Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird.
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.
Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.
»Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deshalb lesen muss.« Mareike Fallwickl
»Nach der ersten Seite war ich erschüttert, nach dem ersten Kapitel gefesselt. Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.« Edgar Rai
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" habe ich an einem Tag beendet und das sagt schon viel über das Buch und wie ich es fand aus.
Wir befinden uns in den 80ern in Berlin: Lale wird geboren, ihre Mutter drogenabhängig, ihr Vater im Knast. Von nun an lebt sie mit mehreren fremden Männern zusammen, die in Berlin-Tempelhof eine Kommune bilden. Die Wohnung, die Räume und Erinnerungen haben sich so bei ihr eingebrannt, dass sie sich auch noch Jahre später an alles haargenau erinnern kann.
Mit sexuellem Missbrauch, sexistischen Kommentaren und keinem Halt wächst das junge Mädchen in Unsicherheit und Angst auf. Beim Lesen muss man teilweise die traumatischen Erfahrungen wiederholt lesen, da die Autorin mit so viel Charme, Witz und - ich würde sagen einem starken Hang zum Coping-Mechanismus - ihre Geschichte erzählt.
Das autobiografische Debüt der Autorin erinnert mich stark an einen Mix aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und "Die Schönste Version". Es hat mich als Leserin oft wütend gemacht, weil ich mir ständig dachte ."Wieso hilft denn niemand diesem jungen Mädchen". und ich mir nicht ausmalen kann, wie sie diese ekelhaften Taten der Männer verarbeiten konnte. Ein wirklich lesenswertes Buch!
„Ich werde Orte suchen, an denen das Grundrauschen lauter ist als mein innerer Tumult.“ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Lales Kindheit ist übersäht von Vernachlässigung. Sie wächst in Berlin in einer Männer-WG auf, in der betrunken Revolutionen geplant werden. Es gibt niemanden, der ihr Grenzen setzt und wenn sie welche fordert, machen sich die Männer darüber lustig. Es gibt auch niemanden, der darauf achtet, das Lale und ihr Körper unversehrt bleiben - ein Mann aus der WG überschreitet regelmäßig Lales Grenzen und niemand hält ihn auf. Lale muss trotzdem groß werden, irgendwie aufwachsen in diesem Milieu. Trost findet sie im Schreiben, während sie einen Weg hinaus sucht ... ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Dieses Debüt von Lilli Tollkien hat mich gleichermaßen überrascht und begeistert. Lales Welt hat trotz der scheinbaren Freiheit so viele Falllöcher, trägt so viel Leid in sich, dass es mich sehr mitgenommen hat. Lale selbst erzählt hier und dort auktorial, was mir sehr gut gefallen hat. Sie blickt auf ihr Leben zurück, schildert ihre Geschichte mit gutem Überblick, aber auch sehr persönlich. Ich habe mir sehr viele Stellen markiert, die mich auch sprachlich sehr überzeugen konnten. Generell ist der Schreibstil sehr gelungen! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Die Themen in diesem Buch sind schwer: Gewalt (verbal, psychisch, sexuell) und Drogen- und Alkoholmissbrauch setzen kein „Wohlfühl-Setting“, sondern eine Lebensrealität, mit der ich bisher nicht in Berührung gekommen bin. Für mich wirkte die erschaffene, fiktive Welt absolut authentisch und ich war nicht überrascht, als ich im Impressum gesehen habe, dass es teilweise auf wahren Ereignissen beruht. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Große Leseempfehlung! Für mich ein Debüt-Highlight! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ 4,5/5 ⭐️
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Rezensionsexemplar I Vielen Dank @aufbau_verlage @netgalleyde 💚
“ich wollte talente haben, künstlerischen erfolg, der meinen schmerz rechtfertigte. es sollte nicht mehr umsonst gewesen sein.”
der klappentext von mit beiden händen den himmel stützen hat mich direkt angesprochen, das tolle cover sowieso. leider war der inhalt am ende nicht meins.
wisst ihr, wie leute über ein wenig leben sprechen? selbst gelesen habe ich es bisher nicht, daher gebe ich nur erzählungen wieder. aber das buch wird oftmals als trauma dumping bezeichnet, da die charaktere so unglaublich viel durchmachen und man leser:innen für den shock value ertragen lässt. exakt so ging es mir mit diesem buch.
die geschichte dahinter hatte für mich persönlich so wenig substanz und wollte nur seite um seite noch ein bisschen mehr draufhauen. damit konnte ich nichts anfangen, außer mich darüber zu echauffieren, dass nichts kritisch betrachtet und nur geschehen lassen wurde.
so so wunderschön geschrieben aber auch so so schmerzhafter Inhalt… musste manchmal zwischendrin Pause machen und immer, wenn ich weitergelesen hab, hat es mich wieder mitgerissen
3⭐️ Lale wird in den 80er Jahren geboren, durch ihre drogenabhängigen Eltern kommt sie in eine Männer-WG, doch auch dort fehlen ihr Fürsorge, Halt und echte Geborgenheit etwas, wonach sie sich ihr ganzes Leben lang sehnt.
Mich hat dieses Buch aufgewühlt und gleichzeitig seltsam auf Distanz gehalten. Die Sprache ist eindringlich, doch die Ereignisse rauschen wie ein Sturm an mir vorbei. Ich hatte kaum Zeit, wirklich mit Lale zu fühlen, weil sich ein Schicksalsschlag an den nächsten reiht. Vieles wirkte überladen, als wollte die Geschichte zu viel auf einmal erzählen. Gerade bei so sensiblen Themen hätte ich mir mehr Tiefe und Raum gewünscht. Einige Aspekte erschienen mir zudem schwer greifbar. Trotzdem bleibt ein Eindruck zurück, der nachhallt. Ein Buch, das ich trotz allem weiterempfehlen würde.
Ich bin hin & hergerissen wie ich das Buch finde. Es ist toll geschrieben & beschreibt ein Berlin, welches ich total wiederkennen aus meiner Kindheit, dass hat mich sehr berührt. Andererseits ist es total traurig, es passieren immer mehr & mehr schlimme Dinge & Schicksalsschläge und auch zum Ende hin ist es zum verzweifeln. Auch wenn das Ende „rund“ ist. Nichts klappt irgendwie. Ich würde es trotzdem empfehlen glaube ich, ich musste es aber in Portionen lesen.
ich fand die Geschichte echt mitreißend, aber habe mir bisschen mehr erhofft.. es werden zwischendurch immer wieder Aspekte aus der Gegenwart angerissen, deswegen habe ich die ganze Zeit auf den Cut zum Jetzt gewartet. Ich hätte es spannender gefunden, mehr aus Lales Gegenwart zu erfahren, die ja recht stabil wirkt, und wie ihr ihr Aufwachsen immer noch zu Schaffen macht bzw. bis heute beeinflusst (insbesondere mit eigenem Kind)
This entire review has been hidden because of spoilers.
