Jump to ratings and reviews
Rate this book

Russiske specialiteter

Not yet published
Expected 22 Jan 26
Rate this book
I hjertet af Leipzig ligger Magasin, en østeuropæisk specialforretning, der i 25 år har været drevet af en familie fra Kyiv. Her sælges vodka, pelmeni, SIM-kort og matrosbluser – og på sin vis en form for østeuropæisk samhørighed. Men siden det russiske angreb på Ukraine, er forståelsen for hinanden forsvundet. Moderen står fast på at støtte Putin, mens hendes søn, der elsker det russiske sprog og sin mor, men også Kyiv, er fortvivlet. Han kan ikke vende tilbage til Ukraine midt i krigen, men han må finde en måde at redde sin mor fra den russiske propaganda på.

240 pages, Hæftet

Expected publication January 22, 2026

66 people are currently reading
1220 people want to read

About the author

Dmitrij Kapitelman

11 books23 followers

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
234 (25%)
4 stars
406 (44%)
3 stars
228 (25%)
2 stars
35 (3%)
1 star
4 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 122 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
483 reviews456 followers
September 1, 2025
Sprachlich überzeugendes Drauflos-Fabulieren mit politischer Programmatik.
(Longlist Deutscher Buchpreis 2025)

Inhalt: 1/5 Sterne (so gut wie keinen)
Form: 4/5 Sterne (wildes Fabulieren)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (freie Wortspiele)
--> 10/5 = 2,0

Romane wie Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum, Tomar Gardis Eine runde Sache oder Saša Stanišić‘ Herkunft leben von der Brisanz einer Zwiegespaltenheit bezüglich der eigenen Selbst- und Fremdwahrnehmung, sowohl sprachlich wie leiblich. Die Erzählstimmen sitzen zwischen den Stühlen, so auch Dmitrij Kapitelmans Ich-Erzählinstanz in Russische Spezialitäten. Kapitelman jedoch treibt das Schelmen- und Versteck- und Scharadespiel auf die Spitze, indem in seinem Text das Ich letztlich zu einer diskursiven Leerstelle wird:

Mama und Ira verachten den Гастроном in seltener Einhelligkeit. Papa spricht dennoch höflich über ihn. »Der Гастроном gehört Sascha. Sascha ist in Ordnung. »Wse swoji!« Alles die Eigenen, heißt das, also alles Osteuropäer. So ähnlich wie Nashi die Unseren sind. Was der Unterschied zwischen den Eigenen und den Unseren sein soll, weiß ich nicht. Aber dieses Gefühl einer großen solidarischen, umarmenden, irgendwie russischen Verbundenheit ist schon schön. Ich mag es, dass meine Eltern so eine geografische große Liebe in sich tragen.

Die Eltern des Ich-Erzählers, Lara und Ljonja, besitzen einen Магазин, ein Geschäft, das russische Spezialitäten feilbietet. Es bekommt alsbald Konkurrenz, den Гастроном, doch das pan-russische Zugehörigkeitsgefühl ist zu diesem Zeitpunkt noch ungestört. Durch den Angriff auf die Ukraine ändert sich dies, und dieser Angriff hinterlässt tiefe Spuren und Gräben in dem Familienleben des Ich-Erzählers. Die Mutter wandelt sich zu pro-russischen Fanatikerin und bricht mit ihrer ukrainischen Familie. Der Vater will sich nicht exponieren. Der Sohn, der Ich-Erzähler, hadert mit sich und seiner Muttersprache:

Seit der Invasion habe ich das Gefühl, kein richtiger Mensch mehr zu sein. Die unerträgliche und unerträglich sinnlose Tragödie, die Russland in mein Geburtsland gebracht hat. Ich blende sie aus, um in meinem friedlichen, vom dummen Glück okkupierten Leben zu funktionieren. Ich leide nicht voll daran. Ich leide mit, manchmal. Zu Selbstmitleid unberechtigt, ich weiß.

Wäre nicht die einfallsreiche, bunte, ja verspielte und fröhliche, vor sich hin fabulierende Sprache Kapitelmans, bliebe von Russische Spezialitäten nicht viel mehr übrig als eine Dokumentation ohne Foto und Ton, eine Art Bericht, der einem Sachbuch gemäßer wäre. Literarisch gebrochen wird hier nichts. Eine Fabel existiert nicht. Ein Handlungsbogen wird nicht gezogen. Wie Ronya Othmann in Vierundsiebzig lässt sich Russische Spezialitäten kaum literarisch analysieren, zu nackt, zu ungebrochen dominiert Meinung über Ausdruck. Zeit für eine dynamische Figurengestaltung nimmt sich die Erzählinstanz nicht.

Falls diese Reise in die vom Krieg übersäte Ukraine ein unbewusster Versuch war, Mama von den russischen Lügen zurückzubekommen, dann ist er gescheitert. Ein längst fälliger Entschluss reift: Ich werde meiner Mutter keinen Speck mitbringen! Kein Bekenntnis zum Existenzrecht der Ukraine, kein ukrainisches Salo!

Da sich Russische Spezialitäten aber „Roman“ nennt und ein Roman von glaubwürdigen Figuren und Handlungen erzählt und zehrt, bleibt hier nicht mehr viel als die Sprache übrig, die jedoch über weite Strecken lebendig und lesenswert bleibt, sich aber leider dem Kriegsgrauen vor lauter Coolness nicht wirklich gewachsen zeigt.


---------------------------------
---------------------------------
Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
---------------------------------
---------------------------------

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Dima, Dmitrij, Sohn von Lara und Ljonja, die beide Mitte der 1990er aus der Ukraine nach Deutschland emigriert sind.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Erzählgegenwart die Jetztzeit, 2025; das Geschäft der Eltern, der Магазин, ist abgewickelt; der Vater dement und schwer krank, die Mutter fanatische Russland-Unterstützerin, die den russischen Angriff auf die Ukraine unterstützt. Der Plot handelt mehr oder weniger davon, wie das Geschäft der Eltern entstand, wie es blühte, dann niederging und von D nicht weitergeführt wird. Es gibt Ira, die Mitarbeiterin, und Stammkunden wie Yashka, ein Trinker, und Genadji, ein Eis-Fanatiker, sowie Zulieferer und Konkurrenten des Geschäfts.
In diesem Teil gibt es kleinere Anekdoten:
-die chinesische Fliege vom Vater, die ihm lehrt, dass legaler Raub möglich ist, für deren Einfuhr er eine horrende Strafe zahlen muss (Einfuhr invasiver Arten in die Volksrepublik Chinas);
-die Telekom-Aktien-Abzocker an den Türen, die das Ersparte der Eltern in Luft auflösen;
-die größte Lieferung von Roggenmalz für das Geschäft der Eltern, acht Lkws voll, Yashkas goldene Heldenstunde, der sich bis zur Erschöpfung schuftet;
-Kiew-Besuch von D und seiner Mutter, sie besichtigen das Stadion von Dynamo Kiev;
-sprechende Fische in der Vitrine;
-das Linoleum-Abziehen im Geschäft, sowjetischer Leim;
-Sowjetuhren des Vaters aus seinem privaten Archiv;
Im zweiten Teil wird dann die Reise von D in die Ukraine beschrieben, wie er sich als deutscher Staatsbürger dem Militärdienst verweigert, wie er die Problematik des Russisch-Sprechens erlebt, überhaupt den Alltag mit den Bomben- und Raketendrohung, wieder mit seinem Standkastenfreund den Kontakt aufnimmt, dann aber wieder zurückkehrt.
-Luftalarm-App, die stets irgendwelche Produkte anpreist;
-Bombenbunker-Bekanntschaften;
Rückkehr nach Deutschland, und Jagd auf Nazi-Vandalen.
●Kurzfassung: Das Spannungsfeld spielt sich zwischen den in Ost-Deutschland lebenden Eltern von D und seinen ukrainischen Verwandten und Freunden, die in Kiew leben: Andrij und Zoja, mit denen sich die Eltern zerstreiten; und Rostik, den Sandkastenfreund, den D aus den Augen verliert. Das Buch geht wesentlich darum, wie D wieder zu seinen Wurzeln zurück findet.
●Charaktere: (rund/flach) – im Grunde gibt es nicht einmal so etwas wie eine Charakterisierung. Sehr oberflächlich, witzig, fast comichaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe die Anekdoten;
●Diskurs: Ukraine-Russland, Freund-Feind, AFD, Fremdheit, Zugehörigkeit, nationale Identität
… das Buch erinnert in der Machart sehr Saša Stanišić „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“, lose Aneinanderreihung von Assoziationen rundum die eigene Identität. Leider bleibt der Ich-Erzähler völlig geschichtslos. Er bleibt eine unbekannte Variable – zwischen allen Stühlen, eine Leerstelle im Text. Hierdurch verliert der Text seinen inhaltlichen Anker; auch das Geschäft besitzt diesen nicht. Es ist ein Ort des Treffens, wie der Ich-Erzähler ein Ort des Diskurses ist, gesichtslos, und so, wie der Magasin verschwindet, verschwindet auch dieses Ich. Ein paar Anekdoten sind nett, aber davon wird nichts in Erinnerung bleiben. Der Text versucht nicht durch Spannung und Handlungsbögen zu faszinieren.
--> 1 Stern

