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Heim holen

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Aufgewachsen ist Lina, ein Kind der 1990er, in einer Welt, die aus der Zeit gefallen scheint: in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich nach Vertreibung und Flucht in Salzburg angesiedelt und ihr traditionelles Leben nach 1945 dort fortgesetzt hat.

Als Lina eines Abends von der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters erfährt, beginnt sie, nach Antworten jenseits der großen Opfererzählung zu suchen. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung, will sie erstmals das Schweigen brechen. Getragen von ihren engen Freund*innen stellt sich Lina ihrer Familiengeschichte und bricht zu einer Recherche auf, die sie bis nach Belgrad führen wird. Als sie endlich auch die Konfrontation mit ihrer Mutter sucht, wird das zur Zerreißprobe

272 pages, Hardcover

Published January 19, 2026

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About the author

geboren 1992 in Salzburg, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Katherina Braschel ist zudem Kulturveranstalterin, Redaktionsmitglied zweier Literaturzeitschriften und gibt Schreibworkshops. 2024 war sie Writer-in-Residence der Max Kade Foundation an der Bowling Green State University in Ohio (USA). Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, u. a. den Förderpreis der Rauriser Literaturtage (2019) und den WORTMELDUNGEN-Förderpreis (2019), den Limburg-Preis (2022). 2020 publizierte sie den experimentellen Band „es fehlt viel“. „Heim holen“ ist ihr erster Roman.

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Profile Image for Johann Guenther.
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February 3, 2026
BRASCHEL, Katherina: „Heim holen“, Salzburg 2026
Es ist die Aufarbeitung in der dritten Generation. Gleich im ersten Kapitel erfährt man, dass die Großeltern der Ich-Erzählerin Lina Donauschwaben waren. Sie sind während oder nach dem Krieg von Belgrad nach Österreich ausgewandert und haben sich in Salzburg niedergelassen. Die so nach Österreich emigrierten Donauschwaben blieben auch in Österreich beisammen. Sie wohnen alle nebeneinander und sie organisieren einen Verein, in dem sie ihre Vergangenheit hochhielten.
In eigenartiger, neuer Art und Weise wird das Haus der Großeltern beschrieben. Lina kann im „Kopf mit dem Zeigefinder“ alles abfahren und sieht es imaginär. So beschreibt sie auch das Haus, das sie als Kind kennengelernt hat. Oft ist es daher die Perspektive eines Kleinkindes, das etwa den Teppichboden besser kennt als jeder Erwachsene, der darüber geht. Das Kind spielt aber auf diesem Niveau und weiß, dass der Teppich Schlingen hat, die es möglich machen ein Playmobilmännchen mit einem Fuß in die Schlinge zu stecken, damit es stehen kann.
Die Geschichte springt dann in eine Zeit, in der die Tochter, Enkelin, Lina in Wien wohnt, während die alleinerziehende Mutter als Pensionistin in Salzburg bleibt. Die Telefonate mit der Mutter sind für Lina eine Pflichtübung.
Als Kind hat sie im Verein der in Salzburg angesiedelten Donauschwaben in traditioneller Tracht bei feierlichen Anlässen mitgewirkt. Die Großeltern waren ihr wichtige Bezugspersonen. Der Opa verstarb früher als seine Frau. Oma lebte 19 Jahre allein und wurde dement. Als Teenager war Lina angehalten die Oma zu versorgen. Als auch die Oma verstarb und Lina älter und selbstständig geworden war, wollte sie mehr über die Großeltern wissen. Sie beginnt nachzuforschen und deckte ein trauriges Kapitel auf. Die Donauschwaben lebten auf serbischem Gebiet. Sie waren Außenseiter. Als dann die deutsche Wehrmacht Serbien eroberte, waren sie wieder gefragt und die jungen Männer traten fast geschlossen der SS bei. So auch der Opa. Im Rahmen Linas Nachforschungen musste sie feststellen, dass sie sich in dieser Organisation profilierten und zu den brutalsten zählten. Für jeden von den Partisanen ermordeten deutschen Soldaten wurden 1941 im Gegenzug von den Deutschen 100 Gefangene oder Geiseln erschossen.
Linas Nachfragen bei der Mutter führten zu keinem Erfolg. Sie wusste angeblich Nichts. Auch der Opa habe nur wenig erzählt. Lina aber will mehr wissen und besorgt sich umfangreiche Literatur und liest die Aufzeichnungen des verstorbenen Großvaters. Dieses Studium zieht sie in Bann. Letztlich bricht sie allein nach Belgrad auf, um zu sehen, wo die Großeltern gewohnt haben, wo das KZ am ehemaligen Messegelände in unmittelbarer Nähe zum Wohnort war. 40.000 Juden waren interniert und 10.000 wurden ermordet. Präzise verfolgt sie alle Spuren, besucht ein Museum im besagten Vorort von Belgrad. Dort findet sie ein Plakat vom 16. April 1941, in dem Juden aufgefordert wurden, sich um 8 Uhr bei der Schutzpolizei zu melden. „Darunter der Satz „Juden, die dieser Meldepflicht nicht nachkommen, werden erschossen.““ Da stellte sich Lina die Frage, warum dann die Menschen von damals sagen, sie haben von Nichts gewusst. Sie haben in der Nähe eines Konzentrationslagers gewohnt und sie sind an Plakaten, wie an diesem vorbeigegangen. Das mussten sie doch gelesen haben.
Verändert kommt sie heim. Mit ihrem verständnisvollen Freund arbeitet sie alles auf und versöhnt sich letztlich mit der Mutter, mit der es durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit zu Differenzen gekommen war.
Lina fühlte sich während ihrer Aufarbeitungsphase vom Großvater verraten: „Verraten denke ich. Das ist es, was ich fühle. Ich fühle mich von dem warmherzigen Großvater meiner Kindheit verraten.“ (Seite 207) Als sie ihre Arbeiten abgeschlossen hatte, sah sie wieder den lieben Opa in ihm.
Es ist schön, dass diese Zeit aufgearbeitet wird, wenn auch erst zwei Generationen später. Katherina Braschl macht es sehr einfühlsam und sehr emotionell. Und trotzdem ist es Literatur. Ihre Formulierungen – auch wenn es Fakten sind – werden sehr schön umgesetzt.
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