Es sind die 1980er Jahre, Lale wächst mit ihrem Vater in einer Kommune auf, die Mutter ist wenig greifbar. Lale erfährt Vernachlässigung und massive Grenzüberschreitungen, aber auch Momente der Geborgenheit und Abenteuer. Traurig, eindringlich und berührend erzählt Lilli Tollkien von einer besonderen Kindheit. Das Buch hat mich gefangen genommen und ich fühlte mich sehr nah an der Protagonistin dran. Immer wieder greift der Text vor auf die erwachsene Lale und zeigt, wie ihre Kindheit und Jugend sie auch später noch beeinflussen. Das hat mir besonders gut gefallen. Ein traurig-schöner Debütroman, den ich sehr empfehlen kann.
Wow, so eine tolle sprache, so viel auge füts kleine portische detail. Hab es wirklich eingesogen. Düster und dark können orte sein, wo kinder aufwachsen - inmitten von alternativer und irgendwie aufbrechender gemeinschaft? arg!
Es gibt diese Geschichten über Kindheit, die mich schon häufig ratlos zurückgelassen haben. Es sind meistens Bücher, die retrospektiv vom Aufwachsen unter - drücken wir es maximal euphemistisch aus - „nicht ganz so einfachen Umständen“ erzählen. Eigentlich erzählen diese Bücher von Kindheit in einem Milieu, in dem das Kind sehr offensichtlich Vernachlässigung, Übergriffen, Gewalt und Missbrauch ausgesetzt wird. Doch häufig schwingt in diesen Geschichten ein „War ja nicht alles so schlimm“ mit, wird ein vermeintliches Laissez-faire romantisiert, erzählen sie doch von starken, eigenständigen Charakteren, aus denen ja etwas geworden ist und die am Ende doch davon profitiert haben und so weiter und so fort. In jedem Fall werden sie weder explizit noch implizit problematisiert. Das ist in „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ anders.
Dieses Buch erzählt das „eigentlich“: Wie gewalttätig eigentlich diese vermeintlich grenzenlose Freiheit sein kann, wenn man als Kind in diesen Verhältnissen aufwächst. Ich fand es zwischendurch sehr hart, diesem Bericht einer Kindheit zu folgen; dieser Erzählerin, die eine so feine Sensorik für ihre Umwelt entwickelt; dieser dunklen Erzählung, in der immer wieder durch einen Spalt Licht in die siffige Umgebung fällt. Das Spiel mit diesen unheimlichen Ambivalenzen der Umstände und der Figuren beherrscht Lilli Tolkien sehr gut.
Manchen Rezensionen hier konnte man entnehmen, dass sich die Verfasser:innen gewünscht hätten, dass die Umstände doch mehr hätten problematisiert werden müssen. Das sehe ich anders: Zum einen macht der Roman das an einigen Stellen tatsächlich explizit - zum anderen ist es die ausgesprochene Stärke dieses Buches, durch das regelrechte Protokollieren, durch das Zeigen der Umstände (und ihrer Folgen) diese zu problematisieren. Dieser Text braucht in seiner Eindringlichkeit keinen erläuternden Kommentar.
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tolkien ist ein Buch, das weh tut. Nicht laut oder dramatisch, sondern auf eine stille, beklemmende Weise, die sich beim Lesen immer tiefer festsetzt. Gerade weil der Roman so autofiktional wirkt und vieles ungeschönt erzählt, entfaltet er eine enorme Authentizität. Ich war selbst jung in dieser Zeit und habe erschreckend vieles wiedererkannt – diese Atmosphäre aus Orientierungslosigkeit, Sehnsucht und gleichzeitigem Absturz. Genau das macht das Buch so schwer auszuhalten. Der Roman erinnert mich stellenweise stark an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: dieselbe rohe Ehrlichkeit, dieselbe emotionale Kälte und dieses Gefühl, Jugendlichen beim langsamen Verschwinden zuzusehen. Besonders gelungen fand ich die dichte, bedrückende Atmosphäre. Manche Szenen haben mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Trotzdem war es für mich kein literarisches Highlight. Der sehr einfache Schreibstil passt zwar zur kindlichen Perspektive und verstärkt die Direktheit vieler Situationen, konnte mich aber auf Dauer nicht ganz tragen. Mir fehlte sprachlich manchmal die Tiefe oder eine besondere erzählerische Kraft, die über die reine Wucht der Erlebnisse hinausgeht. Auch die kindliche Erzählstimme hat mich emotional nicht immer erreicht, obwohl ich den Ansatz nachvollziehen kann. Und doch halte ich dieses Buch für wichtig. Weil es nichts beschönigt. Weil es zeigt, wie fragil junge Menschen sein können. Und weil manche Geschichten nicht dafür da sind, „schön“ zu sein, sondern wahr.
Thank you to NetGalley and the publisher for this ARC/ALC.
This book was amazingly written and incredibly disturbing. Messed up things keep happening, and you already know it's messed up, but then the author casually drops the narrator's age again and you realise just HOW messed up it actually is. You'll think she's maybe in her early teens, which would be bad enough, and then she's actually 7 and you feel sick. This book isn't for people easily triggered, as it deals with REALLY heavy issues - not in an exploitative way, it's not reproducing trauma porn, but the author doesn't shy away from calling things what they are, and from showing you how messed up the things that happen to Lale are.
This book is short, but incredibly impactful. In a way, I was glad it was so short, because I was able to listen to it in one go, and I am not sure how I would have felt if I'd had to come back to it again and again and again and keep reading about the horrible things that happen to Lale.
I definitely had to sit with this book before I felt able to write a review, and I still feel like I cannot do this novel justice. All I can say is that I definitely recommend it to anyone who can handle its heavy subject matter.
Eine außergewöhnliche, interessante, aber zwischenzeitlich verstörende und emotional ergreifende Geschichte über eine junge Frau, die umringt von Männern in einer Kommune aufwächst. Wie hier mit sensiblen und strafrechtlich relevanten Themen umgegangen wird, ist mir jedoch negativ aufgestoßen: dass das bis zum Ende nicht als richtig problematisch oder übergriffig dargestellt wird, fand ich erschreckend. In den Rückblicken aus Kindersicht mag das zwar akkurat sein (also dass Kinder nicht alles richtig einordnen und verstehen können), aber spätestens aus der Erwachsenensicht hätte ich mir eine bessere Einordnung und Reflektion gewünscht. Insgesamt fand ich das Buch auch leider zur fragmentarisch: manche Sprünge in der Geschichte wirkten sehr schnell und es fehlte einiges an Kontext, sodass es zwischenzeitlich schwer nachvollziehbar war, wo genau die Protagonistin sich jetzt zeitlich, örtlich und seelisch befindet. Letztendlich lässt mich das Buch mit der Frage zurück, was es mir sagen will. Die Moral/Message erschließt sich mir nicht: sich keine Hilfe suchen? So viele Sachen ungeklärt lassen? Trotz dieser Problematik kam ich leicht durch das Hörbuch und habe es recht gerne gehört.
Auf den Seiten sind so viele Infos wie nur irgend möglich. Man rennt gefühlt durch das Buch und kann nicht aufhören zu lesen (im positiven Sinne). Gleichzeitig wird es nie wirklich besser und man fühlt sich durchgehend beklommen. Man fühlt sich hilflos beim lesen des Verhalten der Männer (insbesondere durch die linke Szene) vor allem weil sich niemand wirklich für Lale einsetzt.
