Nach dem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt heim – bis eine Umleitung sie von ihrem Weg abbringt. Sie verpasst Ausfahrt um Ausfahrt, entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann auf sie wartet. Nach einer ganzen Nacht und dem folgenden Tag wird Vielleicht wäre es besser, wenn sie nie wieder zu ihm zurückkehren würde. Denn so unheimlich die Finsternis der Landstraßen und Tankstellen auch ist, die wahre Gefahr lauert dort auf sie.
Esther Schüttpelz, born in Werne in 1993, studied law in Münster, worked as a lawyer and is now writing full time. She plays music and writes her own songs. She lives in Berlin.
Awards ›lit.Cologne Debütpreis‹ für Ohne mich, 2023 ›Tagespreis Internationales Festival Junger Literatur WORTSPIELE‹ für Ohne mich, 2023
Der Roman „Grüne Welle“ hat mich vor allem durch seine ungewöhnliche Ausgangssituation gepackt: Eine scheinbar harmlose Heimfahrt einer Frau nach dem Kino mit ihrer Freundin wird zu einer immer längeren Fahrt ins Ungewisse. Sie nimmt - bewusst oder unbewusst? - eine falsche Ausfahrt und begibt sich damit auch auf eine innere Reise.
Beim Lesen begleitet man die Protagonistin überwiegend durch ihren Gedankenstrom aus Erinnerungen, Rechtfertigungen, Ängsten. Der Stil ist intensiv und entfaltet durch lange Satzkonstruktionen einen Sog, weshalb ich den Roman in einem Rutsch gelesen habe. Das ist fordernd, hat mich aber zugleich stark in den Roman hineingezogen. Nur an wenigen Stellen hatten ihre Reflexionen für mich Längen. Nach und nach setzt sich das Schicksal der Frau zusammen, ergänzt wird die Geschichte der Frau durch Kapitel aus Sicht ihrer Freundin. Dieses langsame Aufdecken von Informationen hat mir gut gefallen.
Für mich ist „Grüne Welle“ ein kluger Roman über Selbsttäuschung, Angst und den Mut, sich der eigenen Wahrheit zu stellen, den man an gut an einem ruhigen Nachmittag lesen kann.
Ich weiß gar nicht genau, wie ich dieses Buch bewerten soll. Es ist in jedem Fall etwas besonderes, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Skurril und doch berührend wird es mich wahrscheinlich noch eine Weile beschäftigen. Eine Frau deren Namen man nie erfährt steigt nach einem Kinobesuch in ihr Auto und nimmt eine Umleitung zum Anlass einfach nicht mehr heimzukehren. Man erfährt im Verlauf mehr über die Frau und ihre Geschichte und stellt schnell Gründe für diese Flucht fest. Was mich zu Beginn irritiert hat ist der Schreibstil. Esther Schüttpelz schreibt mit zum Teil langen Sätzen und Aneinanderreihungen von Haupt-und Nebensätzen, sodass der Eindruck eines Stream-of-consciousness entsteht, was mitunter etwas wirr wirkt. Das steht aber der Erzählung in der dritten Person entgegen. Ich glaube das ist mit Absicht, auch wenn mir diese nicht so richtig klar ist. Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, habe ich das Buch eigentlich gern gelesen - und fand das Ende dann unbefriedigend. So ist das leider oft mit Geschichten, in denen eine Frau vor zu Hause versucht zu flüchten. Also wohl eigentlich im Endeffekt doch nicht unrealistisch wenn auch kreativ erzählt.
Von Esther Schüttelpelz habe ich schon "Ohne Mich" gelesen und bin beim Stöbern in der Bibliothek zufällig an ihr weiteres Buch geraten - zum Glück! Esther schafft es auf wenigen Seiten eine Atmosphäre und einen Sog zu schaffen, dass ich jetzt mit knurrendem Magen auf dem Sofa sitze, weil ich das Buch zu Ende lesen wollte.
Die Protagonistin im Buch verfährt sich nach einem Kinobesuch mit einer Freundin und fährt und fährt und fährt. Das Buch ist also eine lange Autofahrt und man folgt über die Seiten dem inneren Monolog der Protagonistin. Esther hat lange und total verschachtelte Sätze gewählt, die aber zum inneren Monolog passen. Ganz gelungen hat sie von einer Frau erzählt, die festhängt, zweifelt, verdrängt, flieht, zurückkehrt, reflektiert ohne es künstlich wirken zu lassen.
„Es kam ihr vor, als schaltete innerlich eine Ampel auf Grün, deren jahrelang währende Rotphase sie bisher gar nicht bemerkt hatte.“ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Eines Abends gehen zwei Frauen ins Kino. Die Freundin der Frau fährt wieder nach Hause, aber für die Frau beginnt ein Roadtrip mit Folgen. Es ist nur eine Umleitung, die sie von ihrem Weg abbringt und die „Grüne Welle“, die Grünphase der Ampeln, auf die sie trifft, trägt dazu bei, dass sie nicht nach Hause fährt. Vielleicht ist das auch besser so, denn der Mann, der dort auf sie wartet, ist eher kontrollierend als verständnisvoll. Passenderweise ist auch noch ihr Akku leer und so hält sie für eine lange Zeit nicht mehr an - bis ihr der Sprit ausgeht und sie notgedrungen an einer Tankstelle anhalten muss. Hier macht sie eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Ich mochte schon „Ohne mich“, den Debütroman von Esther Schüttpelz, sehr, und „Grüne Welle“ hat meine hohen Erwartungen definitiv noch übertroffen. Ich mochte das Rauschartige an diesem nächtlichen Roadtrip, der so atmosphärisch geschildert wird, dass man ihn sich sehr gut vorstellen konnte. Ich mochte die technische Umsetzung, den stetigen Spannungsaufbau, der auch beim Lesen für eine „Grüne Welle“ sorgt. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Die Frau, von Beruf her Künstlerin, fand ich sehr interessant. Ihr Verhalten bzw. ihre Entwicklung innerhalb der Geschichte wirkte auf mich sehr nachvollziehbar und menschlich. Sprachlich fand ich es einfach herrlich, ich habe sehr viele Stellen markiert. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Für mich definitiv ein (Jahres-)Highlight! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ 4,5/5 ⭐️
----
Rezensionsexemplar I Vielen Dank an @diogenesverlag & @esther_rosa_schuettpelz! 💚
Sehr spannender Erzählstil, an den ich mich erstmal gewöhnen musste, der mir aber dann sehr gut gefallen hat und aus meiner Sicht perfekt zur Handlung passt.
Zu „Grüne Welle“ gibt es viele begeisterte Stimmen, aber ich habe ich damit leider eher schwergetan. Die Ausgangssituation an sich ist aber schonmal sehr catchy: eine Frau fährt nachts nach einem Kinobesuch nach Hause, kommt durch eine Umleitung vom Weg ab, fährt aber immer weiter und weiter. Als Leser:in ist man allein im Auto mit der namenlosen Protagonistin und ihrer Gedankenwelt. Ein vielversprechender Beginn. Wovon fährt sie davon? Wo will sie hin? Sprachlich empfand ich die vielen langen Schachtelsätze eher bremsend als vertiefend. Mehr Sinn hätte diese Satzstruktur für ich ergeben, wenn der Text konsequent als Stream of Consciousness verfasst worden wäre. So war es mir stellenweise ein bisschen zu konstruiert und hat eher dazu beigetragen, die Distanz zum Text zu verstärken. (Ich fühle mich direkt ein bisschen mies das zu schreiben, weil ich selbst oft zu Schachtelsätzen neige.) Inhaltlich geht es spannend los, aber dann plätschert der an sich sehr kurze Roman über weite Strecken vor sich hin. Man versteht früh, worauf es hinausläuft, was grundsätzlich nicht stört, aber auch hier half mir die Distanz zum Text nicht. Gerade weil ich parallel einen anderen Roman mit ähnlicher Thematik gelesen habe, der emotional deutlich zugänglicher erzählt war, fiel mir das hier besonders auf.
