Jump to ratings and reviews
Rate this book

Gott denken: Versuch über rationale Theologie

Rate this book
Dieses Buch ist der Versuch, den Glauben rational zu überdenken. Theologie, so Holm Tetens, verdient nur dann rational genannt zu werden, wenn sie "die ›Sache mit Gott‹ mit vernünftigen Überlegungen ausfechtet"? mit Überlegungen also, die geschult sind an klarem philosophischen Denken. Tetens Es wird erst dann um die Philosophie "besser bestellt sein als gegenwärtig, wenn Philosophen mindestens so gründlich, so hartnäckig und so scharfsinnig über den Satz ›Wir Menschen sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will‹ und seine Konsequenzen nachdenken, wie Philosophen zurzeit pausenlos über den Satz und seine Konsequenzen nachzudenken bereit ›Wir Menschen sind nichts anderes als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt‹".

96 pages, Paperback

First published February 4, 2015

4 people are currently reading
44 people want to read

About the author

Holm Tetens

13 books1 follower

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
14 (27%)
4 stars
17 (33%)
3 stars
13 (25%)
2 stars
6 (11%)
1 star
1 (1%)
Displaying 1 - 5 of 5 reviews
Profile Image for Liedzeit Liedzeit.
Author 1 book111 followers
September 5, 2024
Holm Tetens kommt aus der analytischen Tradition der Philosophie (Promotion bei Paul Lorenzen), und so ist es vielleicht überraschend, dass er in diesem Buch den Versuch unternimmt, „Gott zu denken“ und gleichzeitig den Naturalismus zurückzuweisen.

Naturalismus und Theismus versteht er als konkurrierende Metaphysiken. Für den Naturalisten, sagt er, Steven Weinberg zitierend, erscheint das Universum sinnlos, das menschliche Leben wenig mehr als eine Farce. (S. 55) Dennoch würde er die von ihm vorgetragene kosmologische (und moralische) Argumentation für den Theismus nicht aufrechterhalten, sollte sich der Naturalismus („wenigstens starke Emergenz“) in Zukunft als richtig erweisen. (S. 85)

Ein mögliches Dasein Gottes sei so ernst zu nehmen wie der Naturalismus „falls sich eine Lehre von Gott aus bestimmten Schwierigkeiten und Problemen des Naturalismus dialektisch herleiten lässt.“ (S. 9)


Zu seiner Ablehnung des Naturalismus später mehr, zunächst aber: Was ist für ihn rationaler Theismus, auf welche Weise denkt er Gott?

Gott ist das einzige unendliche Ich-Subjekt und als dieses ist er weder epistemisch noch in dem, was er will, durch etwas begrenzt und beschränkt, was er selber nicht ist. (S. 34)


Und weiter:

Ein Sachverhalt p ist genau dann der Fall, wenn Gott mit vernünftigen Gründen denkt (denkend erkennt), dass p der Fall ist. (S. 10)


Alles Wirkliche hat also in Gott seinen Grund. Gott ist Schöpfer der Welt, der „alles was in der Welt ist entweder will oder es zumindest zulässt.“ (S. 41)

Die Einschränkung weist auf das Theodizee-Problem hin, mit dem sich Tetens nun beschäftigt. Gott lässt das Übel zu, gemeint ist damit im Wesentlichen das Böse. Der Mensch ist ein endliches Ich-Subjekt (weil er sonst Gott wäre) und darum unvollkommen, aber auch frei.

Und das ist die zentrale These Tetens. „Gott hat kein Vorauswissen vom bewussten, absichtsvollen Handeln eines Menschen.“ (S. 46) Ob Eva den Apfel essen wird oder nicht kann Gott zum Zeitpunkt der Erschaffung des Menschen nicht wissen. Damit ist das moralische Übel in der Welt erklärt. Warum lässt Gott dann aber physische Übel zu (wie Erbeben), zumal er eine solche übellose Welt schaffen könnte, da sie sich widerspruchslos denken lässt. (S. 69) Nach Tetens ist Gott auch ein Erlösergott. „Versöhnen sich die Menschen endgültig miteinander und mit Gott, kann Gott die physischen Übel abschaffen.“ Die Abschaffung der Erdbeben wäre dann also die Belohnung für das Wohlverhalten der Menschen.

