Vom unbedingten Willen, sein Leben zurückzugewinnen, und dem weiten Weg zurück in die Nüchternheit
„Entzug“ beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie dort allen Ernstes vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Von dieser Frage bis zur Selbsteinweisung in eine Klinik ist es für ihn allerdings noch ein weiter Weg. "Entzug" erzählt davon, wie der Alkohol die Kontrolle übernommen hat. Wie sich aus dem ständigen Druck, der Angst vor der Leere, dem Gefühl, nur mit Alkohol originell und locker zu sein, die gnadenlose Logik eines Gedankensystems herausbildet, das nur noch ein Ziel den nächsten Drink. Wie aus dem Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, ein Betrug wird an sich selbst. Der Roman erzählt aber auch davon, wie im Augenblick der größten Auflösung der unbedingte Wille und die Kraft entstehen, das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit zurückzugewinnen.
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar am Niederrhein geboren. Seine Kindheit verbrachte er in dem Dorf Hönnepel. Von 1977 bis 1986 war er Schüler am bischöflichen Internatsgymnasium Collegium Augustinianum Gaesdonck. Von 1986 bis 1988 leistete er Zivildienst in der katholischen Hochschulgemeinde Mainz. Von 1988 bis 1994 studierte er freie Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, unter anderem bei Horst Egon Kalinowski, Günter Neusel und Meuser. 1993/94 war er dessen Meisterschüler. Von 1995 bis 2000 arbeitete er als Fluggastkontrolleur am Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt. Im Jahr 2000 zog Peters von Mainz nach Berlin. Dort lebt er als Schriftsteller und Zeichner zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Veronika Peters, und der gemeinsamen Tochter (*2003). Er ist Mitglied des P.E.N.-Zentrum Deutschland.
Die Thematik dieses Buches hätte mich bei jedem anderen Autor abgestoßen und einen Bogen darum herum machen lassen: Es geht um Alkoholismus und einen Entzug.
Aber der Autor ist Christoph Peters, den ich seit langem sehr schätze und dessen letzte drei Bücher - die Trilogie des Scheiterns in Anlehnung an Wolfgang Koeppen - mich sehr begeistert haben.
Nun hat Peters einen Roman über einen Alkoholentzug geschrieben, aber nicht einfach einen Roman. Denn es geht um einen Autor namens Christoph Peters, der diesen Entzug macht. Es ist ein autobiographisch gefärbtes Buch. Ich gebe zu: zu meinem Bild dieses Autors passte das überhaupt nicht. Seine Begeisterung für Tee und die damit verbundene Zen-Kultur, seine enorme Fähigkeit, fokussiert in Epochen und Personen hineinzugehen - wie sollte das zu exzesshaftem Trinken passen? Aber dann wird klar: die Ereignisse, die hier verarbeitet wurden, liegen mehr als 20 Jahre zurück. Zu einer Zeit, als Peters am Roman über einen islamistischen Terroristen arbeitete.
Ich bin also doch sehr gespannt und gewissermaßen atemlos an diesen Roman gegangen, denn ich hatte das Gefühl, hier etwas über einen Menschen zu erfahren, der mir als Autor zumindest doch sehr nahe war. Ein ähnliches Gefühl des Mitgenommenseins hatte ich auch bei Wolfgang Herrndorfs autobiographischem Bericht "Arbeit und Struktur".
Anders als bei Herrndorf, der sich am Ende das Leben nahm, endet es aber bei Peters positiv. Zwar reicht der Bericht nur bis zum Verlassen der Suchtklinik, aber die weitere Biographie des Autors scheint zu belegen, dass ihm der Ausstieg aus der Sucht gelungen ist.