Etwas mehr Fahrt bringen dann allerdings die beiden jungen Anhalterinnen in die Geschichte, die die Protagonistin mitnimmt. Hier war ich zum ersten Mal die Distanz verloren, vielleicht auch, weil die Frau sich nicht mehr nur passiv treiben lassen kann (wenn natürlich das stete Weiterfahren auch schon eine aktive Entscheidung gegen das Nachhause Fahren ist). Beim Ende bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich es deuten soll. Einerseits lässt es viel Raum für Interpretation, andererseits verstärkt es aber auch das Gefühl, nie so ganz in die Geschichte hineingefunden zu haben.
eigentlich 2,5 ⭐ ich habe es recht schnell gelesen, dennoch hat es recht wenig mit mir gemacht (obwohl ich eigentlich wollte, dass es viel mit mir macht), bis auf ein paar schöne sprachliche Bilder, die bestimmte Wahrnehmungen beschreiben, fand ich die Sprache leider vor allem anfangs recht sperrig trotzdem habe ich es irgendwie nicht ungern gelesen. Keine Ahnung, vielleicht bewerte ich das mit etwas Abstand nochmal neu
Ich mag den Schreibstil von Esther Schüttpelz. Die Geschichte ist simpel, wenige Figuren, verfolgt eine klare Chronologie und ist daher einfach zu verfolgen. Ich konnte richtig gut eintauchen. Nur das Ende war etwas zu abrupt.
Seid ihr schon einmal aus einer Laune heraus einfach immer weitergefahren, ohne Ziel, erst durch die Nacht, dann durch den Tag? Genau das macht die namenlose Protagonistin in Grüne Welle. Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin verfährt sie sich zunächst wegen einer Umleitung. Diese Umleitung wird für den Anstoß, einfach nicht mehr stehen zu bleiben. Erst als ihr das Benzin ausgeht, nimmt die Handlung einen neuen Weg. Während die Frau, wie sie durchweg lediglich genannt wird, fährt, kreisen ihre Gedanken um ihr Leben. Schnell wird klar, dass in ihrer Beziehung nicht alles glatt läuft. Allein die Tatsache, dass sie ihren Kinobesuch vor ihrem Mann rechtfertigen muss, lässt aufhorchen. Zwischendurch wechselt die Perspektive, es wird aus Sicht des Mannes bzw. der Freundin (alle ebenfalls namenlos) erzählt. Meine Erwartungen an Grüne Welle waren recht hoch. Nach dem Lesen bin ich etwas ernüchtert. Für mich war in der Geschichte einiges nicht ganz stimmig, zu vieles musste ich auch zwischen den Zeilen herauslesen. Das finde ich an sich nicht schlimm, hier störte es mich aber. Gleichzeitig konnte ich das Verhalten der Frau nicht nachvollziehen (hier muss ich kurz Spoilern): Im Buch geht es um häusliche Gewalt. Die Frau scheint lediglich deshalb in der Beziehung zu bleiben, weil ihr Mann Geld hat und ihr so ihr Leben als Künstlerin ermöglicht. Für mich ist das nicht ganz stimmig.
Diese Geschichte ist sehr klein, erzählt nur von der Erzählerin die in ein Auto einsteigt und weiterfährt. Alle Ampeln kann sie ohne anzuhalten bei Grün passieren. Dieses Erlebnis vermittelt ihr zunächst ein Gefühl von Leichtigkeit, Kontrolle und perfektem Ablauf. Während der Fahrt beginnt sie jedoch, über die Situation nachzudenken, und erkennt, dass dieser reibungslose Verlauf nicht unbedingt planbar ist, sondern auch vom Zufall abhängt. Dabei hören wir auch noch was sie denkt und somit kommt ihr Charakter nach und nach aus den Seiten.
Der Roman hält so viel ungesagtes und entwickelt die Idee von Selbstermächtigung, Narrativ und die Geschichterentwicklung der Identität. Es zeigt eine Beziehung, langweilig, bedrohlich und eine Freundschaft, ausgeschafft, wichtig. Die ganze Geschichte ist extrem spannend und doch passiert fast nichts.
Zitate:
“Eine Frau, deren Alter sich in der Dunkelheit E schlecht bestimmen lich, blieb auf der Höhe eines am Seitenstreifen geparkten, metallicblauen Golf-Kombi mit einem leuchtenden Rolling-Stones-Aufkleber auf der Kofferraumtür stehen. Der Golf war eindeutig in die Jahre gekommen, die Zentralverriegelung war kaputt oder die Frau hatte ihn nicht abgeschlossen, jedenfalls öffnete sie die Beifahrertür einfach so, warf ihre kleine Hand-tasche, eine unauffällige Umhängetasche, in der sich wahrscheinlich nur ein Smartphone, ein Portemonnaie und ein Schlüsselbund befanden, hinein, ging um das Auto herum und stieg ein.”
“Es stimmte aber, dass die Frau sich hier auskannte. Sie war schon länger, nein, ewig nicht mehr durch diese Straßen gefahren, wahrscheinlich noch nie, aber früher war sie durch sie gegangen, zu Fuß, um von ihrer Studenten-wg zu einer anderen Studenten-wG zu gehen, zu einer Party oder zu einem Freund und wieder zurück oder manchmal auch nur hin und morgens zurück oder gar nicht, auch das war vorgekommen (einmal).”
“Als die Frau plötzlich rechts ein Ortsausgangs-schild sah, was ja bedeutete, dass sie schneller als 50 km/h fahren durfte, beugte sie sich vor, um auf ihrem nicht beleuchteten Tacho zu erkennen, dass sie schon 70 km/h fuhr. Sie drückte noch fester aufs Gaspedal und fuhr auf der Landstraße, auf der sie jetzt offenbar war, weiter, als wüsste sie, wo die Straße hinführte, als hätte sie ein ganz klares Ziel.”
“Als die Frau noch glaubte, das habe alles so seine Richtigkeit und sie befinde sich auf der Umleitung, begannen sie im Radio über Integrität zu philosophieren, ganz allgemein, was das eigentlich sei, Integrität, ob das gut sei (ja) und wer sie habe und wer leider nicht. Die Frau konnte damit nichts anfangen, allerdings nicht auf eine gleichgültige, sondern auf eine ablehnende Weise, sie war sofort genervt von der Diskussion, und das obwohl sie sich immer gern als einen integren Menschen gesehen und auch schon häufig andere, meistens berühmte Personen für ihre Integrität gelobt hatte, aber dann war Integrität letztens das Thema des Abends mit ihrem Mann gewesen, der so gerne einen Begriff als Thema des Abends auswählte, um sich dann mit seiner Frau und zwei Flaschen Rotwein ausgiebig darüber zu unterhalten, also sich auszulassen, manchmal sagte er sogar ganz kluge Dinge, dachte die Frau, und was er über Integrität gesagt hatte, das wusste sie gar nicht mehr richtig, aber jeden-falls, dachte die Frau, war dadurch auch Integrität von ihrer Liste der sagbaren Worte gestrichen.”
“Man kann sagen, es war besonders dunkel in dieser Märznacht, noch kein Stern am Him-mel, der Mond musste irgendwo sein, klein und zunehmend, aber die Frau sah ihn nicht, als sie ihn flüchtig suchte, als Orientierungspunkt für was auch immer sie gerade tat.”
“Es konnte deshalb nur Grund zur Freude sein, dass sie es offenbar endlich getan hatte, dass sie weggefahren war, abgehauen oder geflohen, darauf kam es nicht an, sie hatte eine Entscheidung getroffen.”
“Die Freundin der Frau ging ins Bad und sah in den Spiegel. Was man dort sah, war immer eine Frage der Perspektive, und die war eine Frage des Wohlbefindens. Ihr Blick fiel unweigerlich auf das leuchtende Grün ihrer Augen und auf ihre runde Nasenspitze, sie sah keinen Makel. So hatte die Freundin der Frau sich schon lange nicht mehr ge-sehen. Wenn sie, was sie jetzt tat, darüber nach-dachte, stellte sie fest, dass sie diese Art, sich selbst im Spiegel zu sehen, bisher nur erlebt hatte, wenn sie nicht allein, sondern mit jemandem zusammen in den Spiegel, das heißt: gleichzeitig in denselben Spiegel, geschaut hatte, mit der Frau zum Beispiel, vor Jahren, als sie auf einer Party zusammen zur Toilette gegangen waren, sich ihre Blicke im Spiegel getroffen hatten und sie ihr eigenes Spiegelbild plötzlich mit den Augen der Frau hatte sehen kön-nen.”
