Linda je nekoč imela vse, zdaj pa je vse izgubila. Njen udobni, varni in stabilni svet se sesuje kot hišica iz kart. Na njegovih ruševinah mora Linda počasi, iz ure v uro, iz dneva v dan, zgraditi novo življenje. Morda lahko globoko v sebi najde moč in odgovor na vprašanje, zakaj je še tukaj. Kajti včasih se moramo izgubiti, da se lahko zares najdemo.
Daniela Krien, geboren 1975 in Mecklenburg-Vorpommern, studierte Kulturwissenschaften, Kommunikations- und Medienwissenschaften und arbeitete unter anderem als Drehbuchautorin und Cutterin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Leipzig.
Linda hat das Wichtigste in ihrem Leben verloren: Ihre 17-jährige Tochter Sonja wird auf ihrem Fahrrad von einem LKW erfasst und stirbt. Zurück bleibt nur ein weißes Fahrrad an der Unglücksstelle. Während ihr Mann Richard zwei Jahre nach dem Schicksalsschlag langsam zurück ins Leben findet, verharrt Linda in ihrer Trauer, für sie gibt es keinen Ausweg aus dem Schmerz und der Depression. Sie hat sich auf einen alten Hof im Leipziger Umland zurückgezogen, lebt dort allein mit ihrer Hündin Kaja und kümmert sich um Haus und Garten. Ganz langsam lässt sie sich auf ihre Nachbar*innen ein und findet neue Bekanntschaften, die sie prägen. Doch die Trauer um den Verlust eines Kindes lässt sich nicht überwinden.
Lies dieses Buch, wenn...
... du eine berührende und authentische Auseinandersetzung einer Mutter mit der alles überwältigenden Trauer über den Tod ihres Kindes lesen möchtest ... du Geschichten liebst, die mit fein ausgearbeiteten Nebencharakteren daher kommen ... du dich gerne mit den unterschiedlichen Facetten zwischenmenschlicher Beziehungen beschäftigen möchtest ... du dich (wieder) in den schönen, klaren und unverwechselbaren Schreibstil von Daniela Krien verlieben willst ... dir Romane liegen, in denen das Hofleben und Gartenarbeit eine wichtige, heilsame Rolle spielen ... du "Die Liebe im Ernstfall" mochtest und gerne wieder in diese Leipziger Blase eintauchen möchtest (alte Bekannte inklusive!) ... du noch einen Roman für deine Longlist-Leseliste der nominierten Bücher für den Deutschen Buchpreis suchst
Nach „Der Brand“ aus dem Jahr 2021 legt Daniela Krien, Gewinnerin des Sächsischen Literaturpreises 2020, mit „Mein drittes Leben“ ihren neuen Roman vor. Wie „Der Brand“ spielt er hauptsächlich auf dem Land, in der Nähe von Leipzig, befindet sich die Ehe der Protagonistin in einer Krise, kümmert sie sich um einen gemieteten Bauernhof und versucht in der Abgeschiedenheit vom Großstadtrummel ihr Leben wieder in eine Bahn zu bringen:
Mit den Sinnsprüchen auf den Vorderseiten überbrückt [meine Mutter] die eigene Sprachlosigkeit. Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du heute von Neuem beginnen. (Buddha) – Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann. (Marie von Ebner-Eschenbach) – Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen. (Guy de Maupassant) Aber hier, in meinem dritten Leben, sind es nicht die Menschen. Es sind die Tiere und die Pflanzen und der Wind und die Bilder der Toten an den Wänden.
Wie der Klappentext bereits preisgibt, das dritte Leben Lindas, der Protagonistin, beginnt mit dem Unfalltod ihrer Tochter Sonja, die auf dem Weg zu ihrer Frauenärztin von einem rechtsabbiegenden LKW überrollt wird. Richard, ihr Vater, und Linda gehen verschiedene Wege der Trauerverarbeitung. Linda isoliert sich. Richard sucht wieder Anschluss und Trost in seiner künstlerischen Tätigkeit. Linda sieht aber keine Zukunft mehr für sich. Vor Sonja war alles falsch und nach dem vorzeitigen Tod Sonjas ist wieder alles falsch:
Vor Sonja bin ich ein eigenständig fühlender, doch unvollendeter Mensch gewesen, ein Individuum ohne Zusammenhang. Ab ihrer Geburt war mein Lebensglück ihrem unterworfen. Von Beginn an und bis über ihr Ende hinaus bin ich das, was sie ist – glücklich, unglücklich, ängstlich, traurig, euphorisch, lebendig oder tot. Denn wenn ein Kind geht, nimmt es dich mit. Es lässt nicht mehr von dir zurück als eine welke Hülle.
Aus der präsentisch-erzählten Ich-Perspektive gewährt Krien ungefilterte Einblicke in Lindas Gefühlsleben. Szenische Sequenzen werden begleitet von Erinnerungen, so dass es eine Art doppelten narrativen Verlauf gibt: Die Aufarbeitung der Vergangenheit (durch Erinnerung), das Durchlaufen des Traumas (durch Dialoge und Handlung). Krien setzt hier auf eine eigenartige, einem Filmschnitt ähnliche Protokollsituation, die Zeitsprünge (aus der Gegenwart heraus) erlaubt:
Im Efeu an der Sichtschutzwand lärmen die Spatzen, und eine SMS von Natascha kommt an. Ob es in einer Stunde passe, es gebe etwas Wichtiges zu besprechen. Ja, gern, schreibe ich zurück. Ich sehe ihr zu, wie sie prüfend und mit unverhohlener Neugier durch meine Wohnung streicht, durch die große Küche und die zwei etwa gleich großen Zimmer, dann das Bad und zurück in die Küche, wo sie die Tür zum Balkon öffnet, rausschaut und die Tür sogleich wieder schließt.
Außergewöhnlich für das distanzlose, meist actiongeladene Gegenwartserzählen werden hier einfach Lücken gerissen, bspw. vergeht zwischen den zitierten Absätze ziemlich genau eine Stunde, in der im Bewusstseinsstrom der Erzählerin nichts passiert. Dies lässt sich als eine Entfremdung der Psyche mit sich selbst lesen, als existierte in dem erzählenden Ich eine Instanz, die sich ein- und ausschaltet, je nachdem, ob etwas von Interesse passiert oder nicht. Eine kompositorische Instanz, die verdichtet, fehlt hier völlig. Sie existiert nur im Rückblick.
Zudem werden die meisten Szenen nur angerissen, nur kurz angedeutet. Der kurze Text umfasst 31 Kapitel, im Schnitt mit weniger als zehn Seiten, und jedes Kapitel beschreibt meist eine Szene mit einer Erinnerungsphase, so dass die Zeitlücken innerhalb des Textes einen zunehmenden Hiatus-Charakter erhalten, der arhythmisch, achronisch das Erzählte der Beliebigkeit preisgibt, fast, als wäre ein Zufallsgenerator im Spiel, der sich mal zu-, mal von Linda wegschaltet und über die Länge dem Text auf diese Weise den Anstrich eines Rohmaterials verleiht.
