Wie sieht eine Zukunft aus, in der Kryonik den Tod überlistet, Städte auf dem Ozean wurzeln, künstliche Intelligenzen Blockbuster schreiben und das Leben jederzeit gespeichert, zurückgespult und neugestartet werden kann?
Chinesische Science-Fiction ist hierzulande – abgesehen von Liu Cixin – weitgehend unbekannt. Umso toller ist es, dass sich das Kapsel-Magazin der Veröffentlichung von Kurzgeschichten bekannter chinesischer Sci-Fi-Autor*innen verschrieben hat. Insbesondere, wenn es sich um eine so hübsche Ausgabe wie diese handelt. In „Im Ozean ein Mutterschiff” sind vier Geschichten der Autorin Gu Shi gesammelt, die sich in fiktiven Zukunftsvisionen abspielen und sich oft mit aktuellen Themen und wissenschaftlichen Entwicklungen befassen.
„Die letzte Datei“ spielt in einer Welt, in der Menschen ihr Leben an einem bestimmten Punkt abspeichern können. Später können sie einen dieser Speicherstände laden und so an den entsprechenden Punkt zurückspringen. Gu Shi hat sich hier allerdings einen Kniff ausgedacht: Jedes Mal, wenn jemand eine Datei lädt, wird eine neue Zeitlinie erzeugt und die Person verlässt ihre alte Zeitlinie. Gu Shi geht einen interessanten Weg und entspinnt eine Geschichte über ein Ehedrama, die gut funktioniert. Wer allerdings zu viele Fragen zur Logik dieser Welt stellt, dem wird auffallen, dass sie durchaus besser konstruiert sein könnte.
„Im Ozean ein Mutterschiff“ ist die märchenhafteste Geschichte der Sammlung. Sie dreht sich um eine 3D gedruckte, auf dem Ozean schwimmende Stadt. Zwar hat sie keinen super spannenden Handlungsverlauf und die Charaktere sind nicht groß ausgearbeitet, dafür besticht die Kurzgeschichte aber durch ihre dichte Atmosphäre und die Bildsprache der dargestellten Welt, in der man sich verlieren kann.
„An der wilden Furt ist niemand“ beschäftigt sich mit dem aktuellen Thema der künstlichen Intelligenz. Persönlich fand ich es die schwächste Geschichte. Das liegt möglicherweise daran, dass ChatGPT und andere LLMs mittlerweile zum Alltag gehören und man daher ein besseres Verständnis dafür hat, wie eine solche KI trainiert wird. Die schrittweise Erzählung von der Programmierung des wenig subtil benannten Protagonisten „KA-I” fand ich etwas einseitig.
„Eine Einführung zu Overtüre 2181“ war meine Lieblingsgeschichte in der Sammlung. Die Ensemble-Geschichte handelt von der Entwicklung der Kryoschlaf-Technologie, zeigt ihren Nutzen und ihre Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft und thematisiert auch ihre emotionalen Auswirkungen anhand verschiedener Schicksale von Frauen. Besonders interessant ist, dass die Geschichte als Teil eines fiktiven Buchs getarnt ist, das wiederum auf andere wissenschaftliche Texte zurückgreift. Dabei spielt der Text immer mit der Metaebene, und sogar die Autorin Gu Shi selbst kommt in ihrer Geschichte vor.
Besonders bereichert wird dieses Buch aber durch die Illustrationen von Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die es zu einer ganz besonderen Leseerfahrung machen.