Nach einem Flugzeugabsturz finden sich 20 Frauen auf einer abgelegenen Insel wieder und fragen sich, ob sie im Paradies oder in der Hölle gelandet sind.
Sophie möchte Yoga machen und eine Menstruationshütte für alle bauen, Aurelia findet, das sei Cultural Appropriation, Bente will Lesbos ausrufen, Else ein Matriarchat errichten, hat aber kein Gegenüber, Noëlla möchte den Kommunismus ausprobieren, Nykki sucht ihr Drogentäschchen, Billie ist gar keine Frau, Evren ist wütend, Cara erscheint eine feministische Göttin, Nadja vermisst ihre Firma, Anne findet das alles nervig und Betty weiß nicht, wovon die anderen überhaupt sprechen, und will einfach nur nach Hause. Die Welt steckt in einer Krise – die 20 Frauen nach dem Absturz auch. Wie viel Sinn machen ihre Grabenkämpfe und was braucht es, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen? Und die vielleicht wichtigste Frage: Werden sie überleben?
20 Frauen, ein Flugzeugabsturz, eine einsame Insel. Der Kampf beginnt, aber nicht um das Überleben, sondern darum, wie ungerecht doch alle auf dieser Welt behandelt werden. Während Cara damit kämpft, ihr Gedächtnis wieder zu erlangen und überhaupt nicht versteht, was hier eigentlich vorgeht, will eine Frau lieber Yoga machen, eine zweite das Matriarchat ausrufen, eine andere die lesbische Liebe genießen und wiederum jemand anderes lieber mit Drogen die Qualen überstehen. 20 Frauen, 20 verschiedene Meinungen, Anfeindungen, Ungerechtigkeiten und vor allem ein großes Thema: die Frau allgemein. Die Rettung scheint unmöglich und das Überleben fragwürdig. Denn Zusammenhalt wird eher klein geschrieben.
Was eigentlich auf dem Klappentext recht witzig auf mich wirkte, entwickelt sich schon ab der ersten Seite zu einer Geschichte über Feminismus, Rassismus, Faschismus, Antisemitismus, Sexismus, Ableismus und etliche andere "-ismus" mehr. Vorrangig geht es zum die Diskriminierung der Frau, dann darum, was eine Frau überhaupt ausmacht bzw. wie man sich identifiziert. Wer sieht sich als Frau, wer fühlt wie eine Frau, wer darf sich so fühlen, wer darf sich identifizieren? Und was genau muss man eigentlich tun, damit man keinem auf den Schlips tritt?
Es geht ums Gendern, um Respekt, es geht um Fragen, Gefühle, Reden, gesellschaftliche Kritiken, Diskriminierungsformen in allen Variationen und um Männer.
20 Frauen, die sich nicht kennen, müssen nun zusammenarbeiten, wobei jede mit anderen Dingen kommt, die sie stört und die geändert werden müssen. Dabei wird auf Teufel komm raus seine Meinung vertreten und - nur selten - die Meinung einer andere Person akzeptiert.
Unter diesen 20 Frauen ist Cara, die seit dem Absturz ihr Gedächtnis verloren hat. Da sie sich an nichts erinnern kann, wird sie von Anne auf den Namen Luna getauft. Nur schwer kommt Cara bei dem mit, was hier eigentlich passiert ist. Sie kann den Dialogen nur mühsam folgen, bringt sich zwar körperlich ein, aber nicht bei Diskussionen. Wenn es zu normalen Gesprächen kommt, stellt sie nur Fragen, kann aber - aufgrund des Gedächtnisverlustes - nichts von sich beitragen.
Und da setzt nun meine Kritik ein. Das Buch ist wirklich interessant und die Autorin hat sich mit den verschiedenen Diskriminierungsformen sehr gut auseinandergesetzt. Es gab Formen, von denen hatte ich noch nie gehört und sie auch noch nie erlebt. Ich muss jedoch auch zugeben, dass ich weitestgehend von solchen Diskriminierungen verschont geblieben bin.
Dabei kamen jedoch auch Formen an den Tag, bei denen ich mich selbst gefragt habe, ob ich diese - unbewusst - ebenfalls schon ausgeübt habe. Und dann kam die Frage: Kann man in den Krümeln suchen, um wirklich jeden schuldig dastehen zu lassen?
Meine Antwort darauf: Ja. Die Goldwaage hatte in der Story viel zu tun. Schon bei kleinsten Aussagen geht das Gegenüber in die Luft und mit einer Litanei von Worten wird dagegengehalten. So sehr, dass ich manchmal das Gefühl hatte, zu ersticken, weil mich der Gegenpart so dermaßen genervt hat.
Es gibt kein Gespräch, dass nicht letztendlich in Diskussionen, Belehrungen und Streits endet. Und dabei müsste so viel besprochen werden. Allem voran wohl: Wie könnten wir gerettet werden? Wie bekommen wir Essen? Wer übernimmt welche Aufgaben? Aber es wird sich Gedanken darüber gemacht, wie man seine Innere Frau rauslassen könne, ob eine Menstruationshütte gebaut werden soll und welche Yoga-Übung wohl die beste sei.
In mir stieg richtiggehend Wut auf und ich hätte so gerne alle gepackt, sie geschüttelt und denen mal so richtig die Meinung gegeigt. Ob die Autorin diese Emotion hervorrufen wollte, kann ich jedoch nicht sagen. Letztendlich war ich von der Story genervt, teilweise dann sogar gelangweilt und eben wütend.
