Der preisgekrönte Robert Menasse (Die Hauptstadt) liest erstmals selbst
Frustriert von den Mühlen der Bürokratie trifft Franz Fiala eine »Lebensentscheidung« und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt, misslingt. Dann treten plötzlich wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu »Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.«
Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger als erwartbar wäre? Mit existentieller Wucht und dennoch leichtfüßig erzählt Robert Menasse in Die Lebensentscheidung von einem Wettlauf gegen den Tod. Leben und Sterben, Liebe und Familie, darum geht es in dieser raffiniert-kunstfertigen Novelle.
Robert Menasse is an Austrian writer and essayist. His work has received various awards, including the European Book Prize and the prestigious German Book Prize.
Robert Menasse ist, oder war ein EU Enthusiast, der in seinen beiden Romanen Die Hauptstadt und Die Erweiterung einen kritischen Blick auf die inner workings der EU Kommission geworfen hat. Der neuste Roman, oder besser Novelle, ist ein fesselnder, zu tiefst bedrückender Einblick in das Leben eines österreichischen EU Beamten, der 25 Jahre seines Lebens der Idee der EU und der Kommission gewidmet hat. Mit 58 kündigt er desillusioniert seinen Job um sich um seine rasch alternde Mutter zu pflegen. Das Schicksal spielt ihm nochmals mit. Paul Jandls Rezension verweist auf den literarischen Bezug zu Karl Fialas Namensvetter in Franz Werfels Novelle Der Tod eine Kleinbürgers (https://www.nzz.ch/feuilleton/letzter...). Mich wundert, wie weit der Tod von Franz Fiala auch Parallelen zum Niedergang des EU Gedankens und der EU Kommission hat. Wie das Leben von Franz Fiala nur Sinn in Bezug auf die Familie - seine Mutter - und seine Beziehungen ergibt, sollte die Idee EU nicht nur von den Kommissionsmitgliedern, sondern von den Menschen in dein einzelnen Ländern getragen werden. Leider wollen diese immer mehr nur weniger Vorschriften (z.B. für die Reinheit des Honigs) und kümmern sich nicht um die heute so wichtige Solidarität. Bauern fahren lieber mit Traktoren und Mist nach Brüssel um ihre Interessen durchzusetzen. Die Welt nach dem Westen (Daniel Marwecki) hat leider schon lange begonnen.
Dicht und eindringlich schreibt Robert Menasse über das Sterben und nimmt ihm vorbeigehen noch eine harsche Kritik an der Entwicklung, die die Europäischen Union in den letzten Jahren genommen hatte, mit. Berührend und intelligent. Ein großartiges Buch!