Wahrscheinlich der schlechteste aller Henry-Rios-Krimis, noch falscher konstruiert als der erste. Was doch immerhin heißt, dass es von hier her nur besser wird! Schon hier wechselt der Strafverteidiger für den größten Teil der Geschichte von San Francisco nach Los Angeles und macht Bekanntschaft mit den düsteren Seiten des Filmgeschäfts in Hollywood. Was dann im sechsten und dicksten Roman, „Verbrannte Erde“, zum spannendsten und ergreifendsten Abenteuer führt.
Der Mordfallplot war offenkundig zu simpel und durchschaubar, sodass sich der Autor mehrere Schikanen und denkbare Alternativ-Handlungen dazu ausdenken musste, die jetzt allerdings kaum noch stimmig in „die Kiste“ des Romans hinein wollen. Das sieht nach Durcheinander aus, auch wenn es das zum Schluss vielleicht gar nicht war.
Ein alter Freund Rios' aus gemeinsamen Aktivistentagen ruft ihn zur Hilfe, weil ein schwuler 19-Jähriger, ein Kellner, angeklagt ist, einen ebenso jungen Kollegen im Keller des Lokals erstochen zu haben, damit dieser nichts über seine gelegentlichen Kontakte zu Parkplatzfreiern berichten kann. Der Junge behauptet, unschuldig zu sein, sich aber an nichts mehr erinnern zu können. Man hat ihm mit einem Motiv und dem Messer in der Hand erwischt. Sonst gibt es keine Verdächtigen. Henrys Freund, der sich bald als AIDS-Kranker im finalen Stadium offenbaren wird, auch dies etwas ruckartig, möchte einen armen Jungen retten vor seinem Tod, egal, ob dieser getötet hat oder nicht. Er hätte sich verzweifelt vor der gesellschaftlichen Diskriminierung zu schützen versucht.
Erscheint schon dies etwas fragwürdig, man könnte jede Abwehr von Erpressung von Schwulen als Statement gegen gesellschaftliche Diskriminierung lesen, aber auch die Verquickung von Teenagersex mit den letzten Tagen eines AIDS-Kranken kann einem gewollt vorkommen (für Rios reicht es zum Fall, wenn er gegen die Welt voller Feinde antreten kann), wird es bald zu dicke mit den überraschenden Brüchen wie auch den herbei befohlenen Neu-Verbindungen. Am Ende wird man es dann auch verstehen können, aber wieso zum Teufel muss der arme Junge nach der Hälfte der Geschichte in ein Dauerkoma versenkt werden? Der, um den es sich drehen sollte, ist unansprechbares Gemüse! Dafür, wie der Springteufel aus der Box, wird Henry mit einer guten Freundin, einer Schauspielerin versorgt. Plötzlich scheint die Sache irgendwas mit Hollywood zu tun zu haben. Die Schauspielerin ist zwar heterosexuell, ihr Ehemann aber spielt den Normalen nur auf der Bühne und im Film, ansonsten ist er proletarischen Jungs vor ihrem Coming-out hinterher. Wie aber sein Agent gleich auch noch, eine dicke, tückische Tunte. Und der als Schauspieler zwar wesentlich weniger schöne, aber bessere Ensemblekollege. Ein wenig viele Schwule jetzt überall und alle wollen sie was von Henry, der aber nie was will, wenn er nicht ehrlich liebt. Darum trifft er erstmals seinen Josh, den Partner für die nachfolgenden Fälle. Der ist noch fast so jung, so schön, so verwirrt wie der Tote, den sie Goldenboy nannten. Und er arbeitet auch noch in derselben Kneipe. Eine Gaststätte mit überraschend vielen Schwulen. Soll's ja geben.
Wieso unternimmt bei so viel Andrang und Not Henry jetzt erst einmal Freizeitausflüge mit einer Hetero-Frau, die ihm Ehrfurcht einflößt?
Und warum, wenn am Ende, als in West Hollywood dem Mörder eine Falle gestellt wird, wenn er nachts am Straßenstrich sein nächstes Opfer auflesen will, aber der Motor säuft ab von dem Polizisten, der ein Freund von dem schwarzen Ex-Cop ist, den Henry Rios als seinen Ermittler eingestellt hat und der, um ihm eine Freude zu machen, zu einem Treffen in einer Schwulenbar einen rosa Chinchilla-Pullover getragen hat, warum, - und man hat noch gesehen, wie das Mörderauto eine Querstraße weiter unten in eine menschenleere Fabrikstraße eingebogen ist, warum kann man ihn dort unten dann auch tatsächlich finden, jedenfalls das vergewaltige Opfer, nachdem er doch noch entkommen ist, das Opfer sagt, bevor es losging, ist er herumgefahren mit mir, hat groß einen auf Liebe gemacht, mich abgeküsst, wir haben eine Haschzigarette geraucht. Ähm ja, dann aber ist er immerhin zu der Straße zurück, in die Henry und der Ermittler ihn hatten einbiegen sehen.
Der Autor Michael Nava, der die ganzen Jahre doch immer weiter als Jurist gearbeitet und Geld verdient hat, er muss schon ein recht hartnäckiger Zeitgenosse sein, hat 1999 (im höchst empfehlenswerten Interviewband „Something Inside – Gay Fiction Writers“) angegeben, jeden seiner Romane habe er mehrfach komplett neu verfasst, bevor er ihn dem Verlag zeigte. Es sind jedes Mal zwei Jahre zwischen seinen (ersten sieben) Romanen vergangen. Im Jahr 2019 hat er dann eine Neufassung dieses Abenteuers unter dem Titel „Carved in Bone“ nachgelegt, wie er zuvor das erste Buch auch noch mal neu geschrieben hatte. Ich habe allerdings nur das Buch von 1988 gelesen. Möge es 30 danach besser geworden sein! Goodreads tut leider so, als wären beide Versionen dasselbe Buch, sind sie aber nicht.