Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« – so werden Handelnde zu Vollziehenden.
Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
Hartmut Rosa has been a Full Professor for Sociology and Sociological Theory at the Institute of Sociology at the Friedrich Schiller University, Jena, Germany, since October 2005. His areas of study include theories of modernity, sociology of time, communitarianism, and social theory. He is the author of Social Acceleration: A New Theory of Modernity.
Hartmut Rosa hat ein gut lesbares Buch geschrieben, das in seinem Anfangsteil Alltagsbeispiele zur Illustration seiner Thesen bringt. Die bestehen in der Behauptung, wir würden zunehmend von (selbstständig) Handelnden zu bloß noch Vorgaben vollziehenden Statisten werden. Das erfolge durch die Auflösung und (technische wie bürokratische) Handhabbarmachung von komplexen "Situationen" durch ihre Zerlegung in justiziable bzw. nachvollziehbare Einzelschritte. So würden aus Situationen eben "Konstellationen" (25) und das Buch versteht sich als eine soziologisch angeleitete Kritik am modernen "Konstellationismus". Klar, wenn ich die Vorgaben von Google- Maps Schritt für Schritt nachvollziehe, komme ich (meist) ans Ziel, womit der Sinn des Programms sich erfüllt hat. Allerdings stolpere ich dann mit dem Blick aufs Handy durch die Stadt und mir entgeht so gut wie alles, was einen früheren Flaneur noch begeistert hat. Mein Gang durch die Stadt wird emotional ärmer und verliert an Erlebnisqualität (nichts Überraschendes und Unvorhergesehenes mehr). Eines von Rosas Beispielen ist die Korrektur schriftlicher Arbeiten, für die immer kleinteiligere Bewertungsmaßstäbe bereit gestellt würden, wodurch die Arbeiten allerdings nur noch formal klassifiziert werden können und Gesichtspunkte wie Originalität der Idee oder ein besonderer persönlicher Aufwand unberücksichtigt bleiben müssen. Schade?
Wahr ist jedenfalls, dass mittlerweile wohl jeder Situationen kennt, in denen die vorgegebenen Raster nicht zu konkreten Anliegen passen und Beamte dennoch Entscheidungen nach den Vorgaben und nicht in Ansehung der Umstände fällen müssen. (48f) Das frustriere beide Seiten, wobei die Betroffenen meist den Beamten die Schuld geben, denen allerdings die Hände gebunden sind. David Graeber zitierend meint Rosa, so würden aus an sich notwendigen Tätigkeiten "Bullshit- Jobs", die auch von einer KI-gestützten Maschine erledigt werden könnten. Diese Sinnentleerung zehre an den emotionalen Energien der Ausführenden und führe so zu Burn- Out, Depressionen und anderen wohlbekannten "Zivilisationskrankheiten". Ich fand das anschlussfähig an Befunde von Amlinger/ Nachtwey ("Zerstörungslust"), die ebenfalls in dem "bevormundenden Staat" und damit einher gehend in dem Verlust von Selbstwirksamkeitserfahrungen Gründe für Frustration und eben Zerstörungswut (oder der Sündenbockmentalität- Beamte, Lehrer oder Polizisten sind schuld) sehen. Rosa fügt dem eine interessante Beobachtung hinzu, wenn er schreibt, dass derart frustrierte Menschen in ihrer hilflosen Elitenkritik Menschen wie Trump oder Musk dafür bewundern, wie leicht die sich über die uns einengenden Gesetze und Regeln hinweg setzen. (102) Das gilt dann als zurückgewonnene Handlungsmacht, die bewundert wird. Mir scheint, diese kleine Beobachtung trägt mehr zum Verständnis des Erfolgs autoritärer Parteien und ihrer Führer bei, als (fast) alles andere, was bisher zum Thema geschrieben wurde. "Antifaschismus" geht jedenfalls am wirklichen Problem vorbei.
