Hannes Bohn will nur als Künstler leben. Doch für so einfache Wünsche ist die DDR zu eng. Hannes landet im Gefängnis, drogensüchtig und hoch verschuldet. Wenig später entdeckt die Stasi seine Begabung und bildet ihn zum Kunstfälscher aus. Erneut scheitert Hannes, diesmal an seiner Heimlich fälscht er ein Renaissance-Gemälde, um das Original vor dem Verkauf ins Ausland zu retten. Anke Engelmann zeichnet das traurig-komische Leben eines Mannes nach, der durch die DDR-Geschichte stolpert. Er blufft sich durchs Gefängnis, Psychiatrie und Untergrund, bis er selbst nicht mehr weiß, wer er wirklich ein Bild, so oft übermalt, dass niemand mehr das Original kennt. Ist Hannes ein tragisches Genie, ein Blender - oder beides zugleich?
Stell dir vor, du bist so talentiert, dass ausgerechnet der Staat auf dich aufmerksam wird. Nicht, um dich zu fördern, sondern um dich Kunst fälschen zu lassen. Genau darum geht es in Blender von Anke Engelmann. Im Mittelpunkt steht Hannes Bohn. Ein Mann mit außergewöhnlichem Talent, aber ohne wirklicher innere Stabilität. Einer, der zeichnen und imitieren kann wie kaum ein anderer, dem jedoch beigebracht wurde, sein eigenes Leben wirklich zu führen.
Schon früh zeigt sich seine Zerrissenheit. Er wächst mit einem „Nennvater“ auf und weiß, dass sein leiblicher Vater auf der anderen Seite der DDR Mauer lebt. Der Fluchtversuch scheitert und hinterlässt einen ersten tiefen Bruch. Hannes ist klug und sensibel, verliert jedoch Schritt für Schritt den Halt. In der Schule begegnet er Lutz, einer Figur, die ihn sein Leben lang begleitet und immer wieder in Bedrängnis bringt. Alkohol, Drogen, Schulden und gescheiterte Beziehungen ziehen sich durch sein Leben von dem Punkt an. Er erzählt sich sein Leben gern etwas schöner, als es war. Sein Talent bleibt dennoch unübersehbar. Im Gefängnis entstehen zahlreiche Zeichnungen und er wird als Tätowierer bekannt. Schließlich gerät er ins Visier der Staatssicherheit. Man richtet ihm ein Atelier ein und beauftragt ihn mit Kunstfälschungen. Besonders das Gothaer Liebespaar wird zum Wendepunkt. Ausgerechnet diese Fälschung bewahrt ihn vor dem völligen Absturz.
Der Roman zeigt eindringlich, wie eng Kontrolle und persönliche Schwäche ineinandergreifen. Hannes steht unter Beobachtung, doch zugleich sabotiert er sich immer und immer wieder selbst. Sein Leben wirkt fragmentiert, wie einzelne Episoden ohne festen Kern. Mich hat vor allem die Erzählweise überzeugt. Die Spannung bleibt konstant, humorvolle Momente wechseln sich mit ernsten, fast schmerzhaften Passagen ab. Die inneren Gedankengänge machen Hannes greifbar, auch wenn man sich oft über ihn ärgert. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen wortwörtlich verschlungen. Vielleicht, weil Hannes kein strahlender Widerstandskämpfer ist, sondern einer von vielen, die Talent hatten und dennoch nie gelernt haben, es in ein selbstbestimmtes Leben zu verwandeln. Genau das macht diese Geschichte so tragisch.