Die Distanz, das Naturalistische, das Ungebrochene hämmert auf diese Weise die Trauer Lindas ins Bewusstsein, ohne diese aber stilistisch, literarisch zu durchdringen. Ungefiltert, roh, hart wie der Schmerz bleibt alles für sich, vereinzelt, aufgelöst, „zerbröselt“ bestehen, während die Ich-Erzählweise bei Krien ihren literarischen Offenbarungseid leistet. Zwischen Émile Zolas „Der Totschläger (L'assommoir)“, naturalistisch-tragisch-brutal, und Paulo Coelhos „Veronika beschließt zu sterben“, melodramatisch-illustrativ-pittoresk, entscheidet sich Daniela Krien also konsequent für die Coelho-Seite.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: Lindas Tochter Sonja stirbt bei einem Verkehrsunfall. Erzählgegenwart zwei Jahre danach. Richard, der Ehemann, versucht sie aus der Trauer zu reißen, vergeblich. Linda zieht auf einen Bauernhof, lebt dort mit einer Hündin Kaja, Hühnern, isoliert, allein. Kontakt nur zu Natascha und Nine. Nach und nach findet sie zurück ins Leben, als ihr Kaja stirbt und sie das Bauernhaus verlassen muss. Sie verkaufen die gemeinsame Wohnung. Durch das Geld beginnt Linda sich für wohltätige Zwecke zu engagieren, kauft ihren einstigen Dorfnachbarn ein Alpaka, finanziert die Tagespflege Nines etc … am Ende wird Richard krank, Diagnose Darmkrebs. Linda und er kommen wieder zusammen und beschließen eine Reise zu unternehmen, sollte die Operation glimpflich verlaufen … Spannungsbogen inexistent; Charakter nicht ausgestaltet; über weite Strecken öde, wie Linda alle Annäherungsversuche abblockt, hierdurch aber widergespiegeltes Trauma, wiedergegebene Toxizität der Depression für die Mitmenschen. Die Entfreundung Esthers, die Behandlung der Mutter, Richards. Dennoch: der Tod der Tochter als Moment, als Alptraum trägt den Text und lässt ihn plausibel werden. --> 3 Sterne
Form: Nur wenige Stellen, in denen das Symbolische Eigendynamik gewinnt. Ständiges Zurückhalten der Sprache, gebremst, zerhackstückt, erwartbare Sätze, erwartbare Wörter, keine Überraschungen in den Dialogen, einfallsloses Geplauder, Alltagssprache, bis auf ein oder zwei Erinnerungsstanzen, die plötzlich über den Zerfall der Stadt lyrische Anklänge erhalten. In seiner Kürze hier und da, als Protokoll, intensiv. Als Stil unscheinbar, aber flüssig, nicht unangenehm zu lesen, journalistische, leicht verdauliche Schreibweise. --> 3 Sterne
Erzählstimme: Ich-Erzählung in Präsens, erstaunlich, da diese Form von Thrillern benutzt wird, also szenische Literatur, die im Live-Stream bspw. eine Hetzjagd beschreibt, Echtzeitticker, hier aber mit eingeschalteten Rückblenden, und Lücken im Zeitverlauf, was irritiert, teilweise werden Monate übersprungen, was die Komposition fragwürdig werden lässt. Höre ich nun einer Erzählerin zu, aber wie kann sie, als Gegenwart, als Echtzeitkommentatorin einfach Zeiten überspringen. Verstörend. Rückblenden funktionieren gut. Fokussierung auf eine Zeit, eine Passage, wäre passender gewesen. Verbindung von Dokument und Entwicklungsroman passt nicht. Sonderbare Stelle, in der die Ich-Erzählerin in die Sie-Perspektive wechselt (als Richard eine Antwort will). --> 1 Sterne
Komposition: Das Rohe, Harte, Ungefilterte passt nicht in die Komposition, wirkt als Anti-Komposition, aber als solche authentisch. Auch das präsentische Erzählen, das Wechseln der Übergänge, das Entfremden in die Sie-Perspektive, erzeugt Verstörung, spielt das Trauma nach, das Weg- und Abblenden eines sich selbst noch zutrauenden Ichs. Als Traumaabbildung gelungen, ohne aber literarische Verarbeitung, hierfür zu inkonsequent. Ärgerlich: dass kaum etwas von Sonja, kaum etwas von Kaja, nach Kajas Tod erzählt wird. Krasser Ich-Erzählnarzissmus. --> 2 Sterne
1,5 Sterne Bei 50% abgebrochen. Ab dieser Marke erlaube ich mir eine Sternewertung, vorher nicht.
Durchschnittliche am Plot orientierte Betroffenheitsliteratur, der ich als reine Unterhaltungsliteratur 2-3 Sterne zugestanden hätte. Sprachlich und Stilistisch weist dieses Buch keine Besonderheiten oder Feinheiten auf. Es ist direkt, schnörkellos und aus einer Icherzähler Stimme heraus geschrieben. Das Buch erzählt. Mehr tut es nicht. Es zeigt lediglich auf Dinge. Schneidet Themen an. Stellt sie in den Raum. Öffnet keine Räume, kommt nicht in Bewegung, bringt keine weitere Ebene hinein. Da es nun mal auf der Longlist des deutschen Buchpreies landet, wird es auch dementsprechend bewertet und aus dem Unterhaltungssektor herausoperiert. Bekommt ihm in meinem Falle nicht.
Wesentliches Thema für mich: Erwartungshaltung anderer, wie man sich zu verhalten hat, was man wann tun und empfinden muss. Hier auf die Trauer bezogen. Maßstäbe für alles und jeden. Wieder mal, wie auch in „die schönste Version“ eine Icherzählerin die sich selbst in eine starre Ordnung zwängt. Sehr genaue Vorstellungen davon hat wie das Leben zu laufen hat, wann etwas angemessen ist und wann nicht mehr. Eine Frau die sich nicht selbst genug ist und den Sinn über das eigene Kinderglück definiert. Nur an einem Außen orientiert ist. Aus dieser eng gezogenen Kreisbewegung kommt das Buch nicht raus. Auch wenn die Protagonistin durch ihren Rückzug und ihrem Nein zur Rückkehr in den Alltag durchaus eine interessante Paradoxie hineinbringt, schöpft sie diese Anlage durch ihr eingeschränktes Sozialverhalten, die kommunikative Verarmung und unzureichende Reflexivität nicht aus. Der Rückzug besinnt sich nicht auf sich, sondern verharrt in einer Blockade, die sich wiederum nur für das öffnet was um sie herum passiert, an dem sie sich abarbeitet. Ein äußerst beschränkter Blick der dann beobachtet, wertet, Schlüsse zieht. Da es sprachlich allerdings kein kommunikativer Totalausfall wie "die schönste Version" ist, gibts nen halben Stern mehr. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tod der Tochter und dem Zustand in dem sich die Protagonistin befindet, findet meines Erachtens nach bisher nicht statt. Eine erzählerische Vermeidungshaltung.
