Die aktuellen politischen Entwicklungen sind kein Beweis für die bleibende Stärke des Patriarchats, sondern Anzeichen für dessen Ende. Das Patriarchat war eine hierarchische Ordnung mit »alten weißen Männern« an der Spitze, gestützt auf anerkannte Institutionen wie Universitäten, Parlamente und Kirchen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute basiert Macht auf dem Recht des Stärkeren, physischer Gewalt, ökonomischer Überlegenheit und Willkür. Das ist kein Patriarchat, sondern postpatriarchales Chaos. Feministische Strategien müssen darauf reagieren. In ihrem intellektuell funkelnden und geistreich-pointierten Essay nimmt die Politologin Antje Schrupp eine (selbst)kritische Bestandsaufnahme der Frauenbewegung vor und entwirft Perspektiven für einen zukunftsorientierten, konstruktiven Feminismus, dessen oberstes Anliegen eine freiheitliche Gesellschaft ist.
Ein unterhaltsames intellektuelles Kaum jemand schreibt so erhellend über Freiheit und Feminismus wie Antje Schrupp
“Wir müssen verstehen, dass Feminismus nicht Orientierung an den Männern bedeutet, sondern die Bewusstwerdung einer eigenen weiblichen (oder queeren oder sonstigen nicht cis-männlichen) Subjektivität, die nicht nur mitmacht bei einem Spiel, dessen Regeln bereits feststehen, sondern mit eigenen Wünschen und Projekten in Erscheinung tritt. Die die herkömmlichen Schiedsrichter als befangen zurückweist und womöglich nicht nur die Spielregeln ändern, sondern ein ganz neues Spiel spielen möchte. Die das Ziel der “Gleichstellung” als ungenügend zurückweist.”
Ich habe früher regelmäßig den Blog von Antje Schrupp gelesen. Ihre Beiträge waren immer super interessant, auch wenn ich natürlich nicht allem zugestimmt habe. Umso gespannter war ich auf dieses Büchlein!
Im ersten Abschnitt geht es um die Historie der Frauenbewegung, außerdem folgt eine kleine Bestandsaufnahme. Schrupp stellt heraus, warum wir bereits von einer postpatriarchalen Welt sprechen können, Feminismus aber dennoch unverzichtbar ist. Gut!
In Sachen Begehren stimme ich ihr dann allerdings nicht zu. Klar kann jede Frau selbst entscheiden, ob sie mit einem Typen zusammen sein und Kinder will, der sich um nichts kümmert und auch kaum erreichbar ist. Ein feministischer Akt ist das aber nicht. Und wenn Familie und Freundinnen dann verständlicherweise was sagen, ist das auch keine Abwertung des Begehrens der Frau, denn dieses entsteht nicht im Vakuum. Ich habe zu viele Frauen, sowohl familiär als auch freundschaftlich, begleitet, die mit etwas Abstand rückblickend entsetzt waren, dass sie bestimmte Sachen so lange mitgemacht haben. Sie konnten selbst nicht mehr verstehen, warum sie so eine Beziehung mal wollten und heulten jedem verlorenen Tag hinterher. Ich halte es deswegen mit Beatrice Frasl: Entromantisiert euch endlich!
Es wird dann oft sehr philosophisch und theoretisch, dennoch konnte ich ganz viel mitnehmen. Ob Gender, Bro-Culture oder rechte Frauen, Schrupp blickt differenziert auf diese Themen und gibt gute Denkanstöße. Dabei zeigt sie aber immer Haltung!
Im Besonderen beeindruckt hat mich ihre Meinung zu patriarchalen Institutionen (also unser Justizsystem, Universitäten etc.), die Frauen zwar nun Zugang gewähren, aber vielleicht doch eher abgeschafft und durch gänzlich Neue ersetzt werden sollten. Frauen “gleichstellen” wird nie so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Wir brauchen eine komplett neue Welt! Davon träume ich zumindest - und Antje Schrupp wohl auch.
“(...) oder ob man die betreffenden Institutionen nicht auch aufgeben kann, ob sie nicht bedeutungslos geworden sind oder von ihren Prinzipien her ungeeignet für eine freiheitliche Weltgestaltung.”
“Selbstverständlich kann man ungerechte Verhältnisse gleichmäßig zwischen Männern und Frauen aufteilen. Aber wenn die Welt ansonsten genauso ungerecht bleibt wie eh und je, ist damit überhaupt nichts gewonnen.”