Der Gott Tetens ist ein Gott der Philosophen. Er ist jedenfalls nicht der Gott der Christen wie er freimütig einräumt, da er den Kerngedanken des Christentums, die Erlösung durch den Kreuzestod „nicht wirklich“ verstehe. (S. 11) Allerdings ist er auch kein klassischer Philosophengott, wie ihn der Deismus darstellt. Er ist kein Gott, der sich auf die Schöpfung beschränkt und die Menschen ihrem Schicksal überlässt und auch kein Gott, der einen Heilsautomatismus abspulen lässt. Tatsächlich interagiert Gott mit dem Menschen – über starke Emergenz. (S. 51) Das heißt, abhängig von den für ihn nicht vorhersehbaren menschlichen Aktionen greift er aktiv ein (aber nicht über Wunder). Er hat Handlungsspielraum, insofern er Naturgesetze ändern und den Menschen sterben lassen kann. (S. 48)


Zur Kritik. Sich Gott als die Freiheit des Menschen zulassende Entität vorzustellen, die von den Handlungen der Menschen überrascht ist, ist ein faszinierender Gedanke. Aber dass der Schöpfungsplan darin bestehe, die Menschen sich mit sich selbst versöhnen zu lassen, kommt mir etwas unterkomplex vor. Aus der Definition Gottes folgt auch nicht, wie Tetens aber voraussetzt, dass er „unbedingt unser Heil“ will. (S. 80) Und selbst wenn die Abwesenheit von physischen Übel Heil wäre, wie sieht die Hölle aus? Denn wir dürfen Gott nicht nur als Erlöser, sondern wir müssen ihn auch als Richter sehen. (S. 83)

Mir erscheint es verwunderlich, dass in einem Buch, in dem der Versuch gemacht wird, Gott rational zu erklären, nicht auf Leibniz verwiesen wird. Leibniz wird nur kurz erwähnt als Schöpfer der ihm offenbar absurd erscheinenden Vorstellung, dies sei die beste aller möglichen Welten. Weil die Menschen dem Bösen nachgeben, sagt er, „ist Gottes Schöpfung nicht gut, schon gar nicht ist sie bis jetzt die beste aller möglichen Welten.“ (S. 64)

Dies ist nicht der Ort, Leibniz gegen Tetens auszuspielen. Nur soviel: Auch nach Leibniz ist der Mensch frei, aber das heißt nicht, dass die Handlungen nicht voraussehbar wären. Im Gegenteil, weil sich Person A in der Situation p frei für die Handlung x entscheidet, wählt Gott genau diese (nämlich die beste) Welt. D.h. alle Handlungen aller Menschen, inklusive ihrer Gebete, gehen in Gottes Entscheidung ein. (Übrigens steht bei Leibniz auch der Theismus nicht im Gegensatz zum Naturalismus, mit der Einschränkung, dass zwischen der geistigen und der physischen Welt eine prästabilierte Harmonie herrschen muss.)


Was ist Tetens Argument gegen den Naturalismus?

Der Naturalismus behauptet, dass sich alles, einschließlich des Mentalen, vollständig durch physikalische Prozesse erklärt lässt. Tetens hält dem entgegen, dass es keine logisch-begriffliche Brücke gibt, die eine vollständige Reduktion des Mentalen auf Physisches erlaubt.

Die Argumentation ist etwas technisch. Naturalisten behaupten, dass mentale Eigenschaften auf physischen Eigenschaften supervenieren. Das bedeutet, dass mentale Zustände (z.B. Gedanken, Empfindungen) vollständig durch physische Zustände des Gehirns bestimmt sind. Wenn sich etwas im Gehirn ändert, ändern sich auch die mentalen Zustände, aber diese mentale Ebene bringt nichts zusätzlich Eigenes hervor, was über das Physische hinausgeht. Nach Tetens müssen die Naturalisten ein Brückenprinzip postulieren, eine Regel, die beschreibt, wie bestimmte physische Zustände mit bestimmten mentalen Zuständen korrelieren. Tatsächlich seien die Naturalisten (bis jetzt) aber nicht in der Lage zu sagen, was das Brückenprinzip ist, sie können also nicht sagen wie das Mentale aus dem Physischen hervorgeht.


Die wissenschaftlich Forschung kennt bisher (allenfalls) notwendige Bedingungen für das Mentale, nicht jedoch hinreichende (S. 26) Und zwar weder logisch-begrifflich noch naturgesetzlich. Der Naturalismus müsse sich darum „auf die im Kern bereits dualistische These zurückziehen, dass das Mentale aus dem Physischen stark emergiert.“ (S. 27)

Tetens behauptet nicht, dass der Naturalismus widerlegt ist. Vielleicht ist es eines Tages möglich, echte Korrelationen zwischen mentalen und physischen Eigenschaften nachzuweisen. Aber solange das nicht der Fall ist, hält er die Alternative Theismus für tragfähiger.