Also hat das Buch nur eine Chance, wenn es dem schon nicht gerecht wird, was ich sprachlich und stilistisch von Literatur erwarte: Es muss mich gut unterhalten und/oder die Themen müssen so interessant sein, dass es mich trägt.
Weder noch ist der Fall. Daher kann ich nur 1,5 Sterne geben. Bin jedenfalls um eine Erkenntnis reicher und verstehe warum das Buch so gut bewertet wird. Es hat ein hohes identifikatorisches Potenzial.
Für mich ist so etwas unerträglich zu lesen. Ich hätte das Buch niemals angefasst, wäre es nicht auf der Longlist erschienen. Es verhandelt Probleme in einer Gemengelage, zu der ich keinen Zugang habe und die ich nicht mit der nötigen Tiefenstruktur verarbeitet sehe. Bin stolz überhaupt bis zur Hälfte durchgehalten zu haben. Gebt also nicht all zu viel auf diese Bewertung.
Das war kein einfacher Read für mich - ich habe so ziemlich alle Gefühlszustände durchlebt mit „Mein drittes Leben“ von Daniela Krien.
Eine Mutter verliert ihre einzige Tochter - ein tragischer Verlust, der ihr jegliche Lebensenergie raubt. Der unvorhersehbare Unfalltot stellt sie vor vollendete Tatsachen - sie ist mit einem gänzlich neuen Leben konfrontiert , dem sie sich zunächst nicht stellen möchte - ihrem dritten Leben. Lebensfreude existiert nicht mehr und Linda fragt sich, wie soll es nur weitergehen?
Sie sucht sich einen Rückzugsort, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen - einen Hof. Ein paar Hühner und ein Hund werden zu ihrer Gesellschaft und sie findet zu einem neuen Wohlbefinden.
„Aber hier, in meinem dritten Leben, sind es nicht die Menschen [die mein Leben lebenswert machen]. Es sind die Tiere und die Pflanzen und der Wind und die Bilder der Toten an den Wänden.“
In kleinen Schritten kämpft sie sich zurück ins Leben - ihre Ehe scheitert zwar, aber sie knüpft neue Freundschaften und traut sich aus ihrem Schneckenhaus, sie beginnt zu heilen.
Eins der traurigsten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Es gibt lange Strecken in der Lektüre, in der man keine Hoffnung hat für Linda - ich glaube, dieser Umstand macht es zu einem Buch, das nicht alle Leser*innen mögen werden. Aber ich habe es genau dafür ins Herz geschlossen. Ein Buch, das vermittelt, wie schnell das Leben aus den Angeln reißen kann und Daniela Krien zeigt uns, wie man - Schritt für Schritt - wieder den Weg zurückfinden kann. Letztendlich sind die kleinen Dinge im Leben doch die Wichtigsten - gute Gespräche; die kleinen Oasen, die man sich schafft und die das Leben lebenswert machen oder Menschen und Tiere, die unseren Lebensweg unverhofft kreuzen und zu Freunden werden. „Mein drittes Leben“ lässt mich tröstlich zurück - mit der Lektüre und dem Leben, danke dafür Daniela Krien!
Künstlerehepaar Linda und Richard haben eine gemeinsame Tochter, die 17-jährig auf dem Weg zum Frauenarzt von einem LKW überfahren wird. Linda kann diesen Verlust nur schwer verkraften und zieht sich vollkommen zurück. Sie mietet ein Haus einer alten Frau und lebt auf dem Land im Nirgendwo außerhalb von Leipzig. Richard versucht sie zu erreichen hat dann aber eine Beziehung, da Linda nicht aus ihrer Depression herauszukommen scheint. Langsam entwickelt sich wieder eine Beziehung zwischen den Beiden. Kommt Linda zurück ins Leben?
Der Titel hat es auf die Longlist für den deutschen Buchpreis 2024 geschafft. Ein guter Start auf den ersten ca. 30 Seiten, dann wird es aufgrund der Depression, Tabletten, Trauer usw. zäh und schwierig. Kein einfaches Thema, nach Seite 100 und als wieder mehr im Leben passiert wird es interessanter.
Leider hat mich das Buch insgesamt nicht begeistert, was auch am schweren Thema und der depressiven Grundstimmung liegen kann. Das Quasi-Happyend hat mich aber lächeln lassen und schließt das Ganze immerhin gut ab.
Ich würde das Buch aufgrund des Themas nicht weiterempfehlen und für viele Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten oder auf welche Weise auch immer Betroffene sind, ist es mir "too close to home". Wohl "Betroffenheitsliteratur" mit schwierigem Thema a la "Muna [...]" aus dem Vorjahr. 3,5 Sterne abgerundet.
Wie kann man nach dem Tod seines einzigen Kindes weiterleben? Kann man jemals wieder Hoffnung finden und wofür lohnt es sich noch weiter zu machen?
Diese Fragen beantwortet uns Daniela Krien auf ihre ganz eigene wunderbare Weise.
Linda und Richard ist dieser Schicksalsschlag wiederfanden - ihre Tochter ist an der Schwelle zur Frau durch einen Unfall ums Leben gekommen. Beide gehen sehr unterschiedlich mit der Situation um. Während sich Linda in ein kleines Dorf zurück zieht und für sich still leidet, versucht ihr Mann in der gemeinsamen Wohnung, umgeben von allen Erinnerungen an die Tochter, weiter zu machen wie bisher. Es entsteht ein Riss in dieser Ehe, der kaum noch zu kitten zu sein scheint.
Ich habe diese Geschichte sehr mitgefühlt. Grad die Trauer der Beiden ist unheimlich spürbar und schnürt einem beim Lesen die Kehle zu. Es sind die feinen zwischenmenschlichen Beobachtungen und Begegnungen, die Daniela Krien mit sehr viel Liebe zum Detail erzählt und die mir, wie immer bei ihren Büchern, sooo gut gefallen! Ein neues Herzens- unf Tränenbuch von einer meiner liebsten Autorinnen.
Lindas Tochter stirbt mit siebzehn Jahren bei einem Unfall. Seit diesem Tag versucht Linda die Trauer zu verarbeiten. Sie zieht sich völlig von der Welt zurück, lebt auf einem Hof außerhalb der Stadt zusammen mit der Hündin Kaja. Linda lebt von Tag zu Tag, kann sich für nichts mehr begeistern. Ihr Mann Richard besucht sie immer wieder, aber Linda schottet sich auch von ihm ab. Nur ganz langsam öffnet sie sich der Welt wieder und kämpft sich zurück ins Leben.