Form:
●Wortschatz: relativ einfallsreich, bunt und witzig, auch innovativ, schelmenhaft, salbadernd.
●Type-Token-Ratio: 0,21 (hoch, aber auch durch Kürze) (Musil >0,25 - Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 10,5 Wörter STAB 6,2
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 73% (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Wiederkehrende Motive/Tropen: »bljad«, »nachuj«, d.h. „Hure“ und „Pimmel“; und „Nashi“, „Die Unseren“; sowie »Wse swoji!« „Alles die eigenen“ …
●Innovation: sehr freies, wortschöpferisches Sabbeln, lustig, wortverspielt, mutig und draufgängerisch in der Wortbildung, leider aber etwas auf den Effekt hin, also eher Poetry-Slam-Sprache, Hip-Hop-Style, als in sich literarisierte Poetik.
--> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: von wo der Ich-Erzähler spricht, bleibt unklar. Er spricht nach seiner Reise in die Ukraine. Durchweg aber verbleibt er im Präsens, in allen Zeiten, unterschiedslos wird alles eingeebnet. Weitest entfernte Situationen wie sehr nahe werden nicht unterschieden, anders behandelt. Auch Modi werden kaum verwendet.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Reflexion auf sich, die Figur gibt es nicht; es bleibt aber um den Ich-Erzähler als Schelm zentriert. Die Sprache wirkt als Schirm, als Maske.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: bewertend, angreifend, durch den Kakao-ziehend, etwas cool, stylisch, gewollt und geballt auftretend, aber dabei etwas verspielt, nicht den harten Macker markierend, eher den zurückhaltenden Entschiedenen.
●Einschätzung: völlig ins Leere hineingeschriebene Sprüche, ohne literarischen Anspruch, d.h. Glaubwürdigkeit, Intensität werden nicht angestrebt, eher der coole Effekt.
--> 1 Stern

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die größte Schwäche, denn es gibt keinen Plot, und die Komposition kann nur anekdotisch beliebig sein. Was hat der Magasin mit dem ganzen zu tun? Er stellt die Eltern nur vor, um ihre Meinung an den Pranger zu stellen? Wie steht die Geschichte selbst in Verbindung? Der Magasin ist bloßer Aufhänger.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: so ziemlich alles
●Reliefbildung: nicht identifizierbar
●Einschätzung: im Grunde muss diese Kategorie hier außen vor gelassen werden; eine inhaltliche Entwicklung und Rahmenwirkung gibt es nicht. Der rote Faden wäre höchstens die politische Stellungnahme.
--> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, zu beliebig
●Geärgert: zu läppisch
●Amüsiert: ein paar gute Witze, Szenen, Slapstick-Momente
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall
… die Sprache besitzt sehr viel Verve. Sie hat mich am Ball gehalten durch die schelmenhafte, wirr-freie-fröhliche Sprachgebung.
--> 3 Sterne

--------
Profile Image for Peter.
401 reviews235 followers
December 24, 2025
Wer von Dmitrij Kapitelman ähnlich gut unterhalten sein will wie von Wladimir Kaminer wird von diesem Buch enttäuscht. Nicht nur fehlt dieser vom Autor selbst gelesenen Hörbuch-Fassung der weiche russische Akzent, auch bleiben die humoristischen Szenen platt. Das Buch ist dann stark, wenn der Autor persönlich wird. Wenn er über seinen Schmerz angesichts des alternden Vaters, der schwerbehinderten bettlägerigen Schwester und vor allem über seine der russischen Propaganda verfallene Mutter schreibt. Als jüdische Kontingentflüchtlinge sind sie in den 90er Jahren aus Kyiv/Kiev nach Deutschland gekommen, haben sich in Leipzig niedergelassen und dort den Магазин, einen Laden mit russischen Spezialitäten gegründet. Wir erleben die Parallelwelt der russisch bzw. sowjetischen-stämmigen Mensch, der Наши (naschi), die von Heimweh geplagt, nicht von ihren altbekannten Produkten lassen wollen. Noch entscheidender ist die identitätsstiftende Bedeutung der russischen Sprache. Doch dieses Fundament wird Dmitrij entzogen, als Russland die Ukraine überfällt und seine Muttersprache zur Tätersprache wird. Aber: Die russische Sprache wird den russischen Präsidenten überleben, wenn er schon lange in seinem Massenmördergrab verfault.
Profile Image for Elena.
1,041 reviews417 followers
November 4, 2025
Als Dmitrij in den 1990er-Jahren mit seinen Eltern als jüdisch-ukrainische Kontingent-Flüchtlinge nach Deutschland kommt, eröffnen sie einen kleinen Laden für "Russische Spezialitäten" in Leipzig. Es gibt Fisch, Pralinen, Eis und Wodka. Der Laden läuft gut, bis die Corona-Pandemie und eine Erkrankung des Vaters die Familie zur Geschäftsaufgabe zwingt. Kurz nach Beginn der Pandemie überfällt Russland die Ukraine, was zu einem tiefen Riss in Dmitrijs Familie führt - seine Mutter steht auf der Seite Russlands, sieht sich den ganzen Tag russisches Fernsehen an, lässt sich von der Propaganda verführen und verprellt alte ukrainische Freund*innen. Der Vater schweigt dazu. Dmitrij beschließt, selbst in die Ukraine zu reisen.

"Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman steckt eigentlich voller Widersprüche, handelt es doch einerseits von sehr schweren Themen, begegnet diesen aber andererseits mit einer großen Portion Humor, was manchmal fast tragisch wirkt. Zwischen Autobiographie und Fiktion erzählt der Autor von einer zerissenen Familie, von einem Sohn, der seine Mutter eigentlich sehr liebt, mit ihren politischen Ansichten aber nicht konform gehen kann und von seiner Liebe zur russischen Sprache, die ihn während seiner Ukraine-Reise in Zweifel stürzt. Das Buch erscheint dabei fast etwas tagebuchartig und weniger als Roman. Ich fand "Russische Spezialitäten" einerseits sehr bewegend und habe mit dem Protagonisten mitgefühlt, andererseits konnte ich mit dem Humor und Stil des Autors weniger anfangen. Für mich war die Geschichte daher trotz ihrer Aktualität und Relevanz nicht so gut greifbar, nachdenklich macht sie aber trotzdem, vor allem aufgrund ihrer Gegensätze.
Profile Image for nettebuecherkiste.
688 reviews180 followers
December 16, 2025
Hochamüsant und tieftraurig. Sprachlich toll - die Autorenlesung hat mir sehr gefallen.
Profile Image for Sandra.
203 reviews48 followers
September 2, 2025
Als Hörbuch gehört: 

Es handelt sich hier um eine autofiktionale Erzählung des Autors mit dem Schwerpunkt auf Gedanken und Reflexionen dazu, was der Ukraine Krieg mit seinem Verhältnis zu Familie und Freunden macht.

Der Autor hat durchaus einen angenehmen Sinn für Humor und Komik. Er versteht sich auch darauf seine etwas überzeichneten Figuren mit Sprache zum Leben zu erwecken.

Leider war das Buch für mich etwas zu sehr Tagebuch, etwas zu ziellos, um für mich als Roman zu funktionieren. Ein wenig mehr Handlung, etwas weniger belanglose Anekdoten hätte ich mir gewünscht. Oder wenigstens etwas mehr Tiefgang in den Reflexionen.
Profile Image for Sacha.
343 reviews103 followers
July 21, 2025
Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman

⭐️⭐️⭐️⭐️ (4*)

Ich bin durch den Literatur-Newsletter des Schweizer Fernsehens auf dieses Buch aufmerksam geworden. Der Klappentext hat mich sofort neugierig gemacht. Da ich vorher noch nichts von Dmitrij Kapitelman gelesen hatte, dachte ich: Warum nicht?

„Eine Familie aus Kyjiw verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei, Letzteres ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. Die Mutter steht an der Seite Putins. Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Ein Buch, so tragisch, zärtlich und komisch zugleich.“

Am Ende war es nicht ganz so stark, wie ich gehofft hatte, aber trotzdem ein empfehlenswertes Buch, wenn man einen Blick hinter die kulturellen Kulissen Russlands und der Ukraine werfen möchte. Die innere Zerrissenheit des Protagonisten konnte ich sehr gut nachvollziehen. Er liebt seine Mutter und erinnert sich an viele schöne gemeinsame Momente, doch mit ihrer politischen Haltung kommt er nicht klar. Gleichzeitig hängt sein Herz auch an seiner alten Heimat, der Ukraine. Wie soll man diese Gegensätze in Einklang bringen? Vermutlich gar nicht, wie so viele andere Menschen in ähnlichen Situationen.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schmerzhaft es sein kann, wenn Eltern nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können. Genau dieser Aspekt hat mich besonders berührt. Der Protagonist unternimmt wiederholt Versuche, die Beziehung zu seiner Mutter oder zumindest ihre Überzeugungen zu verändern. Leider ohne Erfolg.

Auch die anderen Teile des Buches fand ich interessant. Ich habe den Einblick in die Mentalität und den Alltag der Ukrainer sehr genossen und dabei auch einige neue Dinge erfahren. Obwohl es sich um einen Roman handelt, ist vieles stark autobiografisch, was dem Text zusätzliche Tiefe verleiht.

Der Schreibstil ist angenehm und fliessend und das Hörbuch kann ich ebenfalls empfehlen. Es wird vom Autor selbst gelesen, was der Geschichte eine besondere Authentizität verleiht.

Ein wenig enttäuscht war ich vom angekündigten Humor. Es gab einige witzige Szenen, aber auf die grossen Lacher habe ich vergeblich gewartet.

Alles in allem war das Buch unterhaltsam, stellenweise berührend und aufschlussreich. Ich würde sagen: eine solide 3 bis 3.5 Sterne, aber aufgerundet ist es für mich ein 4-Sterne-Buch.

Wenn ihr andere Rezensionen von mir sehen wollt oder nach anderen buchbezogenen Inhalten sucht, schaut auf meinem Blog vorbei: https://sachareads.com 🙂
Profile Image for Babywave.
357 reviews128 followers
September 14, 2025
Für mich schreibt Kapitelmann satirisch, humorvoll und metaphorisch.
Ich mag die Art, wie er seine Texte verfasst, wieviel Empathie und Liebe zwischen den Zeilen steht.

Dennoch war der 1. Teil des Buches für mich etwas schwächer. Es ging hier viel um den Laden der Eltern des Ich- Erzählers.
Eröffnet wurde dieser in den neunzigern. Der Laden war Treffpunkt für russische und ukrainische Menschen in einem Viertel Leipzigs. Oftmals Menschen, die für sich gescheitert waren und die durch den Magasin jedoch einen Anlaufpunkt hatten, den etwas heimatliches umgab .

Trotz der -für mich persönlich- besonders bildhaften Sprache, hätte ich mir mehr Interaktion mit Dimitrijs Mutter gewünscht. Natürlich merkt man diese Kluft, die durch den Angriffskrieg zwischen beiden entsteht und auch die Zerrissenheit des Protagonisten ist spürbar, da er zwar mit ganzem Herzen hinter der Ukraine steht aber auf der anderen Seite seine Mutter liebt und sich nicht durch ein Politikum von ihr bzw. seiner Familie lossagen will.

Ich hätte hier noch mehr Tiefgründigkeit erwartet. Hätte mir intensivere Beschreibungen der Auseinandersetzung gewünscht. Aber evtl. hält einen diese Liebe zur eigenen Familie davon ab, alles an- oder auszusprechen, um den Krieg nicht bis in den wichtigsten Kern seines Lebens Einzug halten zu lassen.

Der zweite Teil des Buches war für mich dann sehr viel ergreifender. Man konnte die Anspannung, die Gefahr und das Leid mit jedem Satz spüren. Denn der Protagonist reist selbst in die Ukraine. Definitiv hat man sofort die Bilder, die in der Anfangszeit des Krieges überall ausgestrahlt wurden, sofort wieder vor Augen. Kapitelmann deutet hier nur einiges an, muss nicht alles auserzählen. Man weiß sofort worum es geht.

Es ist einfach grausam, was seit etlichen Jahren schon, in der Ukraine geschieht. Vor allen Dingen ist es grausam, wie Propaganda den Krieg noch viel weiter in die Welt trägt und auch fernab von Frontlinien tiefe Wunden und Leere in Menschen reißt .
Profile Image for EllaFuchs.
165 reviews47 followers
November 19, 2025
In der Familie Kapitelman findet ein häuslicher Frontenkrieg statt. Dmitrij liebt die russische Sprache, aber auch Kiew.
Nur kurze Notizen von mir: der erste Teil zog sich ein bißchen für mich, er war mir zu anekdotenhaft und Kapitelmans Witz zündet bei mir leider nicht. Den zweiten Teil in Kiew fand ich bewegend.
Mich hat auch Kapitelmans Art die Reaktionen der Menschen und ihre Gründe und Tiefen dahinter anzuleuchten gefallen. Ich konnte seine Mutter zum Schluß verstehen. Im Ganzen hat mich das Buch sehr traurig gemacht. Was an der Realität liegt.
Profile Image for LeserinLu.
328 reviews39 followers
February 20, 2025
Dmitrij Kapitelman erzählt in Russische Spezialitäten von Identität, Heimat und seiner Familie, die zwischen den Fronten steht – geografisch, politisch und emotional. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zerbricht das fragile Gleichgewicht in seiner jüdisch-ukrainisch-deutsch-moldawischen Familie: Die Mutter glaubt Putins Propaganda, der Sohn verzweifelt daran. Sein Versuch, sie mit der Realität zu konfrontieren, führt ihn mitten in den Krieg nach Kyjiw und mitten hinein in seine innere Zerissenheit.

