Ach Mensch, ich bin so enttäuscht. Nachdem ich letztes Jahr über Wings and Claws von Karen A. Moon gestolpert bin, was mir richtig gut gefallen hat, hab ich mich sehr auf Shadowed Wings gefreut und hatte hohe Erwartungen. Diese wurden nur leider nicht erfüllt. Achtung, all the spoilers!
Schon der Anfang hat mich kalt erwischt, denn nachdem man im Prolog von Protagonistin Auroras Entschluss erfährt, Drachenreiterin zu werden, ist sie es im ersten Kapitel schon. Es sind sechs Monate vergangen, sie ist Schülerin an einer Akademie (warum sie im Buch die englische Schreibweise haben musste, hat sich mir nicht erschlossen, da sonst eigentlich kein Name englisch war), an der es nur Fae und Formwandler und derlei gibt, hat einen Drachen gebunden und treue Freunde fürs Leben gefunden. Und ich durfte nichts davon miterleben. Warum? Ich wäre gerne dabei gewesen. So habe ich bis zum Ende der Geschichte keinen rechten Draht zu den Charakteren entwickelt.
Auroras (die sich inzwischen nur Ora nennt) Freundin Wren hat in der ganzen Zeit nur einen Zustand: Angst. Sie ist ständig am zittern, kauern, wimmern. Gestaltwandler Malik hält Lernen an einer Akademie für überbewertet, hört daher nie zu und hat auch sonst keine Ahnung, aber er ist dabei und nennt Ora ständig Püppchen (was mich leider immer unangenehm an einen recht ungepflegten Piraten aus Fluch der Karibik erinnerte – und trotzdem war das nicht der schlimmste Spitzname in diesem Buch). Im späteren Teil des Buchs kommt quasi zwangsweise noch eine junge Frau namens Alianka dazu, weil ... ja, weiß ich auch nicht. Wird vielleicht im nächsten Buch relevant.
Der Plot springt dann ziemlich wirr von einem Ereignis zum nächsten ohne sich die Mühe zu machen, sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen:
Zunächst schleicht Ora sich – entgegen aller Regeln – quasi jede Nacht in irgendwelche zwielichtigen Kneipen, um total geheime Ermittlungen über ihren ermordeten Ziehvater anzustellen (wer braucht schon Schlaf?). Man bemerke: sie hält ihren wahren Namen geheim und vermeintlicht ihre Freundschaft mit Cam, einem anderen Schüler der Akademie (und quasi das, was Dain in Fourth Wing für Violet ist), zu ihrer beider Sicherheit, erzählt dann aber einem wildfremden Attentäter frei heraus, warum sie in der Kneipe ist. Hä? Naja, das geht natürlich nach hinten los und sie muss vom ortsansässigen Shadow Daddy Assassinen gerettet werden (denn wo ein Dain ist, muss es auch einen Xaden geben und hallo, das Buch hat "shadow" im Titel). Nach einer weiteren brenzligen Situation in derselben Kneipe kommt es zu der Idee, besagten Shadow Daddy zu ihrer Sicherheit zu engagieren. Da der etwas über Ora weiß, was Ora und ich nicht wissen, willigt er ein. Nur damit Ora danach nie wieder einen Fuß in eine Kneipe setzt.
Denn in der Akademie werden auch Leute umgebracht. Warum genau? Man weiß es nicht, kommt vielleicht im nächsten Buch raus. Ist Ora auch nicht so wichtig, reicht aber für eine Verfolgungsjagd unter den Berg, auf dem die Akademie thront und in dem goldgierige Gollums hausen. Wäre auch meine bevorzugte Location für eine Schule, klar. Naja, dort unten wird Ora, die sonst kaum ein Messer halten kann, dann kurzzeitig zur Furie und bringt einen Haufen Monster um, nur um dann ihre eigene Magie zu nutzen, um zu vergessen, dass sie das gerade gemacht hat, weil sie nicht wissen darf, dass sie das kann – und alles Malik in die Schuhe zu schieben. Mein zweites "Hä?". Naja, halten wir uns damit nicht weiter auf, die Geschichte tut es nämlich auch nicht. Vielleicht im nächsten Buch?