Daniela Krien schreibt über ein sehr schwieriges Thema, den Tod eines Kindes, etwas, das eigentlich niemand erleben sollte. Das ist ein äußerst sensibles Thema, Geschichten über Krankheit und Tod von Kindern meide ich in der Regel; sie nehmen mich einfach zu sehr mit. Daniela Krien schafft es aber, sich unglaublich sanft an das Thema heranzutasten. Nach und nach erfahren wir mehr über Linda, sodass ihr Leid erst mit der Zeit offensichtlich wird. Dadurch fühlte ich mich nicht völlig erschlagen davon und hatte mehr Zeit, mich einzufinden. Die Autorin erzählt mit unglaublich viel Lebenserfahrung (woher diese stammt wird klar, wenn man sich etwas mit ihrer Biografie beschäftigt). Mein drittes Leben ist ein leises Buch, das gleichzeitig einen unglaublichen Sog entwickelt. Lindas Schicksal ging mir sehr nahe, am Ende das Buches saß ich mit Tränen in den Augen da.
Ich habe sämtliche Bücher von Daniela Krien gelesen. In meinen Augen ist Mein drittes Leben ihr erwachsenstes und wahrscheinlich bestes Buch. Sie schreibt psychologisch feinfühlig, extrem einfühlsam, gleichzeitig aber ohne sentimental zu werden. Ein kleines Meisterwerk.
Mein drittes Leben spielt in der Welt von Die Liebe im Ernstfall. Beide lassen sich völlig unabhängig voneinander lesen. Wer aber beide lesen möchte, der*dem empfehle ich mit Die Liebe im Ernstfall zu beginnen.
Das Leid und den Schock, wenn das eigene Kind stirbt kann man kaum nachempfinden und jeder trauert auf seine Weise. Hier kann man gut herauslesen und das eigentlich schon auf den ersten Seiten, das es gibt einen Punkt, wo man eben selbst nicht mehr erkennt, was einem gut tut. Wenn man auch nach Jahren keinen Schritt weiter ist, braucht man Hilfe. Selten hat eine Romanfigur für mich so vehement nach einer professionellen Therapie verlangt.
Die Hauptfigur, Linda, blieb mir unsympathisch. Es gelang mir an keiner Stelle Mitgefühl für sie zu finden.
Ich kann weder mit ihrer wohl selbstironisch gemeinten Darstellung der „alten Linda“ viel anfangen, weil es so klischeehaft aufgelistet ist, noch mit der vermeintlichen „neuen Linda“. Vermeintlich? Ja, weil Linda nicht anders ist, sondern nur die Äußerlichkeiten ändert. Mir fällt da nur der Minimalismus der Wohlhabenden zu ein. Der Egoismus und das völlige Fehlen von Interesse an anderen Menschen ist furchtbar. Ihre übermäßige, nicht enden wollende Trauer, bei aller Empathie, ist Selbstmitleid und schlechtes Gewissen, ob unbegründet oder nicht.
„Menschen ermüden vom Leid anderer Menschen. Sie verlieren die Lust, Rücksicht zu nehmen, wollen wieder selbst klagen dürfen. Sie sind heimlich wütend darüber, dass vor meinen Problemen jedes ihrer eigenen Probleme verblasst. Meine Anwesenheit zwingt sie, ihr Glück zu begreifen.“ Was für eine überhebliche und egozentrische Aussage.
Statt sich mit sich selbst und der Trauer auseinander zu setzen, sind es die anderen, über die Linda etwas wissen will, deren Leben sie bewertet. Irgendwie ist ihr Weg zurück in die Gesellschaft anderer dann seltsam und mir befremdlich. Soll das „die Zeit heilt alle Wunden“ untermalen? Der endgültige Abschied von der Freundin: „…wächst die Erleichterung darüber, mich nicht wortlos aus der Sache gestohlen zu haben, und erst jetzt merke ich, wie sehr mich das Unausgesprochene, Ungelöste beschwert hat.“
Wie bitte? Gesagt hat Linda: …ich kann hier an nichts anknüpfen, es ist , als lebte ich in einer anderen Welt. …. Lass uns einen freundlichen Abschluss finden, Esther.“ Und hat Esther die beschwerenden Dinge nun geahnt? Der Schluss hat für mich leider einen Einschlag zum Kitsch.
Das Buch liest sich flüssig, ist aber mit zu vielen klischeehaften Sätzen versehen, und rutscht darum für mich in eine gewisse Bedeutungslosigkeit. Dann wird auch noch dieses und jenes Thema gestreift ohne irgendetwas näher auszuführen und ich frage mich warum? Nein, das war kein gutes Buch für mich.
Mein erstes Buch von Daniela Krien und ich habe lange zwischen 4 und 5 Sternen geschwankt. Die Geschichte: nach zwei Schicksalsschlägen zieht sich Linda zurück auf einen Hof und kümmert sich dort um Hof und Tiere. Im zweiten Teil zieht sie wieder in die Stadt. Kriens Schreibstil würde ich als klar aber dicht und atmosphärisch beschreiben. Es ist aus Lindas Sicht verfasst und wir machen die Entwicklung von traumatisiert, gelähmt mit eingeschränktem Horizont bis zur vorsichtigen Öffnung mit. Einige Lesende kritisierte Lindas Egozentrik. Nun ist es meiner Meinung so , daß in tiefem Leid jeder egozentrisch ist. Die Kraft ist nicht mehr da, man kann mit den Anderen nicht mehr mitfühlen. Daniela Krien schickt uns mit Linda durch diese Zeit und auf den Weg wieder ins Leben. Mir hat gefallen, daß ihre Welt vorher nicht idealisiert wurde. Die Beziehung zur verunfallten Tochter war so ambivalent wie es eben sein kann. Und am Ende ist die Welt auch nicht wieder heil. Der Schmerz bleibt. Aber doch ist das Leben wieder bunt, der Blick geweitet, das Mitgefühl den Mitmenschen gegenüber gewachsen. Auf jeden Fall freue ich mich auf die anderen Bücher von Daniela Krien.
Lindas und Richards Tochter war erst kürzlich tödlich im Straßenverkehr verunglückt, als Linda die Diagnose Schilddrüsenkrebs erhält. Der zweite Schicksalsschlag lässt sie jedoch den Weg einer Mitpatientin kreuzen, deren Dreiseithof, Hühner, Schafe und Hund in einem ostdeutschen Straßendorf während der Therapie betreut werden müssen. Das Land im Ort gehört inzwischen einem Agrarkonzern, die Bewohner pendeln zur Arbeit aus. Linda mietet kurzentschlossen das Haus, ohne zuvor mit Richard darüber zu sprechen. Sie hat sich unbewusst nach einem Hoftor gesehnt, das sie hinter sich schließen kann und damit Versuche bemühter Menschen abwehren, mit Lindas Trauer umzugehen. Während Richard nach vorn blickt, wieder arbeitet und seine Trauer irgendwann loslassen kann, ist das Linda nicht möglich. Der Vorwurf schwebt lange unausgesprochen über ihr, sie wäre nicht am absoluten Tiefpunkt, wenn sie vor Sonjas Tod glücklich gewesen wäre. Mit dem kleinen, holzbeheizten Haus zieht sich Linda ein fremdes Leben an; innen verändert sie kaum etwas. Die Routine aus Holzspalten, Feuermachen, Hühner versorgen scheint Linda mehr Halt zu geben, als ihr beunruhigend umfangreiches Sortiment an Psychopharmaka.