Obwohl so viel in den Seiten steckt, bleiben manche Dinge doch sehr oberflächlich… Ich hätte mir mehr Hintergrund zum Verhalten der Erwachsenen gewünscht (eigene Kindheit o.ä.) und auch mehr zur gegenwärtigen Situation der Hauptfigur, insbesondere da sie nun selbst Kinder hat.
***Ab hier Spoiler***
Ohne diese greifbare Ende fühlt sich das Buch an wie eine Verkettung traumatischer Ereignisse ohne das die Hauptfigur jemals richtig aus dieser Struktur rauskommt (keine langjährigen Freundschaften, Berufe, Hobbys und Partnerschaften). Eine andere Person hat kommentiert, das Buch sei quasi nur Traumadumping und ja, ohne die weitere Entwicklung der Hauptfigur fühlt es sich für mich auch so an. Wir erfahren auch wenig über ihre Gefühle und Erkenntnisse in der Klinik, obwohl sie dort ein Jahr verbracht hat.
Dieses Buch würde ich als schmerzhaft beschreiben. Der Schreibstil der Autorin lässt einen der Protagonistin sehr nahekommen: Als Leser:in begleitet man Lale durch ihre Kindheit und Jugend und lernt aus ihrer Perspektive auch die Nebencharaktere kennen. Interessant fand ich außerdem die Idee, dass Lale in einer linken Männer-Kommune im Berlin der 80er-Jahre aufwächst: Gerade dieses Setting macht die zentrale Spannung des Buches greifbar. zwischen der scheinbaren Freiheit, in der sie aufwächst (sie darf bleiben, so lange sie will, und sich austoben), und der Vernachlässigung, die hinter dieser Freiheit steht, weil niemand wirklich für sie sorgt. Es hat mich sehr wütend gemacht, die Entscheidungen und Verhaltensweisen der Erwachsenen mitzuerleben und zu sehen, welche Konsequenzen diese haben können. Diese Wut hat vor allem mit den Themen zu tun, die das Buch behandelt.
Das Buch thematisiert sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung, Substanzmissbrauch, Sucht, Selbstzerstörung und die Auswirkungen psychischer Erkrankungen – vieles davon aus der Perspektive der jungen Lale. Diese Passagen waren besonders schwer zu lesen: zu sehen, wie ein Kind sich die Schuld und Verantwortung für das Versagen der Erwachsenen gibt, und niemand sie rettet…
Dass das Buch einen Ausblick auf ein Happy End bietet, hat mir geholfen, weiterzulesen.
Lilli Tolkiens Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist nichts für schwache Nerven. Beim Lesen laufen einem immer wieder Schauer über den Rücken. Ich habe mich mehrfach dagegen gesträubt weiterzulesen – und konnte das Buch doch nicht aus der Hand legen. Gleichzeitig bin ich fast dankbar, es nun zuschlagen zu dürfen.
Der Roman erinnert in seiner Wucht und thematischen Schonungslosigkeit an Systemsprenger, an Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – und an das raue, ungeschönte Berlin selbst.
Kindeswohlgefährdung und Grenzüberschreitungen beginnen lange vor Lales Geburt. Sie wächst in einer erschreckenden Männer-WG auf – ohne Schutz, ohne Fürsorge, ohne Halt. Ihre Mutter sieht sie nur alle paar Wochen: im Gefängnis oder im Rausch. Ihr Vater behält sie bei sich, ohne sein Vatersein wirklich wahrzunehmen.
In kurzen Kapiteln, in einem scheinbar leichten Schreibstil und doch mit voller Wucht erzählt Lilli Tolkien Lales Geschichte.
Lale kämpft. Und rennt gleichzeitig vor ihrem eigenen Ziel davon. Weil sie nicht weiß, wie Heilung funktioniert. Weil sie nicht begreift, was in ihr alles zerbrochen wurde.
Und trotzdem macht diese starke Lale immer weiter.
Als Kind wird Lale von einem Freund ihres Vaters als Pflegekind aufgenommen und zieht in eine Berliner Männer WG. Doch was anfänglich als gute Tat und Zeichen von. Freundschaft wirkt eskaliert schnell als Ansgar ins Spiel kommt.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ erzählt die Geschichte von einem jungen Mädchen die nach Halt sucht und deren Leben anders verläuft als sie es verdient. Bei ihrer Suche nach Sicherheit schlägt ihr das Leben vor den Kopf und sie droht sich zu verlieren. Die Geschichte ist emotional und ich habe sehr mit Lale gefühlt. Im Buch begleiten wir Lale über mehrere Jahre, zwischenzeitlich ist es trotz eines einfachen Schreibstil inhaltlich ein wenig zu Mau für mich. Trotzdem würde ich es empfehlen!
Selten hat mich ein Buch dermaßen berührt, dass ich aus vielen verschiedenen Gründen weinen musste. Meine Stimmung während der Lektüre wechselte von traurig zu wütend zu hoffnungsvoll... Und wieder zurück zu traurig und wütend. Ich habe schon einige Fotos des Buchs im Sonnenlicht gesehen und auch meins sieht so ähnlich aus: Das Cover ist wirklich schön mit sehr stimmigen Farben. Den düsteren Inhalt dahinter lässt sich erstmal nicht erahnen. Anhand der Leseprobe konnte ich natürlich einiges erahnen, aber vieles hat mich dann doch eiskalt erwischt. Teils fühlte ich mich an "Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas erinnert, um ein paar Jahrzehnte versetzt. Lilli Tollkien spannt in "Mit beiden Händen den Himmel stützen" den Bogen von der Geburt der Protagonistin Lale bis hin zur Entbindung ihres Kindes. Hier und da werden einige Ana- und Prolepsen eingebaut, die Erzählung hält sich jedoch an eine chronologische Struktur. Die meisten der losen Fäden werden im Laufe der Handlung wieder aufgenommen, was mir sehr gut gefallen hat. Allgemein war ich sehr begeistert von Tollkiens Schreibstil und wie sich die Kreise wieder geschlossen haben: Es gibt einen sog. Title-drop (der Titel des Werks wird innerhalb des Werkes ausgesprochen oder erwähnt), wiederkehrende Figuren, Elemente und Zitate. Somit fühlte sich auch die Handlung geschlossen an, als ich das Buch zugeklappt habe. Lale ist eine Protagonistin, mit der ich einfach nur mitfühlen konnte. In ihr steckt so viel Schaffenskraft, Neugier und Kreativität, alles wird jedoch im Keim erstickt. Manchmal wollte ich die Seiten anschreien: "Kann da mal eine Person intervenieren?" Teilweise hätte ich das Buch gern von mir geschmissen, aber nicht aufgrund schlechten Inhalts, sondern um den männlichen erwachsenen Figuren einen ordentlichen Schwindel zu verpassen und sie zur Vernunft zu schütteln. Bereits ihre Geburt als Tochter einer drogenabhängigen Mutter beginnt als Kampf, den sie sich als Säugling nicht ausgesucht hat und trotzdem bestehen muss. Ihr Leben ist geprägt von Grenzüberschreitung und Ausnutzung. Als sie mit zweieinhalb Jahren von einem Freund ihres Vaters als Pflegekind in Obhut genommen wird, betont der letzte Abschnitt den finanziellen Vorteil dahinter: "Karlheinz' aktuelle Beziehungskiste, Marianne, ist ihm dabei als Alibi nützlich, um ein Pflegekind in eine Männer-WG aufzunehmen. Vom Jugendamt gibt es monatlich 700 Mark für die Pflegschaft" (S. 13). In diesem Abschnitt steckt auch ein weiterer Aspekt, der mich zum Platzen gebracht hat: Der latent sexistische Umgang mit Frauen. "Nützlich", genau das sind sie