Wie viele Jahre deines Lebens würdest du opfern, damit deine Liebsten die Freiheit spüren können?
Ihre Eltern lernen sich auf einer vietnamesischen Insel kennen. Sie sind arm, aber glücklich miteinander. Als ein Angebot aus der DDR kommt, entschließt sich der Vater, nur für ein paar Jahre dort zu arbeiten. Welche Folgen diese Entscheidung für seine Familie haben wird, kann er da noch nicht abschätzen. Seine Frau und seine Tochter - die Erzählerin des Romans - folgen ihm erst Jahre später nach Deutschland. Dort werden sie jedoch nicht mit offenen Armen empfangen. Immer mehr entlarvt sich das Ankommen als eine Fiktion, aber zurückgehen würde sich wie ein Scheitern anfühlen.
Menschen wie wir sind die, deren Namen hier niemand richtig aussprechen kann. Die jedes Jahr bangen müssen, ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert zu bekommen. Sie erinnern sich an die Lieder und Gedichte aus der alten Heimat und wollen doch nicht zurück.
Thị Thanh Thảo Trần erzählt davon, was es bedeutet, in zwei Sprachen und zwei Ländern zu leben. Sie zeigt, zu welchen radikalen Entscheidungen uns Armut führen kann und welche Opfer wir bereit sind für unsere Liebe zu geben.
Ich habe den Text noch in einer vorherigen Version gelesen und war begeistert von der sensiblen Sprache und den gelungenen Bildern, in denen die Autorin schreibt. Vor allem aber habe ich sehr viel über deutsch-vietnamesische Lebensrealität und Geschichte gelernt was mir zuvor einfach nicht bewusst war. Ein tolles, bewegendes und tiefgründiges Buch, das ich sehr weiterempfehlen kann! 🧡
Ich dachte anfangs, es wäre eine ruhige Geschichte über eine vietnamesische Familie in Deutschland - aber die Ereignisse, Herausforderungen und Wendungen haben mich komplett reingezogen. Ich habe stundenlang gelesen, ohne das Buch aus der Hand legen zu können!~
Als älteste Tochter habe ich mich in vielen Momenten wiedergefunden: die Verantwortung, das schnelle Erwachsenwerden, das Gefühl, immer etwas mehr tragen zu müssen. Aber das Buch ist so viel mehr als eine Migrant*innen-Erzählung. Es geht um Liebe, Freundschaft, Sehnsucht und dieses stille Durchhalten, das Familien wie unsere so gut kennen. Ein bewegendes, ehrliches und überraschend spannendes Buch, das ich jedem empfehlen kann!
Bewegender Roman über Identitätssuche und Heimatlosigkeit
Zuallererst: Der Prolog war so wunderschön, dass ich ihn dreimal gelesen habe! Es folgt das bewegende Pendeln der Protagonistin zwischen der ersten und zweiten Heimat, diese kontinuierliche Zerrissenheit, man lässt immer etwas Essentielles zurück. Und stets die Sehnsucht anzukommen aber wo? Die jahrelange Trennung der Familie macht es nicht einfacher. Glücklicherweise findet sie früh Trost in Geschichten, in jenen, die Andere geschrieben haben, aber auch in ihren eigenen. Durch das Erzählen ihrer Familiengeschichte voller Lücken und Fragezeichen nähert sie sich ihrer eigenen Identität, durch Sprache versucht sie, Ordnung in das Chaos bringen. Insofern beschreibt der Roman auch ihren Weg zur Schriftstellerin. Die neue Heimat wird nicht nur durch das Erlernen der Sprache allein erobert, sondern dadurch, dass die neue Sprache ihre Geschichte erzählt, dass sie zur Literatur erhoben wird. Dass sie ein Buch wird und somit anderen Trost geben kann, so wie sie selbst Trost in Büchern gefunden hat. Man denkt oft, dass Menschen, die aus welchen Gründen auch immer eine neue Heimat finden mussten, damit die größten Schwierigkeiten hinter sich lassen konnten, aber dieser Roman erzählt auch, wie schwierig es bleibt, selbst Jahre oder gar Jahrzehnte danach, in dieser neuen Heimat, die eigentlich Schutz sein sollte, zu überleben, nicht nur finanziell, auch emotional. Die kleinsten Belange werden zu Katastrophen, und immer schwingt die Angst mit, den Aufenthaltstitel zu verlieren. Nirgendwo, zu keiner Zeit hat man das Gefühl, endlich in Sicherheit zu sein. In beiden Heimaten wird man immer die Fremde bleiben. Als einzige Rettung: das Aufschreiben. Das Erinnern, auch wenn schmerzhaft, um Identität zusammenzusetzen, schreiben, um Gerechtigkeit herzustellen, die Dinge richtigzustellen. Sich selbst richtigzustellen. Ich schreibe, also bin ich. Es ist auch die Geschichte einer Suche nach dem Vater, der nach Deutschland vorausging und zum Geist wurde. Die Vertragsarbeiter aus dem kommunistischen Ausland, die in der DDR lebten und dort systematisch ausgebeutet wurden (in der BRD war es nicht besser!), ist ein Kapitel unserer Geschichte, das so gut wie unbekannt ist, noch unbekannter als das der westdeutschen Gastarbeiter, das glücklicherweise durch die zweite und dritte Generation in die zeitgenössische Literatur eingezogen ist. Die Protagonistin erlebt die DDR nur als Mysterium, und als sie selbst nach Deutschland kommt, gibt es sie nicht mehr. Überhaupt scheinen die Menschen aus ihrem nahen Umfeld nicht wirklich real, sie geben wenig preis, die Erzählerin muss auf diesen löchrigen, von Einsturzgefahr bedrohten Boden ihre eigene Identität aufbauen, ein Wunder, dass ihr das gelingt. Aber vielleicht ist das die schönste, hoffnungsvollste "Lehre" aus Menschen wie wir, dass auch das durchlässigste, zerstörteste Netz reparierbar ist, und dass es oft stabiler ist, als es aussieht. Ein wunderbares Romandebut!
