Ein zarter Sinnesrausch, Liebe in Zeiten des Weltuntergangs, schöne bildhafte Beschreibungen. Was mir besonders bei Valerie Fritsch gefällt, ist ihr Anspruch, Null-Acht-Fünfzehn-Sprache und -Komposition zu vermeiden, übertreibt es aber auch nicht mit kreativen Formulierungen oder poetischen Landschaftsbeschreibungen, sondern achtet stark auf die Lesbarkeit.
Richtig Fahrt nimmt die Geschichte im zweiten Drittel auf, da finde ich die literarische Kraft fast am stärksten, mit recht robuster Beschreibung der Sexualität der beiden Protagonisten, die Gier der Verzweiflung, die Kompensation von Hunger durch Sex, „zwei ineinandergefallene Skelette, eingenäht in nur eine Haut, die notdürftig die Ecken und Kanten der beiden mageren Körper bedeckte“.
Was man einwenden könnte.
1. die Geschichte ist ja nicht so ganz in unserer Zeit zu verorten, vermutlich irgendwann in der nahen Zukunft. Das sogenannte world creating hätte daher für meinen Geschmack noch etwas stärker ausgearbeitet sein können.
2. Es mangelt mir fast an plastischen Figuren, um das ganze noch lebhafter werden zu lassen. Als Leser befindet man sich fast nur bei den beiden Hauptfiguren. Es treten zwar auch einige Nebenfiguren auf, aber die sind bei weitem nicht so scharf charakterisiert, wie Anton und Frederike.
3. Trotz sprachlichen Stärken muss ich sagen, findet sich streckenweise auch viel Material, an dem noch etwas gefeilt werden könnte: „Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten.“
4. Es ist ein bisschen langweilig und hat mich als Ganzes nicht so richtig begeistert, vielleicht weil ich es nicht so wichtig oder bedeutsam fand.
Fazit: kann man lesen, muss aber nicht. Zu der Autorin würde ich bei interessantem Plot/Inhalt durchaus wieder greifen, weil sie sprachlich in der Szenengestaltung einiges zu bieten hat und ich glaube bei einem geeigneten Stoff, von dem sie selbst mit Haut und Haaren gepackt ist, könnte der Funke schon überspringen, wie sich hier bei den außergewöhnlichen Sexszenen gezeigt hat.