Kapitelman bleibt seinem unverwechselbaren Stil treu: Scharf beobachtet und pointiert, aber nie zu vereinfachend, gleichzeitig humorvoll und mit Sprache spielend, aber auch tief berührend. Doch während „Eine Formalie in Kiew“ oft noch mit Leichtigkeit spielte und kämpferisch in die Zukunft blickte, ist „Russische Spezialitäten“ ein dunkleres, schmerzhafteres Buch. Es geht um seine Liebe zu Sprache, zu Orten, zu Menschen – und darum, was passiert, wenn diese Liebe auf Hass, der von außen übernommen wird, trifft.

Ein kluges, intensives Buch, das hoffentlich viele Leser:innen findet - denn ich glaube, eigentlich gibt es diese inneren Zerissenheiten in vielen Familien. Eine Empfehlung für alle, die verstehen wollen, was es für eine wahrscheinlich sogar typisch europäische Familie bedeutet, wenn Krieg und Hass nicht nur Länder, sondern auch Familien spaltet.
Profile Image for Michelle Curie.
1,087 reviews460 followers
September 5, 2025
A novel examining love and family in times of political crisis, in this case exploring the Russian-Ukrainian war from the perspective of someone from Kyiv living in Germany. It's a novel that delicately and skilfully picks apart all the feelings involved, though one that also felt unfocused to me.



Russische Spezialitäten translates to Russian Specialities and tells the story of a family from Kyiv selling those items in a shop in Leipzig until Putin’s war in Ukraine changes everything. With Russian TV propaganda deepening divisions at home, the mother drifts toward Putin’s side and the son decides the only way to counter her blind trust is to travel back to Ukraine, where he rediscovers his voice and identity.

How do you write about such things? I was quite interested in finding out what tone Kapitelman would go for in a personal novel about such difficult themes. What do you do when you find your loved ones on the other side of a war? What do you do when the country whose culture you grew up with and loved turns against your country of origin? As is popular in contemporary German fiction, he opts for a fast and incisive narration not devoid of humour. This essentially makes the novel feel smart and entertaining, and we get to see the absurdity of propaganda and political intrigue in overstated and almost caricatured characters.

The subject matter is complex and the novel doesn't claim otherwise. Maybe humour is the only way to tackle things that are too big to unpack by any individual, but I admit that I was hoping for a little more resolution or progress within the story. The plot feels vague; instead of progress, it feels more like a snapshot of "this is what it is like". And admittedly, it's pretty much as you'd expect it to be: the mother believes Russian propaganda, she still loves the country and thinks the war is Selenski's fault. The son is pained by this, he also loves the Russian language and has many positive associations with the culture, but he can no longer see any of it in the same light.

I would have welcomed more focus. Maybe it's because I have family in Russia and personal experience with differing opinions on this war and the tensions this has caused that I feel I didn't gain much new insight from this. While the way Kapitelman portrayed his characters and their lives felt real and sympathetic, the novel as a whole felt diffuse, if not even scattered. There are a lot of anecdotes, little musings and some almost Kafkaesque ramblings that leave you with more of a feeling than anything to really hold on to. But maybe that's what living in times of war is like.
Profile Image for Julia Yepifanova.
299 reviews25 followers
January 13, 2026
давно вже дочитала "русіше шпеціалітетен" і вже мабуть місяць, як намагаюся зрозуміти, що з цим всим робити. під "всим" я зараз маю на увазі цю історію та книгу Марії Реви "Endling" - обидві потрапили до лонглистів престижних премій і написані авторами, які ще в молодших класах з України були вивезені батьками в еміграцію. І оцей їх зв'язок з нами в обох книгах грає не аби-яку роль, але він такий тонкий, поверхневий, дуже особистий у випадку Дмітрія Капітельмана і пов'язує їх виключно з їх спогадами та уявами. Але ж в книжках події відбуваються в сучасному світі, в нашій країні, в період війни, і ніде правди діти, мені постійно на думку спадало, що авторам було б не зле віддати книги прочитати хоча б двом-трьом притомним людям, які з України нікуди не поїхали: так і деякі незрозумілості можна було би виправити, а можливо, взагалі залишити все це собі на згадку.
В історії Капітельмана все спирається на те, що російське телебачення, яке в Німеччині пострадянська еміграція дуже активно споживає, попаяло мозок його батькам, особливо мамі, яка етнічна молдованка, одружена з євреєм, жила до еміграції в Києві, а після еміграції регулярно їздила до Києва, так само як і батько, закупати різні товари для свого магазину "русіше шпеціалітетен". В Києві залишилися найкращі друзі батьків, в Києві залишився перший друг Дмітрія, в Києві залишилися теплі дитячі спогади. Все це перекреслено російським телебаченням для його мами. І Дмітрію від цього дуже болить. і з одного боку ця книга саме про власний глибинний біль автора, вона дуже щира і автор чесно і талановито впускає читача в життя своєї родини. з іншого боку, для автора зв'язки з батьками - це в першу чергу російська мова і те минуле, де все російське було органічним у Києві. і звичайно, нічого страшного для автора в цьому немає, бо він давним-давно живе у Ляйпцигу.
Profile Image for Babette Ernst.
348 reviews83 followers
December 31, 2025
Kapitelman schreibt aus der Sicht jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Eltern des Protagonisten Dmitrij sind Russen, die aber viele Jahre in Kiew lebten, bevor sie nach Deutschland kamen, er selbst war noch klein und identifiziert sich nicht mehr mit Russen oder Ukrainern, eher mit Einwanderern generell. Mit Ausbruch des Ukraine-Kriegs übernimmt Dmitrij sofort die offizielle deutsche Sicht, während seine Mutter das aussagt, was ihr das russische Fernsehen einflüstert. Keiner lässt sich vom anderen überzeugen.

Im ersten Teil beschreibt Kapitelmann das Leben der Eltern in Deutschland, die Gründung eines kleinen Ladens mit russischen bzw. ukrainischen Produkten, das Umfeld, die Kunden, die Probleme, alles in einem flapsig-ironischen Stil. Politische Analyse wird mit persönlicher Betroffenheit, Humor mit Verzweiflung verbunden. Viele Szenen sind komisch, gerade weil sie so tragisch sind – etwa wenn der Sohn verzweifelt versucht, seine Eltern mit Argumenten zu erreichen, und doch immer wieder an eine Wand aus Angst, Gewohnheit und medialer Beeinflussung stößt. Sprache wird dabei selbst zum Thema: Deutsch, Russisch, Ukrainisch – jede Sprache trägt eine eigene emotionale und politische Last.

