Der Tod des Vergil ist der Versuch, das Ereignis des Todes aus der Sicht des Sterbenden zu erzählen und dafür eine gänzlich neue und wirklich adäquate Sprache zu finden.
Die Handlung selbst ist einfach und schnell zusammengefasst: Kaiser Augustus holt den todkranken Dichter Vergil von Griechenland nach Italien zurück. In Brundisium angekommen verbringt Vergil eine Nacht in Fieberträumen. Am nächsten Morgen besuchen ihn alte Freunde und der Kaiser, mit denen er seinen Nachlass regelt. Dann betritt sein Bewußtsein ein Zwischenreich und verlässt langsam das menschliche Sein und Hausen. Diese letzten achtzehn Stunden des Dichters werden in vier sehr unterschiedlich gefärbten Teilen erzählt:
I. Wasser - die Ankunft
Erhaben, feierlich wie der erste Satz einer Symphonie, beschreibt der erste Teil die Ankunft der kaiserlichen Flotte im Hafen von Brundisium, den Weg Vergils durch die Stadt und den Einzug in den Palast.
Die Brückenplanken wippten steif, als die Sänfte im gemessenen Gleichschritt der Träger darüber hin befördert wurde; unten schwappte bedächtig das schwarze Wasser, eingeengt zwischen dem schwarzen schweren Schiffskörper und der schwarzen schweren Kaimauer, das schwerflüssige glatte Element, sich selbst ausatmend, Unrat ausatmend, Abfälle und Gemüseblätter und verfaulte Melonen, alles was da unten herumsuppte, schlaffe Wellen eines schweren süßlichen Todeshauches, Wellen eines verfaulenden Lebens, des einzigen, das zwischen den Steinen bestehen kann, lebend nur noch in der Hoffnung auf die Wiedergeburt aus seiner Verwesung.
II. Feuer - Der Abstieg
Der lange, dunkle zweite Teil führt hinunter ins Schattenreich des Bewusstseins. Es ist Nacht, Vergil taucht in den Halbschlaf, deliriert in Fieberträumen durch sein vergangenes Schicksal, stellt alles in Zweifel, sein Leben, seine Dichtung, jeglichen Sinn. Ist Erkenntnis denn überhaupt möglich? Und wenn, ist sie denn von Relevanz? Er glaubt sich in einer Vorhölle, erkennt die steinerne Zwecklosigkeit menschlichen Rasens. Sein entrückter Geist treibt in einem Strom von Visionen durch die tiefsten Abgründe der Existenz. Irgendwann beschließt er, sein Lebenswerk, die Äneis als Opfer für sein Scheitern zu verbrennen. So verbringt er seine letzte Nacht in einem Fegefeuer aus Gedanken und Träumen bis er zum Morgen einen geläuterten, gelösten Zustand erreicht.
... es geschah ihm das, was ihm seit jeher, deutlicher und deutlicher werdend, stets aufs neue geschehen war, er tat das, was er ein ganzes Leben lang getan hatte, aber nun wußte er die Antwort: er lauschte dem Sterben.
III. Erde - Die Erwartung
Der anbrechende Tag lässt im dritten Teil die äußere Welt ein letztes Mal in aller Schärfe und Vernunft erscheinen. Der Dichter spricht mit seinen Freunden und dem Cäsar über seinen Nachlass, über Dichtung, Politik und Macht, über Leben und Sterben.
Es entstand eine Pause; das leise erdbebenhafte Pendeln des Seins hielt an, indes der Cäsar achtete noch immer nicht darauf, vielmehr schien er von dem Gehörten nun doch betroffen. Und es dauerte eine gute Weile, bis er antwortete: »Der Tod gehört zum Leben; wer das Leben erkennt, der erkennt auch den Tod.«
War dies richtig? es klang wie Wahrheit, und war doch nicht wahr oder war nicht mehr wahr: »Es hat keinen Augenblick meines Lebens gegeben, Octavian, den ich nicht hätte festhalten wollen, aber auch keinen, in dem ich nicht zu sterben gewünscht hätte.«
Vergil lässt sich von seinem Vorsatz, die Äneis zu verbrennen abhalten und übergibt sie dem Cäsar und dem römischen Volk.
