Wenn die Welt sich verändert, braucht es Geschichten, die Halt geben – 2Hellere Tage" erzählt eine davon. Nach dem gefeierten Gesellschaftsroman "Mittsommertage" führt Ulrich Woelk seine Protagonistin Ruth Lember durch eine weitere Phase existenzieller Umbrüche und erzählt mit literarischer Eleganz vom Wandel der Werte und der Suche nach Nähe. Sein Roman ist das überzeugende Portrait einer Generation, die die fühlt, wie ihre Distanz zur Gegenwart wächst.
Ruth, Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität, lebt inzwischen allein in Berlin-Moabit. Ihre Ehe mit Ben ist Vergangenheit, die Beziehung zu seiner Tochter ist zerbrechlich und doch voller Nähe. Ihre Studentinnen und Studenten scheinen von Jahr zu Jahr jünger zu werden, der wachsende Abstand zu ihnen beunruhigt Ruth ebenso wie die Spaltung der Gesellschaft. Dann tun sich auch im Privaten, der sicher geglaubten Vergangenheit, Risse Der Tod ihres Vaters konfrontiert Ruth mit einem Familiengeheimnis, das ihre Identität erschüttert. Mit feiner Ironie und großer Empathie zeichnet Woelk das Porträt einer Frau, die sich den Fragen ihrer Zeit Was bleibt von familiären Bindungen, wenn die Konstellationen neu verhandelt werden? Wie verändert sich unser Selbstbild, wenn die Vergangenheit in anderem Licht erscheint? Hellere Tage ist ein kluger, berührender Gesellschaftsroman über Generationen, Identität und den Wunsch, uns zugehörig zu fühlen – ein literarischer Spiegel unserer Gegenwart.
Ruth ist Universitätsprofessorin für Philosophie und ihr Leben gerät ins Wanken, als aufgedeckt wird, dass sie als junge Frau und Umweltaktivistin an einem Anschlag an einem Strommasten beteiligt war. Sie ist Mitte fünfzig, hat sich vor einiger Zeit von ihrem Mann getrennt, nachdem dieser eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau begann und ist jetzt offen für neue Abenteuer, auch wenn sie ihrem Ex immer noch gram ist. Auch ihr Verhältnis zu ihrer Ziehtochter Jenny ist mittlerweile distanziert, aber Ruth arbeitet daran, dies wieder zu ändern. Als ihr Vater dann noch stirbt und sie sein gut gehütetes Geheimnis entdeckt, stellt sie all ihre Beziehungen in Frage - und philosophiert darüber.
Ulrich Woelk setzt mit "Hellere Tage" seinen Erfolgsroman "Mittsommertage" fort. Ich kannte den 1. Teil nicht, kam größtenteils aber gut mit der Geschichte mit. Der Schreibstil des Autors ist eingänglich und ich habe das Buch recht gern gelesen, nachhallen tut es bei mir aber überhaupt nicht mehr. Daweil greift der Autor allerhand wichtige und gegenwärtige Themen auf: wie geht es einer Frau in der Wissenschaft, wie ist es kinderlos zu sein und doch ein Ziehkind zu haben, mit dem man sich verbunden fühlt, wie geht eine Frau mittleren Alters mit ihren Bedürfnissen um, wie soll sich Frau ihrem Ex-Partner gegenüber verhalten, der sich entschloss, sich in eine Jüngere zu verlieben, was bedeutet Besitz, wie lässt man einen Elternteil, der sein Leben honorig gelebt hat, gehen, wie geht man mit der Homosexualität von nahen Angehörigen um, wie handhabt man unerwartete Situationen, wie geht man mit jemanden um, der einem unbekannt vertraut ist und bei dem man feststellen muss, dass er politisch zum Extremen tendiert, man selbst auch durchaus die Einstellungen nachvollziehen kann, und so weiter uns so fort.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich Ruth einfach so treiben lässt, ihre Entscheidungen, die sie trifft, sind oft intuitiv, nicht immer nachvollziehbar, sie ist neugierig, das muss man ihr zugute halten. Genauso kann man den Groll ihrem Ex-Partner gegenüber verstehen, dass sie ihn einfach nicht so davon kommen lassen will, auch weil er sie unter Druck setzt und ihr Schuldgefühle einreden mag, die sie einfach nicht haben muss. Die Beziehung zu ihrer Ziehtochter Jenny ist angespannt, hier wäre es vermutlich sinnvoll, den Erstroman zu kennen. Jenny hatte eine toxische Beziehung, wir erfahren, dass ihr Partner als Student von Ruth eine gewisse Obsession ihr gegenüber entwickelt hat und es kann gemutmaßt werden, dass er Jenny dazu missbraucht, um Ruth näher zu kommen. Er erniedrigt Jenny und sie lässt es sich gefallen, denkt sogar in die Richtung, sich ihm völlig zu unterwerfen, ihm Untertanin zu sein, was durchaus abstoßend anmutet. In die Tiefe gehen diese Gedanken Jennys aber nicht, vermutlich wäre versteht man diese Figur besser, wenn man "Mittsommertage" gelesen hat.