Jedenfalls ist die Akademie so magisch, dass sie quasi ein einziger großer Raum der Wünsche ist und eigenverantwortlich entscheidet, wann die Schüler an einem Turnier teilnehmen müssen. Und jetzt ist es soweit. Ora kommt gerade von ihrem Deal mit dem Shadow Daddy zurück, da muss sie einen magischen Hindernisparkurs überleben, ohne Schlaf, ohne Sattel und ohne Plan. Sie fliegt durch ein magisches Tor, das sie an einen Ort bringt, an dem die Zeit anders verläuft, aber obwohl sie nie durch das letzte Tor zurückfliegt, ist sie am Ende dann doch irgendwie wieder in der normalen Welt, zusammen mit ihren Freunden, die es ohne ihre Wassermagie nicht durch einen magischen Wasserfall geschafft hätten und deshalb im letzten Teil der Prüfung festhingen. Gut, dass Ora mit ihren Wasserkugeln das Wasser stoppen kann ...? Ja, gut, dass sie die beschwören kann, Wasser hält Wasser auf, kennt man ja. Dafür war sie bei den anderen drei Teilen des Turniers komplett nutzlos und hat diese nur dank ihres Drachen, dem plötzlich im Turnier auftauchenden Shadow Daddy und dessen Schattenwesen-Sidekick überstanden, die ihr wortwörtlich den Arsch retten müssen. Das Schattenwesen ist natürlich jetzt Oras neuer Bestie und wohnt in ihrer Hand. Äh, ja.
Hinter dem Wasserfall wird die Gruppe dann von irgendwelchen fliegenden Monstern attackiert, die es nur auf Ora abgesehen haben, weil ... nächstes Buch? Oras Drache ruft eine Professorin der Akademie zu Hilfe, die sich irgendwie aus dem Nichts materialisiert, aber keine Hilfe ist. Ora rettet sich in einen Felsspalt, wo Shadow Daddy bereits als Eskorte bereitsteht, um sie zum nächsten Ausgang zu führen. Nach einer kuscheligen Nacht unter dem Berg, mit etwas Kennenlernen, geht es am nächsten Tag weiter und wieder hat es ein Monster auf Ora abgesehen, doch Shadow Daddy teilt seine Magie mit Ora, sodass sie jetzt nicht nur Wasserfee, sondern auch Shadow Mommy ist, und dem Monster entkommt. Dann verschwindet Shadow Daddy bis zum Finale.
Zurück im Freien trifft Ora ihre Freunde wieder, die netterweise auf sie gewartet haben. Ora hat Hunger, kann dann doch nichts essen, muss dann aber essen, dazu gibt es Wasser aus einer Feldflasche, die drei Seiten später zu einem Trinkschlauch wird. Nebenbei erzählt die Professorin, das sie alle von der Akademie freigestellt sind, weil sie jetzt einen Gott suchen müssen ... weil ... sie eine Vision hatte. Achja, und Ora hat irgendwann im Traum Besuch von den Nornen bekommen, die das auch gesagt haben und zwar in so gezwungenen Reimen, dass ich mich etwas fremdgeschämt habe.
Ja, also scheiß auf das Turnier, das eigentlich verpflichtend ist, um an der Akadamie zu bleiben. Auf geht's auf große Reise. Einen Gott zu finden ist bestimmt schwer und der Inhalt des nächsten Buchs, oder? Nee Quatsch, die Professorin hat zum Glück ne Karte und ungefähr 10 Minuten später sind sie auch schon an einem Fluss mit riesigen Statuen wie im Herrn der Ringe und landen, weil ... am Boden sucht es sich leichter? Zeit für den Showdown!