Thảos Eltern sind arm, aber glücklich miteinander. Doch dann beschließt der Vater, ein Angebot aus der DDR anzunehmen und einige Jahre dort zu arbeiten. Seine Familie will er, sobald wie möglich, nachholen, doch es vergehen mehr als 11 Jahre, bis Mutter und Tochter dem Vater nachfolgen. Zurück lässt Thảo ihren besten Freund Thiện und alles, was ihr bisher vertraut war. Auch das neue Land empfängt sie nicht gerade wohlwollend. Niemand kann ihren Namen richtig aussprechen, der kleine Haken über dem a existiert nicht einmal und die Mutter muss jedes Jahr um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangen. Doch zurück nach Vietnam, das erscheint ebenso undenkbar.
Thị Thanh Thảo Trần hat mit ihrem Debütroman „Menschen wie wir“ ein sehr persönliches Buch geschrieben. Die Geschichte wird in insgesamt vier Abschnitten erzählt, beginnend mit dem Prolog im Januar 1988, als Thảos Vater die Familie verlässt. Im Sommer 2002 wird die letzte Begegnung mit Thiện geschildert, bevor Thảo ihn für viele Jahre aus den Augen verliert. Im Frühling 2011 steckt sie mitten im Studium, lebt in Berlin und erfährt dort immer wieder offenen Rassismus. Im Herbst 2020 nimmt sie schließlich wieder Kontakt zu Thiện auf – ein Kreis schließt sich.
Die Autorin beschreibt in ihrem Buch einen nicht zu überwindenden Konflikt. Um deutsch zu sein, wird von ihr erwartet, das Vietnamesische hinter sich zu lassen. Als sie als junge Frau aus pragmatischen Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, spürt sie einen schmerzlichen Verlust. Und doch scheinen sie und ihre Familie nie so richtig willkommen zu sein. Stets werden die schlechten Sprachkenntnisse der Mutter kritisiert, aber wann soll eine Frau, die sich um ihre Kinder kümmern und arbeiten muss, eine fremde Sprache lernen?
Thảos jüngere Schwester hingegen, ist in Deutschland geboren und spricht kaum Vietnamesisch, was dazu führt, dass sie den Gesprächen beim Abendessen oft nicht folgen kann und Thảo als Bindeglied zu den eigenen Eltern braucht. Zudem ist die Mutter nicht mehr dieselbe Person. Seit sie in Deutschland lebt, scheint sie ihr Lachen verloren zu haben. Was wäre also, wenn beide Schwestern in Vietnam geboren werden? Welches Leben und welche Eltern hätten sie dann?
Ein bewegender, wichtiger Roman über ein Leben zwischen zwei Sprachen und zwei Ländern
Thị Thanh Thảo Trần ist eine Schriftstellerin, die in Vietnam geboren ist. Ihr Roman, Menschen wie wir, zeigt wie Emigranten, das Leben in Deutschland schwer ist. Es ist ein ruhiger Roman. Die Autorin beschreibt auch, was ein Kind empfindet, wenn der Vater jahrelang nicht vorhanden ist. Das Verhältnis ist dann gestört. Die Autorin erzählt detailliert die Probleme und Empfindungen der Vietnamesen. Das hört sich oft beklemmend an, überhaupt, das die Mutter am Ende jedes halbe Jahr, wegen einer Aufenthaltsgenehmigung zum Amt muss. Es ist interessant zu lesen, aber ich möchte nicht tauschen. Das Buch ist lesenswert, sollten vielleicht viel lesen, um einen Einblick bekommt.
Ich habe „Menschen wie wir“ bereits vor der Erscheinung digital lesen dürfen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um in die Geschichte hineinzufinden, doch etwa ab dem ersten Viertel konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Thị Thanh Thảo Trần erzählt mit großer Authentizität und poetischer Sprache eine Geschichte, die tief berührt und lange nachhallt. Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser. Für mich war es ein besonderes Buch, mit dem ich das Jahr 2025 sehr gern abgeschlossen habe.