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Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung

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Ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2013

Geborene Diebe und Lügner, Gefährten des Satans, Waldmenschen, unzähmbare Wilde, eine Bande von Asozialen … Dies sind nur einige der Zuschreibungen, mit denen die Romvölker Europas in den letzten 600 Jahren ausgegrenzt wurden. Wie es möglich wurde, daß jahrhundertealter Haß in einem Spannungsverhältnis von Faszination und Verachtung sich bis heute halten konnte, zeigt in seinem brillant recherchierten Buch nun Klaus-Michael Bogdal zum ersten Mal im europäischen Vergleich.

Der Autor weist in dieser spannend und anschaulich erzählten Geschichte nach, wie die Europäer zum verachteten Volk am unteren Ende der Gesellschaftsskala stets die größtmögliche Distanz suchten. Keine der unterschiedlichen Gesellschafts- und Machtordnungen, in denen sie lebten, ließ und läßt eine endgültige Ankunft in Europa zu. Ohne einen schützenden Ort sind sie seit ihrer Einwanderung vor 600 Jahren ständigen Verfolgungen und Ausgrenzungen ausgesetzt: in den Imaginationen der Kunst und in der politischen Realität.

Das Buch umfaßt die Geschichte der Darstellung der ›Zigeuner‹ in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute – von Norwegen bis Spanien, von England bis Rußland. Die Dokumente, die Bogdal heranzieht, reichen von den frühen Chroniken und Rechtsdokumenten über ethnographische Werke und künstlerische Darstellungen bis hin zu den Holocausterinnerungen von Sinti und Roma.

590 pages, Paperback

First published November 16, 2011

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About the author

Klaus-Michael Bogdal

23 books1 follower

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Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Andre.
1,424 reviews107 followers
April 7, 2015
1) Deutsche Rezension
2) English Review

