»Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.« So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas: Mutter zweier Kinder, Ehefrau, stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht »mit wehenden Fahnen« ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist eine tollkühne Überschreibung der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist. Ihre Michaela ist eine Schimpfende, eine Stinkende, eine Zärtliche. Eine große Liebende, die nicht bloß Verbesserung will – sie verlangt Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.
Was für ein wilder Ritt war das denn bitte?! Super Lektüre! Heike Geissler hat eine grandiose Figur erschaffen mit der deutlich wird, dass das Private politisch ist. Wir begleiten eine Frau, die aus den Zwängen der Gesellschaft aussteigt, um die Angst loszuwerden, die ihr eingeflößt wurde. Es wird eklig, irrwitzig, dramatisch. Und vor allem radikal. Heike Geissler verhandelt in ihrem Roman das Elend der Welt, setzt pointiert Spitzen und hat ein so dichtes Werk geschrieben, dass mehrmaliges Lesen fast ein Muss ist. Elegant gelingt es ihr, den Leser:innen den Spiegel vorzuhalten und nach eigenen Michaela-Kohlhaas -Vibes kramen zu lassen.
"Man behandelte sie als Bärin besser denn als Frau, was ihr zu denken gab (...)" - Ein radikaler, zum Nachdenken anregender feministischer Roman.
"Michaela Kohlhaas" ist ein Leseerlebnis, das man einfach selbst spüren muss. Er ist auf perfekte Weise zugespitzt, humorvoll und todernst. Mit diesem Roman überschreibt Heike Geissler gekonnt die Novelle von Heinrich Kleist, mit einer Protagonistin, die rechtschaffender nicht sein könnte.
Michaela Kohlhaas ist Anfang des Erzähljahres noch stellvertretende Friedhofsverwalterin. Doch eines Tages bricht sie aus, will weit weg aus diesem System, in dem sie großgeworden ist und ihre Erfahrungen als Frau gemacht hat. Sie wird zur Aufsässigen, doch nicht so wie Michael Kohlhaas. Sie mordet oder brandschatzt nicht, sondern sie agiert mit Worten und Verhalten. Sie möchte eine gerechtere Welt schaffen und wird dafür von Bürgern beworfen, bespuckt und belacht, von Männern frei heraus und von Frauen, zu ihren Männern haltend, leicht beschämt. Michaela Kohlhaas zieht auf irrwitzige und ernste Weise durchs Land und gibt sich mit nichts zufrieden, solange nicht die ganze Welt eine andere ist.
Das irrwitzige an diesem Roman ist hauptsächlich das Verhalten Kohlhaas' und die Reaktionen von außen. Es ist so gut überspitzt, dass es gleichzeitig zum Lachen bringt und zum Nachdenken anregt. Irgendwann im Laufe des Lesens wurde mir nämlich klar: Michaela Kohlhaas macht doch gar nichts. Sie greift weder Menschen an, außer zurecht ein einziges Mal einen reichen Mann, noch beleidigt sie wirklich jemanden. Sie ist einfach da und lebt ein Leben als frei gewordene Frau, genau das ist das Problem.
Der Unterschied zwischen Michaela und Michael Kohlhaas ist der, dass Michael tatsächlich ein objektiv zu sehendes Unrecht getan wurde, ein Verbrechen. Genau das ist bei Michaela Kohlhaas nicht geschehen. Ihr wurde seit Geburt als Frau auf dieser Welt so viel Unrecht getan, dass ihr Anspruch auf Recht mindestens genauso berechtigt ist, in der Gesellschaft jedoch abgewunken wird. Und genau das ist so besonders an ihr als Protagonistin: Sie argumentiert nicht mehr, sie möchte nicht mehr glaubhaft sein, sie möchte das rauslassen, was sie seit ihrer Geburt unterdrückt hat. Unzwar frei zu sein. Wenn man sie fragt, warum sie so wütend sei, antwortet sie nur noch mit einem Schulterzucken und einem ironischen Kommentar.
Insgesamt war das gesamte Leseerlebnis dieses Romans wirklich eindrucksvoll. Es hält dem Lesenden den Spiegel vor, gibt keine Erklärungen und lässt dich so selbst darüber nachdenken, warum die Heldin genau das tut, was sie tut. Unglaublich gut. Jahreshighlight!