für die Männer der WG. Für das eigene Ego, die eigene Lust, die eigene Unfähigkeit, alleine zu sein, das eigene Ansehen innerhalb der Männer-WG. Stehen die Frauen für ihre Grenzen oder das Fremdgehen der Männer ein, werden sie schnell als "verrückt" betitelt. Von klein auf ist Lale mit dem lockerroom talk der menners am Küchentisch konfrontiert, was maßgeblich ihr Selbstbild prägt. Wobei das noch einer der "harmloseren" Einflüsse ist. In dieser anarchistischen Hausbesetzenden-Szene bekommt sie ohnehin viel mehr mit, als sie ihrem Alter entsprechend sollte, und was sie dementsprechend schnell nachzuahmen scheint. Hierin erscheint mir sowieso der Ursprung (fast) allen Übels: patriarchale Strukturen. Nicht unbedingt in der anti-autoritären Erziehung liegt dieser Ursprung, sondern im Patriarchat. Lales Umgebung ist geprägt davon und die einzigen Figuren, die in diese losen Umstände Ordnung oder mal einen Funken Verantwortung einbringen wollen, sind weiblich. Und nicht selten werden sie von der Männer-WG belächelt oder - internalisierter Sexismus und male gaze lassen grüßen - es scheinen sich die Frauenfiguren um Lale kümmern zu wollen, um letztendlich wieder Ansehen bei den Männern zu erlangen. Dieser Roman ist ein Paradebeispiel dafür, wie auch in eigentlich progressiven, linksgerichteten Szenen mehrere Ismen am Wirken sind und das Patriarchat alle und alles beeinflusst. Lales Suche nach Halt und Zuneigung liest sich durchweg glaubhaft und authentisch. Es hat mir förmlich das Herz gebrochen, als ihr beim Berichten der erfahrenen sexualisierten Gewalt als Kind nicht geglaubt wird, sie anthroposophischen Heilungsmethoden auf den Leim geht und immer und immer wieder von den Personen ausgenutzt wird, die sie liebt. Und die sie ja eigentlich auch zurück lieben, aber gebeutelt sind von Dr*gensucht und Armut, darin liegt die Crux. Meiner Meinung nach ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein starkes Buch für den Schulunterricht in höheren Gymnasialklassen. Es wird aus der Perspektive einer weiblichen Figur berichtet, präsentiert in den schönen Momenten Beispiele für Sisterhood und Selbstermächtigung, in den dunkelsten die Zusammenhänge zwischen Armut, Abhängigkeit, Klassismus und Sexismus. Ich kann es vollumfänglich empfehlen und gebe 5 von 5 Sternen.
Der Klappentext machte mich neugierig. Die Protagonistin scheint auch in meinem Alter zu sein, also habe ich das Buch bestellt. Und bin jetzt nach 250 Seiten platt, aber nicht unbedingt glücklich nach der Lektüre. Lale erzählt aus ihrer Ich-Perspektive und das Buch beginnt ziemlich krass mit vorgeburtlichen Erinnerungen: Lales Mutter ist heroinabhängig und Lales Leben beginnt direkt mit einem Entzug. Die Mutter ist auch nicht fähig, die Tochter zu verpflegen; die Großmutter hat schon die Pflegschaft für eine ältere Halbschwester und kann nicht auch noch Lale mit aufnehmen, und so kommt das Kind erst mal in eine Pflegefamilie, bevor irgendwann der Vater einspringt. Jetzt startet die Story, die im Klappentext angekündigt wird, und Lale wächst in der Männer-WG ihres Vaters in Neukölln auf. Wir haben hier eine Kommune aus männlichen Hausbesetzern, Kiffern, politisch ultralink stehenden Aktivisten, Kneipendauergästen und hin und wieder ein paar weiblichen Freundinnen / weiblichen Randfiguren, die das Heranwachsen von Lale in dieser Umgebung teils durchaus kritisch sehen, aber eigentlich sich auch nicht berufen fühlen, dem Mädel irgendwie beizustehen. Die ganze Geschichte ist eine Art Memoir: Lale erzählt – oftmals auch nicht in chronologischer Reihenfolge – ihr Aufwachsen in diesen für mich prekären Verhältnissen als einziges Kind und dann auch noch als Mädchen in dieser bizarren WG. Die leibliche Mutter tritt hin und wieder als Randfigur auf, schafft es aber zeitlebens nicht, sich aus ihrer Sucht zu befreien und kann ihrer Tochter keinerlei Sicherheit geben und nur annähernd eine Art pädagogische Kraft sein. Die Männer der WG akzeptieren Lale auf ihre spezielle Art durchaus, sind aber – siehe Klappentext – teils extrem übergriffig bis hin zu sexuellem Missbrauch, den aber Lale nicht recht einordnen kann, zumindest als kleines Mädchen nicht. Wie auch, so wächst sie halt auf. Das macht natürlich etwas mit ihr und ihrem Selbstwertgefühl, und so kommt auch sie relativ früh in Kontakt mit Drogen und, na wie sag ich es salopp, driftet vom Weg ab Richtung Schulabbruch etc. Irgendwie schafft sie es trotzdem, immer wieder eine Reißleine zu finden und nur „an den Rändern zu taumeln“, aber dieses Taumeln ist schon ziemlich heftig. Okay, ich mache es kurz: ich fand die Geschichte super deprimierend, und kann keine poetische Spannkraft finden. Poetisch war der Erzählstil nicht, eher sehr realistisch bis „streetsmart“. Die Erzählung hat durchaus Sogkraft – also ja, ich war angespannt dabei, Frau Tolkien hat mich durchaus gefesselt, aber ich weiß jetzt nicht, was ich davon halten soll. Es gibt keinen Epilog, der mir sagt, wie es jetzt so aussieht in Lales Leben. Hat sie den Absprung geschafft in ein „normales“ Leben? Ist sie glücklich geworden? Was macht sie jetzt? Die Story endet für mich relativ offen und abrupt. Was lerne ich jetzt daraus? Oder anders gesagt, was nehme ich daraus jetzt mit? Ich fand die Lebensgeschichte echt traurig. Und ich kann nicht sehen, woran sich Lale letztendlich festhalten konnte, um nicht komplett abzudriften. An ihren Kindern? Sie ist ja relativ jung schwanger geworden, wie man so nebenbei erfährt, aber von einem neuen Familienleben erfahren wir als Leser nichts, das Thema wird sehr knapp und fragmentarisch abgehakt. Der Roman bekommt gerade eine Menge Vorschusslorbeeren und Lob à la „Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.“ (Edgar Rai), und ich sehe dieses Juwel einfach nicht, mich hat die Story irgendwie erschlagen. Hat mich an Christiane F. erinnert („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), nur in nicht ganz so übel, aber irgendwie übel genug. Völliges Versagen von Sozialamt & Co; totales Verharmlosen von Kiffen und Alkohol, und ich hatte ständig das Gefühl, warum sieht hier eigentlich keiner, wie ein Mädel abdriftet? Würde mich interessieren, inwiefern das tatsächlich eine autobiographische Geschichte ist, oder eben komplett fiktional. Für eine komplett fiktionale Story muss ich dann nämlich sagen: Chapeau, die Autorin hat ein phänomenales Einfühlungsvermögen und dafür ziehe ich echt meinen Hut. Aber nochmals, es hat mich persönlich berührt, aber auch getriggert und deprimiert. Ich kann den Roman deshalb nur bedingt weiterempfehlen und tue mich extrem schwer mit einer Sternebewertung. Ich schieße mich mal auf 3 Sterne von 5 ein, und empfehle potentiellen Lesern eine Leseprobe. Das hier ist speziell.