“Es bot sich also eines dieser sich manchmal wie zufällig selbst zeichnenden Bilder, die aus der Zeit fielen, Standbilder, die nach einer Kamera riefen oder wenigstens einem Betrachter und die sich irgendwann ebenso zufällig wieder auflösten, wieder in ihre Umgebung flossen.”
“Die Freundin der Frau, die zwar immer noch kein klares Ziel und keine Methode, aber trotzdem noch eine Mission hatte, nahm sich vor, dass ihr nichts entgehen würde.”
“»Aber jetzt mal zu dir«, sagte er, »ich finde es ja schade, dass wir nie so richtig Gelegenheit hatten, uns kennenzulernen.« War das jetzt etwa die richtige Gelegenheit? Und was genau war daran eigentlich schade? Vielleicht drängten sich derartige Fragen in diesem Moment in das Bewusstsein der Freundin der Frau, vielleicht machten sie sich bemerkbar in Form eines dumpfen Störgefühls, eines Flackerns irgendwo in ihrem Hinterkopf oder in ihrem Bauch, aber die Wahrheit war, dass sie sich durchaus nach Aufmerksamkeit sehnte, dass sie schon lange niemandem mehr eine gewünschte Variante ihrer selbst hatte auftischen dürfen, und auch, dass sie heute sowieso nichts anderes mehr vorhatte, und so kam es, dass die Freundin der Frau noch einen großen Schluck trank und damit dem Mann signalisierte, dass sie gewillt war, seiner offensichtlich taktischen Gesprächsführung zu folgen.”
“Amy hätte es dabei belassen kön-nen. Aber weil jedes Gespräch ja irgendwo auch ein Selbstgespräch ist, wollte sie noch einen weiteren Aspekt, den sie bislang nicht berücksichtigt hatte, ergänzen.”
“Wir graben ein Grab«, dachte Amy zwischendurch auf die Art, wie man denkt, wenn man nicht einfach denkt, sondern sich, ohne zu sprechen, selber etwas erzählt.”
Das Buch ist speziell. Ich fang mal damit an, wie ich darauf gekommen bin. Normalerweise wäre dieses dünne (es sind nur 208 Seiten) Büchlein mit dem etwas merkwürdig atmosphärisch anmutendem Cover an mir vorbeigeschlittert. Ich wurde vom Verlag aber zu einer Online-Lesung der Autorin eingeladen, einem Zoom-Bloggermeeting, und das sind erfahrungsgemäß echt interessante literarische Veranstaltungen, also war ich gerne dabei. So, die Autorin hat nun also ihr Buch persönlich vorgestellt, daraus gelesen und das Ganze war umrahmt mit einem interessantem Interview. Und anschließend dachte ich mir: her mit dem Buch, will ich lesen :-)
Hierum geht’s: Nach einem Kinobesuch mit einer Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt los …. und los….und wir haben hier im Prinzip fast das ganze Buch über nur eine Autofahrt mit einer Protagonistin, die einfach immer weiter fährt. Sie sagt sich, bei der nächsten Ampel halte ich an und drehe um, aber hey, sie hat durchgehend eine grüne Welle, und weiter geht’s.
Das Setting, die Atmosphäre sind unmittelbar, man ist sofort mittendrin und dabei. Der alte Golf fährt und fährt.. Die Entscheidung ist getroffen, die Frau verlässt ihr gewohntes Leben. Sie bricht aus ihren Routinen heraus, aber ihr ist nicht langweilig. Sie fährt weg, und wovor sie wegfährt, das entfaltet sich im Roman. Spoiler: sie läuft von einer toxischen Beziehung weg. Naja, so gespoilert ist das auch nicht, das kann man sich relativ schnell denken.
Wir haben hier eine totale Konzentration auf diese eine namenlose Protagonistin, die immer nur als „eine Frau“ oder als „die Frau“ bezeichnet wird. Ihr Alter ist Mitte 40, was aber prinzipiell egal ist, denn die Story könnte allen Frauen so passieren, in jeder Lebensphase. Das Alter, so sagt die Autorin, habe sie beim Schreiben nicht interessiert.Was sie interessiert hat: die Frage, ob und inwiefern Entscheidungen bewusst oder unterbewusst getroffen werden. Sie wollte beschreiben, wie chaotisch Entscheidungen sein können und wie Zufälle einem Entscheidungen abnehmen können. Und bei aller Vielschichtigkeit sollte dies auch ein Buch über Freundschaft werden. Die Freundin der Protagonistin macht sich irgendwann auf die Suche nach ihr, als diese nicht nachhause kommt, und die Autorin seziert diese Frauenfreundschaft recht eindrücklich.
Noch ein paar facts zur Form; es gibt hier 2 Erzählperspektiven, beide auktorial, einmal sind wir ganz nah dran an der Protagonistin, im Auto, in ihren Gedanken, und dann sind wir wieder weit weg von ihr und eher dran bei Mann und Freundin. Auch ganz interessant gemacht, finde ich. Es gibt insgesamt 24 kurze Kapitel – na klar, die Fahrt dauert 24 Stunden. Wobei nicht jede Stunde ein eigenes Kapitel bekommen hat.
Ja, mein Leseeindruck / Fazit: Das war irgendwie eine sehr kondensierte Form von Literatur, und echt was ganz Anderes. Hat mich aber gepackt. Sowohl thematisch als auch vom Stil her. Dieser war / ist zwar sperrig, aber für ein so kurzes Buch war es okay für mich, ein 500 Seiten Schmöker wäre mir in dieser Form „too much“ gewesen, hier aber hat es funktioniert. Ich musste einfach weiterlesen und wissen, was am Ende passiert. Das Ende fand ich dann zwar etwas unbefriedigend….aber realistisch. Und wie sagte Frau Schüttpelz? Es war ihr wichtig, immer ehrlich zu sein und nicht zynisch oder ironisch zu werden.