1) Deutsche Rezension
Das hier ist kein Buch welches einfach zu lesen ist. Man muss sich von Anfang an im Bewusstsein behalten, was der Autor mit "Zigeuner" hier meint (was nicht immer einfach war), daher eher eine Bild das geschaffen wurde und nicht eine Anzahl an Völkern bzw. ein Volk. Es gibt hin und wieder Informationen über Romvölker und ihre Situationen aber im weitesten geht es um die künstlichen, über Jahrhunderte geschaffenen Bilder.
Es war meist auch sehr interessant und aufschlussreich was hier stand aber ich fand es auch eigenartig, dass es scheinbar behauptete Romvölker wären in Mitteleuropa niemals in Leibeigenschaft gewesen aber soweit ich weiß gab es das schon. Das Buch hatte mal kurz erwähnt wie einige einigermaßen sicher sein konnten wenn sie nützlich für die lokalen Herrscher waren, möglicherweise war das damit gemeint aber sicher bin ich mir nicht. Später gab es ein ähnliches Problem als es kurz erwähnte dass die Einstufungen nach Mischlingsgrad zu unterschiedlichen Behandlungen während des Nationalsozialismus geführt haben und ich mich fragte ob das dazu geführt hat dass es noch bis 1942 (teilweise bis 1943) Sinti in der Wehrmacht gab, aber leider gab es wieder keine Antwort, ich frage mich ob irgendjemand das jemals untersucht hat. Auch sagt es, dass es keine Hinweise auf die angeblichen Zigeunerjagden in den Jahrhunderten davor gibt; aber bei den ganzen Gesetzen kann man sich fragen wie überhaupt welche überlebten. Scheinbar scheint zu stimmen was kurz erwähnt wurde, dass die hohe Anzahl der Gesetze zeigt wie impotent sie waren; aber leider gab es auch da nicht mehr.
Daneben gab es allerdings auch interessante Informationen zu den ersten Ansichten über Zigeuner und welche Namen sie bekommen hatten. Und man merkt schnell, dass vieles was man hier liest typisch für viele Länder und Imperien ist: Mach es wie wir oder wir bringen dich um.
Der Autor scheint es auch geschafft zu haben, zu zeigen wo die Geschichte anders hätte verlaufen können, z.B. als man herausfand das "Zigeuner" höchstwahrscheinlich indischen Ursprungs waren und damals als eine Art entfernte Verwandte hätten gelten müssen. Als das Buch allerdings vom 18 zum 19. Jahrhundert wechselte fragte ich mich was man denn genau hätte tun können/müssen, denn es klang doch sehr so als wäre es gar nicht anders möglich gewesen für "Zigeuner" als Vagabunden zu werden. Leider war ich bei der Information zur Literatur des 19. Jahrhunderts etwas enttäuscht. Der Autor hatte zwar die Figur der Esmeralda aus "Der Glöckner von Notre Dame" erwähnt aber er hat nur etwas dazu gesagt, das Esmeralda eine Zigeunerin ist die als Kind von solchen entführt wurde (und anders als bei anderen Fällen wurde ihre Abstammung hier kaum thematisiert) aber dass der "geborene Zigeuner" Quasimodo so extrem entstellt ist wird nicht wirklich behandelt. Er nannte die in dem Roman dargestellte "Zigeunergemeinschaft" als typisches Klischee des "Verbrecherreiches" von Westeuropa und es war im Buch nie so ganz klar welcher Raum mit "Westeuropa" gemeint war. Manchmal wurde von Mitteleuropa geredet und andermal schien es als wenn Europe hier nur in Ost- und Westeuropa aufgeteilt wurde.
Und was man hier über die Ansichten und Politiken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erfährt zeigt wie falsch es ist zu sagen die Ansichten der NS-Ideologie wären so neu gewesen. Sowohl die USA als auch Schweden hatten bereits vorher Massensterilisation; genauso hatten Österreich, die Schweiz, sowie die USA und die meisten europäischen Länder ähnlich rassistische Ansichten bereits vor dem 18. Jahrhundert. Der einzige Unterschied ist, dass in Deutschland die Macht zur Verfügung stand um genug Leute von den Rechtfertigungen dafür zu überzeugen. Und wenn man darüber nachdenkt, so sind Todesurteile und Ausschluss unerwünschter Elemente weit verbreitet und da ist es kein so großer Sprung mehr entsprechende Leute gleich umzubringen. Außerdem scheint es so dass auch die Bücher von Engelbert Wittich, welche ich wenn möglich noch lesen werde, nicht so vertrauenswürdig sind wie einst gedacht.
Danach ging es zu den sozialistischen Osteuropäischen Staaten und es war immer noch recht interessant wie es dabei auf und ab ging und was gleich blieb. Und anders als im letzten Buch zu dem Thema war der Autor hier ehrlich genug um zu sagen, dass er keine klaren Lösungen für die bestehenden Probleme hat. Er sprach allerdings davon wie die Situation vieler Rom in Osteuropa heute der vieler Europäer des 19. Jahrhunderts gleicht und das es, da die Deportationen nicht bis nach England, Spanien und Schweden reichten, es dort keinen Drang gegeben hat die eigenen Vorurteile zu überdenken. Was das Buch über Sinti sagt passt zu dem was einige Sinti selber sagen und das klingt eher nach freiwilliger Absonderung im kulturellen und auch gesetzlichen Sinne und wie wollen sie da erwarten dass sich etwas an den Vorurteilen ihnen gegenüber enden wenn sie sich wie das Vorurteil des ewig sich abgrenzenden Zigeuners verhalten? Leider gehört dazu auch die traurige Tatsache, dass der Zentralrat der Sinti und Roma einige Interviews die von Überlebenden der Konzentrationslager selber und freiwillig gegeben wurden vernichtet haben, weil sie meinten es ließe die Opfer schlecht aussehen. Sprich, ob bewusst oder unbewusst haben sie gegen das Erinnern und die Aufarbeitung gearbeitet.
Das Ende des Buches kam dann etwas schneller als erwartet und es war meist recht gut und ich denke ich werde einige der erwähnten Bücher auch lesen.