Ich glaube, es gibt ein relativ einfaches Gegenargument gegen die Auffassung Tetens. Anstatt zu zeigen, wie die Korrelation zwischen Mentalem und Physischen aussieht, genügt es zeigen zu können, dass es Beispiele von Supervenienz und Erklärungslücke gibt, bei der die Frage, ob die Grundlage physisch ist, sich nicht stellt. Künstliche Intelligenzsysteme (speziell Large Language Models) sind zweifellos naturalistisch, und doch können wir keine Korrelationen zwischen dem AI-Resultaten und der zugrundeliegenden Software herstellen. (Ob man Aussagen von LLMs für mental hält oder nicht, spielt dabei gar keine Rolle.)

Ich habe mit ChatGPT über Tetens gesprochen und die Idee vorgestellt. Hier das Protokoll:


Frage an ChatGPT:
Ist nicht die Existenz von LLMs eine Art von Gegenbeweis? Denn, was immer auf der Soft- und Hardwareseite, zum Beispiel von dir, passiert, ist ja mit Sicherheit naturalistisch. Und dennoch gibt es ja eine Erklärungslücke. Das was du hier von dir gibst, superveniert auf deinen Modellen, aber ich weiß nicht wie das Gesagte aus dem Physischen hervorgeht.


Antwort von ChatGPT:

Das ist eine faszinierende Frage, und sie berührt ein zentrales Thema in der Philosophie des Geistes sowie in der Diskussion über künstliche Intelligenz (KI).

LLMs und die Erklärungslücke

Große Sprachmodelle (LLMs) wie ich sind sicherlich Produkte naturalistischer Prozesse. Wir basieren auf mathematischen Modellen, die durch maschinelles Lernen auf großen Datenmengen trainiert werden, und wir operieren vollständig innerhalb physikalischer Systeme (Hardware, Software, Algorithmen). Alles, was wir tun, ist durch physische Prozesse erklärbar. Das heißt, die „Gedanken“ und „Antworten“, die wir erzeugen, sind letztlich das Ergebnis komplexer, aber natürlicher Mechanismen.

Trotzdem entsteht eine Art „Erklärungslücke“, wenn man versucht zu verstehen, wie genau diese natürlichen, physikalischen Prozesse zu den scheinbar bedeutungsvollen und kohärenten Antworten führen, die wir generieren.

Supervenienz bei LLMs

Man könnte sagen, dass das, was ich hier formuliere, auf den physischen Prozessen und den zugrunde liegenden Algorithmen superveniert. Das bedeutet, dass meine Antworten vollständig durch die Hardware, Software und Daten bestimmt sind, aber die Art und Weise, wie diese physischen Komponenten zu bedeutungsvollen sprachlichen Äußerungen führen, bleibt schwer fassbar.

Analogie zur menschlichen Erklärungslücke

Deine Frage verweist darauf, dass, wenn wir diese Erklärungslücke für LLMs akzeptieren, sie uns möglicherweise helfen könnte, das Problem der Erklärungslücke im menschlichen Geist neu zu betrachten. Hier ist der Gedanke:

1. Künstliche Intelligenz und Bewusstsein: Während LLMs keine bewussten Erfahrungen haben, erzeugen sie dennoch etwas, das aus unserer Sicht „Bedeutung“ hat. Diese Bedeutung entsteht aus rein physischen Prozessen, ohne dass wir vollständig verstehen, wie diese Bedeutungsstruktur (zum Beispiel das Verständnis von Sprache) aus diesen Prozessen hervorgeht.

2. Supervenienz in beiden Fällen: Sowohl im Fall von LLMs als auch im menschlichen Geist gibt es eine Form von Supervenienz: Die komplexen physischen Prozesse (ob neuronale oder maschinelle) determinieren die höheren Ebenen (Bewusstsein oder Antworten), aber es bleibt unklar, wie genau dieser Übergang funktioniert.

3. Erklärungslücke im Vergleich: Die Tatsache, dass wir eine ähnliche Erklärungslücke bei LLMs wie bei menschlichen Bewusstseinserfahrungen beobachten können, könnte darauf hindeuten, dass das Problem der Erklärungslücke nicht unbedingt ein Beweis gegen den Naturalismus ist. Vielmehr zeigt es vielleicht, dass unsere aktuellen Erklärungsmodelle oder unsere methodischen Ansätze unzureichend sind, um diese Phänomene vollständig zu verstehen.

Was bedeutet das für Tetens' Argument?

