Die Hamburgerin Nina ist Grafikerin bei einer Frauenzeitschrift, Single und ziemlich unzufrieden. Sie will mehr vom Leben, am liebsten Luxus, Reichtum und einen attraktiven Mann. Was liegt also näher, als den gesamten Jahresurlaub auf einmal zu nehmen, nach Sylt zu fahren und sich dort auf die Suche nach einem einsamen Millionär zu machen?
Vielleicht hätte ich bei diesem Inhalt schon ahnen können, dass mir Nina und ihr Plan niemals besonders sympathisch sein würden. Da ich jedoch den zweiten Teil "Sylt oder solo" als Rezensionsexemplar erhielt und einen anderen Glücksroman von Claudia Thesenfitz sehr charmant fand, gab ich "Sylt oder Selters" eine Chance und wurde ziemlich enttäuscht.
Der Schreibstil ist sogar für ChickLit sehr einfach und umgangssprachlich. Auf schöne Formulierungen oder Beschreibungen der Sylter Natur verzichtet die Autorin völlig, dafür gibt es ziemlich häufig drei Punkte am Satzende. Der Humor hat gar nicht meinen Geschmack getroffen, denn Claudia Thesenfitz platziert ständig irgendwelche Witze, Wortspiele, Sprüche und Buzzwords, die an den Stellen überhaupt keinen Sinn ergeben. Hinzukommt, dass diese Witze schon beim ersten Lesen und im realen Leben total ausgelutscht sind und trotzdem im Buch noch zig Mal wiederholt werden. Dasselbe gilt für die Farbbeschreibungen "durchfallfarben" oder "kotzgrün", die die Autorin offenbar zum Schreien lustig findet und daher ständig benutzt. Insgesamt wimmelt es im gesamten Buch nur so von Parolen und "Witzen" aus Frauenzeitschriften, das war mir wirklich viel zu flach und unkreativ für ein Buch. Positiv waren die recht kurzen Kapitel, die sich aufs Wesentliche beschränken, denn daher lies sich das Buch wenigstens schnell lesen.
Auch sonst ist das Buch einem Artikel in einer Frauenzeitschrift leider nicht besonders fern. Es dreht sich alles um Sex, den perfekten Plan einen Millionär zu verführen und selbst die Füße hochzulegen, Affären anzufangen und nach einer Scheidung dann abzukassieren. So direkt sagt Nina das natürlich nie, andere Frauenfiguren im Buch werden aber für genau diese Taktik gefeiert und auf solch armselige Methoden reduziert, sodass sich eigentlich jede Frau für diese Story und die enthaltenen Aussagen schämen sollte.
Die Liebesgeschichte ist dazu auch noch unglaubwürdiger als in jedem Jugendbuch. Nina und Mister Perfect kennen kaum ihre Namen, da fängt er schon an ihre Hand zu streicheln und sie ist schockverliebt. Bei mir ist kein Funke übergesprungen und die zugehörigen Szenen waren für mich alles andere als romantisch oder intensiv.
Zum Schluss möchte ich noch ein Beispiel für Ninas Charakter bringen , verbunden mit dem verzweifelten Versuch irgendwelche "lustigen" Sprüche in das Buch einzubauen: Es ist ein sonniger Strandtag auf Sylt und Nina lehnt Sonnencreme mit haarsträubenden Verschwörungstheorien gegen die Pharma-Industrie ab. Nur ein paar Seiten weiter hat sich die Sonne verzogen, es gewittert und ist kalt und Nina schreibt in ihr Tagebuch "Lieber Sommer, bitte komm zurück, meine Sonnencreme steht im Bad und heult.". Bravo!
Insgesamt finde ich, dass niemand etwas so frauenverachtendes und unkreatives wie dieses Buch lesen sollte. Das Ende ist übrigens auch total vorhersehbar und an den Haaren herbei gezogen. Auf den zweiten Teil hätte ich gut verzichten können, wäre er kein Rezensionsexemplar gewesen.
(April 2018)