Die Version, die ich gelesen habe, hatte leider auch einige Fehler, gerade was die Namen betraf. Es ist schwer, bei so vielen Charakteren den Überblick zu behalten, aber zum Beispiel Cara, die von allen ja eigentlich nur Luna genannt wurde, wird auch mal mit Cara angesprochen, obwohl es keiner wissen kann. Ein Trupp, der zusammengestellt wurde, um die Insel zu erforschen, kam nur kurz zum Einsatz und dann wurde nie wieder ein Wort darüber verloren. Das Wrack des Flugzeugs wurde zwar geplündert, aber nie richtig mit einbezogen, um herauszufinden, was passiert ist. Eine zweite Insel ist durch Schwimmen erreichbar, aber wird ignoriert. Keiner scheint so richtig traurig zu sein, das alte Leben wird schnell abgestreift.
Weiter ungewöhnlich ist der Schreibstil der Autorin. Es gibt zwar wörtliche Rede, doch ist diese im Buch nicht "der Norm entsprechend" dargestellt, was wohl die Einzigartigkeit des Buches noch unterstreichen soll. Wenn geredet wird, wird dies in kursiver Schrift dargestellt, wobei im nächsten Absatz dann das "sagt Cara" oder ähnliches folgt. Manchmal sogar einfach nur ein Name. Die Emotionen werden nur durch die Rede ausgedrückt. Ein "aufgeregt, leise, wütend, flüsternd usw." kommt nur selten, ist aber auch nicht nötig, da es einfach ersichtlich ist.
Jetzt, zu dem Zeitpunkt, in dem ich die Rezension schreibe, revidiere ich meine Meinung über die Story. Ich wollte eigentlich nur zwei Sterne vergeben, merke aber, dass ich vielleicht genau die Emotionen für das Buch hervorbringe, die die Autorin aus einem herauskitzeln will. Sie will provozieren, aufklären und überspitzt darstellen, in welcher Zwickmühle man sich befinden kann, wenn man mit Vorurteilen an etwas herangeht und die Meinung seines Gegenübers nicht akzeptieren kann oder will.
„Das ist wie beim Dschungelcamp." (S. 45) So lakonisch fasst eine der gestrandeten Frauen in Laura Melina Berlings Debütroman "Medusa in Paradise" zusammen, was eigentlich eine Katastrophe ist und was sich im Laufe des Buches als ziemlich treffende Metapher herausstellt. Erschienen im März 2026 bei Leykam, erzählt der Roman von zwanzig Frauen, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer abgelegenen Insel stranden. Was folgt, ist keine klassische Überlebensgeschichte, sondern eine satirische Reflexion über feministische Grabenkämpfe, Solidarität und die Frage, ob Frauen unter sich eigentlich besser miteinander können, oder ob die Strukturen, gegen die sie kämpfen, längst in ihnen selbst sitzen.
Meine Meinung
Die Grundidee ist stark, mutig und sehr originell. Berling, die als feministische Bloggerin bekannt wurde und zuletzt das Sachbuch "Modern Heartbreak" veröffentlicht hat, nutzt die Insel als Gleichnis: Die zwanzig Frauen sind nicht einfach nur gestrandete Individuen, sondern stehen jeweils für verschiedene Positionen innerhalb des Feminismus. Sophie will eine Menstruationshütte bauen und beruft sich auf die Wolfsfrau. Evren wirft ihr koloniale Sprache vor. Noëlla erklärt den Kommunismus. Else will das Matriarchat. Betty will einfach nur nach Hause. Wer feministische Debatten kennt, wird sich in der einen oder anderen Frau (mal amüsiert, mal unangenehm berührt) wiedererkennen.
Der Medusa-Mythos, auf den auch der Buchtitel verweist, zieht sich als roter Faden durch das gesamte Buch. Berling erzählt ihn nicht einfach nach, sondern deutet ihn um: Medusa nicht als Monster, sondern als Frau, die zum Monster gemacht wurde und als Warnung: „Doch trotz aller Unterschiede, trotz aller Widrigkeiten müssen sie sich mit Sanftheit begegnen. Denn nicht jede Meduse ist gleich." (S. 159) Wenn Medusen einander zu Stein erstarren lassen, hat das Patriarchat gewonnen, ohne auch nur einen Finger zu rühren.
Ich persönlich hatte trotz der starken Grundidee einige Herausforderungen beim Lesen: Die Vielzahl an Figuren führt dazu, dass viele von ihnen Positionen bleiben und man wenig über sie als Personen erfährt. Darunter hat in meinem Fall auch die emotionale Nähe gelitten, die ich beim Lesen brauche. Es muss nicht heißen, dass mir Figuren sympathisch sein müssen, aber sie hatten für mich abgesehen von ihrer jeweiligen Positionierung kein Fleisch, keine Persönlichkeit. Hinzu kommt die schiere Anzahl an Figuren, bei denen es mir wirklich schwerfiel, sie auseinanderzuhalten. Das ist, wie ich nach einem Austausch mit der Autorin besser verstehe, durchaus intendiert: Die Überforderung der Hauptfigur Cara soll auch die Überforderung spiegeln, die man in feministischen Diskursen selbst kennt. Das macht intellektuell Sinn, hat mich emotional aber leider auch auf Distanz gehalten.
Fazit
"Medusa in Paradise" ist kein einfaches Buch, und das ist kein Vorwurf. Es will reiben, überfordern, Widersprüche nebeneinander stehen lassen und darin liegt wohl auch seine eigentliche Stärke. Wer literarisch dichte Charakterzeichnung sucht, wird das Buch vielleicht als zu essayistisch empfinden. Wer feministische Theorie zugänglich und satirisch aufbereitet lesen will, wird genau das finden. Und wer zusätzlich ein Cover und einen Farbschnitt sucht, der im Regal sofort auffällt: auch die werden hier glücklich.