In der Behindertenwerkstätte des Dorfes lebt die 19-jährige Autistin Nine, mit deren Mutter Natascha Linda sich anfreundet. Die Beziehung funktioniert, weil beide Frauen sich gegenseitig respektieren – und so verschieden sind. Wenn die Hündin Nine auswählt, weil sie spürt, dass Nine sie braucht, fragt Natascha treffend, wer wen therapiert – bauen Nine und Natascha Linda auf oder Nine und Hündin Kaja? Rückblenden führen zu Lindas Jugenderlebnissen und zum Beginn ihrer Beziehung mit Richard und seinen Kindern aus erster Ehe. Schließlich kann Linda Begegnungen in ihrem alten Leipziger Kietz zulassen und ihr Bild ihrer anpassungsbedürftigen Tochter zurechtrücken.
„Mein drittes Leben“ charakterisiert klar und pointiert Lindas für ihr Umfeld kaum zu ertragende Trauer und legt auf dem Weg dahin den Finger in die Wunde der Überflussgesellschaft, unseres Umgangs mit Behinderten, des Bildungs- und Erziehungsnotstands und gesellschaftlichen Zwangs, glücklich sein zu müssen. Letztlich geht es um unsere Berührungsängste gegenüber verwaisten Eltern und lebensbedrohlicher Krankheit. - Lassen sich die Schicksale Lindas und ihrer Bezugspersonen beim Lesen überhaupt ertragen? Durch Daniela Kriens präzise Darstellung sehr gut, finde ich.
Sonja ist tot. Mit 17 Jahren von einem LKW überfahren. Linda, ihre Mutter, schafft es nicht aus der Trauer aufzutauchen. Im Gegenteil, die Trauer umschließt sie wie eine Blase. Niemand kann zu ihr durchdringen und raus möchte sie auch nicht. Seit dem Tod von Sonja leitet sich alles daraus ab. „Wie ein schwarzes Loch steht es im Zentrum meines Seins und schluckt jede Zukunft, bevor sie beginnen kann.“ Linda bricht alle Zelte hinter sich ab, sie kündigt ihren Job, kauft einen alten Hof, den sie nun mit ihrer Hände Arbeit am laufen hält. Auch zu ihrem Mann, Richard, sucht sie Abstand, kann nicht ertragen, dass er trotz des Verlusts dem Leben etwas abgewinnen kann. Nur die Hündin Kaja lässt sie an sich ran. Für sie muss sie da sein, sie füttern, mit ihr spazieren gehen. Richard, der lange loyal zu ihr steht, sie auch während ihrer Krebserkrankung umsorgt, kann die Distanz, die Linda ihm verordnet nicht mehr aushalten und versucht, sich mit kleinen Schritten in einem neuen Leben zurecht zu finden. Das macht was mit Linda.
Die Autorin verschont weder Ihre Protagonistin noch uns. Ein Schicksalsschlag folgt dem anderen. Sie lässt ihre Figur den Schmerz immer wieder rausholen, ihn sich betrachten, ihn wieder weg packen. Linda möchte an den Schmerz denken und ihn gleichzeitig loswerden. Aber sie kann nicht. Und so spielt sie mit suizidalen Gedanken, bereitet sich darauf vor, irgendwann einfach aus dem Leben zu scheiden. Aber Linda findet auch immer häufiger Lösungen für sich. Kleine Gesten und Handlungen, die ihrem Leben einen Sinn geben, wenn sie diese auch oft vollbringt, um sich von Dingen zu lösen. Es entstehen daraufhin spontan Reaktionen auf ihr Tun, die sie wieder mit fein gewebten Fäden an Menschen bindet.
Die Emotionen von Linda sind so intensiv beschrieben und im Kontrast dazu sprachlich so melodiös. Krien hat es geschafft mir Wohlgefallen am Denken und Handeln und Fühlen ihrer Figur zu vermitteln. Sätze wie „Keiner hat mir den Umgang mit Schicksal beigebracht. Ich bin eine Frau ohne Kind, ohne Mann, ohne Angst und ohne Zukunft, und ich laufe, so schnell ich kann, zum Hof zurück, verrammel das Tor und verkriechen mich wieder in meiner Höhle.“ vermitteln den Abgrund, an dem ein Mensch stehen kann, und fühlen sich gleichzeitig so seidig an.
Am Ende mutet uns Krien leider ein wenig zu viel zu. Sehr abrupt kommt es zum Schluss. Ob zu einem guten oder einem gramvollen müsst ihr selber lesen.
Der Roman hat mich vom ersten Satz anmitgerissen und ich konnte ihn erst wieder weglegen, als ich durch war. Ihr Schreibstil ist von einer ganz besonderen Qualität, und meine Lust ihre anderen Werke zu entdecken, ist sehr gewachsen.
Für Linda, einst eine erfolgreiche Kuratorin, ist die Zeit stehen geblieben. Seit dem Unfalltod ihrer 17-jährigen Tochter Sonja hat eine allumfassende Trauer sie fest im Griff. Schon zwei Jahre lang hat sich die Mittvierzigerin auf einen ehemaligen Bauernhof fernab von Leipzig zurückgezogen. Ihr Mann Richard, der sie dort sporadisch besuchen kommt, weiß nicht mehr, wie er ihr helfen könnte. So droht Linda jetzt auch noch, dass ihr die Ehe entgleitet.
„Mein drittes Leben“ ist ein Roman von Daniela Krien, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 geschafft hat.
Die Struktur des Romans ist wohl durchdacht und schlüssig. Er besteht aus zwei Teilen mit insgesamt 31 kurzen Kapiteln. Erzählt wird im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Linda - in chronologischer Reihenfolge, aber mit mehreren Rückblicken. Die Handlung spielt in Leipzig und einem Dorf in Ostdeutschland, dessen Name nicht verraten wird. Sie umspannt mehrere Jahre.
Auf sprachlicher Ebene hat mich der Roman komplett überzeugt. Auf den ersten Blick wirkt der Text schnörkellos und unspektakulär, fast nüchtern. Dennoch wird viel Atmosphäre vermittelt. Die Beschreibungen sind wunderbar anschaulich. Die Autorin beweist eine feine Beobachtungsgabe und eine Menge Sprachgefühl. Viele Zeilen sind eindringlich formuliert, gehen unter die Haut. Trotz oder gerade wegen des unaufgeregten Schreibstils konnte mich der Text schnell für sich einnehmen.
Auch die Figuren sind ein Plus des Romans. Sie werden realitätsnah und mit psychologischer Tiefe dargestellt. Protagonistin Linda ist ein interessanter und sympathischer Charakter, in den ich mich gut hineinfühlen und deren Gedanken und Gefühle ich gut nachvollziehen konnte. Positiv aufgefallen ist mir, dass die Personen - wie im wahren Leben - zwar Schwächen und Widersprüchlichkeiten in sich tragen. Weil sie ihre eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten eingestehen und reflektieren können, kommen Linda und Richard besonders menschlich und liebenswert rüber.