Innerhalb der nächsten 60 Sekunden taucht erst Cam auf, der unausstehliche Typ, den Ora aus irgendwelchen Gründen für ihren Seelengefährten hält und der sie wie ein Höhlenmensch zur Akademie zurückschleifen will, dann der gesuchte Gott ... im Hawaiihemd? ... und dann auch endlich wieder der Shadow Daddy, der Flügel hat, wie wir jetzt erfahren (bisher ist Ora ihm nur in der Dunkelheit begegnet, da bekommt man das nicht mit, nicht mal beim Kuscheln) und irgendwie ein Drache ist, aber irgendwie in Menschenform, anders als die anderen Drachen. Gemeinsam offenbaren sie Ora, was man als Leserin natürlich längst weiß: sie ist nicht einfach eine Fae, sie ist DIE Fae. Die letzte ihrer Art (obwohl es andere Fae gibt, aber die sind halt nicht richtige Fae ... ne?) und weil es sie gibt und ein böses Buch aus einer anderen Welt, kann der Fluch (Fluuuuuu~ch), der auf den Drachen liegt, nicht gebrochen werden. Und jetzt will Shadow Daddy Drache sie umbringen, obwohl ... nee, doch nicht. Er hat ja geschworen sie zu beschützen. Aber ihren Ziehvater hat er schon umgebracht, aus Gründen. Zur Überraschung von niemandem. Stattdessen hält ihr "Seelengefährte" Cam ihr dann ein Messer an den Hals, weil ... Hab ich nicht verstanden. Nächstes Buch? Doch Shadow Daddy bringt ihn fix um (ich konnte den eh nicht leiden, also nicht so schlimm) und Ora hasst Shadow Daddy jetzt und schwört einen magischen Schwur, ihn umzubringen, sobald der Fluch gebrochen ist ... ohne dass sie stirbt. Und er schwört, dass er sie lässt. Und ganz sicher werden sie diesen Schwur später nicht bereuen. Bestimmt.
Tja, und so zieht die Gemeinschaft los in die Unterwelt, um das böse Buch zu finden (von dem ich den leisen Verdacht habe, dass es schon in Wrens Satteltasche steckt): Ora, ihre drei Orgelpfeifen ... äh Schulfreunde, die Professorin (die sie außerhalb der Schule jetzt duzen dürfen), Shadow Daddy Drache, Oras Drache (die anderen Drachen nicht, weil man die in der Unterwelt nicht mag, aber Oras Drache hat zum Glück nen Tarnmodus) und natürlich der Gott, der sich den Spaß nicht entgehenlassen will. Ich fürchte nur, ich bin da eher raus ...
Ehrlich, ich wollte das Buch so gerne mögen! Und es waren auch gute Ansätze dabei. Aber es wirkte, als hätte die Autorin zu viele Ideen für die Geschichte gehabt und sich nicht entscheiden können, welche sie schreiben will, also hat sie irgendwie alle geschrieben. Das Ergebnis ist in meinen Augen ein unstimmiges Chaos. Das Turnier war komplett unnötig. Stattdessen hätte ich lieber Oras Anfangszeit an der Akademie erlebt. Oder das Turnier wäre eben der Höhepunkt des ersten Buchs gewesen, dafür dann aber auch anständig beendet worden. Die Charaktere, insbesondere Oras Freunde, waren mir komplett egal, weil ich sie nur oberflächlich kennenlernen durfte. Ora ist für eine Protagonistin leider eher doof, ungeschickt und von allem überfordert, weshalb sie mich nicht begeistern konnte. Sie ist in der Hinsicht mehr Harry Potter als Violet Sorrengail. Aber ihre große Stunde kommt bestimmt noch. Es werden immer wieder rätselhafte Dinge angerissen, aber dann fallen gelassen. Vielleicht, um sie in Zukunft irgendwann wieder aufzugreifen, aber ich fand das einfach nicht rund. Und durch Wings and Claws weiß ich, dass die Autorin das besser kann.
FYI: Beide Geschichten spielen in derselben Welt, aber zeitlich und örtlich versetzt. Ich glaube, ich steige an dieser Stelle lieber aus und lese dann eher die andere Geschichte weiter. Aber ich wünsche der Reisegruppe viel Glück – sie wird es sicherlich brauchen.
Und Ora, ich bitte dich: Wenn du auf einem Drachen fliegst, zieh dir eine dicke Jacke an und keinen flatternden Umhang. Um Ednas unsterbliche Worte zu zitieren: Kein Cape!