2) English Review
This is not a book that is easy to read. One has to keep in mind from the start what the author means with the word "gypsy" here (which was not always easy); it is rather an image that was created and not a number of people or a nation. There is occasional information about Romani and their situations, but in the broadest sense the book is concerned with the artificial image, created over the centuries.
It was usually very interesting and enlightening but I also found it odd that it apparently claimed Romani have never been in peonage in Central Europe but as far as I know some were. The book had even briefly mentioned how some could be reasonably safe if they were useful for the local rulers, perhaps that was meant with that but I didn't see it. Later, there was a similar problem as it briefly mentioned that the classifications based on mongrel level had led to different treatments during the Nazi era and I wondered if that has led to the phenomenon that until 1942 (partly to 1943) Sinti have been in the Wehrmacht but I was unfortunately not given an answer, again, I wonder if anyone has ever investigated this. Also, it says that there is no evidence of the alleged gypsy hunts in previous centuries; but with all the laws, one may wonder how anyone survived. Apparently it seems to be true what has been briefly mentioned, that the high number of laws showed how impotent they were; but unfortunately there wasn't more provided.
There was, however, some interesting information about views on gypsies and what names they got . And you quickly realize that a lot of what you read here is typical for many countries and empires: Do as we do or we will kill you.
The author seems to have also managed to show where history might have run differently, for example, when it was found out that "gypsies" most likely were of Indian origin and then should have been considered a sort of distant relatives. When the book moved from the 18th to the 19th century, I wondered what exactly could/should have been done to change anything as everything presented sounded as if there was no other choice for "gypsies" but to be vagabunds. Unfortunately, I was a little disappointed at the information on the literature of the 19th century. The author had indeed mentioned the figure of Esmeralda from "The Hunchback of Notre Dame" but he just said that Esmeralda is a gypsy who was kidnapped as a child and that was it (unlike in other cases, her ancestry was hardly discussed here), but that the "born gypsy" Quasimodo is extremely disfigured is barely mentioned. He called the "gypsy kingdom" depicted in the novel as a typical stereotype of the "criminal empire" of Western Europe and it was never quite clear what space was meant with "Western Europe." Sometimes it talked of Central Europe and other times it seemed as if Europe was divided only in Eastern and Western Europe.
And what we learn here about the views and policies of the 19th and early 20th century shows how wrong it is to say the views of the National Socialist ideology have been so new. Both the US and Sweden had prior mass sterilization; also Austria, Switzerland, and the United States and most European countries had similar racist views already prior to the 18th century. The only difference is that the power was available in Germany to convince enough people of the justifications for it. And if you think about it, death sentences and exclusion of undesirable elements are widely used and there is not such a big leap to just kill them to get rid of them right away. Moreover, it seems that the books of Engelbert Wittich, which I will read if possible, are not as trustworthy as I once thought.
Then we went to the socialist countries of Eastern Europe and it was still quite interesting as it showed what went up and down and what remained the same. And unlike the last book on the subject, the author here was honest enough to say that he had no clear solutions to the existing problems. However, he spoke of how the situation of many Roma in Eastern Europe today is similar to that of many Europeans of the 19th century and how, since the deportations never reached England, Spain and Sweden, there has been no incentive to reconsider their own prejudices. What the book says about Sinti fits into what some Sinti themselves say and that sounds more like voluntary segregation in the cultural and legal sense and how then do they expect the prejudices against them to stop if they act like the stereotype of the eternally secretive gypsy? Unfortunately, this includes the sad fact that the Central Council of Sinti and Roma have destroyed several interviews by survivors of the concentration camps, given voluntarily, because they thought it would make the victims look bad. So the fact is, whether consciously or unconsciously, they have worked against remembering that part of history.
The end of the book came somewhat faster than expected and it was generally very good and I think I'm going to read some of the books mentioned here as well.
Profile Image for Frank.
592 reviews123 followers
July 10, 2019
Besticht durch seinen Materialreichtum. Gute Einführung in die Problematik für Leute, die sich das erste Mal mit dem Thema beschäftigen. Für Kenner der deutschen Literatur nichts Neues. Wenig Einsichten auch in das Leben der Zigeuner selbst. Darüber erfährt man wenig bis nichts. Ok, das ist dem Thema geschuldet.
Profile Image for Alexander Günther.
Author 7 books5 followers
March 28, 2017
Das Buch ist eine überaus dichtes und materialreiches Werk, doch mir fehlte immer ein wenig der rote Faden historischer Faktizität. Die Entwicklung der Vorurteile und Klischees, welche sich seit der frühen Neuzeit durch Literatur und Kunst schlängelte, herauszuarbeiten, ist ein lobenswertes Unternehmen. Doch ich vermisste gelegentlich einen Abgleich mit den tatsächlichen Lebensumständen und anderen Details die die Einordnung dieser Darstellungen verständlicher machen würden. Aber höchstwahrscheinlich gibt es hier eben erschreckend wenig ausbeutbare Quellen. Im Endeffekt hat sich daran ja bis zum heutigen Tag nicht viel geändert. So gibt das Buch eine hervorragende Einsicht in die Entwicklung des Zigeunerbildes in den Augen der “eingeborenen” Europäer. Ein realistische Darstellung der Geschichte dieses einzigartigen Volks sucht man auch hier vergebens.

