51 Stellen aus dem Buch:
„Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 9)
„Nichts von dem, was wir im anderen verachten, ist uns selbst ganz fremd.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 17)
„Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen — gerade zu den Schwachen — ist Liebe, d.h. der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 17)
„Es ist unendlich viel leichter, in Gemeinschaft zu leiden als in Einsamkeit.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 22)
„Uns bleibt nur der sehr schmale und manchmal kaum noch zu findende Weg, jeden Tag zu nehmen, als wäre er der letzte, und doch in Glauben und Verantwortung so zu leben, als gäbe es noch eine große Zukunft.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 23)
„[D]en Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 24)
„Nun kommt ja der Frühling mit Macht.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 28)
„Inzwischen ist der Tag vorübergegangen, und ich hoffe nur, es sieht in Euch ebenso friedlich aus wie in mir; ich habe vieles Gute gelesen und Schöne gedacht und gehofft.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 29)
„Gerade wenn man persönlich etwas Schweres erlebt, möchte man, daß die echten Freuden des Lebens […] daneben ihr Recht behalten.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 30)
„Mit dem Ja, das sie zueinander gesprochen haben, haben sie ihrem ganzen Leben in freier Entscheidung eine neue Wendung gegeben; sie haben allen Fragen und Bedenklichkeiten, die das Leben jeder dauernden Verbindung zweier Menschen entgegenstellt, in froher Gewißheit Trotz geboten und sich in eigener Tat und Verantwortung ein Neuland für ihr Leben erobert.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 33)
„[E]ure Wege waren meist geebnet, ehe ihr sie betratet, in jeder Lebenslage konntet ihr euch durch eure Familien und Freunde geborgen wissen […]“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 34)
„Seid nicht rechthaberisch gegeneinander, urteilt und richtet nicht übereinander, erhebt euch nicht übereinander, schiebt nie einander die Schuld zu, sondern nehmt euch auf, wie ihr seid, und vergebt einander täglich und von Herzen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 39)
„Bei Fritz Reuter heißt es so schön: ,so egal und sacht fließt kein Lebenslauf, daß er nicht mal gegen einen Damm stößt und sich im Kreise dreht, oder daß ihm die Menschen Steine ins klare Wasser schmeißen, na, passieren tut jedem was — und er muß dafür sorgen, daß sein Wasser klar bleibt, daß Himmel und Erde sich in ihm spiegeln kann‘ — damit ist eigentlich alles gesagt.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 42)
„Ganz wunderschön waren die Feuerlilien, die Kelche öffnen sich morgens langsam und blühen nur einen Tag, am nächsten Morgen sind neue da, übermorgen werden die letzten geblüht haben.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 45)
„Es ist merkwürdig, wie einen in solchen Nachtstunden ganz ausschließlich der Gedanke an diejenigen Menschen, ohne die man nicht leben möchte, bewegt und das Eigene völlig zurücktritt oder geradezu ausgelöscht ist. Man spürt dann erst, wie verwoben das eigene Leben mit dem Leben anderer Menschen ist, ja, wie das Zentrum des eigenen Lebens außerhalb seiner selbst liegt und wie wenig man ein Einzelner ist.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 50)
„Aber letzten Endes faßt sich, jedenfalls für mich, die ‚Welt’ doch zusammen in ein paar Menschen, die man sehen und mit denen man zusammensein möchte.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 55)
„Weihnachten ist vorüber. Es hat mir ein paar stille, friedliche Stunden gebracht und vieles Vergangene war ganz gegenwärtig.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 61)
„Es fehlt mir nichts — als Ihr alle.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 76)
„Der Wunsch, alles durch sich selbst sein zu wollen, ist ein falscher Stolz. Auch was man anderen verdankt, gehört eben zu einem und ist ein Stück des eigenen Lebens […]“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 86)
„Das Bedürfnis, mich an einem stillen Sonntagvormittag mit Dir zu unterhalten, ist so groß und der Gedanke, daß so ein Brief vielleicht auch Dir eine einsame Stunde unterhaltsamer machen könnte, so verlockend, daß ich, ohne zu wissen, ob, wie und wo Dich diese Zeilen erreichen, Dir schreiben will.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 87)
„Als ich gestern Deinen Brief las, war es mir, als gäbe eine Quelle, ohne die mein geistiges Leben zu verdorren begann, nach langer langer Zeit wieder die ersten Tropfen Wasser.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 90)
„Ich frage mich selbst oft, wer ich eigentlich bin, der, der unter diesen gräßlichen Dingen hier immer wieder sich windet und das heulende Elend kriegt, oder der, der dann mit Peitschenhieben auf sich selbst einschlägt und nach außen hin (und auch vor sich selbst) als der Ruhige, Heitere, Gelassene, Überlegene dasteht und sich dafür (d.h. für diese Theaterleistung, oder ist es keine?) bewundern läßt?“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 91)
„Nach meinen Erfahrungen gibt es nichts Quälenderes als die Sehnsucht. Manche Menschen sind in ihrem Leben von früh auf schon so durcheinandergeschüttelt worden, daß sie sich eine große Sehnsucht sozusagen garnicht mehr leisten, sie haben sich abgewöhnt, den inneren ‚Spannungsbogen’ über lange Zeiten hinaus auszudehnen und schaffen sich kurzfristigere und leichter zu befriedigende Freuden als Ersatz.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 94)
„[E]s gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch garnicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 102)
„[D]ie Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 102)