Die 400 Seiten erzählen zunächst vom Trinkeralltag, dann vom Entschluss, einen Entzug zu machen und den zwei Wochen in der Klinik. Der Autor schafft es, dem Bericht einen Ton zu geben, der sowohl autenthisch und direkt ist, aber an keiner Stelle mitleidheischend oder jammervoll. Er blickt mit einer Nüchternheit auf sich selbst, die mich beeindruckt - und die sicher der künstlerischen Verarbeitung des Themas geschuldet ist. Denn zu Beginn des Entzugs ist er noch voll drauf - beim Eintritt in die Klinik hat er 2,3 Promille. Dass dies so möglich ist, ist sicher auch der zeitlichen Distanz zuzurechnen. In jedem Fall ein für mich völlig überzeugender Bericht, souverän und an Stellen auch mit Humor. Chapeau.
Schonungslos ehrlicher Bericht über das jahrzehntelange Leben als Alkoholabhängiger und den harten ersten Entzug in einer Berliner Suchtklinik. Der Autor beschreibt ungeschminkt den Alltag eines schwer Suchtkranken, den Selbstbetrug, das Versteckspiel und die Lügen und die Verletzungen all der Menschen, die er liebt. Das ist oft schwer zu ertragen und schmerzhaft, gleichzeitig überzeugend und mitreißend. Es gehört viel Mut zu einem solchen Bericht abzulegen, und noch mehr Mut, den Ausweg zu suchen. Peters hat beides geschafft, zum Glück.
Eine absolute Empfehlung. Gut zu lesen, authentisch und mit Tiefgang. Trotz des Themas phasenweise humorvoll. Ich finde es für jeden lesenswert, auch wenn das Thema Alkohol für einen selbst kein Thema ist. Macht Lust auf mehr von diesem Autor.
Mit „Entzug“ setzt sich Christoph Peters schonungslos ehrlich mit seiner Alkoholabhängigkeit auseinander und beschreibt den langen, schmerzhaften Weg aus der Sucht. Das Buch beginnt mit der Erkenntnis, dass der Alkohol längst nicht mehr nur Begleiter seines Alltags ist, sondern sein gesamtes Leben bestimmt. Aus dieser Einsicht heraus entsteht der Versuch, sich dem eigenen Konsum, den Ursachen der Abhängigkeit und den Folgen für Körper und Psyche wirklich zu stellen.
Im Verlauf des Buches schildert Peters nicht nur den eigentlichen körperlichen Entzug, sondern auch die gedanklichen Prozesse dahinter: Erinnerungen, Selbstzweifel, Scham, Rechtfertigungen und die ständige innere Auseinandersetzung mit sich selbst. Dabei beschreibt er sehr eindringlich, wie tief die Sucht in den Alltag eingreift und wie schwer es ist, alte Muster zu durchbrechen. Immer wieder verbindet er persönliche Erfahrungen mit reflektierten Gedanken über Wahrnehmung, Isolation und die Frage, ob man nach Jahren der Abhängigkeit überhaupt wieder zu einem stabilen Leben zurückfinden kann. Das Buch endet nicht mit einer einfachen Lösung oder einem vollkommenen Neuanfang, sondern mit einem ehrlichen und realistischen Blick darauf, dass ein Entzug kein klar abgeschlossener Prozess ist, sondern etwas, das einen weiterhin begleitet.
Mir hat das Buch insgesamt sehr gut gefallen, vor allem wegen der Offenheit und Intensität, mit der Christoph Peters schreibt. Man merkt beim Lesen, wie tiefgehend und persönlich diese Auseinandersetzung für ihn ist. Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise er Gedanken, Gefühle und innere Konflikte beschreibt, ohne dabei beschönigend zu wirken.
Etwas herausfordernd fand ich allerdings den Schreibstil. Viele Sätze sind extrem verschachtelt und teilweise über eine ganze Seite lang. Dadurch musste ich manche Abschnitte zwei- oder sogar dreimal lesen, um wirklich folgen zu können. Gleichzeitig hat genau diese dichte, beinahe atemlose Sprache aber auch viel zur Stimmung des Buches beigetragen und die innere Unruhe und Schwere der Thematik spürbar gemacht.
Joa, ganz ok. Versucht zwischen 'Einer flog über das Kuckucksnest' und 'Der Zauberberg' hin und her zu schwanken (welch passendes Wording), gelingt aber nicht.