Meine folgende Rezension beinhaltet auch einen Vergleich mit dem Film und lässt, so weit es geht, Spoiler aus.
Die großartige koreanische Verfilmung von Park Chan-Wook war mein Einstieg in das koreanische Kino und wird deshalb immer einer meiner Lieblingsfilme bleiben. Aus Angst vor einer Enttäuschung habe ich mich lange davor gedrückt, die japanische Manga-Vorlage zu lesen - auch weil ich nicht viele gute Mangas gelesen habe. Jetzt kann ich sagen, dass sich meine Bedenken nicht bewahrheitet haben.
Zunächst einmal ist Oldboy (2003) eine Interpretation und keine Verfilmung, die sich streng an die Vorlage hält. Park hat sich eigentlich nur an Gotos (im Film: Oh Dae-su) Gefangennahme, seiner Suche nach dem Grund dafür und ein paar wenigen anderen Begebenheiten bedient. Die Auflösung, die Charaktere und ihre Wesen unterscheiden sich teils sehr voneinander, zumal es im Manga auch einige sehr wichtige Figuren gibt, die im Film nicht vorkommen. Schon allein aus diesem Grund lohnt es sich, noch einmal den Manga zur Hand zu nehmen, um eine andere Geschichte im selben Rahmen zu lesen.
Shinichi Goto wird aus unerklärlichen Gründen zehn Jahre lang eingesperrt, schließlich entlassen und sucht nach dem Grund für seine Gefangenschaft. Er trifft Eri (im Film: Mi-do), die sich sofort in ihn verliebt und die beiden werden mehr oder minder ein Paar. Goto trifft auf alte Bekannte und auch sehr früh schon auf Doushima (im Film: Woo-jin), der aus Gotos Suche nach dem Grund ein Spiel macht, aus dem nur einer lebend als Gewinner hervorgehen kann. Gotos Bekanntschaften werden zu einem Labyrinth aus augenscheinlichen Freund*innen und möglichen Feind*innen, während man als Leser selbst nicht mehr weiß, wem man trauen kann, denn Doushima arrangiert mit seinen finanziellen Mitteln und Kontakten die abstrusesten Verwirrungsmanöver. Schließlich müssen nach einigen Wendungen die wichtigen Charaktere zusammenarbeiten, um das Rätsel zu lösen …
Die beiden Feinde werden vertraut miteinander und agieren absurderweise fast wie alte Freunde. Ihr Spiel ist im Manga sehr viel wichtiger als im Film. Goto ist die gesamte Zeit lang Doushimas Spielball und hat kaum kaum Gewissheit und Kontrolle. Teilweise hat man das Gefühl, es würde mehr um Doushima und seine Gefühlswelt gehen, als um Goto selbst. Der Manga vermittelt in seinen Bildern komplett ungewöhnliche aber dennoch authentische Emotionen. An vielen Stellen wird Dialog unterbrochen, um die Atmosphäre zu schaffen, die auch im Film aufgegriffen wurde. Dabei fällt einem oft auf, dass ein Bild Gotos Innenleben sehe viel besser transportieren kann als der Text.
Alles in allem ist Old Boy ein Meisterwerk und hat dieselbe Aufmerksamkeit verdient, die die Verfilmung genießt. Eine absolute Empfehlung an alle Manga-, Thriller-, Drama-, und Oldboy-Fans!
Tipp: Erst den Film sehen, dann den Manga lesen und beim Lesen die Filmmusik hören!