Und noch ein fun fact am Schluss, die Autorin erzählte, die Idee zu dieser Geschichte sei ihr gekommen, als sie selbst nach einem Kinobesuch mit einer Freundin sich ins Auto setzte (einen Golf!), sich verfuhr, und das Gedankenspiel hatte, was wäre, wenn sie einfach weiterführe? Allerdings meinte sie auch, damit höre die Gemeinsamkeit mit ihr selbst und der Protagonistin auch schon wieder auf :-)
Mir hat das Buch gefallen, ich empfehle es gerne weiter
Nach einem dieser vertrauten Abende – Kino, Gespräche, ein Stück Normalität – steigt die Frau ins Auto. Der Weg ist bekannt, beinahe automatisiert. Doch dann: eine Umleitung. Eine kleine Verschiebung, kaum der Rede wert – und doch der Anfang von allem. Aus einem simplen Heimweg wird eine Fahrt ins Offene. Aus Abzweigungen werden verpasste Entscheidungen. Aus der Nacht wird ein Raum ohne Rückkehr. Sie fährt weiter. Und weiter….Die Ampeln bleiben grün, als hätten sie sich gegen sie verschworen oder ihr – ganz leise – einen Ausweg angeboten. Zuhause wartet der Mann, zunehmend unruhig, irritiert von der Abweichung im gewohnten Ablauf. Doch während er versucht, die Kontrolle zu behalten, entgleitet sie ihm Kilometer um Kilometer. Die Nacht dehnt sich, ein neuer Tag bricht an – und mit ihm die Erkenntnis: Vielleicht ist das Weiterfahren kein Zufall. Vielleicht ist es der erste eigene Entschluss seit langer Zeit. Was sich zunächst wie ein beinahe minimalistischer Plot liest, entfaltet eine enorme innere Wucht. Denn diese Fahrt ist keine Flucht vor der Dunkelheit der Straßen – sondern vor der, die längst in ihr Zuhause eingezogen ist. Zwischen Tankstellenlicht, Landstraßen und flüchtigen Begegnungen tastet sich die Frau durch Erinnerungen, Zweifel und leise, schmerzhafte Einsichten. Und plötzlich wird klar: Die größte Bedrohung sitzt nicht im Schatten der Nacht, sondern in der Enge einer Beziehung, die sie längst verschluckt hat. Esther Schüttpelz schreibt dabei mit einer fast schon irritierenden Ruhe. Ihr Stil ist reduziert, klar, beinahe kühl – und gerade darin so eindringlich. Sie verzichtet auf große Dramatik und setzt stattdessen auf die Kraft der Wiederholung, auf das leise Drängen von Gedanken, die sich im Kreis bewegen wie das Auto auf der Straße. Dass ihre Figuren namenlos bleiben – die Frau, der Mann, die Freundin – ist kein Zufall, sondern Konzept: Es geht nicht um Einzelschicksale, sondern um Strukturen, um Muster, die erschreckend universell sind. Besonders bemerkenswert ist die feine Symbolik, die sich durch den gesamten Roman zieht. Die grüne Welle wird zum Sinnbild für das passive Sich-Treiben-Lassen – aber auch für die seltene Chance, einfach weiterzufahren, ohne anzuhalten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig liegt in ihr etwas Unheimliches: ein Kontrollverlust, der sich erst wie Freiheit anfühlt und dann wie ein Abgrund. Atmosphärisch ist dieser Roman dicht und fast körperlich spürbar. Man sitzt mit im Auto, hört das monotone Surren des Motors, spürt die Müdigkeit, die Angst, das leise Aufkeimen von Hoffnung. Die Begegnungen unterwegs wirken wie Spiegel, wie flüchtige Möglichkeiten eines anderen Lebens. Und doch bleibt immer diese Unsicherheit: Ist das hier Aufbruch – oder nur ein weiteres Kreisen? „Grüne Welle“ ist kein lauter Roman. Er schreit nicht, er klagt nicht an – und trifft gerade deshalb so präzise. Es ist ein Buch über das Verstummen, über das Sich-Verlieren und vielleicht auch über den ersten, zaghaften Versuch, sich selbst wiederzufinden. Die Geschichte bleibt bewusst offen, verweigert einfache Antworten –gut so. Ein stilles, klug komponiertes Debüt, das unter die Haut geht. Für alle, die Literatur lieben, die zwischen den Zeilen spricht – und dort ihre größte Wahrheit entfaltet.
Es gibt Bücher, die begeistern mich. Weil sie eingänglich geschrieben sind, einen besonderen Schreibstil vorweisen, eine berührende und / oder mitreißende Geschichte erzählen, die nachhallen. Und dann gibt es Bücher wie "Grüne Welle", die ich so feiere, dass ich am liebsten jede/r ein Exemplar in die Hand drücken und sagen möchte: Du musst das lesen!
Im Mittelpunkt steht eine Frau, später wird sie sich Amy nennen, die im Auto fährt. Und fährt. Und fährt. Und sich denkt: wenn die nächste Ampel auf rot schaltet, kehre ich um. Doch es kommt keine rote Ampel, dafür aber immer mehr die Gedanken an ihr Leben, das so wie es ist, nicht gut ist. Ihr Mann ist herrisch, bestimmt über sie, schränkt sie ein, ja, eigentlich sperrt er sie ein. Nur einmal im Monat darf sie mit ihrer Freundin ins Kino gehen, muss aber gleich danach wieder heim kommen. Die Frau ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst, nein, eigentlich ist sie gar nicht mehr sie, ihre Träume, ihre Pläne, alles vergessen, der Mann hat sie fest im Griff. Warum also nicht einmal planlos durch die Nacht düsen, die Gedanken schweifen lassen? Das Reh vor ihrem Auto wollte es anders und bringt eine Begegnung mit zwei Tramperinnen mit sich. Im Gespräch mit ihnen erinnert sich die Frau wieder an sich selbst, an ihre Kunst, an das selbstbestimmte Leben, dass sie einmal hatte.
Wie genial Ester Schüttpelz sich an das Thema häusliche Gewalt annähert, ohne belehrend, zu offensichtlich oder zu plakativ zu sein, zeigt sich vor allem an der Wahnsinnssprache. Sie setzt unterschiedliche Stilmittel ein um die Universalität des Themas häusliche Gewalt aufzuzeigen: die Frau bleibt lange nur die Frau; nur kurz, als sie die vertiefenden Gespräche mit den Tramperinnen führt und für einen Augenblick zu sich selbst zurück findet, wird sie wieder Amy - eine eigenständige Person, ein Mensch mit Talenten, Träumen und Hoffnungen. Im Schutze der Anonymität ist sie das unsichtbare Opfer, Gefangen in einem Käfig, der beherrscht wird von dem Mann, der sie als Besitz ansieht. Außerdem nutzt die Autorin Symbolik als starkes Element der übertragenen Situationsbeobachtung. Der plötzliche Stopp, den sie durch das Reh einlegen muss, steht der rasanten, unaufhaltsamen Autofahrt, die eigentlich eine Flucht ist, diametral entgegen, bringt sie jedoch in weiterer Folge für einen kurzen Moment zur Rückbesinnung auf sich selbst. Das Reh ist tot, wie sie selbst, doch sie will es noch nicht ganz gehen lassen.
Die Gewalt, die die Frau in allen Facetten erleben muss, wird nie so wirklich direkt beschrieben, aber feine Andeutungen lassen eine/n beim Lesen wissen, wie der Hase läuft. Ihre - mittlerweile einzige - Freundin, weiß nichts, vermutet aber viel, hat das richtige Gespür und droht Gefahr sich vom Mann täuschen zu lassen. Und die Frau selbst - bis zum Schluss wissen wir nicht, ob sie die Kraft aufwenden wird können, um sich zu befreien.
"Grüne Welle" betört mit einer Tiefgründigkeit, einer distanzierten Sprache und der Intensität der gefühlten Berührung, die sich oft in Form von Beklemmung und Atemlosigkeit Luft schafft. Für mich ist der Roman definitiv ein Jahreshighlight, mit dem ich mich noch des Öfteren beschäftigen werde.
„Grüne Welle“ ist der zweite Roman der Autorin Esther Schüttpelz. In dem Roman begleiten wir eine Frau, die nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin zurück nach Hause zu ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, fahren will und dann, auf Grund einer Straßensperrung, vom üblichen Heimweg abkommt. Schnell wird klar, dass sie sich verfahren hat und mit jeder kommenden Kreuzung nimmt sie sich vor, wenn die Ampel rot ist, auf ihrem Handy nach dem richtigen Weg zu suchen, doch alle Ampeln springen auf Grün um („Grüne Welle“) und so entfernt sie sich immer weiter von Zuhause.
Als Leser erfahren wir weder, wie die Frau heißt, noch wie alt sie ist oder wie sie aussieht. Diese bewusste Distanz impliziert, dass es jede beliebige Frau sein könnte. Da man weite Strecken des Romans alleine mit der Frau im Auto sitzt, befinden wir uns als Leser hauptsächlich in der Gedankenwelt der Protagonistin. Wir erfahren, dass die Frau Künstlerin ist und in einer Kleinstadt lebt, dass die Hoffnungen und Ziele hatte und nun in einer Ehe mit einem kontrollierenden und auch gewalttätigen Mann zusammenlebt. Aus ihrem alten Leben ist ihr nur noch eine Freundin verblieben und auch diese trifft sie nur noch zu gelegentlichen Kinobesuchen. Wir erfahren außerdem, dass sie sich „schon immer für Grenzen begeistert hat“ (S. 24).
Mit jeder Kreuzung, die die Frau nicht zur Umkehr nutzt, verwandelt sich die Fahrt zu einer Flucht in die Freiheit und in eine ungewisse Zukunft.
Bereichernd fand ich die einzelnen Kapitel, die aus Sicht der Freundin der Frau geschrieben wurden. Dadurch bekommt man als Leser noch einmal einen Blick von außen auf die Auswirkungen, die sich durch die Entscheidung der Frau, nicht nach Hause zu fahren, ergeben. Und der Blickwinkel der Frau auf die Ehe und ihr Leben wird noch einmal bestärkt, was sie zu einer glaubwürdigeren Figur macht.