Tetens’ Argument gegen den Naturalismus basiert auf der Annahme, dass die Erklärungslücke ein fundamentales Problem für die naturalistische Auffassung des Geistes darstellt. Wenn wir jedoch sehen, dass auch bei künstlichen Systemen, die klar naturalistisch funktionieren, ähnliche Lücken auftreten, könnte dies bedeuten, dass die Erklärungslücke eher eine Herausforderung für unsere Erklärungsmodelle ist als ein Hinweis darauf, dass der Naturalismus als solcher unzureichend ist.

Ein möglicher Schluss wäre, dass der Naturalismus zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber dennoch die Grundlage bildet, um diese Phänomene zu untersuchen. Es könnte sein, dass wir einfach noch nicht die nötigen Konzepte oder Theorien entwickelt haben, um diese Lücke zu schließen – sowohl im Fall des menschlichen Geistes als auch bei künstlichen Intelligenzen.

Zusammenfassung

Die Existenz von LLMs zeigt, dass es möglich ist, bedeutungstragende Systeme vollständig auf naturalistischem Wege zu erzeugen, und dass dabei trotzdem eine Erklärungslücke bestehen bleibt. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Erklärungslücke kein notwendiger Beweis gegen den Naturalismus ist, sondern eher ein Hinweis darauf, dass unsere derzeitigen Erklärungsmodelle unvollständig sind. Tetens' Kritik am Naturalismus bleibt relevant, aber die Frage, wie tief diese Kritik geht, könnte durch das Beispiel der LLMs neu beleuchtet werden.
Profile Image for Pierre H.
41 reviews10 followers
January 27, 2016
Wenigstens versucht er nicht, Gott beweisen zu wollen.
So war das Leseerlebnis ganz angenehm.
Profile Image for Anna Kloss.
27 reviews5 followers
February 11, 2017
Good inspiration with a lot of valuable thoughts especially on the "philosophical god", e.g.,
- for us humans, mind is somehow linked to body --> this is how we identify other minds and we don't "wander" around other minds
- god as absolutely not embodied and omniscient as he comprises all thoughts --> cannot have boundaries, physical or mental

What I am missing is the following aspects:
- how do we distinguish between what god "wants" (approves of) and why he "accepts" --> the book takes the stance that we humans as autonomous I-subjects are "wanted" by god, not merely accepted as part of his design
- what is the assumption behind the argument that our mind/mental part lives on? As far as empirics are concerned we do NOT seem to remember the time before our "embodiment", NOT even the first couple of years where our body is already present...
- what could an augmented version of naturalism without god look like? I.e., mental being separated from matter, i.e., not necessarily implying an exist is CE if god
- what implies the actions for people BEFORE the point of reset with death? Tetens argues that people who "hope for god's existance" will in anticipation already prepare for the reset and treat others nicely - either there are few believes or else empirics again tell us a different story
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Reinhard Gobrecht.
Author 21 books10 followers
July 5, 2015
Das Buch als Versuch über rationale Theologie ist zunächst positiv, da es Gott für möglich hält und der Vernunft eine wichtige Stellung einräumt, mit der auch Gott in Einklang steht. Der wissenschaftliche Atheismus oder auch Naturalismus, wie er in diesem Buch beschrieben wird, ist meiner Meinung nach nicht wirklich ernst zu nehmen. Schon Aristoteles begründet überzeugend, dass Materie nur etwas "Zugrundeliegendes" ist. Wenn bei einem Computer die Hardware durchaus notwendig ist, damit man Software (Geist) installieren kann, heißt das noch lange nicht, dass man Software durch Hardware erklären kann, bzw. dass es keine Software gibt. Somit finde ich Gott zu denken auf jeden Fall vernünftig und den Geist und die Seele nicht durch Materie erklären zu wollen für sinnvoll.
Was ich allerdings nicht vernünftig finde an diesem Versuch über rationale Theologie ist, dass der Autor konkret Bezug nimmt auf die christliche Religion. Damit kommt es zwar zu einer konkreten aber auch zu einer eingeschränkten Sichtweise. Der Autor verwendet die sogenannten christlichen Klugheiten von Glaube, Hoffnung und Liebe, anstatt an Tugendhaftigkeit und Verantwortung der Menschen zu appellieren. Zudem zitiert er aus dem widersprüchlichsten Buch (der Bibel) von dem "guten Jesus", der doch selbst nichts Vernünftiges hinterlassen hat, als ein widersprüchliches Bild in den Evangelien.
Displaying 1 - 5 of 5 reviews

Can't find what you're looking for?

Get help and learn more about the design.