Die Geschichte widmet sich der Frage, wie man mit einem unvorstellbar großen Verlust, dem Tod des eigenen Kindes, weiterleben kann. Ihr gelingt es darzustellen, wie scheinbar endlos lange der Trauerprozess dauert, welche Rückschläge und Hindernisse auf diesem schweren Weg liegen und wie stark ein solcher Verlust uns lähmen kann. Das macht den Roman zu einer sehr berührenden, aber kitschfreien Lektüre. Immer wieder hatte ich beim Lesen einen dicken Kloß im Hals.
Obwohl auf den fast 300 Seiten stellenweise gar nicht so viel passiert, hat mich die Geschichte zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Die Handlung bleibt von Anfang bis Ende stimmig und glaubhaft.
Das Covermotiv, eine Hochspringerin, lässt sich vermutlich nur mit viel Fantasie in Bezug zum Inhalt setzen. Mir hat sich der Zusammenhang leider nicht erschlossen. Umso passender ist für mich allerdings der Titel.
Mein Fazit: Mit „Mein drittes Leben“ hat mich Daniela Krien rundum begeistert. Obwohl es der Roman bedauerlicherweise nicht in die engere Auswahl für den Buchpreis geschafft hat, gehört er schon jetzt zu meinen Lieblingsbüchern 2024. Eine Lektüre, die nachhallt. Große Leseempfehlung!
Daniela Krien hat sich in der deutschsprachigen Literaturszene längst einen Namen gemacht, und ihr neuer Roman „Mein drittes Leben“ beweist erneut, warum sie eine Meisterin der leisen, doch tiefgründigen Erzählkunst ist. In diesem Werk entführt sie die Leser in die Welt einer Frau, die nach Jahren des Lebens und Erlebens auf einen Scheideweg gelangt – und nun das Leben zum dritten Mal anpacken muss.
Kriens Sprache zeichnet sich durch eine prägnante Klarheit aus. Sie verliert sich nicht in überbordenden Beschreibungen oder blumigen Metaphern, sondern wählt ihre Worte mit einer fast schon chirurgischen Präzision. Diese rationale und bisweilen nüchterne Sprachführung könnte auf den ersten Blick kühl wirken, doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine immense Kraft. Jede Silbe ist bedacht gesetzt, jede Zeile zielt darauf ab, den Kern des Erlebens der Protagonistin zu erfassen.
Es ist ein stilles, aber eindringliches Erleben, das den Leser lange nach der Lektüre nicht loslässt.
"Wenn dein Leben nur im Glück einen Sinn hatte, dann hatte es nie einen Sinn." (Seite 117)
Allein in diesem Satz steckt der ganze Zwiespalt, den ich mit diesem Buch verbinde. Denn auch wenn ein Stück Wahrheit drinsteckt, ist es nicht auch legitim, in Zeiten großen Unglücks mit dem Leben zu hadern?
Linda hat so ein großes Unglück erlebt: Ihre Tochter Sonja starb mit 17 Jahren bei einem Fahrradunfall. Eine unfassbare Tragödie, mit der sie und ihr Ehemann Richard sehr unterschiedlich umgehen. Während er versucht, nach und nach wieder Fuß im Alltag zu finden, zieht Linda sich vollkommen zurück. Nur ihres Mannes wegen kämpft sie gegen eine (das nun auch noch) Krebserkrankung an, mietet sich dann aber auf dem Land in ein altes Bauernhaus ein, nimmt Tabletten gegen Schlaflosigkeit und alles möglich weitere, schwelgt in Suizidgedanken und isoliert sich. Nur wenige Menschen lässt sie in ihr näheres Umfeld: Natascha und ihre stark autistische Tochter Nine etwa, oder die Nachbarn Bruni und Klaus. Und ihren Ehemann Richard, der zwar irgendwann (verständlicherweise) eine Beziehung mit einer neuen Frau eingeht, zu dem die Verbindung aber nie ganz abbricht. Diese Menschen und deren Schicksale, ja deren Teilhabe am Leben könnte man sagen, sind es schließlich auch, die Linda Stück für Stück zurück ins Leben holen.
Wie das passiert, erzählt Daniela Krien in "Mein drittes Leben" sehr langsam und in teilweise wirklich schönen, berührenden Sätzen. Das Lesen wird entschleunigt, wie auch Lindas Leben entschleunigt ist. Die meiste Zeit verharrt Krien in ihrer Gedankenwelt, ihrer bodenlosen Trauer und der damit einhergehenden Depression. Nebenbei gibt sie uns Einblicke in die Beziehung zu ihrer Mutter und dem Stiefvater Konrad, in ihre Kindheit im Osten, ihre Jugend im Westen und wie sich der Wechsel auf sie auswirkte. Auch über Sonja erfahren wir viel: Wie sie sich entwickelte, wie ihr Verhältnis zu den Stiefgeschwistern war und welche Sorgen sie mit sich rumtrug. Und auch, wie Lindas Verhältnis zu Sonja war. Denn - und da kommen wir zu den für mich kritischen Momenten des Buches - Linda hatte zu Sonjas Lebzeiten ganz schön viel an ihr auszusetzen: Ihre vergleichsweise langsame Entwicklung fand sie kritisch, die lange dünne Figur auch und ihren Veganismus sowieso. Dafür tadelt sie sich zwar später selbst, doch auch an anderer Stelle bewertet Linda Körper auf ziemlich miese Art und mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, warum. Darf eine Romanfigur internalisierte Fettfeindlichkeit o.ä. mit sich rumtragen oder auch mal das eigene Kind doof finden? Natürlich! Ich mag ambivalente Figuren, die menscheln und nicht immer alles richtig machen. Aber Krien versäumt es meiner Meinung nach, diese sehr willkürlichen Ausbrüche von Linda in ihre Figurengeschichte einzubauen. Sind das Sichtweisen, die sie von ihrer Mutter übernommen hat? Wahrscheinlich. Aber mir fehlte die psychologische Tiefe, die Einordnung in die Geschichte. Gerade bei einer so privilegierten Figur wie Linda, die sich ganz ihrer Trauer hingeben kann, ohne arbeiten gehen zu müssen, ohne finanzielle Sorgen zu haben. Überhaupt reißt Krien sehr viele wichtige Themen an: Ost-West-Schicksale, transgenerationale Traumata, fehlende Inklusion und Teilhabe, lebenslange Pflegeverantwortung und natürlich die psychisch schwierige Trauerarbeit. Doch irgendwie fügt sich das nicht ineinander, alles wirkt nur wie kurz eingeworfen und hinterlässt bei mir letztendlich ein unbefriedigtes Lesegefühl. (Über Richards willkürliches, wiederholtes Therapie-Bashing könnte ich auch noch schimpfen. Und warum sucht sich Linda eigentlich keine therapeutische Hilfe?) Schade, ich wollte den Roman wirklich lieben, aber es hat nicht wirklich gefunkt zwischen uns - trotz der vielen schönen Sätze.
Linda verliert ihre Tochter ... und damit ihr ganzes Leben. Kann sie sich ins Leben zurück kämpfen?