Während ich den Debütroman der Autorin sehr, sehr gelungen fand, hat mich „Grüne Welle“ nicht ganz so mitreißen können. Ich mag nach wie vor diesen ganz eigenen Schreibstil der Autorin und das dadurch kreierte Tempo. Das Thema „häusliche Gewalt“ geht die Autorin an sich gut an. Es wird deutlich, wie schwierig – gar ausweglos – die Situation erscheint aus einer solchen Bindung auszubrechen und man kann sich, trotz der Distanz und Anonymität der Protagonistin, in sie hineinversetzen. Auch das offene Ende passt gut zur Handlung und Thematik, da es den wenigsten Frauen beim ersten Versuch gelingt, sich aus einer toxischen oder gewalttätigen Beziehung direkt zu lösen. Ich mochte es auch, dass es in dem Roman viel um das Thema „Freundschaft“ geht. Wie sich diese im Laufe eines Lebens verändert und was sie aushalten kann und die Frage, wie sehr man sich in das Leben seiner Freunde einmischen kann oder sollte. Trotzdem bleibt „Grüne Welle“ mir zu vage und obwohl wir im Grund nur in der Gedankenwelt der Protagonistin sind, habe ich bis zum Schluss nicht das Gefühl gehabt, sie und ihr Leben wirklich zu kennen.
Eine Nacht im März: Eine Künstlerin ist mit ihrem alten Golf Kombi auf dem Weg nach Hause, zu ihrem Ehemann, einem Anwalt. Die Mittvierzigerin hat den monatlichen Kinoabend mit ihrer Freundin hinter sich. Eine unerwartete Umleitung bringt sie auf der Rückfahrt aus dem Konzept. Immer weiter entfernt sie sich von ihrer geplanten Route…
„Grüne Welle“ ist ein Roman von Esther Schüttpelz.
Erzählt wird die Geschichte in 24 kurzen Kapiteln im Wechsel aus der Sicht der namenlosen Frau und aus der ihrer besten und einzigen Freundin. Dabei umspannt die Handlung einen Zeitraum von rund 24 Stunden.
Den inhaltlichen Schwerpunkt der Geschichte bildet die häusliche Gewalt. Zwar wird so manches nur knapp angerissen, einiges sogar nur angedeutet und indirekt beschrieben. Psychologische Muster und zwischenmenschliche Dynamiken werden dennoch deutlich. Trotz der subtilen Darstellungsweise entfaltet dieses wichtige und stets aktuelle Thema seine volle Wucht, regt zum Nachdenken nach und hallt nach.
Zudem sinniert die Protagonistin in ihrem inneren Monolog unter anderem über Lebensentscheidungen, das Freisein und die Kunst. Das verleiht der Geschichte zusätzliche Facetten.
Das Personal des Romans bleibt überschaubar. Der Fokus liegt vor allem auf der Frau, in zweiter Linie auf der Freundin und dem Ehemann. Diese drei Hauptfiguren und weitere Nebencharaktere wirken stimmig und durchaus lebensnah.
Ein kleines Manko ist für mich die Sprache. Sie ist zwar atmosphärisch, angenehm unaufgeregt und anschaulich. Jedoch schafft sie eine Distanz zwischen Leser und Figuren, unter anderem durch die Namenlosigkeit aller handelnder Personen, die wohl den universellen Aspekt des Themas unterstreichen soll. Auch die immer wieder eingestreuten Bandwurmsätze haben mich gestört.
Gut gefallen hat mir wiederum die vielfältige Symbolik, die in dem Text enthalten ist. Zuallererst zu nennen wäre die Irrfahrt, die sinnbildlich für die vergangenen Jahre der Protagonistin steht. Darüber hinaus sind weitere Motive zu finden. Manche von ihnen werden explizit aufgegriffen, andere dagegen sind nur beim aufmerksamen Lesen ersichtlich.
Das Covermotiv, ein Foto von Magdalena Russocka, passt gut zur Geschichte. Auch der Titel, der sowohl im wörtlichen als auch im metaphorischen Sinne verstanden werden darf, ist meiner Ansicht nach eine ausgezeichnete Wahl.
Mein Fazit: Mit „Grüne Welle“ ist Esther Schüttpelz ein tiefgründiger Roman zu einem gesellschaftlich bedeutsamen Thema gelungen. Definitiv lesenswert!
Grüne Welle von Esther Schüttpelz beginnt mit einem unerwarteten Roadtrip. Nach einem Kinobesuch verfährt sich die zunächst noch namenlose Frau und fährt immer weiter von ihrem Zuhause und ihrem Ehemann weg. Die scheinbar einfache Autofahrt entwickelt sich zu einer Reise, in der sie ihr Leben überdenkt und den Leser immer mehr an sich und ihren Gedanken teilhaben lässt, bis sie schließlich wieder abblockt.
Besonders spannend war auch die Entscheidung den Charakteren keine Namen zu geben, außer zwischenzeitlich der Protagonistin und diese dann schließlich wieder nur als „die Frau“ zu beschreiben gegen Ende des Buches. Dass die meisten Orte keinen Namen hatten, war in Anbetracht des spontanen Roadtrips ohne Handy nur logisch. Die Figuren wirken stark schematisiert. Die sensible, verunsicherte Künstlerin als Protagonistin, die urbane, herablassende Freundin und der gewalttätige, kunstverachtende Anwalt Ehemann erscheinen klischeehaft. Auch die beiden jungen Frauen, die sie eine Zeit lang begleiten wirken wie Typische Vorstellung von jungen Menschen der heutigen Zeit. Ich konnte mich nicht besonders in die Personen hineinversetzten und es entsteht kaum emotionale Nähe. Die Charaktere bleiben fremd und werden mit zunehmenden Geschichtsverlauf eher unsympathisch.
Der Schreibstil ist eigenwillig und prägend, die langen, verschachtelten Sätze, gedankliche Schleifen und ein distanzierter Erzählduktus, der stark an einen inneren Monolog erinnert. Das ist literarisch interessant, aber auch anstrengend zu lesen und nicht immer leicht zugänglich. Zwar wirkt die Sprache klar, ehrlich und ungefiltert, doch bleiben die Gedanken der Protagonistin oft erwartbar und gewinnen selten an Tiefe oder Überraschung. Thematisch jedoch greift der Roman hochrelevante Aspekte auf, wie Selbstverlust, häusliche Gewalt, unerfüllte Träume und die Frage nach einem möglichen Neuanfang. Gerade deshalb hinterlässt das Buch sehr ernüchtert, denn das offene Ende und das große Potenzial der Themen werden nicht voll ausgeschöpft.
Am Ende bleibt „Grüne Welle“ ein ungewöhnlicher, formal interessanter Roman, der in 24 Stunden eine Momentaufnahme eines Lebens zeichnet. Wer experimentelle Erzählweisen und subjektive Gedankengänge schätzt, kann hier eine spannende Leseerfahrung machen. Wer jedoch emotionale Tiefe, psychologische Vielschichtigkeit und greifbare Figuren sucht, dürfte trotz guter Idee und passendem Titel enttäuscht zurückbleiben.
Steig ein … Komm mit und gleite mit mir auf der grünen Welle der Erkenntnis. Ein stiller, doch kraftvoller Roman von eindringlicher Intensität, der lange nachhallt. Dieser Roman ist ein beinahe emotionslos geführter innerer Monolog und gerade deshalb fesselnd, überraschend und von eigentümlicher Tiefe. 4,5/5⭐️
. Aber worum geht es genau… Nach dem allmonatlich Kinobesuch mit ihrer Freundin sollte die Frau eigentlich nach Hause fahren, doch dies ist nicht der Fall. Sie setzt sich in ihren alten Golf und folgt der grünen Welle durch die Nacht.