http://vivaperipheria.de/frisch-geles...
Profile Image for Benjamin Garelly.
29 reviews
July 9, 2025
Klaus-Michael Bogdals Europa erfindet die Zigeuner ist ein ebenso beeindruckendes wie verstörendes Werk über die lange Geschichte der Fremdzuschreibung, Ausgrenzung und Projektion, die Europas Verhältnis zu den Roma und Sinti geprägt hat. Mit großer Gelehrsamkeit und analytischer Schärfe zeigt Bogdal, wie sich seit dem Mittelalter ein Bild von den „Zigeunern“ formte – oft losgelöst von der Realität, aber wirkmächtig in Literatur, Kunst, Politik und Alltag.

Besonders stark ist das Buch dort, wo es die kulturellen Fantasien, Ängste und Feindbilder freilegt, die bis in die Gegenwart reichen. Der Text ist dicht, anspruchsvoll, mitunter fordernd – aber die Genauigkeit und Weite der Perspektive lohnen jede Seite. Manche Leser könnten sich eine klarere Struktur oder mehr Raum für die Selbstsicht der Roma wünschen. Dennoch bleibt Bogdals Studie ein Meilenstein der Kultur- und Diskursgeschichte: ein notwendiger Blick auf die dunklen Seiten europäischer Identitätsbildung – klug, kritisch und nachhaltig wirksam.
Profile Image for Annina.
45 reviews
Currently reading
July 26, 2023
Ein Buch für das ich Jahre brauche, genau wie die 'Geschichte des Rassismus'.
Weil es unerträglich ist, und auch in jedem Detail so wichtig. Der historische Grundkontext wird zu Anfang gut hervorgehoben: kriminalisiert werden in einer Gesellschaft, in die man nicht passt, weil es in ihr nur Herrschen oder Gehorchen gibt. Wenn wir diese Ideologie überwunden hätten, würden Roma heute nicht mehr in Charterflügen abgeschoben, würden ukrainische Roma nicht aus deutschen Zügen geworfen, hätten keine Probleme mit der Einschulung ihrer Kinder, würden nicht als Letzte in Sammelunterkünften übrigbleiben während Weiße schon längst Wohnungen haben, würde Deutschland sich selbst, seine Flüchtlingspolitik und seine Vergangenheit als problematisch bezeichnen, statt eine Menschengruppe als problematisch zu bezeichnen. Der Entwicklungsstand unserer Gesellschaft zeigt sich hier deutlich.
Laufende Infos sind auch beim Roma Center und dem European Roma Movement zu finden.
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