Ich habe den Text jedenfalls gerne gelesen und kann ihn nur empfehlen.
Das Buch hat mir super viele interessante Gedankenanstöße gegeben und ist sehr angenehm und in Teilen unterhaltsam geschrieben. Man muss sicher nicht allen Thesen zustimmen, aber das Buch blickt wertschätzend auf unterschiedliche Perspektiven und hat mich auf jeden Fall angeregt meine Positionen zu den Themen zu überdenken.
Immer mal wieder stoße ich auf ein Buch, das ich einfach nicht aus der Hand legen kann. "Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern" ist so ein Buch.
Antje Schrupp legt in ihrem Essay nachvollziehbar dar, dass wir derzeit nicht etwa eine Rückkehr des Patriarchats erleben, sondern vielmehr "postpatriarchales Chaos". Was darunter zu verstehen ist, wie die Autorin dieses Chaos abgrenzt zum klassischen Patriarchat, das ist sowohl interessant als auch einleuchtend - und für mich ein erstaunlicher Quell der Hoffnung.
Diese Einordnung bildet allerdings nur den Auftakt, denn im weiteren Verlauf widmet sich Antje Schrupp der Aufgabe des Feminismus, nicht im Ist-Zustand zu verharren, sondern sich im Gegenteil weiterzuentwickeln und den aktuellen Entwicklungen anzupassen.
Sie geht auf die Geschichte des Feminismus ebenso ein wie auf die Herausforderungen, denen er sich zu stellen hat. Das alles macht sie auf eine so verständliche Art und Weise, dass es wirklich Spaß macht, ihren Ausführungen zu folgen.
"Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern" ist auch deshalb so lesenswert, weil es in vielerlei Hinsicht einladend ist, weil es durchaus (selbst-) kritisch ist und weil die Autorin daran erinnert, was Feminismus war, ist und werden kann.
"Damit verbunden ist ein Perspektivenwechsel für feministische Anliegen: Wir kämpfen nicht für das, was uns vermeintlich zusteht, sondern für das, was wir wollen, was uns am Herzen liegt. (...) Wir halten uns nicht damit auf zu beweisen, dass wir recht haben, denn das interessiert sowieso niemanden. Erst recht entschuldigen und rechtfertigen wir uns nicht für unsere Wünsche und Sehnsüchte. Sondern wir tun konsequent das, was wir für richtig halten; jede*r im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, so gut wir eben können."
Irgendwie hat Antje Schrupp es außerdem geschafft, dass ich mich während der Lektüre immer wieder direkt angesprochen fühlte, dass ich motiviert wurde, dass ich Hoffnung schöpfte. Ich glaube, dafür bin ich ihr am meisten dankbar: dass sie im Kern Hoffnung verbreitet. Mich persönlich motiviert Hoffnung deutlich mehr als das Gefühl, dass "alles verloren" bzw. hoffnungslos ist.
Fazit: Viele kluge Gedanken wurden in einem verständlichen Essay vereint. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, aber als Idee und als Grundlage für Diskussionen und eine neue Welle des Feminismus, vor allem aber als Hoffnungsgeber, funktioniert dieses Büchlein ganz wunderbar.
„Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“ von Antje Schrupp erschien am 11.02.2026 im Aufbau Verlag als Hardcover mit 192 Seiten. In ihrem essayistischen Sachbuch entwirft Schrupp die These, dass wir nicht mehr im Patriarchat leben, sondern längst im „postpatriarchalen Chaos“. Statt alter patriarchaler Ordnung dominierten heute Willkür, Bro-Culture und Machtpolitik – und genau darauf müsse Feminismus neue Antworten finden.
Meine Meinung
Schon auf den ersten Seiten wird klar: Das hier ist kein leicht konsumierbarer Einstiegstext in feministische Theorie, sondern ein bewusst streitbarer Essay, der Debatten provozieren will. Schrupp schreibt klug, pointiert und mit einer sprachlichen Schärfe, die mich überrascht hat. Besonders stark fand ich ihre Analyse antifeministischer Bewegungen und die Verbindung von rechter Politik, toxischer Männlichkeit und gesellschaftlicher Instabilität: „Alle politischen Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind […] sind direkt mit bestimmten Formen von toxischer Männlichkeit verknüpft.“ (S. 13)
Auch ihre Gedanken über Feminismus als gelebte Praxis statt starres Theoriegebäude fand ich spannend: „Feminismus ist kein Parteiprogramm, das man unterschreiben könnte, sondern eine politische Praxis, die gelebt wird oder nicht.“ (S. 17) Solche Passagen waren für mich die stärksten des Buches, weil sie komplexe Zusammenhänge verständlich und zugänglich formulieren.
