Der dritte Band in der von Francisca Drechsler bearbeiteten Reihe »Zwischen Pflicht und Freiheit. Lebenswege in der DDR« unterscheidet sich von seinen Vorgängern, indem hier erstmals die darin porträtierten Personen der gemeinsame Beruf verbindet: ihr jahrzehntelanges Wirken im staatlichen Archivwesen der DDR.
- Friedrich Beck (Archivar/Historiker) war von 1956 bis 1993 Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Er übernahm ein frisch gegründetes Staatsarchiv und baute es gemeinsam mit den Beschäftigten des Hauses zu einer angesehenen Institution aus. - Wolfgang Blöß (Archivar/Historiker) war Referatsleiter in der Staatlichen Archivverwaltung der DDR. Er gibt Einblicke in die Funktionsweise dieser Behörde und ihr Ende 1989/90, das auch für ihn eine enorme persönliche Zäsur sein sollte. Wolfgang Blöß publiziert bis heute zur frühen Geschichte der SBZ/DDR. - Marlies Ross (Diplom-Archivarin) begann ihre Laufbahn im Deutschen Zentralarchiv in Potsdam. Mit Umzug nach Sachsen-Anhalt wechselte sie ins Landesarchiv Oranienbaum, das sie zunächst stellvertretend, dann ab 1993 als Direktorin erfolgreich durch eine Zeit großer Umbrüche steuerte.
Das dritte Buch über DDR-Funktionäre der zweiten oder dritten Reihe wendet sich im Auftrag des Brandenburgischen Landesarchivs speziell Archivaren zu. Ich muss zugeben, dass ich ein sehr klischeebeladenes Bild des Berufs im Kopf hatte, mit viel Staub, Ärmelschonern und Spinnweben bei gähnender Langeweile, das mir hier gründlich zerstört wurde. Archivare bewahren nicht nur die Quellen und Informationen aus Jahrhunderten, sie sind auch selbst in der Forschung tätig und bestimmen mit ihren Entscheidungen zu aufzubewahrenden Akten, der Aktenordnung und Prinzipien der Auffindung unser Geschichtsverständnis mit.
Die drei vorgestellten Personen haben ganz unterschiedliche Charaktere und Dienststellen, so dass auch bei ähnlichen Tätigkeiten keine Langeweile aufkommt.
Friedrich Beck, 1927 in Greiz in Thüringen als Sohn eines Gastwirts geboren, in dessen Gaststube sich regelmäßig die SPD versammelte, nutzte die Möglichkeiten, die sich ihm in der DDR boten, genoss eine gute Ausbildung und wurde schon in mit 27 Jahren Direktor des Brandenburgischen Landesarchivs. Als begeisterter Historiker manövrierte er „sein“ Archiv durch wechselnde Zeiten, passte sich an, wo Widerstand zwecklos gewesen wäre und stritt sich, wo er das Archiv ernsthaft gefährdet sah.
Beck ist so, wie mehrere in dieser Reihe: gut ausgebildet, schon früh Verantwortung übernommen, immer gute fachliche Arbeit als oberste Priorität, mit Vernunft und Freundlichkeit ans Ziel.
Wolfgang Blöß, 1932 in Bornim (an der Havel) geboren, kommt aus ganz einfachen Verhältnissen. Auch er hat eine sehr gute fachliche Ausbildung, verbringt aber mehr Zeit beim Sport als nur über Lehrbüchern. Er fängt in Merseburg an, wird aber später Referent bei der Staatlichen Archivverwaltung, die das Archivwesen der DDR organisieren und vereinheitlichen soll. Seine Arbeitsstätte als Einrichtung des Ministerium des Innern wurde nach 1989 aufgelöst, in einer Trotzreaktion schmeißt Blöß alles hin und wird Weinverkäufer. Diese andere Sicht, die sich mit ein wenig Verbitterung paart, machte seine Biografie besonders interessant.
Ebenfalls anders ist die Biografie von Marlies Ross, 1939 in Breslau als Kind von Schumachern geboren, die die erste Frau dieser Reihe ist und deren Weg zur Leiterin des Oranienbaumer Archivs, einem historischen Archiv zur anhaltinischen Geschichte, trotz propagierter Gleichberechtigung der Frauen in der DDR ein sehr steiniger war. Nach 1989 war es auch nicht besser als Frau und auch noch aus dem Osten, doch mit ihrem Wissen und ihrer kollegialen Art hat sie bis 2002 wichtige Entscheidungen mitbeeinflusst.
Auch wenn ich Mühe hatte, den fachlichen Hintergrund bis ins Detail zu verstehen, so habe ich in diesem Buch wieder einmal gelernt, wie interessant und vielfältig die Lebenswege verschiedener Menschen sind und auch wenn ich nicht mit allen Auffassungen übereinstimme, so sehe ich doch, welche Schicksale und Zwänge Entscheidungen herbeigeführt haben. Vor jedem Weg habe ich Respekt. Das ist in besonderer Weise Francisca Drechsler zu verdanken, die es schafft, den Menschen ganz nahe zu kommen und ihren Lesern nahezubringen.