Die Auflösung einer komplexen Situation in ihre einzelnen Teile, die freilich den Zusammenhang des Ganzen notwendig zerstört, illustriert Rosa an dem gut bekannten Beispiel der Corona- Zeit. Die Unsicherheit, die durch die Vielzahl unbekannter Momente hervorgerufen wurde, hat man reduziert auf binäre Fragen nach "Impfung- Ja?" oder "Impfung-nein?". Nach dem gleichen Muster wird aber auch Bildungswissen in Quizz-Shows oder schulischen/ universitären Tests auf die Frage nach A, B oder C reduziert. Man könnte nun annehmen, was Rosa auch tut, dahinter verberge sich die zunehmend unseren Alltag beherrschende kybernetische Logik. In diesem Sinne beschreibt der Autor im Mittelteil des Buches unsere selbstverschuldete Unmündigkeit (durch "parametrische Optimierung"/ 146) gegenüber Selbstoptimierungs-Apps u.ä. Nichts Neues, aber man muss es immer wieder sagen. Allerdings, und darin besteht die Schwäche seiner Argumentation, übersieht der Autor seinen eigenen Hinweis auf den "Taylorismus" (147) als den Beginn einer Verfahrensweise, die im kapitalistischen Arbeitsprozess (!) als Serienproduktion dieselbe in solche Einzelschritte zerlegt, die dann von dafür nicht besonders qualifizierten Arbeitern vollzogen werden können. Mich haben diese Überlegungen sofort an M. Thatcher erinnert: "There is no such thing as society." Rosa, sonst durchaus an Marx orientiert, übersieht hier die in der konkreten Produktionsweise (heute Roboterisierung und daher Algorithmierung) angelegte Tendenz zur Versachlichung und Verdinglichung von allem und jedem, die er ansonsten u.a. anhand von Eva Illouz These, im Kapitalismus sei es zunehmenden unmöglich sich selbst oder andere zu lieben, illustriert. Ein Anschluss an Lukács hätte hier weitergeholfen als die Berufung auf Simmel und Weber.
Aber immerhin: Was Weber anbetrifft, hätte Rosa ernster nehmen sollen, dass es das "stahlharte Gehäuse" bürgerlich-kapitalistischer Realität ist, das "Lösungen" wie die abschließende Berufung auf indigenes oder anderswie vormodernes Wissen als das entlarvt, was es allenfalls anbieten kann: Eine Schein-Lösung! "Jugaad" und "Jeitinho", was man frei als das Bestreben übersetzen könnte, im vorgegebenen Rahmen nach Spielräumen zu suchen (nicht umsonst das Grundprinzip von Korruption) führen bestenfalls zu individuellen, nicht aber zu grundsätzlichen Lösungen. Hier, am Ende, ist Hartmut Rosa schwach. Da muss unbedingt weitergedacht werden, obwohl es natürlich sein kann, dass der verbeamtete Professor die komplexe "Situation" (vorerst?) nur im Sinne einer Reformierung angehen, nicht aber die Systemfrage stellen kann. ;-) Das aber sollte man tun, weil sonst alles Schimpfen auf Eliten und Bürokratie usw. rein gar nichts bringt; das sind nur die sichtbaren Auswüchse, nicht aber die wirklichen Defizite eines Systems, in dem die Konkurrenz einerseits das ständig anwachsende Bedürfnis nach Verrechtlichung und Vergleichbarkeit produziert und andererseits gerade deswegen "stromlinienförmig" angepasste und wegen des Profiprinzips möglichst wenig individuelle Menschen hervorbringt, die sich als Konsumenten und "gute Staatsbürger" am besten nur noch in genau definierten und vorauszusehenden Situationen als Käufer und Untertanen verhalten. Dazu hätte man von Hartmut Rosa mehr erwarten können.