Schon auf den ersten Seiten war ich von »Mit beiden Händen den Himmel stützen« teilweise mitgerissen und abgestoßen. Lale, sie erzählt aus ihrem Leben, kam mir immer wieder so verletzlich vor. Sie wächst in den 80er Jahren in Berlin Kreuzberg auf. Bei ihrem Vater, der mit anderen Männern in einer WG wohnt. Ihre Mutter war nicht in der Lage das Mädchen großzuziehen und als Lale als Kleinkind eine ordentliche Portion von den Drogen ihrer Mutter geschluckt hatte, wurde das Mädchen in ein Kinderheim gesteckt. Ihr Vater, bzw. ein Freund des Vaters, holte das Mädchen dann dort wieder heraus. Es machte dabei wohl nichts aus, dass der Vater wegen eines Geldtransporterüberfalles gerade erst aus dem Knast entlassen worden war.
Lilli Tollkien erzählt von einem Mädchen, dass ich damals gerne gewesen wäre. Sie darf alles, was sie sich zutraut. Sie darf so lange aufbleiben, wie sie möchte. Lale darf Fernsehen, was sie auch immer möchte, sie kann und darf alles Essen, dabei wird nicht darauf Wert gelegt, dass es gesund ist. Das Mädchen stromert zwischen den vollgedröhnten „Freunden“ oder Kunden ihres Vaters durch die versiffte Wohnung, oder verzieht sich in ihr Zimmer.
Ich hätte Lale damals bewundert und wäre gerne ihre Freundin gewesen, hätte gerne ein bisschen von ihrem unkonventionellen, aufmüpfigen Leben abhaben wollen. Doch so toll ist das Leben des Mädchens gar nicht. Jedes Kind wünscht sich ein bisschen Geborgenheit und Sicherheit. In ihrem eigenen Zimmer, in einem vermeintlich sicheren Ort, ist das Kind nicht sicher. Spielerisch wird sie verführt, kommt mit Drogen und betrunkenen Männern zusammen. Manchmal versuchen die Freundinnen der WG-Männer dem Kind ein bisschen Normalität zu geben, aber die meisten Frauen bleiben nicht lange.
»Tatsächlich hatte ich nichts gemein mit den starken Mädchen aus meinen Büchern, weder mit der roten Zora noch mit Pipi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Ich hatte Mühe mit meinem unbeständigen Leben.« Seite 62
Die 255 Seiten waren schnell gelesen, obwohl ich öfter das Buch mal weglegen musste, damit ich wieder zu Atem kommen konnte. Lale hatte eine verrückte Kindheit. Eine ungestüme und verletzte Kindheit. Man könnte meinen, dass eine solche Umgebung das Kind stark macht, aber stattdessen hat sie oft Angst, ist unsicher und vorsichtig. Die Autorin Lilli Tollkien schreibt einfach toll. Sie reißt den Leser in ihre Welt und „beschmeißt“ ihn mit fast prosaischen Texten. Man kann einfach nicht aufhören, zu lesen. Für mich ist dieses Buch ein Highlight des Jahres. 🐭🐭🐭🐭 hat dieser Roman sicherlich verdient, so finden jedenfalls Rubi und ich.
»Ich stütze den Himmel mit beiden Händen. Während die Sonne zwischen den Wipfeln der Kastanien im Garten der Klinik aufgeht, heben wir die Arme nach oben, …« Seite 179
Wer ist die Autorin?
Von der Verlagsseite: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ihr erster Roman. In ihrem Instagram Account findet man die passende Musik und Ausschnitte aus ihrem Buch, schau einfach mal hier …
Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen Kumpanen in einer Anarcho-Kommunen-WG auf. Was ihr als Kind zugemutet wird, ist unerträglich. Dass alle die Erlebnisse, das Hin- und Herschieben, die Unzuverlässigkeiten, die stets besoffenen und bekifften Männer, die früh beginnenden sexuellen Übergriffe nicht spurlos an ihr vorüber ziehen, verwundert wenig. Als junge Erwachsene versucht sie sich ihrer Haut zu entledigen.
Dieses Buch ist ehrlich gestanden schwer zu ertragen. Sprachlich ist es eindringlich, es gibt viele starke Stellen, die ins poetische reichen, besonders wenn es um den Missbrauch geht, arbeitet die Autorin mit Andeutungen, muss nicht auserzählen was geschieht - das finde ich hervorragend. Die Art der Verwahrlosung, aber vor allem was die Männer, die sich selbst zum linken Milieu zuordnen, dem kleinen Mädchen zumuten: das ständige besoffen-und-bekifft-Sein, das sich-selbst-überlassen-Sein, diese Wurschtigkeit gegenüber dem kleinen Kind und das Krasseste: die frühe Sexualisierung des kleinen Mädchens, da entsteht ein Kloss im Hals und im Bauch und man möchte diese ekelhaften Männer schütteln und sie am besten schnurstracks ins Gefängnis befördern.
Und wären Lale die Akutsituation erstaunlich tapfer übersteht, bricht erst, als sie sich von dieser Männer-WG lösen kann, das wahre Leid aus ihr heraus. Das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist eigentlich nicht vorhanden und auch mit Beziehungen tut sie sich schwer, klammert sich an jede und jeden, der ihr Aufmerksamkeit schenkt und versucht, diese Personen zu kopieren oder sich an sie dauerhaft zu binden. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so verschwindet Lale und ihr Körper immer mehr, bis es zum Zusammenbruch kommt.
Wie die Autorin in Interviews angibt, hat der Roman autofiktionale Momente - man möchte sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so eine Tortur tatsächlich mitmachen mussten. Was Lale - und vermutlich auch die Autorin - rettet, ist das Schreiben, eine heilende Kraft, die uns dieses heftige, unverblümte und harte Buch beschert. Es ist eine Wucht, für die man viel Kraft braucht und des Öfteren das Kopfkino ausschalten sollte. Um einen positiven Aspekt hervorzuheben: die popkulturellen Bezüge - allen voran Musik, aber auch Filme, sind im Buch allgegenwärtig und sie helfen dem Mädchen - und auch den Lesenden - das ganze besser zu überstehen.