IV. Äther - Die Heimkehr
Endlich tritt er seine letzte Fahrt an und gleitet friedlich in einem Nachen über das Meer der Ewigkeit entgegen.
Unbekannt war das Ziel, unbekannt der Ausgangshafen; von keiner Mole war man abgestoßen, aus Unendlichkeiten kommend, ins Unendliche strebend ging die Fahrt vor sich, dennoch streng und scharf in ihrer Richtung, geleitet von sicherer Hand, und wäre es gestattet gewesen, sich umzuwenden, man hätte den Steuermann am Heck erblicken müssen, den Beistand im Richtungslosen, den Lotsen, der den Ausgang aus dem Hafen kennt.
Am Ende der Fahrt tönt ihm das reine Wort aus einem Brausen, schwebt über dem All, über dem Nichts: er konnte es nicht festhalten; unerfaßlich, unaussprechbar war es für ihn, denn es war jenseits der Sprache.
Es ist ein schwieriges und unzugängliches Buch. Nicht nur zu lesen, auch darüber zu schreiben. Ich kann mich an kein Buch erinnern, das mich derart gefordert hat und müsste es noch ein paar Mal lesen, um annähernd die Worte zu finden, die ihm gebühren. Es hat mich fasziniert und gefesselt, es war aber auch mühsam und anstrengend. Besonders stark war der Eindruck, eigentlich ein Musikstück zu lesen - nicht nur die äußere Form mit den vier charakteristischen Kapiteln gleicht einer Symphonie, auch die innere Struktur mit ihren oft seitenlangen Sätzen läßt mich an Motive, Melodien und Klänge denken.
Thomas Mann hat den Tod des Vergil eines der ungewöhnlichsten und gründlichsten Experimente genannt, das je mit dem flexiblen Medium Roman unternommen wurde. Es ist die Einbettung des Bewusstseinsstroms in lyrische Prosa, was dieses Experiment so einzigartig macht. Da der Prozess des Sterbens mit der Vernunft nicht zu fassen ist, bildet Broch den sonst zum psychologisieren und analysieren neigenden inneren Monolog in der bildlichen Sprache der Lyrik ab, die ja immer auch das Irrationale zu transportieren geeignet war. Diese Sprache ermöglicht es auch, Bilder und Klänge aus dem historischen Rahmen herauf zu beschwören und so Vergils Äneis zu einem zweiten Leben zu erwecken.
Bei Bewusstseinsstrom denkt man unweigerlich an James Joyce, und auch Broch selbst stellt sich diesem Vergleich in seinen Kommentaren immer wieder. Darin distanziert er sich nämlich ganz ausdrücklich von Joyce, nicht nur weil sich das Joycesche Genie ohnedies nicht nachahmen läßt. In der Tat ist die Brochsche Methode strukturell völlig anders und mit nichts vergleichbar.