Fazit: Dennoch ein gut lesbares Buch für alle diejenigen, die wissen wollen, warum Kapitalismus u.U. reich, aber deswegen trotzdem niemanden wirklich glücklich macht. Neben diesem soziologisch-philosophischen Anspruch, der allerdings in bester Sachbuchmanier auch für den Laien gut verständlich daher kommt, gibt es jede Menge einzelner treffender Beobachtungen und Kommentare quasi in Nebensätzen, die die Lektüre trotz der vielen offenen Fragen zu einem Gewinn machen. Lesen und selbst nach- und weiterdenken machen ja nicht dümmer.
1. Diagnose: Vom Urteil zur Vollzugslogik Hartmut Rosas Situation und Konstellation ist ein maßgeblicher Weckruf gegen ein technokratisches Gestell, das unsere Lebenswelt in eine binäre Ja/Nein-Wüste zu verwandeln droht. Während Immanuel Kant in der „Kritik der Urteilskraft“ noch die Freiheit des Geistes feierte, im Besonderen das Vermögen, im Besonderen das Allgemeine zu entdecken — die reflektierende Urteilskraft — erleben wir heute einen schleichenden Rückzug in eine bloße Vollzugslogik. Wir sind nicht länger Subjekte, die in einer Lichtung der Möglichkeiten situativ entscheiden, sondern zunehmend Anhängsel algorithmischer Konstellationen, die den Spielraum für echte Potentialentfaltung diplomatisch, aber bestimmt verengen.
2. Symptome: Der Mensch als Rädchen Ob die Ärztin, die vor allem den Bildschirm pflegt, oder der Schiedsrichter, dessen Augenmaß dem digitalen Hochdruck-Verfahren des VAR geopfert wurde — Rosa zeigt mit außergewöhnlicher Schärfe, wie der Mensch zum Rädchen im Getriebe wird. Nimmt man Karl Poppers Diktum ernst, dass alles Leben Problemlösen sei, dann geraten wir hier in eine existentielle Schieflage: Wo Algorithmen Probleme bereits gelöst haben, bevor wir überhaupt auf „Stimme zu“ klicken können, verkümmert unsere Fähigkeit zum schöpferischen Versuch und Irrtum. Der „Alte aus Rhöndorf“ hätte angesichts dieser Apparate-Hörigkeit wohl trocken gemahnt, man solle keine „Experimente“ mit der menschlichen Seele veranstalten, indem man sie zum bloßen Vollzugsorgan degradiert.
3. Tiefenstruktur: Transparenz als Feind der Urteilskraft Diese Entwicklung bedroht das, was Kant als „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ beschrieb — jenen freien Spielraum der Erkenntniskräfte, der uns überhaupt erst zu handelnden Menschen macht. Rosa entlarvt die moderne Transparenz-Sucht als den eigentlichen Oberschurken: Sie betoniert durch Richtlinien, Kennzahlen und Formulare jede Lichtung situativer Klugheit zu. So entsteht das Bild einer strukturellen Überforderung des Geistes, der zur bloßen Bestätigungstaste herabgestuft wird und dabei zusehen muss, wie seine vitale Handlungsenergie in einem Meer vorformatierter Klicks versickert.
4. Perspektive: Rückgewinnung menschlicher Souveränität Doch Rosas Buch ist weit mehr als eine Analyse der Frustration. Es ist ein überragender Aufruf zu neuer Potentialentfaltung. Er fordert einen logischen Befreiungsschlag, um menschliche Urteilskraft gegen maschinelle Logik zu verteidigen und jenen Spielraum zurückzuerobern, den Popper für Fortschritt, Erkenntnis und Leben selbst als unverzichtbar ansah. „Situation und Konstellation“ ist damit das Nonplusultra für alle, die sich nicht mit der Rolle bloßer „Vollziehender“ abfinden wollen, sondern die maßgebliche Kraft suchen, in einer Welt algorithmischer Konstellationen wieder echte, unvorhersehbare und lebendige Entscheidungen zu treffen — eine finale Ermutigung zur menschlichen Souveränität.