Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird.
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.
Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.
»Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deshalb lesen muss.« Mareike Fallwickl
»Nach der ersten Seite war ich erschüttert, nach dem ersten Kapitel gefesselt. Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.« Edgar Rai
Der Klappentext machte mich neugierig. Die Protagonistin scheint auch in meinem Alter zu sein, also habe ich das Buch bestellt. Und bin jetzt nach 250 Seiten platt, aber nicht unbedingt glücklich nach der Lektüre. Lale erzählt aus ihrer Ich-Perspektive und das Buch beginnt ziemlich krass mit vorgeburtlichen Erinnerungen: Lales Mutter ist heroinabhängig und Lales Leben beginnt direkt mit einem Entzug. Die Mutter ist auch nicht fähig, die Tochter zu verpflegen; die Großmutter hat schon die Pflegschaft für eine ältere Halbschwester und kann nicht auch noch Lale mit aufnehmen, und so kommt das Kind erst mal in eine Pflegefamilie, bevor irgendwann der Vater einspringt. Jetzt startet die Story, die im Klappentext angekündigt wird, und Lale wächst in der Männer-WG ihres Vaters in Neukölln auf. Wir haben hier eine Kommune aus männlichen Hausbesetzern, Kiffern, politisch ultralink stehenden Aktivisten, Kneipendauergästen und hin und wieder ein paar weiblichen Freundinnen / weiblichen Randfiguren, die das Heranwachsen von Lale in dieser Umgebung teils durchaus kritisch sehen, aber eigentlich sich auch nicht berufen fühlen, dem Mädel irgendwie beizustehen. Die ganze Geschichte ist eine Art Memoir: Lale erzählt – oftmals auch nicht in chronologischer Reihenfolge – ihr Aufwachsen in diesen für mich prekären Verhältnissen als einziges Kind und dann auch noch als Mädchen in dieser bizarren WG. Die leibliche Mutter tritt hin und wieder als Randfigur auf, schafft es aber zeitlebens nicht, sich aus ihrer Sucht zu befreien und kann ihrer Tochter keinerlei Sicherheit geben und nur annähernd eine Art pädagogische Kraft sein. Die Männer der WG akzeptieren Lale auf ihre spezielle Art durchaus, sind aber – siehe Klappentext – teils extrem übergriffig bis hin zu sexuellem Missbrauch, den aber Lale nicht recht einordnen kann, zumindest als kleines Mädchen nicht. Wie auch, so wächst sie halt auf. Das macht natürlich etwas mit ihr und ihrem Selbstwertgefühl, und so kommt auch sie relativ früh in Kontakt mit Drogen und, na wie sag ich es salopp, driftet vom Weg ab Richtung Schulabbruch etc. Irgendwie schafft sie es trotzdem, immer wieder eine Reißleine zu finden und nur „an den Rändern zu taumeln“, aber dieses Taumeln ist schon ziemlich heftig. Okay, ich mache es kurz: ich fand die Geschichte super deprimierend, und kann keine poetische Spannkraft finden. Poetisch war der Erzählstil nicht, eher sehr realistisch bis „streetsmart“. Die Erzählung hat durchaus Sogkraft – also ja, ich war angespannt dabei, Frau Tolkien hat mich durchaus gefesselt, aber ich weiß jetzt nicht, was ich davon halten soll. Es gibt keinen Epilog, der mir sagt, wie es jetzt so aussieht in Lales Leben. Hat sie den Absprung geschafft in ein „normales“ Leben? Ist sie glücklich geworden? Was macht sie jetzt? Die Story endet für mich relativ offen und abrupt. Was lerne ich jetzt daraus? Oder anders gesagt, was nehme ich daraus jetzt mit? Ich fand die Lebensgeschichte echt traurig. Und ich kann nicht sehen, woran sich Lale letztendlich festhalten konnte, um nicht komplett abzudriften. An ihren Kindern? Sie ist ja relativ jung schwanger geworden, wie man so nebenbei erfährt, aber von einem neuen Familienleben erfahren wir als Leser nichts, das Thema wird sehr knapp und fragmentarisch abgehakt. Der Roman bekommt gerade eine Menge Vorschusslorbeeren und Lob à la „Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.“ (Edgar Rai), und ich sehe dieses Juwel einfach nicht, mich hat die Story irgendwie erschlagen. Hat mich an Christiane F. erinnert („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), nur in nicht ganz so übel, aber irgendwie übel genug. Völliges Versagen von Sozialamt & Co; totales Verharmlosen von Kiffen und Alkohol, und ich hatte ständig das Gefühl, warum sieht hier eigentlich keiner, wie ein Mädel abdriftet? Würde mich interessieren, inwiefern das tatsächlich eine autobiographische Geschichte ist, oder eben komplett fiktional. Für eine komplett fiktionale Story muss ich dann nämlich sagen: Chapeau, die Autorin hat ein phänomenales Einfühlungsvermögen und dafür ziehe ich echt meinen Hut. Aber nochmals, es hat mich persönlich berührt, aber auch getriggert und deprimiert. Ich kann den Roman deshalb nur bedingt weiterempfehlen und tue mich extrem schwer mit einer Sternebewertung. Ich schieße mich mal auf 3 Sterne von 5 ein, und empfehle potentiellen Lesern eine Leseprobe. Das hier ist speziell.
Und erneut lässt mich ein Buch tränenreich zurück. Dieser Text trifft einen wirklich mit voller Wucht. Ich weiß gar nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es werden echt heftige Themen behandelt und mit so einer Leichtigkeit niedergeschrieben, dass man es gar nicht richtig wahrnimmt. Aber es kracht mit voller Wucht über einem zusammen. Es gibt einige Content-und Triggerwarnungen zu beachten, finde ich. Das muss ich echt erstmal sacken lassen. Aber von mir auf jeden Fall eine Leseempfehlung!
tolle Sprache, poetisch und modern. Heftige Themen und trotz der zeitlichen Einordnung in die 1980er Jahre sehr zeitgemäß. Behandelt Themen, die eigentlich alle Frauen betreffen. Ich bin beeindruckt von diesem Debüt und freue mich auf mehr von der Autorin.