Das war mein erster Schirach seit längerer Zeit und ich war ein bisschen enttäuscht. Manche Geschichten haben mich sehr berührt, andere sehr verstört. Die Brutalität, die in manchen Texten tragendes Element war (ich sage nur Armamputation! und Cicciata), war mir zu viel ... aber ich schätze, wenn es ums Sterben geht, gehört Grausamkeit dazu.
Schirach schreibt gut wie immer und in fast jeder Geschichte entwickelt sich schnell ein Sog, der mich das Buch nicht mehr zur Seite legen ließ.
Besonders interessant fand ich folgende Gedanken:
* In der Geschichte um Adolf Loos "Ornament und Verbrechen" wird die Frage gestellt, ob wir das künstlerische Werk von der Person des Künstlers/der Künstlerin trennen können?
* In "Wirklichkeit und Wahrheit" geht es um das Terrorattentat der Hamas in Israel und die "Stiefel" der sozialen Medien. Das war wohl die Geschichte, die mich am meisten erschüttert hat. Besonders das George Orwell Zitat am Ende und der Vergleich mit Social Media. Starke Ansage.
* In "Der stille Freund" geht es um den Moment, in dem einen klar wird, dass das Leben vergänglich, brüchig, zerbrechlich ist und nur der Moment zählt.
Eher schwach fand ich "Die Sache mit dem Tod" - ein Sammelsurium an Anekdoten von berühmten Künstlerinnen und Künstlern über das Sterben. Allerdings trumpft Schirach in dieser Geschichte am Ende doch noch groß auf: mit einer Weisheit seiner krebskranken Freundin. "Aber den Tod darf man nicht so ernst nehmen. Wenn man verzweifelt ist, stirft man. Wenn man nicht verzweifelt ist, stirbt man auch. Besser also, man ist nicht verzweifelt." (S. 61)
Immer wieder ranken sich die Geschichten um die NS-Zeit in Deutschland und um Menschen, die Widerstand geleistet und dafür bezahlt haben. Zum Beispiel der deutsche Tennis-Star Gottfried von Cramm, der sich von den Nazis nicht vereinnahmen lassen wollte, oder Egon Friedell, der sich aus dem Fenster stürzte, als die Nazis ihn nach dem Anschluss holen wollten. Sehr berührend war auch "Rechnungen" - hier beginnt die Geschichte sehr harmlos mit einer Hochzeit in Südafrika, die der Autor besucht, und endet mit einer Rechnung für die Durchführung der Verurteilung und Hinrichtung ihres eigenen Mannes, die Kurt Meyerings Frau von den Nazis erhält und an seinem 18. Geburtstag an ihren Enkel weitergibt. Eine Mahnung, solchen "Strömungen etwas entgegen[zu]setzen, bevor es zu spät sei." (S.92)
Zwei Dinge haben mir die Texte jedoch entfremdet:
Zum einen die Nonchalance, mit der Schirach ganz nebenbei erwähnt, wie er zu den Geschichten gekommen ist: Freunde in offenbar besseren Kreisen überall auf der Welt haben sie ihm erzählt bzw. er hat sie mit ihnen erlebt. Mal in Kapstadt, mal in Rom, mal in Wien, er reist von Tokyo nach Berlin ... trifft hier eine Baronesse, dort eine Adelige, da eine erfolgreiche Anwältin, oder einen Richter, einen reichen Weingutbesitzer etc. Hier hat jemand ein sehr privilegiertes Leben geführt und benutzt es als Hintergrund für seine Geschichten.
Das ist durchaus legitim, zeugt aber auch von einem Weltverständnis, das einer bestimmten Klasse entstammt. So wirkten die Geschichten gelegentlich eher belehrend als aufklärend.
Zum anderen sind es Geschichten von Männern. Frauen kommen nur als Nebenfiguren vor, um eine Geschichte zu einzuführen (Ludmila) oder sind männliche Projektionsflächen (Cynthia, Tony), denn es geht in ihren Geschichten viel mehr um die Männer in ihren Leben denn um sie selbst. Frauen nur als schmückendes Beiwerk - so wirkt das Buch und die Textauswahl auf mich. Das ist irritierend.