Ich habe "Mein drittes Leben" schon vor einigen Tagen beendet. Und das war mal wieder ein Buch, was ich sacken lassen musste. Schwere Thematik, wirklich richtig gut und berührend umgesetzt ohne kitschig oder gewollt emotional zu werden. Die Autorin kann Gefühle transportieren, kann wunderschön erzählen, auch wenn ganz viel Geschichte im Innenleben der Protagonistin stattfindet. Aber das empfand ich zu keiner Zeit als langatmig sondern als sehr ergreifend.
Und ich mochte sehr, dass es auch hier wieder nicht nur eine Meinung, eine Seite gibt. Denn auch von Lindas Ehemann erfahren wir , wie er sich fühlt, wie er mit der Situation umgeht.
Wieder ein Buch, bei dem ich mir zuerst dachte, wie soll ich da jemals zu relaten? Ich bin weder Mutter, noch Mutter, die ihre einzige Tochter bei einem tragischen Unfall verloren hat und seitdem am Rande der personellen Auflösung lebt.
Tja, und dann war es absolut mitreißend, und ich konnte nicht aufhören, mich Hals über Kopf in die (am Anfang sehr schlechte) Trauerbewältigung von Linda zu stürzen und ihr dabei zuzusehen, wie sie sich erst völlig isoliert, nur, um dann langsam aber sicher ins Leben zurückzufinden.
Ich kann gar nicht viel über dieses Buch sagen, das nicht wie eine flache Plattitüde klingt. Dass Lindas Aufstieg aus der buchstäblichen Hölle auf eine rührende Art lebensbejahend war? Dass ich mich fast geehrt gefühlt habe, ihr dabei zuschauen zu dürfen, wie sie wieder zu sich gekommen ist? Dass ich einfach nur so, so froh bin, dass die paar Menschen im Dorf, die sie eigentlich nicht kannten, sich ihrer angenommen haben — als alle anderen Menschen aus ihrer alten Existenz sie aufgegeben hatten?
Was ich ebenfalls restlos faszinierend fand, waren Lindas widersprüchliche Gefühle zu ihrer Tochter: zum einen hat sie diese verheerend geliebt, aber zum anderen konnte sie - als diese noch gelebt hat - nie eine gewisse Enttäuschung ob ihrer vollkommenen unaufdringlichen Durchschnittlichkeit hinunterringen. Diese werden natürlich nur schlimmer, als ihre Tochter mit 17 bei einem tragischen Unfall stirbt, und Linda damit klarkommen muss, dass sie ihrer Tochter oft einen spannenderen Charakter auf den Leib gewünscht hat. Das spricht für mich im Grunde auch für die Vielschichtigkeit des Romans: Linda war nicht einfach nur die trauernde Mutter - sie war eine Frau, die auch schon vor ihrer Tochter ein Leben gelebt hat, das aber erst in der zweiten Hälfte des Buches langsam zu ihr zurückkommt.
Fazit: Ich fand dieses Buch wirklich großartig. Ob es Shortlistchancen hat, kann ich nicht recht sagen - dafür war es wohl ein klein wenig ZU leicht verdaulich, wenn man von der etwas harten Thematik mal absieht.
Für mich ein Highlight im Lesejahr 2024. Es hat mich sehr berührt. Linda ist mir ganz nah gekommen und ich konnte sie und ihr Verhalten sehr gut verstehen. Themen: Trauer, verwaiste Eltern, Depression
Wie tief darf man fallen, wie tief kann man fallen? Und wie lange darf / sollte es dauern?
Dieses Buch ist genau das, was ich über die Feiertage gebraucht habe und es ist mit Abstand eins der besten Bücher, die ich dieses Jahr lesen durfte. Es geht um Linda, eine Mittvierzigerin, die vor einer Weile ihre siebzehnjährige Tochter verloren hat und deren Trauer sie daran hindert, mit ihrem Leben weiterzumachen wie bisher.
Die Geschichte ist niederschmetternd, tieftraurig und dennoch so tröstlich, dass sie sich anfühlt wie eine wärmende Decke. So wie man sich am Anfang mit der Protagonistin in ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit suhlt, findet man mit ihr gemeinsam ins Leben zurück und lernt die kleinen Momente neu schätzen. Als ich mit dem Buch fertig war, kam mir dieses schmerzhafte, lange Leben, das noch vor mir liegt, nicht mehr so schlimm vor wie zu Beginn der Lektüre.
Dies wird wohl das Buch sein, das ich in nächster Zeit am liebsten verschenken werde. Ich würde aber dazu raten, es nur zu lesen, wenn man emotional einigermaßen stabil ist - die Autorin begibt sich stellenweise in die dunkelsten Ecken der Psyche ihrer Protagonistin.
300 Seiten Brigitte-Roman, Pilcher lebt auf, so meine Assoziationen. Tochter stirbt bei Radunfall, Mutter fällt in Depressionsloch, rundherum ein Zeitsittenbild Deutschlands, der Jugend, des einfachen Landlebens, des intellektuellen Kulturlebens, der falschen Floskeln. Beim Studium ihres Lebenslaufes merke ich, dass sie in einer Figur ihre hochmusikalische behinderte Tochter eingearbeitet hat. Mich wundert , wie Diogenes den Roman auf die Longlist brachte. Und natürlich gibt’s eine Art Happy End.
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Ach, da tu ich mich etwas schwer, denn ich war schnell in der Geschichte drin und habe das Buch in 24 Stunden gelesen. Wenn die Protagonistin dann von der Stadt noch aufs Land zieht und sich um einen Garten kümmern kann, hat man mich sowieso schon gekauft (ja, so einfach bin ich gestrickt). Doch es gibt einiges was mich nicht überzeugt: Die Ich-Erzählerin hat sehr narzisstische Züge (aber was weiss ich schon von Trauer!), die Zeitsprünge sind für mich nicht nachvollziehbar (ich dachte wir befinden uns noch in derselben Woche, dabei waren schon Jahre vergangen) und ich fragte mich die ganze Zeit: muss die gute Frau denn nie arbeiten? Liest sich rasch, wird mir aber nicht sehr lange im Gedächtnis bleiben.
„Dann bleibe ich stehen, halte mein Gesicht in die Sonne oder den Regen, und die Grenzen meines Körpers beginnen, zu fließen und nahtlos überzugehen in Luft und Erde, und dann weiß ich: Ich bin da. Ich lebe.“
ein toller Roman über Trauer und unermesslichen Schmerz und wie wir Menschen am Ende doch weiterleben wollen - trotz allem.
La vida de la Linda canvia dràsticament arran de la mort de la seva filla de 17 anys, la Sonja. No pot continuar amb aquell passat on ella encara hi era, així que decideix trencar amb tot allò que la feia feliç (la relació amb el Richard, la feina com a comissària d'art...)
Instal·lada en una tristesa profunda no sap com encarar aquesta pèrdua ni troba eines per gestionar el dol. Està en xoc, petrificada, enfonsada, destrossada, en l'abisme, no dorm a les nits i quan li diagnostiquen un càncer no té energia per tirar endavant.