Man verzeihe mir, wenn ich noch ein Textzitat bemühe, das den typischen Brochschen Duktus besonders treffend illustriert. Neben seinem lyrischen Charakter ist der Text eine wahre Freakshow von Pleonasmen, Tautologien, Oxymoronen, Hendiadyoine und wie all diese Monster von Stilfiguren sonst noch heissen mögen (... und nebenbei ein wahres Fressen für die Rechtschreibprüfung der Textverarbeitung ;-)
Unbewältigt und unbewältigbar in ihrer Preisgegebenheit war die fremd gewordene Nacht vor seinen fiebernden Blicken aufgetan, unverändert unbeweglich, dennoch fremd, wurde sie von des Mondes mildhartem Atem bestrichen, unverändert unbeweglich von der Milchstraße sanftleise durchflutet, einversenkt in das schweigende Sternsingen, einversenkt in die Schönheit und in ihre verzauberte Zaubereinheit, in die verschwebende Einheit der schöngewordenen Welt, einversenkt in deren erstarrt-erstarrende Überferne, und raumschön, raumstarr, raumgroß wie diese, dämonisch gleich dieser zu Fremdheit verzaubert, wurde sie mit ihr durch die Zeiten dahingetragen, Nacht und doch das Unsterbliche innerhalb der Zeit; äonisch und doch ohne Ewigkeit, fremdgeworden allem Menschlichen, fremd der Menschenseele, da die stille Einswerdung, die sich fernedurchtränkt, fernedurchtränkend so vollzog, keinerlei Teilhaftigwerden mehr erlaubte; der Vorhof der Wirklichkeit hatte sich zu dem der Unwirklichkeit verwandelt.
Auf eine tiefergehende inhaltliche Deutung möchte ich mich nicht einlassen. Aufgrund der Dichte und Undurchsichtigkeit könnte man seitenlang schwadronieren ohne auf einen Punkt zu kommen. Aber da es um das Sterben geht, geht es naturgemäß auch um das Leben mit all seinen Aspekten, um Sinn, Erkenntnis und Glauben, aber das sind im Angesicht dieses geheimnisvollen Textes nur Gemeinplätze.
Ganz persönlich ist mir die Botschaft in manchen Teilen suspekt, vielleicht zu religiös, oder besser zu esoterisch (im ursprünglichen Sinn), zu idealistisch oder zu transzendenz-orientiert. Wenn Vergil im Fieberwahn die Quelle metaphysischer Sehnsucht und Sinnsuche ganz tief in seiner triebhaften, viszeralen Urnatur entdeckt und erkennt, dass nur der Glaube Wahrheit und Erkenntnis enthält, regt sich in mir Widerstand. Das ist allerdings nur mein Problem und weiter nicht relevant.
Man muss auch bedenken, dass Broch den Roman im Angesicht einer allgemeinen Wertezersplitterung und grauenhafter Ereignisse wie dem Tod in industrieller Form, aus einem inneren Impuls, als Privatangelegenheit des eigenen Seelenheils geschrieben hat, wie er in den Kommentaren bemerkt. Der Tod war uns, die wir nun am Rande des Konzentrationslager lebten, plötzlich so handgreiflich nahe gerückt, das die metaphysische Auseinandersetzung mit ihm schlechterdings nicht mehr aufschiebbar war.
Broch hat den historischen Stoff um Vergil nicht zufällig ausgewählt. Wer die Äneis (womöglich im Original) gelesen und sich mit Kultur und Geschichte der Zeit um Augustus beschäftigt hat, wird sicher erkennen können, welche Berührungspunkte zwischen dem historischen Vergil, dem Inhalt der Äneis und dem Brochschen Vergil bestehen, wird Parallelen in der Zeitgeschichte und eine Menge interessanter Zusammenhänge entdecken, und damit noch viel mehr herausholen können. Leider bin ich in den Fächern Latein und Geschichte traumatisiert und ein Ignorant geblieben.
Wer jetzt immer noch da ist und sich immer noch nicht abschrecken liess, dem sei dringend die kommentierte Werkausgabe (Suhrkamp Taschenbuch) empfohlen. Diese ist mit den umfangreichen persönlichen Kommentaren Hermann Brochs und zusätzlichen Anmerkungen des Herausgebers ergänzt, was ziemlich hilfreich ist, um nach der Lektüre nicht gänzlich ratlos übrig zu bleiben.
Ich stehe vor diesem Werk wie vor einem gewaltigen Mahnmal und fühle mich nichtig und klein. Auch wenn mir Inhalt und Bedeutung nicht ganz geheuer und auch nicht immer ganz klar sind, waren Sprache und Stil so faszinierend und einzigartig, dass mir das schon fünf Sterne wert ist.