Im zweiten Teil fährt Dmitrij nach Kiew, um sich selbst ein Bild zu machen. Er schreibt sehr ehrlich, was er sieht. Das ist größtenteils wie erwartet, aber eben nicht nur. Der beste Teil des Buches ist der Schluss. Mutter und Sohn geben es auf, sich zu überzeugen. Beide verstehen ein wenig, woher die Sicht des anderen kommt, die der Mutter aus einer Sehnsucht nach einer idealisierten glücklicheren Zeit, in der sie vor allem jünger war und das Leben mit all seinen Träumen noch vor sich hatte und Dmitrijs Sicht ist die auf ein Land, das von einem Imperium angegriffen wird und dessen Bewohner verzweifelt um ihre Träume von Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen, auch wenn noch längst nicht alles gut ist. Mutter und Sohn finden sich, weil sie einander lieben und achten, ohne ihren Streit völlig auszudiskutieren. Ein schöner Schlus für ein Buch, das das Dilemma vieler migrantischer Familien im aktuellen politischen Kontext literarisch fassbar zu machen versucht. Es fordert Empathie, ohne Naivität zu propagieren, und politisches Denken, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben
Profile Image for Bücherwolf.
164 reviews11 followers
February 17, 2025
"Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman ist ein beleuchtendes Buch in einer dunklen Zeit.

Der Protagonist sieht in Kyijw seine Heimatstadt und liebt keine Sprache mehr als die russische, da sie ihn sowohl mit seinen Wurzeln, als auch mit seiner Familie verbindet. Doch seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist das alles nicht mehr so leicht. Seine Mutter verfällt den Lügen der russischen Fernsehpropaganda und das obwohl sie selbst ihr Leben lang in der Ukraine gelebt hat. Die Anschläge seien nur inszeniert, die Ukrainer seien die Gefahr. Ihr Sohn verzweifelt, sucht nach der richtigen Verhaltensweise. Soll er sie jedes Mal verbessern, einen Streit anfangen, obwohl es letzten Endes ohnehin nichts als Streit bringt? Jedes Mal, wenn er seine Mutter nicht zurechtweist, fühlt es sich für ihn so an, als würde er sein Land hintergehen, als würde er all die Opfer dieses Krieges im Stich lassen. Und so spaltet der Krieg seine sonst so zusammenhaltende Familie, die sich zusammen über Jahre hinweg ein Leben in Deutschland aufgebaut haben. Letztendlich fasst er einen extremen Entschluss: Er muss in die Ukraine, um seiner Mutter zu beweisen, dass all das real ist und keine Inszenierung. Ein waghalsiges Vorgehen, das ihn mit vielen Gedanken zurücklässt.

Dieser Roman ist kurz und dennoch gewaltig. Er spielt kunstvoll mit der Sprache, sei es die deutsche, die ukrainische oder die russische. Er zeigt so die Komplexität und Tiefe einer Sprache und wie sie uns mit uns selbst und unserer Umgebung verbinden und was es mit dir macht, wenn du beginnst, genau das zu verlieren.

Diese Geschichte eines jungen Mannes, dessen Familie sich in Deutschland in den 90ern ein neues Leben aufgebaut hat, wurde interessant und flott erzählt. Die Probleme zu Beginn, das einzigartige Geschäftsmodell ihres kleinen Ladens, des Магазин (Magazin), für den sie extra regelmäßig in die Ukraine gefahren sind um frische, original-ukrainische Spezialitäten zu besorgen, sowie das langsame Aus des Ladens während der Corona Pandemie.

Der Roman entwirft ein Leben, das für mich nie greifbar sein wird, weil die Wurzeln, die Kultur und das Leben zu anders sind, und dennoch schafft er es, all die Gedanken, die damit einhergehen, so klar aufzuzeigen, dass ich mit der Geschichte mitgefühlt habe und die Gedanken nachvollziehen konnte.

Zurück bleibt ein beleuchtender Roman, der auf einzigartige Weise mit der Sprache spielt und von persönlichsten Gedanken erzählt, die durch das Verlieren der eigenen Wurzeln geweckt werden.
Profile Image for Mia.
271 reviews1 follower
March 24, 2025
„Ihr Kopf glimmt rot auf, ich glaube, die Dame versucht zu sprechen. Wobei Asche vor ihren Filterfuß fällt. So würde ich ihre neue Anatomie zumindest interpretieren.
Wie es wohl wäre, wenn von unseren Worten tatsächlich immer Asche zurückbliebe? Mama kann mit so wenigen Sätzen so unglaublich viel Asche hinterlassen. Ganz ungefiltert.“

Wie damit umgehen, wenn deine eigene Mutter und du in einem Krieg an unterschiedlichen Fronten stehen? Wenn man zwar noch die gleiche Sprache spricht, aber sich dennoch nicht mehr verstehen kann. Wenn dir die Worte fehlen und anderen all zu leicht zu kommen scheinen.
Mit diesen Fragen und noch viel mehr beschäftigt sich Dmitrij Kapitelmann in seinem dritten Roman.

Er erzählt oft traurig und verzweifelt, aber immer wieder auch so liebevoll und lustig. Von seiner Familie und ihrem Geschäft für Russische Spezialitäten in Leipzig, von den Nashi und der chinesischen Fliege seines Vaters. Und von einer Reise in die von Russland angegriffene Ukraine, in seine durch den Krieg veränderte Geburtsstadt, auf der Suche nach Antworten und einer Möglichkeit, den Graben, der seine eigene Familie seit dem Februar 2022 durchzieht, irgendwie wieder überqueren zu können.

Wirklich richtig toll!!

„Kyjiw ist so abgedunkelt, dass ich es anfangs gar nicht wiedererkenne. Dunkelblau und fast ohne Laternenlicht düstert es im verregneten Abend vor sich hin. Auch die meisten Fenster der Wohnhäuser bleiben schwarz. Erst das schwach flackernde grüne M der Metro signalisiert mir Stadt. Der Schatten einer Metropole.“
Profile Image for Daniel.
522 reviews65 followers
September 9, 2025
Zwei Teile, sehr aktuell als in Kyjiw geborener Deutsche berichtet Dmitrij Kapitelman über die Spaltung seiner Familie, Mutter und Vater werden von der russischen Propaganda eingewoben. Beide haben in Kyjiw gelebt und lieben die 1992 Ukraine. Sie betreiben einen russischen Laden "Magasin" in Leipzig bzw. dem Umland.
Teil 2 spielt in der kriegsgeplagten Ukraine bei einem Besuch der Hauptstadt inklusive Luftalarm, Besuchen in Budscha und mehr.
Kein wirklicher Roman, eher anekdotische Tagebucheinträge über die Kriegszeit.
Longlist für den Deutschen Buchpreis, schwacher erster Teil, der wirkliche harte Arbeit ist, Teil 2 reißt es für mich raus.

Longlist bisher:
Kapitelman - Russische Spezialitäten 4/5
Profile Image for Makeda.
16 reviews1 follower
October 3, 2025
Dimitrij Kapitelmann erzählt von seiner russisch-ukrainischen Familie, die zwischen verschiedenen politischen Wahrheiten versucht, sich nicht zu verlieren. In einem recht schlichten und doch immer wieder wunderschön bizarren Schreibstil beschreibt der Autor den Alltag in dem russischen Supermarkt seiner Familie und die mehr oder weniger exzentrischen Figuren, die ein- und ausgehen.