Bei der Sternebewertung bin ich mir unsicher: ich habe das Buch in einem Schwung gelesen, habe es - so absurd das bei dieser Thematik klingt - sehr gerne gelesen - und doch musste ich immer an "Siebenmeilenherzen" von Katharina Winkler denken, die den Missbrauch in kindlicher Märchenform erzählt, der Absturz als Erwachsene kommt mit der gleichen schwammigen, intensiven Realitätsverweigerung daher wie bei der Protagonistin Lale. Und doch: Winklers Buch hatte ich zuerst gelesen und das Leseerlebnis war noch einprägsamer. Nichtsdestotrotz ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein beeindruckendes Buch mit einer Intensität und Grausamkeit menschlicher Abgründe, die einem beim Lesen stetig die Luft anhalten lässt. Absolute Leseempfehlung für alle, die ein so hartes Thema lesend schaffen.
Dass die Startbedingungen eines Menschen für sein späteres Leben wichtig sind, wissen wir schon lange. Was aber kann mit einer Kinderseele passieren, wenn es diese guten Startbedingungen nicht hat, keine Struktur erlebt, keine Wärme, keine Geborgenheit und Verlässlichkeit? „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, erschienen im @aufbau_verlage , erzählt die autofiktionale Geschichte von Lale, die in den 80 ziger Jahren in einer Berliner Männerkommune groß wird. Ihre Mutter ist drogenabhängig und muss öfter wegen Beschaffungskrminalität ins Gefängnis und der Grund, warum Lale in die Männer WG einzieht ist, dass ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen wurde und ihr Vater gerade wegen Einbruchs im Gefängnis sitzt. So kommt Lale zu einem Freund ihres Vaters. Das Leben in der WG ist geprägt von Drogenkonsum, wechselnden Partnerschaften der dort wohnenden Männer und sogenannter „antiautoritärer Erziehung“.Lale kann bestimmen , was und wann sie essen und schlafen will, was sie im Fernsehen sehen will und bekommt das Liebesleben der Männer „hautnah“ mit ,im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch vor Missbrauch ist sie nicht geschützt.Das „freie Leben“würde ich Verwahrlosung nennen und war schon erstaunt,wie schnell sich ein Jugendamt zufrieden gibt. Als Lale größer wird ,findet sie ein wenig Struktur in der Schule, in die sie gerne geht. Doch die Sozialisation hinterlässt Spuren bei Lale. Sie trudelt durch‘s Leben, ohne ihren Platz darin zu finden. Ihr ganzes Leben besteht aus „losen Fäden“, sie fängt vieles an, bringt aber nichts zu Ende.Da sie auch nie eine verlässliche Bindung zu ihren Eltern hatte, ist sie immer auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und festen Freundschaften, hält sich selbst aber nie für „wertvoll“ genug, um diese einzugehen. Auch sie gerät in einen Strudel von Drogen, bindungslosem Sex und Kriminalität, nur um sich zu spüren. Depressionen bleiben da nicht aus.
Ich muss sagen, dass das mich das Buch emotional stark gefordert hat.Ich hatte eine Wut auf die Erwachsenen, die ihr verantwortungsloses Verhalten hemmungslos auslebten und hatte die ganze Zeit das Verlangen Lale in den Arm zu nehmen, ihr Halt und Stabilität zu geben. Die sexuellen Übergriffe der Männer waren für mich schwer erträglich und ich spreche hier eine‼️ „T r i g g e r w a r n u n g „ ‼️aus, denn dieses Buch ist an manchen Stellen kaum auszuhalten,vor allem,weil man weiß , dass es Kinder gibt, die genauso aufwachsen. Erträglich wird dem Leser das Geschriebene ein bisschen dadurch gemacht, dass die Autorin, von der ich annehme, dass sie Ähnliches erlebt hat, mit einer gewissen Distanz zum Geschehen schreibt, als wenn sie das Geschehene als dritte Person beobachtet,doch meine Vorstellungskraft reicht aus, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das mit einer Kinderseele macht. Verletzungen, die nie richtig verheilen.
Immer wieder wird mir beim Lesen bewusst, welche Verantwortung man übernimmt, wenn man ein Kind in die Welt setzt.
Dieses Buch trifft mitten ins Herz und benötigt eine stabile Grundstimmung, denn das Schicksal von Lale lässt niemanden kalt. Ich wünsche der Autorin nur das Allerbeste für sich selbst , aber auch für den Erfolg des Buches, der hoffentlich ein Befreiungsschlag für sie war, für mich war es ein sehr intensives Leseerlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde.
Es sind keine einfachen Umstände, unter denen Lale in den 80er-Jahren in Berlin aufwächst: Ihre Mutter ist drogensüchtig und unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern. Die Zeit im Heim liegt im Schatten, Erinnerungen beginnen mit ihrem Pflegevater, einem Freund ihres Vaters, und dem damit zusammenhängenden Einzug in eine Männer-Kommune im Alter von zweieinhalb Jahren. Eine Kommune, in der auch Lales biologischer Vater nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ziehen wird. Ihre Mutter wird sie kaum noch sehen, ihr Leben gehört den Drogen. Lales Leben wird sein, auf der einen Seite: keine Regeln, keine feste Schlafenszeit, so viel Süßkram und Fernseh, wie sie möchte. Auf der anderen Seite: niemand, der sich um Lale kümmert, nur erwachsene Männer, die rauchen, trinken, Drogen nehmen und ihre Frauen häufiger wechseln als sprichwörtlich anzunehmend ihre Unterwäsche. Vernachlässigung, Einsamkeit, fehlende Beständigkeit, Angst. Und Übergriffe. Kein Umfeld, in dem ein Kind groß werden sollte. Und trotzdem gelingt es Lale, irgendwie, auf ihre Weise. In der Schule findet sie die ersehnte Struktur, ein Rettungsanker, bis das Umfeld greift und sie ihn für lange Jahre aus den Augen verliert. Jahre, die Lale für den Rest ihres Lebens zeichnen werden, hinterlassene Spuren auf Körper und Seele. Und doch, auch, ein Rettungsanker, erzählt Lale uns ihre Geschichte doch aus ihrer erwachsenen Sicht heraus als Mutter zweier Kinder.