Und trotzdem blieb mein Lesegefühl insgesamt erstaunlich ambivalent. Vieles wirkte auf mich eher impressionistisch als analytisch. Schrupp springt zwischen Beobachtungen, politischen Diagnosen und philosophischen Überlegungen, ohne ihre Argumente immer wirklich auszuführen. Gerade bei Themen wie Queerfeminismus, Klassenverhältnissen oder Kapitalismuskritik hatte ich oft das Gefühl, dass vieles vorausgesetzt wird, während andere Aspekte kaum mitgedacht werden.
Besonders irritiert hat mich, wie wenig die Autorin ökonomische Ungleichheit und Klassenprivilegien in ihre Überlegungen einbezieht. Der Essay richtet sich für mich sehr deutlich an eine eher akademisch geprägte, ökonomisch abgesicherte Mittelschicht. Dass Freiheit innerhalb kapitalistischer Strukturen überhaupt umfassend erreichbar sei, bleibt für mich ein fragwürdiger Gedanke. Genau deshalb konnte ich manche ihrer Schlussfolgerungen nur schwer mittragen – auch wenn ich einzelne Beobachtungen durchaus scharfsinnig fand.
Sehr gelungen fand ich dagegen ihre Kritik an oberflächigen Social-Media-Debatten: „Was fehlt, ist eine konstruktive Streitkultur.“ (S. 16) Dieser Satz zeigt ziemlich gut, warum das Buch trotz meiner Kritik interessant bleibt: Es fordert dazu auf, sich mit Feminismus wieder ernsthaft auseinanderzusetzen – jenseits von Insta-Kacheln und Schlagworten.
Fazit
Am Ende bleibt für mich ein durchwachsenes Gefühl zurück. Einige Passagen waren wirklich brillant, andere haben mich eher verwirrt oder sogar abgestoßen. Für alle, die gerne politische Essays lesen, feministische Debatten verfolgen und Lust auf streitbare Perspektiven haben. Weniger geeignet für Menschen, die einen leicht zugänglichen Einstieg oder klare Antworten erwarten. Mich hat das Buch gleichermaßen fasziniert wie frustriert – und vermutlich werde ich noch länger darüber nachdenken. Vielen Dank an den Aufbau Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!
Bei Sachbüchern tue ich mich mit dem Dranbleiben oft schwer, und auch bei diesem hat es etwas länger gedauert, bis ich es beendet habe. Trotzdem hat es mir gut gefallen, und ich werde es mit Sicherheit noch einmal lesen, um noch tiefer in die Thematik einzutauchen. Ich fand toll, wie die Autorin ihre Gedanken klar und strukturiert aufs Papier gebracht hat, sodass die Kapitel aufeinander aufbauen und man mit jedem ein bisschen tiefer einsteigt und besser versteht, worauf sie hinaus will. Sie bedient sich dabei einer Mischung aus Bezügen auf andere Autor*innen und Denker*innen und eigenen Erfahrungen und Ideen, was meiner Meinung nach gut funktioniert und überzeugend ist. An der ein oder anderen Stelle hätte ich mir ein bisschen einfacherere Formulierungen gewünscht, damit der Inhalt nicht hinter der Fachsprache verloren geht, aber insgesamt ließ das Buch sich gut lesen, wenn auch nicht abends nach einem langen Tag, ein bisschen Kapazitäten brauchte man schon.
Mit am besten an dem Buch hat mir gefallen, dass die Autorin sehr differenziert auf die Sachverhalte blickt und nicht abwertend oder ausgrenzend wird. Vielmehr denkt sie viele Standpunkte und Lebensmodelle mit und lässt in ihren Ideen viel Raum für Individualität.
Ob nun der individualistische Ansatz ihrer Handlungsempfehlungen das ist, was am meisten Zukunft hat, ist schwer zu sagen, ich konnte ihre Sichtweise aber durchaus nachvollziehen und finde, ihrem Ansatz wohnt eine gewisse Attraktivität inne. Auf jeden Fall ein Buch, über das man sich austauschen und diskutieren kann, mit spannenden Ideen dafür, wo eine feministische Praxis herkommen und wie sie aussehen kann und sollte, und dafür, wie wir im postpatriarchalen Chaos weitermachen können.
Danke an den Aufbau Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!