Er beschreibt seine eigene Suche nach Identität in seiner Muttersprache Russisch – einer Sprache, die Teil seiner Selbst, seiner Zugehörigkeit sowie seines Fremdseins ist. Aus dem Bedürfnis heraus, den Dingen auf den Grund zu gehen, tritt die Hauptfigur die riskante Reise in die Ukraine an und macht sich einen Eindruck vom Leben im Kriegsgebiet.

Ein Roman über Generationenkonflikte, festgefahrene Überzeugungen, die sich selbst nicht standhalten können, den Rechtsruck in Deutschland, innere und äußere Zerrissenheit, die Gleichzeitigkeit von Liebe und Hass, Alltag und Ausnahmezustand.

Ich fand’s toll geschrieben! Mit seinen kleinen Ausflügen in eine verzerrte Fantasiewelt, den Neologismen und Wortspielen schafft Kapitelmann es, die Dinge in ihrer Absurdität sowie in ihrer Einfachheit sehr akkurat abzubilden. Es passiert gar nicht besonders viel, doch was passiert, hinterlässt einen Eindruck, der mir noch eine Weile erhalten bleiben wird.
Profile Image for Wandaviolett.
471 reviews66 followers
September 30, 2025
Rustalgie? Viel mehr als das.
Kurzmeinung: Brisanz bekommt der Roman natürlich durch die momentane Weltlage. Es ist ein nicht auserzählter Roman - das mag ich.
Dimitri, der mit 8 Jahren mit seinen Eltern nach Leipzig kam, wo die geschäftstüchtige Mama alsbald das „Magazin“ aufzieht, ist Deutscher, ist Ukrainer und auch ein bisschen Russe. Denn seine Heimatsprache ist russisch. Wie viele andere Russischstämmige hat Mama jedoch in der Diaspora eine Vorliebe für das russische Propagandafernsehen gefasst. Man kann durchaus sagen, dass sich Mama der Realität verweigert.

Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Kapitelman, der seine Familiengeschichte nacherzählt, stellt die Identitätsfrage nicht in den Mittelpunkt, sie schwingt aber trotzdem immer mit, sondern den Existenzkampf seiner Eltern und die lose, russische Gemeinschaft, die sich spontan in der Diaspora um den Laden bildet. Diese Leute sind recht eigen.

Ich mag die feinen und liebevollen kleinen Beobachtungen Kapitelmans. Was vermisst man am meisten, wenn man „weg“ ist? Das Essen und die Sprache. Und Neuigkeiten aus der Heimat. Was mag ich an dem Roman? Den ich als liebenswert erlebe. Ich mag zum Beispiel, wie unterschiedlich Dimitri die Geschäftsreisen entweder mit Paps oder Mam nach Kiew erlebt, denn der Jung ist immer im Schlepptau. Ich mag die Unaufgeregtheit mit der Kapitelman erzählt, obwohl es um Gewichtiges geht. Freilich werden diese Gewichtigkeiten vom Autor in den Alltag gepackt, er macht kein Gewese draus. Ich mag die Atmosphäre des Ladens, die Diaspora immer fühlbar illustriert. Ich mag, wie er eine ärmliche Kindheit vorstellt, ohne sich zu beklagen, eine Kindheit, die nicht nur durch das Anders-sein belastet ist, sondern auch durch die Sorge um die Eltern von frühauf. Ich mag die Zerrissenheit in der Diaspora, die Kapitelman dadurch thematisiert, dass Eltern und Kind unterschiedliche politische Ansichten entwickeln, unterschiedliche Sprachen sprechen, ja sogar unterschiedliche Staatsangehörigkeiten besitzen.

Die Liebe zu Mütterchen Russland ist nicht totschlagbar in der Diaspora. Man liebt Russland, auch wenn man wegen der Tochter flieht, um sie in Sicherheit zu bringen, „denn sechzehn ist definitiv alt genug für eine russische Gruppenvergewaltigung“. Es ist halt schwierig mit dieser Heimat.

Ich mag den leicht zynischen, aber doch liebevollen Blick, den Kapitelman auf die elterliche Ehe wirft „Die beiden zählen sich mit zunehmenden Ehejahren gern vor, wie lange sie schon wieder aus dem Gefängnis entlassen wären, hätten sie sich gleich umgebracht“ und nicht jetzt auf Raten. Ich mag, wie Dimitri auf einer Reise nach Kiew begreift, wie leicht seine eigenen nicht unbeträchtlichen Probleme wiegen, angesichts dessen, was seine Freunde in der Ukraine stemmen, „es gab ein Kind, und jetzt gibt es keins mehr“ und die sich voller Wut und Verzweiflung sogar von ihrer russischen Muttersprache als der Sprache des Feindes trennen und nur noch ukrainisch sprechen. Das ist Diaspora pur, obwohl man noch an Ort und Stelle weilt.

Fazit: All das Erzählte mag ich, ohne zu verschweigen, dass die einfache Erzählweise, die freilich zu den Leuten passt, von denen erzählt wird, vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Es passiert nicht viel, nur Alltag. Die Schwingungen darunter, die Nachwirkungen der Diaspora, haben mir gefallen. Und - dass ich jetzt „Magazin“ auf kyrillisch schreiben kann.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Hanser Berlin, 2025
Longlist 2025 Deutscher Buchpreis

Profile Image for Daniel.
641 reviews52 followers
August 31, 2025
Dmitrij Kapitelman hat sich schon in seinen früheren Romanen als scharfsinniger Beobachter etabliert. Er wurde zwar in Kiew geboren, übersiedelte aber früh mit seiner Familie nach Deutschland. Heute verhandelt er in seinen Büchern vor allem die Themen Migration und Identität aus seiner persönlichen Perspektive.
Mit „Russische Spezialitäten“, seinem neuen und für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman, richtet er unseren Blick auf den Krieg in der Ukraine und auf eine autobiographisch geprägte Erfahrung: das Auseinanderdriften von Gemeinschaften und Familien durch unterschiedliche Sichtweisen.

Dim wächst in Deutschland als Sohn ukrainischer Einwanderer im russischen Lebensmittelladen seiner Eltern auf, einer kleinen Insel russophiler Nostalgie. Der Krieg in der Ukraine reißt zwischen Mutter und Sohn einen tiefen Graben auf - sie steht fest an der Seite Russlands, er kann das nicht begreifen.

Seine Versuche, die Propaganda aufzudecken, der sie aufsitzt, führen ins Nichts. Schließlich reist er nach Kiew, wo die durch seine Eltern verprellten Freunde der Familie inmitten täglicher Angriffe versuchen, ihr Leben zu führen und es zu bewahren.

Es ist, trotz des schweren Themas, ein leises Buch, das Kapitelman abgeliefert hat. Der Krieg in der Ukraine hat einen Riss gezogen, quer durch Familien und Gemeinschaften. Dass es dem Autor gelingt, die Liebe zwischen Mutter und Sohn so deutlich spürbar zu machen, fühlt sich deshalb umso beklemmender an.

Überhaupt schafft er es, der Liebe in seinem Buch Raum zu geben. Auch der zur Sprache. Wie groß ihre Rolle als Identitätsstifterin nämlich sein kann, zeigt der Roman nicht nur im Verhalten der Mutter. Auch die russischsprachigen Ukrainer im Roman sind sich der durch sie entstehenden Bindungen bewusst und gehen auf unterschiedliche Weisen mit diesem Wissen um. Manche sprechen sogar lieber holpriges Ukrainisch als die eigene Muttersprache.