»Mit beiden Händen den Himmel stützen« ist eins der beeindruckenden Debüts, die ich bisher gelesen habe. Bereits auf der ersten Seite kamen mir die Tränen – eine Grundstimmung, die sich über die Buchlänge hinweg aufrecht hielt. Ein Kloß im Hals mein ständiger Begleiter beim Lesen. Zwischen vermeintlicher Freiheit und tatsächlicher Vernachlässigung wächst Lale auf, umgeben von Drogen, Alkohol, Sex, den Ausschweifungen erwachsener Männer am Rande der Gesellschaft, begleitet von immer neuen Grenzüberschreitungen, Unsichtbarkeit und einem immerwährenden Kampf um ihre eigene Daseinsberechtigung. Zwischen Zigarettenstummeln, Nutellabroten und Fanta als Abendessen, ständigem Ausgeliefertsein und dem Wunsch, den Erwachsenen Gefallen zu wollen, entwickelt sich Lale. Mit beeindruckendem Feingefühl beschreibt Lilli Tollkien aus Lales erwachsener Sicht rückblickend und reflektierend diese Jahre bis hin zum Jetzt. Schildert die Auswirkungen, die ihr Aufwachsen auf Lales Psyche hatte, die Narben und Spuren, falsche Entscheidungen und dem Vertrauen in die falschen Menschen. Erzählt von persönlichen Tiefpunkten, Psychatrieaufenthalten, Angstmomenten. Aber auch von Hoffnungsschimmern, von der Wiederaneignung ihres Körpers, von eigenen Entscheidungen, von Leben und Momenten des Glücks. Sprachlich poetisch und erzählerisch eindrücklich gibt uns Lilli Tollkien mit »Mit beiden Händen den Himmel stützen« einen unfassbar schmerzlichen, aber wichtigen und gleichzeitig auch wirklich schönen Roman in unsere Hände. Und vielleicht, wenn wir Lales Geschichte lauschen, helfen wir ihr, den Himmel zu stützen, liegt weniger allein in ihren Händen, kann sie etwas von der Last ablegen, die auf ihr liegt. Denn dieser Roman erzählt von Stärke, von Resilienz und davon, dass jedes Kind auf dieser Welt ein sicheres Zuhause verdient.
Manche Bücher lassen sich leicht besprechen. Andere machen einen erst einmal sprachlos. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien gehört für mich zu den Büchern der zweiten Kategorie. Der Lebensweg von Lale zu begleiten war für mich emotional herausfordernd. Nicht, weil der Roman schwer zugänglich wäre, sondern weil er eine Realität zeigt, die viele von uns lieber auf Distanz halten: eine Kindheit jenseits von Stabilität, Schutz und Privilegien. Die Geschichte spielt im Berlin der frühen Nachwendezeit. Lales Mutter ist drogensüchtig; schon als Neugeborenes muss das Baby einen Entzug durchstehen. Ihre Kindheit verbringt sie zunächst in einer alternativen Männer-WG bei einem Freund des Vaters, später zeitweise mit dem Vater selbst. Es gibt guten Willen, Momente von Zuneigung und Fürsorge. Doch Verantwortung und Stabilität bleiben brüchig. Niemand weiß wirklich, wie man ein Kind großzieht, Drogen gehören zum Alltag, und die Systeme, die Kinder schützen sollen, greifen nicht. Beim Lesen hat mich besonders beschäftigt, wie widersprüchlich dieses Umfeld ist. Lale wächst in einem Milieu auf, das Freiheit hochhält und sich selbst als progressiv versteht. Doch für ein Kind kann grenzenlose Freiheit auch etwas anderes bedeuten: Haltlosigkeit. Ohne Schutz, Grenzen und Orientierung wird sie schnell zur Form von Vernachlässigung. Der Roman stellt damit auch unbequeme Fragen an Szenen, die sich selbst als emanzipiert verstehen und dennoch nicht frei von patriarchalen Machtstrukturen und Verantwortungslosigkeit sind. Was mich beim Lesen ebenfalls nicht losgelassen hat, ist die Frage, wie sehr wir solche Geschichten noch immer als Ausnahme betrachten. Gewalt und Missbrauch an Kindern erscheinen in unserer gesellschaftlichen Vorstellung oft als Einzelfälle. Studien zeichnen jedoch ein anderes Bild: Metaanalysen gehen davon aus, dass etwa jede fünfte Frau in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt hat, während nur ein kleiner Teil der Fälle angezeigt wird (nur 10-30% nach Schätzungen!). Die Dunkelziffer ist unglaublich hoch. Vor diesem Hintergrund wirkt Lales Geschichte nicht nur wie ein individuelles Schicksal, sondern auch wie ein Spiegel struktureller Realität. Und doch ist dieses Buch keine reine Chronik von Leid. Lale überlebt. Sie probiert Identitäten aus, entwickelt Strategien, die sie durchs Leben bringen. Lange Zeit sucht sie nach sich selbst, tastend, manchmal zerstörerisch, oft einsam. Erst spät eröffnet sich ihr ein Raum, in dem etwas möglich wird, das zuvor kaum existierte: Luft holen. Atmen. Fühlen, ohne sofort von Angst, Überforderung und Überwältigung überrollt zu werden. Vielleicht hat mich genau das am meisten berührt: dass dieses Buch nicht nur Verletzlichkeit zeigt, sondern auch die enorme Kraft eines Menschen, weiterzugehen. Im Nachwort schreibt die Autorin, dass der Roman auf realen Erfahrungen basiert, aber fiktional gestaltet ist. Gerade dadurch wirkt er so nah. Die Sprache bleibt dicht an der Figur, manchmal rau, manchmal überraschend poetisch. Dass dies das Debüt von Lilli Tollkien ist, macht die Wucht des Buches umso bemerkenswerter.
Lilli Tollkien berichtet in ihrem Buch von einer Bilderbuchkindheit. Zumindest wenn man andere Kinder fragen würde. Keine Regeln, keine Bestrafungen, Junkfood und Süßigkeiten. Erwachsene, die sie an nichts hindern, sie fast schon ebenbürtig behandeln und in die Mitte ihrer eigentlich eher jugendlich-rebellierenden Welt einladen. Wie schön doch eine Kindheit sein kann! Lale wächst in einer Berliner Männer-WG auf, Frauen gehen ein und aus, Drogen wechseln von einer in die andere Hand. Antifaschistische Parolen werden geschwungen, der Staat, im besten Fall, müde belächelt. Eine Mutter, die sich nicht von den Drogen lossagen kann und immer abseits wandelt. Abseits der Gesellschaft, abseits ihrer Rolle als Mutter, inmitten von Selbstzerstörung. Ein Vater, der nicht in der Lage ist, Beziehungen zu führen, aber immerhin sein Bestes im Umgang mit seiner Tochter gibt, außer wenn es darum geht, aktiv hinzugucken und eine (be-)schützende Instanz zu sein. Und so wächst das geschichtenvernarrte Mädchen auf, sehnt sich nach Stabilität und ist gern in der Schule, denn „Das Beste ist […] die Normalität der anderen“ (S. 48) oder das, was sie sich darunter vorstellt.
Und in einer Lebenswelt, in der es keine Grenzen gibt, können auch keine überschritten, müssen keine beschützt werden. Und so kann ein Mädchen, das Opfer von (sexueller) Übergriffigkeit wird, in dem Glauben aufwachsen, dass es selbst der Auslöser dafür war. Und so geht ein schädliches Muster in die nächste Generation über, bis sich irgendwann jemand mutig und entschlossen dem entgegenstellt.
Die Autorin blickt relativ objektiv auf ihre Figur, weder romantisch-verklärt, noch zutiefst verurteilend. So ist der Leser selber in der Verantwortung, sich eine Meinung zu bilden von diesem zutiefst prägenden Aufwachsen und all seiner Konsequenzen. Denn die Brücke wird permanent geschlagen – von einem Kind, das nicht Kind sein kann/darf/soll/muss, zu einer Erwachsenen, die mit starken Selbstzweifeln und Unsicherheiten kämpft, nichts zu Ende führen kann und sich keiner Welt richtig zugehörig fühlt, sich aber sehr danach sehnt. Und die sich der schmerzhaften Erkenntnis stellen muss, dass erwachsen werden auch heißt, nicht nur die Normalität der anderen, sondern vielmehr die Normalität in der eigenen Biographie zu hinterfragen.
