Das neue Buch des Bestsellerautors von „Preußen“ und „Die Schlafwandler“ – Königsberg 1835: Eine Phase des Friedens. Doch hinter der ruhigen Fassade brodelt die Angst
Bestsellerautor und Preußen-Experte Christopher Clark entführt uns ins frühe 19. Jahrhundert, in eine Welt voller Intrigen und Verrat. Königsberg, die verschlafene Kleinstadt und einstige Residenz von Immanuel Kant, wird in den späten 1830er-Jahren zum Schauplatz eines spektakulären Skandals, der zwei lutherischen Predigern zum Verhängnis werden soll. Sensationelle Anschuldigungen und dunkle erotische Geheimnisse erschüttern das Vertrauen der Gemeinschaft und versetzen die preußischen Behörden in Aufruhr. Meisterhaft erzählt Clark, wie religiöser Eifer, sexuelle Ausschweifungen und menschliche Unberechenbarkeit die Stadt ins Chaos stürzen, zu einer Zeit, in der moralische Fehltritte als Vorboten neuer Unruhen gefürchtet wurden. Eine kaum bekannte Episode ausdem alten Preußen – und ein Skandal, der überraschende Parallelen zur Gegenwart aufweist.
Der australische Historiker Christopher Clark gilt spätestens seit der Veröffentlichung seiner „Schlafwandler“, in welcher er die Juli-Krise 1914 (die schließlich in den ersten Weltkrieg münde) minutiös rekonstruierte, als einer der besten Kenner deutscher Geschichte. Sein großes Werk „Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600–1947“ aus dem Jahr 2006 gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Somit war ich ziemlich begeistert, als ich von der Publikation seines neusten Werks „Skandal in Königsberg“ erfuhr. Meinen hohen Erwartungen gerecht werden konnte dieses Büchlein jedoch nicht.
Doch zunächst zum Inhalt: „Ein Skandal in Königsberg“ erzählt die wahre Geschichte eines Skandals, der sich in den späten 1830er-Jahre in der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg ereignete. Den beiden lutherischen Predigern Johann Wilhelm Ebel & Georg Heinrich Diestel wird zum Vorwurf gemacht, eine Art Sekte gegründet und in dieser unzüchtige Lehren verbreitet zu haben. Die Geschichte dieses Skandals, des sich daran anschließenden Gerichtsprozesses sowie des Werdegangs der zentralen Protagonisten wird von Clark gewohnt solide und preußen-romantisch nacherzählt.
Etwas holprig wird es jedoch in dem Moment, in dem Clark diesen Skandal mit mehr Bedeutung und Relevanz für die heutige Zeit auflädt, als dieser Geschichte realistischerweise inhärent ist. Ein Beispiel: Clark sieht in der Figur des Prediger Ebel – aufgrund seines femininen Auftretens – eine Art „queeres Wesen“ und interpretiert das rabiate Vorgehen des preußischen Staates gegen ihn als Reaktion auf einen Verstoß gegen die „patriarchale Ordnung“. Am Ende ist das alles nicht so „woke“ geschrieben, wie es sich in diesen Zeilen vielleicht anhören mag. Dennoch würde ich der Auslegung Clarks eine gewisse Über-Interpretation attestieren, wodurch sich für mich auch die Frage stellt, ob der geschilderte Vorgang wirklich ein 200-Seiten-Langes Buch wert gewesen ist.
Für mich leider das bisher schwächste Buch von Christopher Clark
Am Anfang waren zwei große Eier im Vakuum: Urlicht bzw. Urfeuer und Urfinsternis bzw. Urwasser. Ausgehend von dieser eigentümlichen Überzeugung, die Bibelglauben und Vernunft miteinander versöhnen sollte, werden zwei Prediger angeklagt, eine illegale Sekte gegründet zu haben – verstärkt durch den Vorwurf sexueller Unzucht.
Christopher Clark rekonstruiert diese Episode preußischer Religionsgeschichte. Die religiösen Befindlichkeiten sind aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Trotz klarer Struktur liest sich das Buch wie eine Ansammlung von Archivfunden. Mir ist es nicht gelungen, ein echtes Interesse an der Geschichte oder ihren Protagonisten zu entwickeln.
Ein großartiges Buch! Es menschelt sehr. Ein Satz bringt es auf den Punkt: das Scheitern des Verstehens! Rufmord, Christenverfolgung, Eifersucht, Schwarmgeisterei, Religiöse Verblendung. Eine im Kern gute Sache wird völlig zerstört.