A l'hospital coneix la senyora Adomeit i aviat arriben a un acord: li lloga la casa al poble i haurà de cuidar les gallines. Malgrat les reticències del seu entorn, s'instal·la sola en aquella casa perquè si una cosa té clara és que no pot viure al lloc de sempre perquè tot li recorda la seva filla. Centrada en la rutina diària de fer llenya, de l'hort i amb la companyia de la gossa Kaja va passant dies i nits on necessita somnífers per poder descansar.
El Richard tot i no comprendre la decisió sempre hi és i la visita regularment, ell es troba en un altre punt i té ganes de viure. Té dos fills d'un altre matrimoni i és avi, treballa de professor, torna a pintar.
Endinsada en el passat i els records només les visites del Richard, les converses amb els veïns i els berenars amb la seva amiga Natasha i la seva filla Nine alteren aquesta solitud.
Sovint recorden com era la Sonja, el seu rol com a mare, com es relacionava amb les seves amigues i també descobreixen parcel·les secretes de la vida de la seva filla tan responsable. Li porten flors i la visiten al cementiri.
El Richard comença una relació amb la Brida, ella ho accepta. Ell fa anys que l'espera, ho volia continuar intentant; topa amb un mur, un cop i un altre.
Li arriba una carta de les filles de la propietària on la informen de la venda de la casa i que l'ha de deixar en tres mesos. Es trasllada a la ciutat de nou. S'han venut el pis familiar i té molts diners, però li fan nosa. En les donacions i en ajudar als nou amics del poble troba una mica de consol. Res la fa sentir bé, només l'hort de la Natasha la manté ocupada i la salva de la desesperació. També torna a llegir i a escoltar música on refugiar-se.
La seva mare la visita i tot i sentir-se allunyada d'ella, en aquells dies tenen converses que fan que comprengui més certes decisions que ha pres en la vida i la sent més a prop.
L'Esther, una amiga del passat, li envia una carta. Ella no pot deixar enrere el distanciament i els seus mons paral·lels, ho intenta però no pot.
A poc a poc les estacions passen i comença un procés de reparació, ja no té ganes de morir i petites coses la fan aferrar al seu dia a dia i guarir les ferides de l'ànima (fa exercici, decora el sofà amb coixins, està preparada per tornar amb el Richard, fa de voluntària. ..)
El Richard continua amb la Brida tot i que la seva relació no acaba de congeniar. Arran d'una intervenció quirúrgica ell la vol al seu costat, vol recórrer aquest camí plegats i la Brida li respon que allí la tindrà.
Una història que explora la pèrdua i la fragilitat i reflexiona sobre tornar a començar i que atrapa des de la primera pàgina.
"Vull deixar la ment en blanc i submergir-me en el no-res, però la memòria em fa recular fins al principi de tot i, amb l'absurda esperança de poder canviar el passat i fer que els esdeveniments prenguin un altre rumb, revisc una vegada més totes les oportunitats que vaig tenir".
"Totes les coses que queden pendents, que no arribem a fer o a dir al llarg de la vida, no desapareixen mai. S'acumulen a dins nostre, es van coent i bullint i, a vegades, esclaten i surten a l'exterior".
In „Mein drittes Leben“ erzählt Daniela Krien die Geschichte von Linda, einer Mutter, die nach dem tragischen Verlust ihrer Tochter versucht, einen Weg zurück ins Leben zu finden. Obwohl das Thema tieftraurig ist, hat mich der Roman durch seine eindringliche Sprache und die feinfühlige Darstellung der Trauerbewältigung beeindruckt. Kriens klarer, unaufgeregter Stil verleiht der Geschichte eine besondere Intensität, ohne je ins Sentimentale abzudriften. Die Autorin schafft es, die lähmende Tiefe der Trauer und den mühsamen Prozess des Heilens authentisch und berührend darzustellen.
»Mein drittes Leben« stand nicht nur auf der Longlist für den diesjährigen Buchpreis, sondern wurde in den letzten Wochen auch viel besprochen.
Nachdem Lindas Tochter bei einem Unfall ums Leben kommt, zieht sie sich aus dem Leben zurück in die Einsamkeit eines alten Hofs auf dem Land. Sie trauert, bricht Kontakte ab und auch ihre Ehe zerbricht Stück für Stück daran. Erst nach einer Weile findet sie zurück in ihr altes Leben, das nie wieder so sein wird, wie zuvor.
Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut - und wurde leider enttäuscht. Trotz des emotionalen Themas ist mir die Protagonistin seltsam fremd geblieben. Ihre Trauer hat mich zwar berührt, aber ich konnte nicht mit ihr fühlen, was ich mir gewünscht hätte. Stellenweise hat sich die Geschichte sehr gezogen und ich hatte nicht den Drang dranzubleiben und zu erfahren, wie es weitergeht.
Gut gefallen haben mir die Absätze über das Zurückfinden in den Alltag, über die Freude an vermeintlich kleinen Dingen. Teilweise hat mich das sehr an »Der Trost der Schönheit« von Gabriele von Arnim erinnert, was ich Anfang des Jahres gelesen und sehr geliebt habe. Auch die Beschreibungen der Figuren und die fein beobachteten zwischenmenschlichen Nuancen sind sehr gelungen, wie man es auch aus anderen Werken von Daniela Krien bereits kennt.
Trotzdem insgesamt leider nicht mein Buch und eher keine Empfehlung, vor allem weil es Romane gibt, die sich dem Thema deutlich treffender widmen.
V življenju nas doleti mnogo stvari. Lepih, manj lepih in tragičnih. Tako Lindin zadovoljiv slog življenja prekine smrt komaj sedemnajstletne hčerke. Življenja, kot je bilo, ni več. Začne se novo obdobje, ki mu Linda pravi moje tretje življenje. Kako se izviti iz primeža bolečine? Krivde? Spominov? Ne, knjiga ni tragična. Na nek način seveda je žalostna, pa vendar je stvarno opisano vse to, kar sledi za takšnim udarcem. Lindini poskusi, da bi se izvila iz primeža bolečine, so opisani življenjsko. Ena od mnogih poti, ki sledi takšnemu tragičnemu dogodku. Padci, vzponi, padci. Kako se pobrati? Kako bi kdorkoli lahko razumel, kaj se v njej dogaja? Celo z možem ne najde istega jezika. Linda se tako odseli na osamljeno kmetijo. Kako počasi gre njena pot vendarle navzgor, nam pisateljica res lepo prikaže. Roman z zgodbo. Roman, ki je pisan tako, kot življenje nekako gre. Brez odvečnega samopomilovanja, čeprav do neke mere je prisotno. Vendar razumeš. Razumeš vse te bitke, ki se bijejo v notranjosti ob smrti otroka. Čudovit roman, četudi vam takšne teme niso všeč. A v tem je lepota. Lepota besed. Narave. Živali. In je upanje. Da se izviti. S težavo, ker ni lahko, a pot postaja svetlejša.