Der Roman reißt so viel Themen an, ohne in die Tiefe zu gehen, dass man die Protagonistin Ruth gar nicht so genau kennenlernen kann. Sie ist wenig fassbar, doch irgendwie selbst bestimmt, manchmal emotional, manchmal abgeklärt, manchmal naiv und manchmal stur, aber für mich überhaupt nicht greifbar. Schade, dass sich der Autor nicht dazu entschlossen hat, entweder ein umfangreicheres Buch zu schreiben, in dem man seinen Haupt- und Nebenfiguren näher kommt oder sich auf einige wenige Aspekte zu beschränken. So bleibt Ruth, Jenny und all die anderen blass, nicht immer nachvollziehbar und vergisst sie folglich auch wieder schnell.
Mein Fazit: "Hellere Tage" ist ein Roman der mit viel Zeitgeist grüßt, der aber aufgrund der Vielfalt der angeschnittenen Themen den Figuren zu wenig Entwicklung und Tiefgang ermöglicht. Er ist zwar gut zu lesen, hallt aber leider nicht nach.
„Hellere Tage“ von Ulrich Wölk ist ein Gesellschaftsroman unserer Zeit, der viele aktuelle Themen aufgreift und sie in die Lebensrealität seiner Figuren einbettet. Themen wie politischer Extremismus, sexuelle Orientierung, Umwelt- und Klimaschutz fließen in die Handlung ein ohne dass der Roman dabei belehrend wirkt. Stattdessen entsteht beinahe eine Chronik unserer Gegenwart, die zeigt, welche Fragen und Konflikte unsere Gesellschaft derzeit beschäftigen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Ethikprofessorin Ruth, Mitte fünfzig, die sich nach der Affäre ihres Mannes Ben plötzlich neu orientieren muss. Sie sucht nach Nähe, Liebe und Sexualität, streitet gleichzeitig mit ihrem Ex um eine Immobilie und versucht weiterhin eine enge Beziehung zu ihrer Stieftochter Jenny aufrechtzuerhalten. Parallel dazu wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Vor Jahren war sie an einem linksextremistischen Anschlag auf einen Strommast beteiligt, was berufliche Konsequenzen für sie hatte. Hinzu kommen der Tod ihres Vaters und ein Geheimnis, das dieser ihr zeitlebens verschwiegen hat. Dadurch stellt sich Ruth zwangsläufig die Frage, wie gut sie ihn eigentlich wirklich kannte. Ihr Leben gerät zunehmend ins Wanken.
Besonders gelungen fand ich Ruth als Figur. Ihr Seelenleben wird offengelegt. Sie ist intellektuell, reflektiert, aber auch verletzlich. Gerade ihre Gedanken über gesellschaftliche Entwicklungen machen den Roman interessant. Auch die Beziehung zu Jenny ist glaubwürdig geschrieben. Ruth bemüht sich ehrlich um einen guten Kontakt zu ihrer Stieftochter, hört ihr zu und ist bereit, sich auf ihre Sichtweisen einzulassen. Gleichzeitig merkt man, wie sehr Jenny zu Ruth aufblickt. Sie möchte selbst rebellisch und aktivistisch sein, erkennt aber schnell, dass sie an ihre Grenzen stößt und Ruth in ihrer Jugend deutlich kompromissloser und mutiger war.
Sehr amüsant war zudem die Szene, in der Jenny für ihren Freund ein Steak kaufen möchte, es an der Kasse jedoch zurücklegt, nachdem sie dort eine alte Bekannte trifft. Die Scham darüber, in bestimmten Kreisen mit Fleischkonsum negativ aufzufallen, beschreibt Woelk äußerst treffend. Gerade solche kleinen Momente halten unserer heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor und machen den Roman so zeitnah.
Trotz vieler starker Ansätze hätte ich mir an manchen Stellen allerdings mehr Tiefe gewünscht. Einige Themen werden eher angerissen als wirklich ausgearbeitet. Die Homosexualität von Ruths Vater verläuft beispielsweise etwas im Sande, ebenso die beginnende Affäre mit dem unter RAF-Verdacht stehenden Harald. Andererseits passt genau das vielleicht auch zum Konzept des Romans. Denn nicht jede Geschichte findet eine klare Auflösung, manches verliert sich einfach im Alltag und bleibt fragmentarisch, genau wie im echten Leben.
„Hellere Tage“ ist ein Roman über gesellschaftliche Umbrüche, persönliche Krisen und die Frage, wie man sich selbst immer wieder neu erfindet. Trotz aller Schwere bleibt am Ende ein hoffnungsvoller Ton zurück und die leise Erinnerung daran, dass nach dunklen Zeiten eben doch wieder hellere Tage kommen können. Für mich ein kluger, aktueller und sehr menschlicher Roman.