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Universalismus: Weltherrschaft und Menschheitsethos

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Das Wohl aller Menschen bei moralischen und politischen Entscheidungen zu berücksichtigen – das ist heute für viele zumindest als Ideal gerechtfertigt. Aber schon immer gegeben und universell verbreitet ist ein solches Menschheitsethos nicht. Wann und wo ist es also entstanden – und warum eigentlich? Ist es eine Besonderheit der jüdisch-christlichen oder der westlich-aufklärerischen Tradition? Und wie hängt seine Entstehung mit der Geschichte imperialer Weltherrschaft zusammen? In seinem faszinierenden Buch folgt Hans Joas diesem Menschheitsethos in globaler Perspektive.

Von der sogenannten »Achsenzeit« ausgehend, zeichnet er dessen Entstehung in der griechischen Antike, in Judentum und Christentum, in Indien und China nach und betrachtet es im Zusammenhang mit imperialen Reichsbildungen bis hin zum Kolonialismus, Faschismus und Kommunismus. Kann es einen Universalismus ohne Imperialismus überhaupt geben? Und wie steht der Islam zu den achsenzeitlichen Entwürfen eines Menschheitsethos? Joas' Antworten auf diese großen Fragen fügen sich zu einem Opus Magnum, mit dem er seine vielbeachteten Arbeiten zur Geschichte von Religion und politischer Macht krönt.

975 pages, Hardcover

Published May 19, 2025

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Hans Joas

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Profile Image for Martin Riexinger.
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August 19, 2026
Kürzlich las ich in einer GR-Rezension, dass beim Besprechen dicker Bücher eine Art Stockholm-Syndrom zutage kommt. Trotz mancher Qualen identifiziert man sich sehr mit ihm. Man ver. So verhält es sich auch bei diesem Buch.

Joas Werk ist ambitiös, in den besten Abschnitten hochinteressant und fokussiert, zuweilen geht jedoch der Faden verloren, am Schluss wird gepredigt.

Joas Hauptanliegen ist zu zeigen, dass die Anlage zu einer universalistischen Moral in allen achsenzeitlichen Gedankensystemen angelegt ist. Praktische Bedeutung erreichten sie jedoch meist in einem imperialen Rahmen, während zugleich immer wieder Tendenzen der Entuniversalisierung konstatiert werden können. Als Leitlinie dienen ihm dabei die Stellungnahmen der Klassiker Max Weber und Ernst Troeltsch zur intellektuellen und sozialen Entwicklung des Westens und anderer Zivilisationen. Speziell Webers Auffassungen erweisen sich dabei nicht immer als hilfreich, da sie nach heutigem, oft aber schon nach damaligen Wissensstand nicht haltbar waren. In vielen Zusammenhängen, und selbstredend im Kontext der Moderne diskutiert Joas zudem immer wieder andere relevante Theoretiker unf Forscher (Carl Schmitt, Marshal G. Hodgson um nur zwei Beispiele zu nennen)
Joas tritt sowohl einem westlichen Ekzeptionalismus in Sachen Universalität und Menschenrechten entgegen als auch einem Kulturrelativismus, in dessen Rahmen verschiedene Normsysteme als gleichwertig aber inkompatibel bewertet werden.
Die ersten beiden Abschnitte über die Achsenzeit bis zur Spätantike ist einer der beiden besten. Hier behandelt Joas die Entwicklung von griechischer Philosophie, israelitischer Prophetie, Buddhismus und Konfuzianismus mit Blick auf ihr universalistisches Potential und wie sie dies in Großreichen umsetzten. Am meisten Aufmerksamkeit widmet er hierbei der Verwandlung des Christentums zur Reichsreligion und die von Augustinus Alternative einer nichtstaatlichen universalen Gemeinschaft in der Kirche.