. In „Grüne Welle“ begleiten wir „die Frau“, die uns als Erzählerin durch die Geschichte führt. Später tritt noch eine weitere Figur auf, doch das soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Denn Namen sind in diesem Roman letztlich Schall und Rauch. Eine namenlose Protagonistin und ebenso namenlose Nebenfiguren verleihen der Geschichte eine besondere psychologische Tiefe. Es spielt keine Rolle, wie die Frau oder die anderen heißen. Den in den gewisser Weise könnten sie in jedem von uns sein. Durch die gewählte Perspektive richtet sich der Blick konsequent auf die innere Welt der Frau. Dabei wirkt sie stellenweise fast emotionslos, ausgelaugt, erschöpft und innerlich leer. Und doch entfaltet sich gerade darin das eindringliche Porträt eines Menschen, der einen stillen, aber unerbittlichen inneren Kampf führt. Enttäuschung, Selbstentfremdung, Selbstzweifel und Selbsttäuschung haben längst die Oberhand gewonnen. Abseits dieser zentralen Gedanken gibt es kaum etwas, das ablenkt. Als Leser erleben wir nur das, was sich im jeweiligen Moment vor den Augen der Frau abspielt. Über den Weg, der sie hierher geführt hat, erfahren wir nur Bruchstücke. Gerade diese scheinbare Monotonie erzeugt eine überraschend intensive Leseerfahrung. Gefühle kommen, gehen und brechen vulkanartig über uns aus. Unterschwellig stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Wohin führt dieser Weg? Wird sich etwas verändern? Oder gibt es vielleicht sogar einen Weg zurück? Hochkonzentriert verfolgt man als Leser jede Zeile und jedes Wort in der Hoffnung, keinen entscheidenden Wendepunkt zu verpassen. Meiner Ansicht nach deutet das Ende schließlich doch noch eine Richtung an, die der Frau eine positive Zukunft eröffnen könnte. Doch letztlich bleibt diese Deutung offen und muss von jedem Leser für sich selbst gefunden werden.
. „Grüne Welle“ ist das eindringliche Porträt des inneren Kampfes einer Frau, die sich selbst verloren hat. Es ist kein Roman, den man nebenbei liest. Vielmehr ist es ein psychologisch dichtes Werk, das auf bemerkenswerte Weise die innere Zerrissenheit eines Menschen sichtbar macht.
SUbtext einer Ehe Das Buch hat eine ganz einfache Geschichte. Eine Frau steigt abends ins Auto, bei einer Umleitung verfährt sie sich. Irgendwann, am nächsten Tag dreht sie wieder um. Doch dazwischen passiert unheimlich viel. Sie war mit einer Freundin im Kino. Danach fährt sie immer sofort nach Hause, denn ihr Mann macht sich sonst Sorgen. Als die Frau merkt, dass sich nicht mehr auf dem Heimweg ist, denkt sie sich: an der nächsten roten Ampel wende ich. Aber alle Ampeln sind grün. So fährt sie stundenlang durch die Nacht und den nächsten Tag. Dabei überdenkt sie ihr Leben, ihr Kunststudium, Ausstellungen, Freundschaften und auch ihre Beziehungen zu ihrem Mann. Durch Andeutungen im Laufe des Buches merkt man, dass etwas überhaupt nicht stimmt in dieser Beziehung. Doch konkret ausgesprochen wird nichts. So wie viele solcher Schicksale in der Gesellschaft nicht veröffentlicht werden. Alles wird totgeschwiegen. Dazu passt, dass die Personen im Buch alle anonym bleiben: die Frau, der Mann, die Freundin. Irgendwann gibt sie sich selbst einen Namen: Amy. Ausgerechnet nach Amy Winehouse. Sie bleibt auch nicht alleine im Auto. Irgendwann hat sie drei Passagiere, einer davon tot. Der Tote ist ein Reh, dass sie überfahren hat. Dieses Reh steht meiner Meinung nach für ein Sinnbild für die Frau selbst. Die Anonymität der Personen machte die Andeutungen auf Gewalt für mich noch viel intensiver. Die Autorin lässt auch immer wieder Dinge in der Schwebe, so dass die eigene Fantasie arbeiten kann. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich mir immer die schlimmere der möglichen Varianten ausgemalt habe. Ich bin aber nicht darauf gekommen, warum das so ist. In einem sehr interessanten Kapitel verändert sich plötzlich die Perspektive. Der Mann und die Freundin treffen aufeinander. Sie mögen sich nicht, machen eine Art Wetttrinken und batteln sich so um die Frau. Natürlich auf eine unausgesprochene Art. Niemand im ganzen Buch spricht wirklich laut aus was sie/er denkt. Alles passiert über Subtext. Das ist für mich ganz große Kunst. Ich liebe Bücher, die mich zum Nachdenken bringen, dazu gab mir dieser Roman genügend Gelegenheit.
Zunächst hatte ich das Gefühl, dass sie ein wenig verpeilt wäre. Die Frau, deren Namen man nicht kennt. Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin fährt sie los, verpasst eine Abzweigung, auch auf der Autobahn lenkt sie ihren Golf geradeaus, versäumt Ausfahrt um Ausfahrt.
Irgendwann dann sind da zwei junge Frauen, eine Große und eine Kleine, die sie an einer Tankstelle trifft. Auch sie werden nicht weiter benannt. Die Frau wundert sich, dass es auch heute noch Anhalterinnen gibt, denn die Zeit dafür ist schon aufgrund der damaligen Vorkommnisse lange vorbei. Der Kofferraum ist schon besetzt, ihre Rucksäcke nehmen die Große und die Kleine auf ihren Schoss.
Wie entrückt kommt mir diese Geschichte vor, als ob einer einen nüchternen Blick auf die Frau und das Geschehen wirft. Eigentlich passiert nichts oder nicht viel und doch möchte man wissen, was es mit dieser Frau auf sich hat. Der Mann daheim wartet auf sie, das schimmert durch. Auch sieht die Große, die auf der Rückbank sitzt, die Frau ganz genau an. Sie spricht sie darauf an, Antwort erhält sie keine.
Das eigene Ich wahrnehmen, die Selbstreflektion einer Frau, die ihre Wirklichkeit ganz genau kennt und diese gedanklich auf dieser Fahrt durchspielt – so kommen bei mir diese Stunden im Golf der Frau an. Aus der Perspektive ihrer Gedanken, die als externer Beobachter fungieren, wird ihre Lebenswirklichkeit seziert. Es liegt an ihr, das für sie einzig Richtige aus ihrem Dasein zu machen. Nur zu oft knicken wir dabei ein, denn die eingefahrenen Bahnen zu durchbrechen – dazu braucht es Stärke und Mut.
Eine Charakterstudie, die sachlich und nüchtern das durchleuchtet, wohin das Leben uns geführt hat und was davon übrig ist. Gekonnt in Szene gesetzt, vorurteilsfrei und doch auf den Punkt gebracht. Nach den ersten Seiten, nachdem ich mich mit diesem doch ungewohnten Schreibstil angefreundet habe, mochte ich das Buch nicht mehr weglegen.
Eigentlich will sie nur ins Kino. Mit der Freundin. Doch auf dem Rückweg zwingt eine Baustelle sie zu einem Umweg und plötzlich gerät alles ins Rollen. Die Frau, die lange namenlos bleibt, steht sinnbildlich für viele. Für Frauen, die in gewalttätigen Situationen stecken. Sie kann nichts für die Umleitung, nichts für die grüne Ampelwelle und deshalb fährt sie weiter, obwohl sie wirklich nach Hause möchte.
Grüne Welle erzählt von häuslicher Gewalt. Die Frau hatte einst Träume, eine eigene Identität, ein Leben. Sie begegnet einem charmanten Mann, und die Übergänge zur Gewalt verschwimmen. Was ist noch normal, was längst nicht mehr? Während der Fahrt bleibt ihr Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken. Ihre Entscheidungen wirken dabei nicht immer rational, aber oft nachvollziehbar. Dennoch hatte ich stellenweise das Gefühl, dass einzelne Handlungen eher konstruiert wirken, um der Geschichte mehr Würze zu verleihen.
Ergänzt wird die Handlung durch die Perspektive der Freundin der Frau. Durch sie erfahren wir, was zuhause geschieht: wie der Ehemann reagiert, wie die Situation von außen wahrgenommen wird. Diese Sichtweise fand ich bereichernd, auch wenn sie zugleich zeigt, wie schnell die Realität verkannt wird. Der Blick von außen bleibt oft oberflächlich und die Dringlichkeit der Situation, der Mangel an Alternativen und die Notwendigkeit von Hilfe werden nicht immer deutlich genug.