Die Figuren wirken authentisch, ihre Motive erschließen sich beim Lesen auf ganz natürliche Art und Weise. Mehr als ein paar Worte braucht es oft nicht, um in die Lebenswelten auch kleinerer Nebenschauplätze einzutauchen.

Die kurzen Ausflüge in eine comichaft verzerrte Welt, das vage, kafkaeske Erzählen einzelner Passagen oder Begegnungen, wirken deshalb wie Fremdkörper, auf die man gut hätte verzichten können.

Am Ende lässt einen der Roman mit einer Fülle von Eindrücken zurück. Vielleicht mit dem Gefühl, diesen Menschen näher zu sein, als man es sich vorher hätte vorstellen können. Der Roman bricht die Grenzen zwischen Krieg und Frieden ein wenig auf, zeigt, dass Alltag und Liebe weiter bestehen können, selbst wenn wenige Kilometer weiter Bomben und Größenwahn Leben beenden.

Kapitelman schärft unseren Sinn für das Trennende und das Verbindende. Und dafür, dass Schwarz und Weiß nicht die einzigen Kategorien in zwischenmenschlichen Beziehungen sind. So sprüht sein Roman vor Witz und ist doch an keiner Stelle wirklich zum Lachen.
Profile Image for Tessa.
60 reviews1 follower
May 25, 2025
wow - this was simply an unbelievably well written and moving (while kinda funny) book. nothing more to add.
Profile Image for Mona.
44 reviews1 follower
January 2, 2026
Dmitrij Kapitelmann ist in Kyjiw geboren, seine Muttersprache ist russisch, seit 1994 lebt er in Deutschland, wo seine Eltern mit jüdischen und moldawischen Wurzeln ein Lebensmittelgeschäft für "russische" oder besser osteuropäische Spezialitäten eröffnet haben. Über diese Gemengelage schreibt er in seinem sehr besonderen autofiktionalen Roman.

Ich habe das Buch gelesen und parallel das vom Autor selbst gelesene Hörbuch gehört, und durfte tief in seine Welt zwischen drei Ländern eintauchen. Die widersprüchlichen Gefühle Dmitrijs angesichts der unterschiedlichen Kulturen, die Zerrissenheit in Bezug auf die Kriegssituation, aber auch auf die deutsche politische Lage, die Liebe zur russischen ebenso wie zur deutschen Sprache - das alles habe ich sehr gefühlt. Dabei hat der Roman trotz der schweren Themen durchgehend einen humorvollen Grundton, der die melancholischen Momente ausgleicht.

Für mich ein sehr lesenswertes Buch, das meinen Horizont erweitert hat.
Profile Image for Rike Seefeldt.
6 reviews
August 2, 2025
An den Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen, aber dann kam ich gut rein!
45 reviews3 followers
June 19, 2025
Was für ein Feuerwerk von einem Buch, sprachgewaltig, traurig, amüsant.
Profile Image for Dunja Brala.
604 reviews46 followers
September 11, 2025
„Die wirksamste Propaganda sind nicht die Lügen, sondern das Verschweigen der Wahrheit.“ Dieser Satz von George Orwell sagt schon alles aus. Gezielte Manipulation ist die erste Waffe, die in bilateralen Auseinandersetzung eingesetzt wird, und kurioserweise fruchtet sie bei sehr vielen Menschen. Sobald sich Fronten bilden, ist man geneigt, den Regierenden zu glauben, denen man sonst lieber misstraut. Wenn man sich die breite Masse der Verschwörungstheorien nicht nur auf Social Media anschaut, ist man geneigt zu denken, die ganze Welt ist verrückt geworden.

So geht es auch dem ICH Erzähler, der genau wie der Autor Dimitrij heißt. Er hadert sehr damit, dass seine Mutter der russischen Propaganda an den Lippen hängt. Dabei kommen sie aus Kyjiw, und sind anfang der 90er Jahre als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingewandert. Mama betreibt ein kleines Geschäft, in dem Spezialitäten und Nützliches aus der Heimat verkauft wird. Der Laden heißt „магазин“, was im Deutschen schlicht „Magazin“ heißt. Die Leute kommen allerdings nicht nur zum einkaufen, sondern auch um sich zu treffen und sich auszutauschen. Ein Treffpunkt aller Osteuropäer und besonders die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion sind hier wieder vereint. Der Überfall Russlands 2014 auf ukrainische Gebiete und die Zuspitzung 2022 verändert einiges. Auf einmal ist wird auch in diesem kleinen Kosmos deutlich, dass man aus zwei unterschiedlichen Welten kommt, aus Freunden werden Feinde und das Geschäft steuert auf sein Ende zu. Und russische Informationsquellen werden die ständigen Begleiter von Dimitrijs Mutter.
Das gefällt ihm gar nicht. Er liebt seine Mutter, und er liebt die russische Sprache, obwohl er sie nicht perfekt beherrscht, aber dass sie den Sprachrohren Putins mehr glauben schenkt als anderen weltweit zugänglichen Quellen findet er sehr befremdlich und er sorgt sich, dass der Keil, der zwischen Russen und Ukraine getrieben wurde auch in seiner Familie zerstörerische Kräfte entwickelt. Kurz entschlossen macht er sich auf den Weg in die Ukraine, kein risikoloses Unterfangen - und sucht dort nach Erinnerungen und Menschen, die im Nahe stehen. Sinulja- was so viel wie Söhnchen bedeutet– möchte die schrecklicher Realität des Krieges, wie ein Souvenir einpacken und mit nach Hause nehmen. Ob ihm das glückt müsst, ihr selber lesen

Kapitelman hat in diesem Buch ein Phänomen der Gegenwart eingearbeitet, dass auch mich immer wieder fassungslos macht. Die mangelnde Reflektion manipulativer Videos, auf Basis eigener Erfahrungen scheint in manchen Gesellschaftsschichten nicht möglich zu sein, und so verfällt man Worten die eigentlich sofort als Lügen zu entlarven sind. Die Suche nach den Ursachen, warum seine Mutter plötzlich mit Blind- und Taubheit geschlagen scheint scheint genauso aussichtslos wie die Suche nach Möglichkeiten diesen Krieg zu beenden. Doch es schimmern immer wieder Sätze durch, die zeigen, wie tief die kollektive Sehnsucht nach besseren Tagen sitzt, und wie sehr sie sich mit einem nostalgisch Rückblick auf die eigene Jugend vermischt. Dass seine Mutter zum Beispiel nur auf die Ukrainer schimpft und sie die Russen fast nie erwähnt, begründet sie damit, dass ihr Letztere egal sind und sie sich die Ukraine von vor 30 Jahren zurück wünscht, wohlgemerkt die, die sie verlassen und die ihr aus mehreren Gründen das Leben schwer gemacht hat. Dabei entlarvt sie genau das, was ich als großes Problem in unserer gegenwärtigen Gesellschaft empfinde: man sehnt sich nach einer Jugend voller Hoffnung zurück obwohl damals gar nicht alles besser war, aber man war jung und optimistisch. Nun kommt man mit den düsteren Zukunftsvisionen der Gegenwart gar nicht klar, und Schuld sind immer die anderen.