Bei der Diskussion des Mittelalters verliert sich Joas dagegen in sozialgeschichtlichen Detailsdiskussionen und Referaten vorn Forschungsdiskussionen, sodass schwer wird seine Idee von der Kombination von Universalismus und Individualität nachzuvollziehen.
Seine Darstellung der frühneuzeitlichen Diskussionen ist dagegen der andere besonders starke Teil des Buches. Entgegen einer nicht nur bei Weber und Troeltsch stark protestantozentrischen Sicht der Dinge, zeigt er auf, welch eine bedeutende die innerspanische, kirchliche Kritik an der Kolonialherrschaft durch Bartolomé de las Casas und die Schule von Salamanca bei der Entwicklung der Vorstellung universelle, individueller Menschenrechte spielte. Bei der Ausformulierung der Menschenrechte spricht er Amerika den Primat vor Frankreich zu, er zeigt zugleich, wie die Akzeptanz der Sklaverei eine Angriffsfläche für die Kritik am Universalismus der Aufklärung bot. Er schließt diesen Abschnitt mit einem Kapitel über die Erhebung gegen die Sklaverei in Haiti als ersten Anlauf zur Überwindung der europäischen Dominanz mit europäischen Argumenten entgegen.

Darauf kommt er zurück, nachdem er die Internationale Erklärung der Menschenrechte als Antwort auf die Menschheitsverbrechen des Faschismus behandelt hat. Als Bestrebung die uneingelösten Versprechen der Menschenrechtserklärung einzufordern, Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner, während er Gandhis Konzept des gewaltlosen Widerstandes als Beispiel für eine Synthese von westlichen Universalitätskonzepten und eigenen, in diesem Falle hinduistischen Vorstellungen. Ihm ist dabei nicht völlig entgangen, dass dies starke hinduistische Prägung sich in einer multireligiösen Gesellschaft zu einem problem werden könnte. Ich will ihm jetzt nicht vorwerfen, dass er meine Doktorarbeit nicht gelesen hat, aber in welchem Maße sie tatsächlich zur Entfremdung der Muslime beigetragen hat, unterschätzt er dann doch.
Dem Maoismus widmet Joas ein Kapitel, indem er ihn als Beispiel für aus dem Ruder gelaufenen Universalismus seziert. Frühere Beispiele wie La Terreur und der Bolschewismus werden nur gestreift, hingegen erwähnt er kurz die im Westen kaum bekannten Verheerungen durch die christlich-synkretistische Tai Ping Bewegung 1850-1864: Zweimal in etwas mehr als 100 Jahren war die Rezeption von westlichem Universalismus in China mit millionenfachem Tod verbunden.
Spät kommt Joas auf den Islam zu sprechen, der doch eigentlich der sekundären Achsialisierung zurechnen könnte wie das Christentum, doch war hierfür wohl ausschlaggebend, dass er diese Religion primär mit gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen betrachtet. Das Kapitel krankt an derselben Schwäche wie der Abschnitt über das Mittelalter, d.h. zu viel Referat und Diskussion von Positionen. Als Kronzeugen für universalistische Tendenzen führt er Marshal Hodgson. Den Elefant im Zimmer diskutiert Joas wie die Literatur, die er referiert, nicht: Die Kombination von Erb-und Familienrecht. Erlaubt letzteres die Cousinenehe, so führt ersteres zur Zersplitterung von Landbesitz und bietet damit einen Anreiz zur Ehe im engeren Familienkreis, was wiederum die Segmentierung islamischer Gesellschaften befördert hat. Überraschenderweise kommt Joas nie auf das Mongolenreich und seinen Anspruch auf Weltherrschaft zu sprechen, obwohl Hodgson die Islamisierung des Konzepts durch Timur ebenso behandelt wie das abgeschwächte Firtleben bei Osmanen und Moguln.
Zum Schluss diskutiert Joas die Kontroverse zwischen Jaspers und Anders über die Frage, ob die Freiheit um den Preis der Auslöschung der Menschheit zu verteidigenswert sei, und er erteilt der Ausweitung des Menschenrechts auf Tiere (Singer et al.) eine Absage, da dies zugleich Pflichten implizieren würde, die Tieren nicht zu vermitteln sei.

Grundprämisse des Buches ist, dass Universalismus erstrebenswert sei, Gegenargumente werden mithin nicht diskutiert, wenig Aufmerksamkeit schenkt er der Problematik, um welchen Preis Universalismus in einer nichtuniversalistischen Weltgemeinschaft behauptet werden kann.

Insgesamt ein in allen Abschnitten lesenswertes Buch für alle an Global- und Ideengeschichte Interessierten. Meine Kritik an der Darstellungen von Mittelalter und Islam ist ja nicht, dass sie an sich misslungen sind, sondern dass sie sich nicht optimal in die Gesamtheit einfügen.
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