Das offene Ende passt grundsätzlich zur Thematik, auch wenn ich persönlich abgeschlossene Enden bevorzuge. Die wenigsten Frauen, die häusliche Gewalt erleben, schaffen beim ersten Fortlaufen den kompletten Absprung. Oft kehren sie viele Male wieder heim, manche schaffen es nie final.
Ein wichtiges, schweres Thema, das der Roman eindringlich aufgreift. Gleichzeitig bleibt vieles zwischen den Zeilen und muss interpretiert werden. Das verleiht dem Ganzen Tiefe, aber an einigen Stellen hätte auch direkter kommuniziert werden können.
Eine namenlose Frau reitet in einem alten Golf auf einer grünen Welle in die Nacht hinein. Bei der ersten roten Ampel will sie umkehren, ganz bestimmt. Aber die rote Ampel kommt nicht. Das ist die Prämisse von Esther Schüttpelz' zweitem Roman. Eine Autofahrt ins Ungewisse. Kein gewöhnlicher Roadtrip, sondern ein dichter, auktorialer Monolog über eine Flucht, weibliche Lebensrealität und Kunst.
Beim Lesen habe ich oft gedacht: "Was ist das für eine tolle Geschichte?" Die Autorin hat einen sehr experimentellen und irgendwie neuartigen Ansatz gewählt. Phasenweise hat mir das wirklich gut gefallen. Der Text hat sowohl auf der Handlungs- als auch auf der Metaebene großartige Momente.
Zwischenzeitlich hat er mich aber auch immer wieder verloren. Ich habe das Gefühl, dass gerade wegen dieser dichten und distanzierten Perspektive Potenzial auf der Strecke geblieben ist. Dass die Geschichte, wäre sie an manchen Stellen klassischer erzählt worden, an Kraft gewonnen hätte. Gerade zum Ende hin hat sich dieser Eindruck verhärtet. Es sind so viele Fragen offen geblieben. Ich mag offene Enden grundsätzlich, aber dieses hat sich fast schon lose angefühlt, so schnell kam es. Trotz der distanzierten Erzählweise, in der Figuren keine Namen haben (brauchen sie auch nicht), wurde einiges an Charakterbildung betrieben. Vielleicht war diese schlussendlich noch zu wenig, oder nicht präzise genug gesetzt, um die Sache wirklich rund zu machen.
Meine eigene Kritik ärgert mich, weil mir die Geschichte in ihrer ganzen Handlungsstruktur, sowie auch die Stimmungsfarbe des Texts wirklich extrem gut gefällt. Ein kurzer, prägnanter Roman kann unglaublich kraftvoll sein. Auch wenn oder gerade weil ich dieses Buch wirklich mag, hätte ich mir gewünscht, dass es seine Welle noch etwas länger reitet. (3,75 Sterne)
Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert war und aus dem sie nun ausbrechen will, weg vor allem von ihrem Ehemann. Und so fährt sich immer weiter. Esther Schüttpelzs „Grüne Welle“ rauscht im Gedankenstrom durch die 24 Stunden andauernde Flucht der Protagonistin und so manche Überraschung sitzt auf dem Beifahrersitz, wie man es bei einem Roadtrip erwartet. So tauchen zwei junge Frauen auf, und ein Reh spielt eine Rolle. Doch nicht nur „die Frau“ kommt zu Wort, sondern auch ihre beste Freundin, die ihr Verschwinden sogleich als Flucht erkennt, sie dafür feiert und eine weitere Perspektive eröffnet. Durch den Gedankenstrom, den man wohl entweder liebt oder hasst, kommt der Roman unaufgeregt daher, was die Flucht und dessen Auslöser aber mitnichten schmälert. Viele kluge Gedanken werden verdichtet und rauschen gleichzeitig an einem vorbei, über das Leben, Feminismus und wie es so weit kommen konnte mit der Protagonistin. Sprachlich ist es solide und eine wunderbare Abwechslung in der Literatur, auf die man sich allerdings einlassen muss. Wenn man es tut, bekommt man eine Woolfsche Erfahrung moderner Art. Außerdem kann ich mir diesen kurzweiligen, klugen Roman wunderbar als Film vorstellen, mit seinen absurden, manchmal sogar komischen Facetten. Er hat einen ganz besonderen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Manchmal reicht eine falsche Abfahrt und plötzlich fühlt sich alles verdächtig richtig an. Genau so startet diese seltsame, ruhige, unterschwellig bedrohliche Fahrt durch die Nacht. Kein Tempo Thriller, kein Actionfeuerwerk. Stattdessen dieses langsame Wegdriften. Eine Frau fährt. Weiter. Und weiter. Und irgendwo zwischen Tankstellenlicht und schwarzer Landstraße merkt man selbst, wie sich im Kopf etwas löst.
Was zuerst wie eine harmlose Umleitung wirkt, entwickelt schnell eine eigentümliche Sogwirkung. Diese Fahrt fühlt sich nicht wie Flucht an, sondern wie ein stilles Davonsickern. Kein großes Drama, kein lauter Knall. Nur Gedanken, Zweifel, Erinnerungen. Und dieses mulmige Gefühl, dass Zuhause vielleicht gar nicht der sichere Ort ist, den man sich eingeredet hat.
Der Stil ist ruhig, fast kühl. Lange Gedankengänge, wenig äußere Handlung. Das kann packend sein, manchmal aber auch ein bisschen anstrengend. Es passiert nicht viel und trotzdem passiert die ganze Zeit etwas. Emotional arbeitet das Buch eher unter der Oberfläche. Kein Holzhammer, eher ein Druck im Bauch, der langsam stärker wird.
Stark ist die Atmosphäre. Dunkle Straßen, leere Rastplätze, Gespräche, die sich anfühlen wie zufällige Begegnungen mit Bedeutung. Schwächer sind die Figuren. Man bleibt auf Distanz. Genau das ist vermutlich gewollt, nimmt aber auch etwas Wucht raus.
Unterm Strich ein ungewöhnlicher Roadtrip im Kopf. Leise, unheimlich und stellenweise richtig gut. Aber auch sperrig und nicht immer greifbar. Kein Buch zum Durchrauschen, eher eins zum langsamen Mitrollen in der Nacht.
Esther Schüttpelz erzählt in "Grüne Welle" von einer Frau, die nach einem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin eigentlich nach Hause fahren will. Eine Umleitung bringt sie jedoch von ihrem Weg ab und aus dieser kleinen Abweichung wird eine immer längere Fahrt durch die Nacht, während sich gleichzeitig die Frage für die Frau aufdrängt, ob die Rückkehr zu ihrem Mann überhaupt noch der richtige Weg wäre.
Der Roman hat für mich einen sehr spannenden Ansatz, der meiner Meinung nach sehr gelungen umgesetzt wird. Der Schreibstil ist poetisch und eindringlich mit vielen Impulsen, die zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig liest sich das Buch sehr schnell, weil der Spannungsbogen durchweg hoch ist und man wissen möchte, wohin diese scheinbar endlose Fahrt führen wird.
Besonders interessant fand ich, dass die Figuren anonym bleiben und vieles nur angedeutet wird. Situationen und Hintergründe werden nie vollständig erklärt, wodurch viel Raum für Interpretation bleibt. Für mich sehr stimmig zum gesamten Buch.
Etwas enttäuscht hat mich allerdings das Ende. Zwar bleibt es offen, was grundsätzlich gut zum gesamten Buch passt. Für mich fühlte es sich jedoch eher wie ein Rückschritt an, und ich hätte mir für die Frau einen anderen Ausgang gewünscht.
Alles in allem ist „Grüne Welle“ aber ein toller Roman mit einem ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz.
