»Wie weit werden wir reisen?«, fragte Thea. Der Mann zeigte wortlos mit einem Finger nach oben. »Werden wir ferne Dörfer sehen? Fremde Orte, wo andere Menschen leben?« Er zeigte weiter nach oben. »Orte, wo Menschen noch nicht gewesen sind?« Der Mann zeigte energischer nach oben. »Du willst …«. Sie verstummte, gestikulierte vage und zeigte schließlich ebenfalls nach oben. »In … in den … Himmel?« Der Mann namens Gale zuckte mit den Schultern. »Er ist von manchen so genannt worden.« Thea starrte ihn an. »Was werde ich dort finden?« Gale lächelte sie an. »Exakt das, was du mitbringst.«
Ein neues Meisterwerk von Sven Haupt – Gewinner des Deutschen Sciencefiction-Preises 2021, 2022 und 2024!
Ich habe ein sehr anregendes Wochenende mit diesem Roman verbracht. Es ist der zweite Sven Haupt Roman dieses Jahres und er ist recht kurz: In zwölf Kapiteln und einem Epilog wird auf 170 Seiten (in der Hardcover Ausgabe) sehr geradlinig eine Suche beschrieben, die zu vielerlei philosophischen Gedanken und Diskussionen führt. Geschrieben ist dies im gut lesbaren Sven–Haupt–Stil, der mit einer bewundernswerten Leichtigkeit daherkommt und immer wieder witzig und tiefgründig zugleich ist. Thea flieht aus ihrem Dorf an dem Tag, als ein Mann »Anspruch« auf sie erhebt. Ihr Dorf liegt in einer Kaverne an einem sehr weiten und scheinbar unendlich tiefen dunklen Schacht. Bei ihrer Flucht nimmt sie Noni mit, der aussieht wie ein Stein und mit dem sie sich immer wieder »unterhält«. Noni gibt eigentlich nur verschiedene Geräusche von sich, dient Thea aber als Diskussionspartner. Er ist eine Figur, die es ähnlich schon in anderen Haupt–Romanen gegeben hat, diese Rolle haben auch schon ein Jeep und ein Rollstuhl ausgefüllt. Nach einiger Zeit begegnet sie Gale, der mit einem Robotpferd unterwegs ist und sie mitnehmen will ganz nach oben, in den »Himmel«. Die beiden reisen nun am und im Schacht, durch Tunnel und mittels verschiedener Beförderungsmittel den Schacht empor. Schnell versteht man dann auch, warum die einzelnen Kapitelnummern Zusätze wie »Minus 100000« bzw. »Minus 90000« haben. Thea weiß fast nichts von ihrer Welt und Gale lässt sich nur hin und wieder zu Informationen herab. Allerdings sind dies nur Bruchstücke, die sich nicht zu einem geschlossenen Weltenbau zusammenfügen: Den Schacht und die Welt im und um den Schacht herum scheint es schon sehr lange zu geben. Gale teilt mit ihr einige Theorien zur Funktion des Schachtes und zeigt ihr hochentwickelte technische Apparaturen. All dies soll hier nicht weiter ausgeführt werden, ich will nur betonen, dass für mich der Roman dadurch in der SF verankert wird. Die Reise wird für Thea zur Prüfung, denn sie wird in verschiedene »Himmel« gelangen, unterschiedliche Lebewesen kennenlernen und verschiedene Lebensentwürfe gezeigt bekommen. Sie muss diese verstehen und persönliche Entscheidungen fällen. Und natürlich denkt dann auch der Leser über diese »Himmel« nach. Im Vergleich zu anderen Haupt Romanen ist dieser eine Art Kammerspiel mit sehr begrenztem Figurenarsenal. Es ist sicher keine Hard–SF, dafür mehr ein philosophischer Exkurs getarnt als fantastische SF mit etwas magerer äußerer Handlung. Gegen Ende empfand ich den Roman zu belehrend. Was auch immer man darin sieht: Mir hat es sehr gut gefallen, ich habe mich mit einer Fülle von spannenden Gedanken beschäftigt. Der Roman war angenehm kurz und hätte auch nicht länger sein dürfen, denn sonst hätte sich einiges zu oft wiederholt. Es gibt ein klares Ende für Thea, trotzdem fand ich den Schluss etwas unbefriedigend, da ich mehr Erklärungen erwartet hatte. Für alle Sven–Haupt–Fans und andere Menschen mit Lust auf philosophische Fragestellungen. P.S. Wie öfter bei Haupt wird das Buch mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke eingeleitet, was mich dazu verleitet hat, mich mehr mit diesem Dichter zu beschäftigen. Auch da hat das Buch mir dann schon etwas gebracht.