„Man wird nicht für sich allein ein ‚Ganzer‘, sondern nur mit anderen zusammen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 109)
„[V]ielleicht ist schon die Art, in der man nach bestimmten Dingen fragt und nach andern nicht, ein gewisser Hinweis auf das Wesentliche.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 110)
„Es gibt am Morgen meines heutigen Geburtstages für mich nichts Natürlicheres, als Dir zu schreiben und mich daran zu erinnern, daß wir acht mal hintereinander diesen Tag zusammen gefeiert haben.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 113)
„Ich weiß, daß Du heute an mich denkst, und wenn in diesen Gedanken nicht nur das Vergangene, sondern auch die Hoffnung auf eine — wenn auch veränderte, so doch gemeinsame Zukunft enthalten ist, dann bin ich sehr froh.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 114)
„Selbst der rührende kleine Blumenstrauß, den mir einige hiesige Mitbewohner gepflückt haben, stand in meinen Gedanken an dem Bett Eures kleinen Jungen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 115)
„Die Grenzen zwischen Widerstand und Ergebung sind also prinzipiell nicht zu bestimmen; aber es muß beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 120)
„‚Drück mir den Daumen’ hört man hier unzählige Male am Tag; es wird dem teilnehmenden Gedenken also irgendeine Kraft zugesprochen und man will sich in entscheidenden Stunden nicht allein, sondern von andren unsichtbar begleitet wissen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 126)
„Wünsche, an die wir uns zu sehr klammern, rauben uns leicht etwas von dem, was wir sein sollen und können. […] Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche; das ist es wohl, was ich eigentlich sagen wollte.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 128)
„[I]ch bin begierig, wie die Zukunft unsern Weg weiterführt, ob es noch einmal irgendwie ein gemeinsamer wird; etwa in beruflicher Tätigkeit, — was ich mir sehr wünschen würde — oder ob wir uns mit dem Vergangenen zufrieden geben müssen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 129)
„Die tiefe Verwurzelung in dem Boden der Vergangenheit macht das Leben schwerer, aber auch reicher und kraftvoller.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 151)
„[…] in Sorgen und Traurigkeit den Grundton der Freude in Dir wachhalten [��]“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 152)
„Das Bild der Polyphonie verfolgt mich immer noch. Als ich heute etwas Schmerz darüber empfand, nicht bei Euch zu sein, mußte ich denken, daß auch Schmerz und Freude zur Polyphonie des ganzen Lebens gehören und selbständig nebeneinander bestehen können.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 160)
„Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen — (— ich wurde gerade wieder vom Alarm unterbrochen und sitze jetzt im Freien und genieße die Sonne —) um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind, als unser Leben.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 162 f.)
„Welch' eine Befreiung ist es, denken zu können und in Gedanken die Mehrdimensionalität aufrechtzuerhalten.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 163)
„Das Abschiednehmen, das Erlebnis der Vergangenheit, ob es nun die gestrige Stunde oder vergangene Jahre sind — beides fließt rasch ineinander — ist für mich eine immer wiederkehrende Aufgabe und Du selbst schriebst einmal: ‚das Abschiednehmen übt sich merkwürdig schlecht.‘“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 166)
„Es fiel die Tür ins Schloß,
ich höre deine Schritte langsam sich entfernen und verhallen.
Was bleibt mir? Freude, Qual, Verlangen?
Ich weiß nur dies: du gingst — und alles ist vergangen.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 167)
„Nacht, lösche aus, was brennt, schenk mir volles Vergessen,
sei mir wohltätig, Nacht, übe dein mildes Amt,
dir vertrau ich mich an.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 169)
„Und so muß man sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 176)
„Kürzlich las ich den merkwürdigen und schönen Satz des Euripides bei einer Wiedersehensszene nach langer Trennung: ‚So ist doch auch das Wiedersehen ein Gott.‘“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 184)
„[…] weil ich nur zu Dir so ins Unreine zu reden wage und davon Klärung erhoffe.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 187)
„Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 188)
„Entschuldige bitte diese anspruchsvollen Weisheiten! Sie sind Bruchstücke aus nicht geführten Gesprächen und insofern gehören sie zu Dir.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 201)
„[W]as ist mir das schönste Buch oder Bild oder Haus oder Gut gegenüber meiner Frau, meinen Eltern, meinem Freund? So kann allerdings nur sprechen, wer wirklich in seinem Leben Menschen gefunden hat.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 207)
„Ich spüre, wie untauglich diese Worte sind, das zu bewirken, was sie möchten, nämlich Dich auch in Deiner Einsamkeit fest und froh und gewiß zu machen. Dieser einsame Geburtstag braucht für Dich ja wahrhaftig nicht ein verlorener Tag sein, wenn er Dir zum Anlaß wird, einmal wieder die Fundamente klar zu legen, auf denen Du weiterleben willst.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 210)
„Am dankbarsten bin ich für die Menschen, denen ich nahe begegnet bin […]“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 211)
„Spielgefährten zuerst
auf den weiten Fahrten des Geistes
in wunderbare,
entfernte Reiche,
die im Schleier der Morgensonne
wie Gold erglänzen,
denen am heißen Mittag
die leichten Wolken des blauen Himmels
entgegenziehen,
die in erregender Nacht
beim Scheine der Lampe
wie verborgene, heimliche Schätze
den Suchenden locken.“ (Bonhoeffer 2022 [1951]: 214)