Die namenlose Protagonistin fährt nach einem Kinobesuch in der Stadt mit dem Auto nach Hause. Durch eine Umleitung kommt sie nicht auf die geplante Autobahnauffahrt. Das Handy hat keinen Akku mehr, ihr altes Auto offensichtlich auch kein Navi. So fährt sie die Landstrasse entlang, immer weiter, durch Dörfer, die ganze Nacht…
Die Idee des Romans fand ich super. Der Roman spielt sich grösstenteils im Auto ab. Die Frau scheint zumindest unbewusst begriffen zu haben, dass sie in einer gewalttätigen Beziehung ist und eigentlich ihren Mann besser verlassen sollte. Wie viel bewusst ist wird allerdings nicht klar. Sie scheint froh, durch den leeren Akku keine Rechenschaft schuldig zu sein, offensichtlich war das vorher nie eine Option. Die Sprache ist interessant, mit langen, verschachtelten Sätzen und lauter namenlosen Protagonisten („die Frau“, „der Mann“, „die Freundin der Frau“), was es manchmal auch etwas kompliziert zu verstehen macht. Die beiden Anhalterinnen, die sie zwischendurch mitnimmt, bringen zusätzlich etwas Leben und neue Ideen in die Geschichte. Ohne jetzt zu Spoilern bin ich vom Ende etwas enttäuscht und hätte mir doch erhofft, dass sich die Protagonistin insgesamt reflektierter zeigt, allerdings scheint mir das Ende durchaus realistisch.
Nach einem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer Freundin steigt die Frau allein in ihr Auto und fährt los. Nicht nach Hause zu ihrem Mann, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Sie nimmt sich vor, erst an der nächsten roten Ampel umzudrehen. Doch die Ampeln sind entweder ausgeschaltet oder zeigen Grün. Irgendwann fasst sie den Entschluss, überhaupt nicht mehr zurückzufahren. Ihr Mann wird wütend sein – doch daran will sie jetzt nicht denken.
Später, beim Tanken, nimmt sie zwei 19-jährige Anhalterinnen mit. Ob die zunächst namenlose Protagonistin am Ende doch noch umkehrt oder weiterfährt, sollte man selbst herausfinden.
Die Buchbeschreibung klang für mich sehr vielversprechend. Ich hatte gehofft, im Laufe dieses Roadtrips mehr über die Protagonistin und ihre Ehe zu erfahren, doch wirklich aufschlussreich wurde es leider nicht. Zwar gefiel mir der besondere Schreibstil, und ich gewöhnte mich schnell an die langen Sätze in der dritten Person, dennoch blieb mir die Hauptfigur emotional fremd. Sie wirkte kühl und distanziert, sodass keine echte Nähe entstehen konnte.
Schade – ich hatte mir einen tiefgründigen Roman erhofft. Dieses Buch blieb jedoch deutlich hinter meinen Erwartungen zurück. 2½/5
In diese Geschicht fällt man ziemlich unmittelbar hinein, unvorbereitet und absatzlos. Zunächst wusste ich nicht, was ich davon halten soll. Dann merkte ich auf einmal - Achtung! Ich bin Literaturwissenschaftlerin - das ist ja formal eine waschechte Novelle. Eine unerhörte Begebenheit: "Die Frau" verfährt sich auf eigentlich bekanntem Terrain und lässt es dann laufen ins Unbekannte hinein. Verschiedene überraschende Wendepunkte. Und das novellentypische Dingsymbol: Die Ampel, die immer wieder auf Grün springt, wenn die Protagonistin sich ihr nähert. Sodass sie dann weiter fährt.
Novellentheorie hin oder her, das muss man natürlich alles gar nicht wissen, aber ich finde es faszinierend wie es der Autorin gelingt, die klassische Form durchzukomponieren. Ich bin überhaupt mehr und mehr eine Bewunderin von Literatur, die formal anspruchsvoll, aufregend gestaltet ist - auch großartige Inhalte gehen in plätschernder Irgendwieform ja verloren.
Hier nicht. Im leicht mysteriösen Sog, den die Geschichte entwickelt, werden Themen wie häusliche Gewalt, intergenerationeller Feminismus, Freundinnenschaft gestreift - und dadurch dass die Leserin das Angedeutete selbst mit Assoziationen füllt, mehr als nur gestreift.
Ich bin beeindruckt von der gestalterischen Kraft dieses Buches.
In Esther Schüttpelz‘ neuem Roman „Grüne Welle“, gerade erschienen im Diogenes Verlag, sitzen die Leser*innen 24 Stunden mit der Protagonistin im Auto. „Die Frau“, wie sie genannt wird, ist auf dem Heimweg von ihrem monatlichen Kino-Date mit ihrer Freundin: doch durch Umleitungen kommt sie vom Weg ab und wird erinnert an vieles, das war und nicht mehr ist und unweigerlich führt ihre Fahrt plötzlich weit weg und dafür näher zu ihr hin. Esther Schüttpelz ist ein großartiges Kammerspiel in einem alten Golf gelungen: in den 24 Stunden, die wir die Frau begleiten, wird ALLES besprochen. Was mit den großen Träumen und großen Freundinnenschaften im Laufe der Jahre passiert und warum wir uns manchmal mit Lebensentwürfen arrangieren, die wir mit 18 niemals gezeichnet hätten. Warum es so unglaublich schwer ist, das eigene Leben von außen zu betrachten, wie wütend es machen kann, wenn es andere tun und vor allem: wie wertvoll Freundinnen sind 🫶🏼 Esther Schüttpelz ist eine genaue Beobachterin und eine Meisterin des inneren Monologes: ein ganz großes Buch und ein wunderbares Geschenk für Frauen in der Lebensmitte, die einen neuen Weg finden wollen!
„Es dauerte noch etwas, bis sich die Frau sicher war, dass sie die falsche Straße gewählt hatte, dass also die Straße, auf der sie noch immer fuhr, nicht zur Autobahnauffahrt Nord führen würde.“ Eine Frau verfährt sich auf dem Weg nach Hause. Während äußerlich die Orientierungslosigkeit zunimmt, gewinnt sie innerlich an Klarheit. In distanzierter Erzählweise begegnen wir „der Frau“, „der Freundin der Frau“ und „dem Mann der Frau“ – ohne dass ihnen Namen gegeben werden. Dennoch wird durch ihre Gedanken zunehmend deutlicher, wie sie zueinander stehen. Genau darin sah ich das große Potenzial des Romans: Ich hatte mir erhofft, durch den inneren Dialog die Frau besser kennenzulernen. Doch leider geschieht in dieser Hinsicht zu wenig. Stattdessen richtet sich der Blick immer wieder auf die Umgebung; selbst als die Frau beim Mitnehmen von Anhaltern etwas über sich erzählen könnte, erfindet sie eine ganz andere Figur. So blieb das Buch hinter meinen Erwartungen zurück. Die Gewalt, die der Frau widerfahren ist, wird nur angedeutet und weder im Kopf noch im Handeln verarbeitet. Vielleicht soll dies ihre Sprachlosigkeit ausdrücken – doch letztlich wirkt die Fahrt dadurch fast bedeutungslos.
Eine Frau steigt nach dem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin in ihre Auto um nach Hause zu fahren. Doch wegen einer Autobahnsperrung muss sie eine Umleitung nehmen, gelangt auf einer ihr unbekannten Straße und findet dann immer wieder Anlässe, noch nicht umzudrehen und heimzufahren. Während sie sich immer weiter von ihrem Haus, ihrer Ausstellung und ihrem Ehemann entfernt, ins vermeintliche Nichts fährt, kommt sie sich selbst dabei ungewohnt nahe. Sie denkt zurück, lässt die Beziehung zu ihrer besten Freundin Revue passieren, setzt sich mit ihrer Kunst und auch mit ihrer Ehe auseinander. Die Namenlosigkeit, bzw. nennt sich die Frau im Verlauf Amy, und die Distanzlosigkeit macht die Figur nahbar, bietet Identifikationsfläche für viele und bietet Gedankenanlässe und Impulse für die eigenen Beziehungen und das eigene Leben. Wer kennt es nicht, den Gedanken, jetzt einfach weiterzufahren, die nächste Abbiegung irgendwohin zu nehmen und sich treiben zu lassen. Doch die wenigsten tun das wirklich. Mir war es ein Vergnügen, die Frau bei ihrer Fahrt und bei ihren Begegnungen zu begleiten.