger als den ungehemmten Konsum, der ihnen via Westfernsehen versprochen wurde. Von daher kann man also kapitulieren, um sein Leben und das seiner Familie wie das anderer Menschen zu erhalten, denn "zur Arbeit gehen" kann man in jedem System.
Und was ist dann mit den Vergewaltigungen der Russen in Mariupol usw.? Hätte die Sowjetunion also gegenüber Hitler kapitulieren sollen? Hier unterscheidet Nymoen trennscharf zwischen einem Krieg (aus welchen Interessen auch immer) und eine Vernichtungskrieg. Will ein Regime Land, Rohstoffe, Arbeitskraft etc., wird es, um in den Genuss dieser Güter zu kommen, fremde Arbeitskraft schonen und ausbeuten (wie jeder schnöde Kapitalismus). Anders ist das, wenn man Vertreter/innen anderer Völker aus rassistischen Gründen als "lebensunwert" abqualifiziert. Dann haben die Betroffenen aus Gründen des Überlebens keine Wahl, weswegen es kaum verwundert, dass die Sowjetmenschen inklusive der Lagerhäftlinge auch unter Stalin erbittert ihr Leben gegen die Hitlersoldateska verteidigten. Einsichtig wird, wozu die Qualifizierungen Putins als "Putler" oder "neuem Hitler" dienen sollen. Suggeriert wird, die Russen hätten Vernichtung im Sinn. Warum? Weil sie Russen sind? Da wären wir dann wieder beim Original, nämlich bei Hitler und seiner bis heute tief sitzenden Rassenideologie.
So dekonstruiert der Autor der Reihe nach die der Presse wie den Geschichtslehrbüchern (letztere erfreulicherweise immer noch relativ wenig) lieb gewordenen bürgerlichen Staatsrechtsphrasen, die vor der kapitalistischen Verrechtlichung und Kodifizierung als Ausdruck von Eigentumsrechten keinen Bauern hinterm Ofen hervorgelockt hätten. Welchen Sinn hätte es auch gehabt, einen landarmen oder landlosen Bauern zum Kampf "für sein Land" aufzurufen? Im 15. Jahrhundert war das noch konkret genug, um Schulterzucken hervorzurufen; seit dem 19. Jahrhundert hat die Schizophrenie kapitalistischer Ökonomie die Individuen so weit geformt, dass sie sich mit etwas identifizieren, was ihnen nicht gehört, dass sie Ziele teilen, die nicht ihre Ziele sind, und dass sie sich so sehr um das "Staatswohl" sorgen, dass man ihnen sogar demokratische und meinungsfreie Spielweisen zugestehen kann, da das für den Staat im Angesicht der weitegehenden Identifikation der Leute mit "ihrem Staat" völlig ungefährlich ist. Würde es gefährlich, wie es die Kommunisten in den 50er Jahren waren, würde man das sofort wieder unterbinden, die Parteien verbieten usw. Das wäre zwar nicht im Sinne des Volks- wohl aber in dem des Staatswohls. Und so ist es auch im Kriegsfall. Das Volk hat nix vom Krieg, weder in der Verteidigung "ihres" Staates noch im Falle der vom eigenen Staat ausgehenden Aggression. Dass Völker so etwas dennoch nicht verhindern können, dass Mehrheiten gegen Krieg und Waffenlieferungen sein können und der Staat doch das Gegenteil tut, zeigt deutlich, was "Staat" ist: Eben ein Machtinstrument, an dessen Macht alle frommen Wünsche regelmäßig (seit Jahrhunderten!) zerschellen. Egal, ob in Demokratien (USA) oder Diktaturen (Russland).
Wozu also für fremde Interessen in den Krieg ziehen? Nymoen hat Recht: Never! Und wer's anders sieht, soll sich bitte zuerst an die Front melden, mich aber im Sinne von Meinungs- und Gesinnungsfreiheit ausreisen lassen. Irgendwo hinter den hohen Bergen in einem Tal der Karpaten blühen dann vielleicht doch noch Blumen und wenn der Russe da um die Ecke kommt, kriegt er einen Wodka angeboten. Ich hoffe, wir trinken ihn dann gemeinsam "za mir"!
P.S.: Gerade murmelt man im Radio mal wieder den Unsinn vom "völkerrechtswidrigen" Angriff der Russen auf Zivilisten in Sumi. Im gleichen Atemzug kritisiert der Sprecher Russland dafür, in "völkerrechtlich erlaubten Waffenlieferungen" eine "Eskalation" zu sehen. Völkerrecht? Nymoen weist klug darauf hin, dass niemand im privaten Leben auf die Idee käme, im Moment z.B. eines Messerangriffs auf das Recht hinzuweisen und zu rufen "das darfst du aber nicht"! So ein Ausruf wäre lächerlich oder würde zumindest als Ausdruck von Hilflosigkeit gewertet. Dem potentiellen Opfer ein Messer zuzustecken, wäre dann zynisch. Warum sollte das mit Blick auf "Völkerrecht" anders sein? Wo das "Recht" des Stärkeren gilt, muss man sich was anderes einfallen lassen. Nymoens Buch ist insofern auch ein Aufruf, über Alternativen zur "Staatenkonkurrenz", die in schöner Regelmäßigkeit zu Kriegen und Weltkriegen führt, nachzudenken, statt sich mit neuen Feindbildern verdummen und auf den Feldzug gegen China vorbereiten zu lassen. Dabei hilft es, statt auf die ohnehin nicht wirklich vorhandene "Gemeinschaft" etwa zwischen Armen und Reichen in den historisch- willkürlichen Grenzen eines Landes (warum gibt es das deutschsprachige Österreich?) zu schauen, sich daran zu erinnern, dass überall Menschen (!) wohnen. Es geht eben nicht um "Identität", sondern um den universellen Humanismus eines Immanuel Kant (auch wenn der - wie Nymoen weiß - eine kaum zu verwirklichende Utopie ist). Gott, sind wir blöd! Oder hilft das Buch doch beim Weiter- und Neudenken? Es wäre uns zu wünschen!