Ein intensives Buch, das zweifellos betroffen macht und ich habe mir während Lesens oft die Frage gestellt, wie es anders, wie es besser für Lale hätte sein können (und hier ist ausdrücklich nicht die Übergriffigkeit gemeint!). Hätte der Staat mehr eingreifen müssen, wäre ein Aufwachsen komplett abseits der Wurzeln besser gewesen, hätte allgemein mehr hingeschaut werden müssen? Das Buch gibt uns darauf keine Antwort und das Leben wird es auch nicht tun, aber solche Lebensgeschichten hinterlassen bei den Lesenden Spuren und sensibilisieren im besten Fall. Und das macht diese Geschichte wunderbar.
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert. Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten. Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich. Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren. Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen. Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd. Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert.
Fazit: Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.
“In der Kneipe zu stehen, mit dreizehn Jahren, und mit meinem Vater einen Joint zu rauchen ist meine einzige Möglichkeit zu rebellieren und zugleich der letzte Versuch dazuzugehören.”
Mit einem Heroinrausch auf der Neugeborenen-Station ist Lales Start in die Welt alles andere als glücklich. Die Mutter suchtkrank, der Vater nach einem Banküberfall im Gefängnis. Nach einer kurzen Zeit im Heim, zieht Lale zu Karlheinz in die Männer-WG am Kotti. Ein anarchisch-linkes Hausprojekt, in dem offiziell viel Wert auf antiautoritäre Erziehung gelegt wird. Inoffiziell heißt das aber: Alkohol rund um die Uhr, Dope-Kunden im Wohnzimmer und ständig wechselnde Freundinnen der Männer auf dem Sofa. Auch als ihr Vater in die WG zieht, ändert sich für das junge Mädchen - abgesehen von einem kurzen Intermezzo in Nicaragua - wenig. Denn auch er lacht über Autoritäten und Regeln und hängt Beschwerden der Lehrerin lachend an die Wand. Dabei übersieht aber auch alle Anzeichen des sexuellen Missbrauchs, den Lale unter dem Deckmantel der Antiautorität ausgeliefert ist. Ob es dem Mädchen gelingt, als Frau ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen?
Wie man an der Inhaltsangabe sieht, ist Lilli Tollkiens Debüt "Mit beiden Händen den Himmel stützen" keine leichte Kost. Alkohol- und Drogenmissbrauch und sexuelle Übergriffe werden an zahlreichen Stellen thematisiert. Die Autorin kennt sich aus, arbeitet sie doch unter anderem in einer Suchtberatung. Diese Realitätsnähe merkt man dem Roman an. Genau das macht einige Kapitel schwer aushaltbar. Man wünscht sich die gesamte Lektüre über eine bessere Zukunft für Lale und ahnt doch, dass die Protagonistin ihre Geschichte stets mitnehmen wird. Besonders berührt hat mich, dass Lale so oft ihre Wahrnehmung abgesprochen wird. Die Ex-Partnerinnen ihres Vaters betonen beispielsweise immer wieder, dass die Männer in der WG alles für sich getan hätten. Alles, was sich für Lale falsch anfühlt, wird damit relativiert. Herzzerreißend sind daher auch ihre Versuche, dazuzugehören. Sei es in der WG, mit deren Mitgliedern sie schon mit dreizehn Jahren Joints raucht oder in der Grundschule voller Bewunderung für die gut sortierten Mäppchen der Mitschüler. Auch später kopiert sie stets die Menschen, die ihr nahestehen, in der Hoffnung, so zu werden wie sie.
Auch wenn "Mit beiden Händen den Himmel stützen" bei weitem keine Feel-Good-Lektüre ist, kann ich das Buch insgesamt empfehlen. Literatur soll Türen in fremde Lebenswelten öffnen. Das gelingt der Autorin ausgesprochen gut. Lales Lebenswelt wird plastisch und die Klischees über die Junkies am Kotti durch Tollkiens Figuren mehr als lebendig. Auch die vielen fast schon popkulturellen Anspielungen der 80er und 90er tragen dazu bei, dass man Dinge in Buch wiedererkennen kann.
MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN Lilli Tollkien ET: 11.03.26
„Das Fruchtwasser, von dem ich täglich einen halben Liter trinke, schmeckt süß, denn meine Mutter ernährt sich von Haribo Colorado. Sie klammert sich an den Zucker, braucht ihn als Ersatz für das Heroin, auf das sie zu verzichten versucht, jetzt da sie mit mir schwanger ist. […] Ich werde nicht auf die Brust meiner Mutter gelegt. Unter kontrollierten Außenbedingungen, im Mikroklima des Inkubators, mache ich den Entzug, den meine Mutter nicht geschafft hat. Es ist Winter 1980 …“
Direkt nach der Geburt wird Lales Mutter das Sorgerecht entzogen. Auch ihr leiblicher Vater, der ausgerechnet an diesem Tag einen Geldtransporter überfällt und verhaftet wird, kommt als Erziehungsberechtigter nicht infrage. Doch Lale scheint zunächst Glück zu haben: Ein Freund des Vaters übernimmt die Rolle des Pflegevaters und nimmt sie in seiner Berliner WG auf – einer Wohngemeinschaft, die ausschließlich aus Männern besteht.
Geborgenheit findet Lale dort jedoch nicht. Sie wächst in einem Umfeld auf, das von Vernachlässigung geprägt ist. Freundinnen der Männer gehen ein und aus, Alkohol und Drogen gehören zum Alltag und liegen frei herum. Während die Männer ausschlafen, ist das kleine Mädchen morgens oft auf sich allein gestellt. Das Jugendamt schaut nur selten und angekündigt vorbei.
Erst als Lale in die Schule kommt, begegnet sie zum ersten Mal festen Regeln und klaren Grenzen. Ausgerechnet diese Einschränkungen geben ihr ein Gefühl von Halt und Struktur. Doch wie sehr die ersten Jahre ihres Lebens sie geprägt haben und welchen Weg sie später einschlägt, müsst ihr selbst herausfinden.
Uff. Dieses Buch hat mich gleich zu Beginn hart getroffen. Nach dem ersten Kapitel musste ich es erst einmal zur Seite legen. Was Lale in ihrer Kindheit erlebt, ist schwer auszuhalten und sollte kein Kind erfahren müssen. Viel zu oft werden Warnsignale übersehen, und auch das Jugendamt wirkt hier erschreckend passiv.
Ich habe beim Lesen stark mit Lale mitgefühlt und mich über die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen geärgert. Manchmal wurde es mir zu viel – und trotzdem wollte ich unbedingt wissen, ob Lale irgendwann ein kleines bisschen Glück findet. Genau diese Hoffnung hat mich durch die Seiten getragen.
Besonders mochte ich die vielen kleinen Flashbacks in die 80er-Jahre: Musik, Süßigkeiten und Alltagsgegenstände wie der Walkman rufen Erinnerungen wach und verankern die Geschichte stark in ihrer Zeit.
Fazit: Ein schmerzhaftes und eindringliches Debüt über eine Kindheit ohne Halt, das lange nachwirkt. 5/5