Die Figurenzeichnung des Autors ist hervorragend. Natürlich hat er besonders der Mutter einen bestimmten Anstrich gegeben, der mir großes Vergnügen bereitet hat, dieses Buch zu lesen. Es entbehrt nämlich trotz der Schwere des Themas nicht einem gewissen Humor. Dass sich Mutterliebe im Osten Europas in erster Linie daran zu erkennen gibt, dass man seine Söhne daran erinnert, die Mütze anzuziehen, ist dabei nur ein Beispiel. Die Ignoranz, die sich auch in den lesenswerten Dialogen ganz wunderbar offenbart, haben, mich regelmäßig zum Schmunzeln gebracht. Ich konnte mich in die zwischen, Verzweiflung und Resignation schwankenden Stimmungen des Sohnes wunderbar hineinversetzen. Der Kriegsalltag in der Ukraine ist gleichermaßen erschreckend wie banal. Hier hat der Autor, die Alltäglichkeit der Angriffe und die Abstumpfung gegenüber den damit verbundenen Gefahren, sehr realitätsnah eingefangen. Außerdem füllt er seine Story auch noch mit dem gegenwärtigen Lebensgefühl im Osten Deutschlands auf, und es wird sehr deutlich, wie eng unser Land an die Entwicklungen in der Ukraine geknüpft sind.
Das Ganze ist dann auch noch sprachlich sehr fein geschliffen. Ich habe so viele schöne Sätze entdeckt und schnell gemerkt wie viel Spaß es macht diesen Text zu lesen.

Deshalb empfehle ich das Buch gerne weiter, und würde mich freuen, wenn es besonders viele Menschen lesen, die sich den Erfahrungen als Immigrant*in mit kulturell anders geprägter Vergangenheit literarisch auseinandersetzen möchten. In diesem Roman bekommt ihr das gesellschaftspolitisch reflektiert und literatursprachlich verfeinert serviert.
Profile Image for Rosa.
80 reviews22 followers
August 30, 2025
#longlistlesen Nummer 4

„Das ukrainische Wort für Bombenbunker lautet Ukritij. Und löst eine aberwitzig wohlige Assoziation in mir aus. Denn ukritsa kenne ich aus dem Russischen als zudecken. Mama ukriwajet menja, Mama deckt mich zu, ganz wohlig, zum süßen Schlummern. Mit Sternen über uns, deren Temperatur wir mit unseren Händen himmelsfühlen.“

Ich dachte schon wirklich nach den letzten zwei Schlappen, dass die Longlist mich dieses Jahr nicht so abholen wird - aber dann sieh einer an, was hier um die Ecke gekommen ist: Mein bisheriges Highlight.

In Russische Spezialitäten geht es um einen russischen Lebensmittelladen in Deutschland, der von russischsprachigen Ukrainern geführt wird. Nachdem Russland allerdings seinen Angriffskrieg auf die Ukraine startet, driften vor allem Sohn und Mutter politisch weit auseinander. Während Djimitri, der Erzähler, den Angriff auf die Ukraine verurteilt, lässt seine Mutter sich vom russischen Staatsfernsehen und seiner Propaganda einlullen. Um ihr zu beweisen, dass nicht die Ukraine die Schuldtragenden an dieser Situation sind, wie das russische Fernsehen suggeriert, reist Djimitri nach Kjiew.

Dieses Buch war so unfassbar gut. Es war so lustig, dass ich teilweise wirklich richtig lachen musste - zum Beispiel beschreibt der Erzähler die ganze Zeit, wie ihm die App, die den Bombenalarm in Kjiew anzeigt, nur Werbung zeigt; aber auch im Umgang mit seinen Eltern, insbesondere seiner gehirngewaschenen Mutter beweist er einen so feinsinnigen Humor, dass es auch die wirklich traurige Grundstimmung erträglich macht, wenn man seine eigene Mutter so abdriften sieht.

Was ich besonders spannend fand, war der Umgang mit der russischen Sprache: der Erzähler und seine Familie sind russischsprachige Ukrainer, was sie aufgrund des Angriffskrieg in eine sehr unangenehme Position bringt. So wird beispielsweise der Fall einer ukrainischen Familie geschildert, die ebenfalls russischsprachig sind und nun aktiv versuchen, nicht mehr russisch zu sprechen und ukrainisch lernen; weil sie nicht die Sprache ihrer Angreifer sprechen wollen.

Wirklich so ein exzellentes Buch, das mich ein klein wenig an Tijan Sila und seinen Humor erinnert hat - den ich liebe - deshalb fünf Sterne, easy.
Profile Image for Caroline Blütenstengel.
20 reviews
March 20, 2025
Ein sehr einfühlsamer Roman mit einer sehr feinen Beobachtung der perspektivischen Vielschichtigkeit des Spannungsfeldes Krieg, Familie, Auswanderergeschichte und Ausgrenzungserfahrung, sowie Liebe, Wärme und Humor. Dazu die Tragödie des Angriffs auf die Ukraine und wie sie warme Beziehungen erkalten lassen kann. Aber auch ein Zeugnis, dass es an Mensch und dessen Empathie ist, ob dies zugelassen wird. Absolute Leseempfehlung.
60 reviews5 followers
September 26, 2025
This is what I wanted okay: Роман о том, как 24 февраля 2022 года молодые россияне с ужасом обнаружили, что их родители отравлены пропагандой и жаждут крови соседей. Как жить с тем, что твои самые близкие люди, мечтая о некой борьбе с фашизмом, стали сами фашистами?

But this is what I got: автофикшн о ��ом, как семья переехала из Украины в Лейпциг в 90-х и открыла русский магазин. И продавала там рыбу, конфеты, plombir, matrjoshka, Wodka и еще парочку предметов, которые среди уехавших в 90-е принято ассоциировать «с расеей матушкой» (даже если уехали из Украины). Все это рассказано в формате анекдота, списанного у Владимира каминера. Где-то 10% повествования отдано конфликту главного героя с зиганувшей матерью, которая очень любит российский телевизор (ДА, это норм, но маловато)

Вывод: еще одна, 74728574-я по счету книга про водку, березы, душу на распашку, слово «блядь» и балалайки. Дорогие мигранты из постсоветских стран, оставьте плиз Владимиру каминеру его хлеб и поищите новые темы 🙏🙏🙏
Profile Image for Lorraine Schönrock.
35 reviews
May 13, 2025
Ich glaube das Problem ist, dass das Buch versucht so viel zu sein, aber es am Ende natürlich nichts ganzes ist.
Für mich persönlich sind es fast eher 2 Bücher die in eines gepackt wurden.

3.5 Sterne
Profile Image for Dennis.
57 reviews4 followers
May 4, 2025
Ein sehr unterhaltsamer Roman mit interessanter Perspektive: Der Protagonist ist in seiner Kindheit aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, wo seine Eltern einen Magasin, ein Geschäft für osteuropäische Lebensmittel, eröffneten. Nach dem Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine zeigen sich Risse im Verhältnis zu seiner Mutter, die einer alten Ukraine nachtrauert (die es wohl nie gegeben hat) und trotzdem oder deshalb in eine Putin-affine Haltung zum Krieg abrutscht, gefüttert von russischem Fernsehen und Telegram-Gruppen.

Falls das unverständlich klingt: Lies dieses Buch!

Abstriche gibt es für den zweiten Teil des Buches, in dem der Protagonist nach Kiew und die Frontstädte reist. Dieser Abschnitt wirkt mehr nach dem Erlebnisbericht eines Journalisten als nach einem organischen Teil des Romans. Außerdem haben für mich einige der emotionalen Symbole (warme Sterne, Mütze) nicht wirklich gut funktioniert.

Fazit: Kurzweilige, lehrreiche und daher empfehlenswerte Lektüre!
Displaying 1 - 30 of 122 reviews

Can't find what you're looking for?

Get help and learn more about the design.