1985 nimmt sich eine junge Pianistin in Neubrandenburg das Leben. Dreieinhalb Jahrezehnte später stößt die Schriftstellerin Helene Bukowski auf ihre Geschichte. Behutsam nähert sie sich Christina, sucht in ihrer Biografie nach Rissen und Erschütterungen, aber auch nach Augenblicken großen Glücks. Sie lernt einen Vater kennen, der in der Tochter seine eigenen Träume verwirklichen will, eine Mutter, die es liebt, zu fotografieren, und ein Klavier, das unverrückbar in der Wohnung steht. Bukowski folgt Christina nach Berlin, an die Spezialschule für Musik, mit ihren kalten Übungsräumen und dem täglichen Drill. Später nach Moskau, zum Studium am Konservatorium, durch sturzbachartigen Regen und Nächte voller Schnee. Und sie findet eine Krankheit, für die es erst heute eine Diagnose gibt.
»Wie Helene Bukowski aus dem Nachlass einer jungen Frau ein ganzes Leben rekonstruiert und daraus diesen schmerzlichen und klaren Roman komponiert, ist großartige Literatur.« Marion Brasch
Wer möchte nicht im Leben bleiben besitzt eine rasante erzählerische Idee: die Ich-Erzählinstanz mischt sich ins Geschehen ein, zeigt sich als Direktorin, als guter Geist, als begleitende und schützende Kraft für ihre Figur, indem sie selbst aktiv teilnimmt, zumindest in der sprachlich präsentierte Vorstellung. Unverhohlen ergreift sie Partei für eine junge Pianistin, die in der Endphase der DDR unter die Räder der parteilich-sozialistischen Ausdeutung der Musik zu geraten droht:
Du betrittst Mausers Unterrichtsraum und bekommst keine Luft. Mauser am Fenster, dunkel gegen das hereinfallende Licht. Er wendet sich dir zu, breitet die Arme aus, begrüßt dich, lässt dich nicht aus den Augen, steht plötzlich viel zu nah. Du flüchtest dich an den Flügel, hältst dich fest. Das Instrument ist so kalt, es kommt dir gefroren vor. Dieses Zimmer ist ein Gehege. Du ergibst dich. Alles, was dir T. N. mitgegeben hat, nimmt Mauser dir Stück für Stück. Er zerlegt dich und setzt dich nach seinen Vorstellungen neu zusammen.
„T. N.“ steht für Tatjana Petrowna Nikolajewa, für die Dmitri Schostakowitsch sogar ein Opus komponierte („24 Präludien and Fugen, op. 87“ – 1951). Christina, so heißt die Pianistin, lernt bei ihr im Moskauer Konservatorium und lernt durch T.N. das entsagungsvolle, sich völlig der Musik hingebende einsame Leben kennen. Christina fühlt sich angezogen und abgestoßen zugleich. In diesem Kraftfeld spielt sich Wer möchte nicht im Leben bleiben individualpsychologisch ab, wohingegen physiologisch-dynamisch die Ausreisebeschränkung der DDR eine große Rolle spielen, denn die Hauptfigur sehnt sich nach Reisen, nach Sonne, nach Italien:
Ihr liegt im Bett, und Vittoria erzählt dir von Rom. Du erinnerst dich an eine der Vorlesungen über Kunstgeschichte, die du manchmal freiwillig besucht hast, an das Klacken des Projektors, an die schwarz-weißen Dias vom Vatikan, Petersdom, Pantheon und Kolosseum. Beim Betrachten wurde dir schmerzhaft bewusst, dass du das alles nie mit eigenen Augen sehen wirst. Jetzt, neben Vittoria, rückt Rom in greifbare Nähe, ist nur noch einen Katzensprung entfernt. […] Nach allem streckst du die Hand aus.
Helene Bukowski zeichnet das Drama eines jungen Menschen nach, der weder sich selbst noch die Welt entdecken darf. Das eherne Korsett der DDR lässt sie ersticken. Bereits auf den ersten Seiten gibt die Ich-Erzählinstanz bekannt, dass sich Christina umbringen wird. Eine fatale Erzählidee, da nun alles, was erzählt wird, eine Art aufgeschobener Selbstmord wird. „Nie“ und „Tod“ gehören zu den häufigsten Wörtern:
Deine Mutter ist bis zu ihrem Tod [in der Wohnung] geblieben. Nie hat hier eine andere Familie gewohnt. Dein Haar ist aschblond, kinnlang, dein Körper groß und schlank, wie auf den Fotos, kurz vor deinem Tod. Nie wirfst du einen Blick über die Schulter.
Die überraschende lebendige Erzählidee verebbt so schnell. Sie wird im biographischen Ballastmaterial erstickt, mit zusammenhangslosen Details solange bombardiert, bis der Akt des Freitodes selbst zum fraglichen Ort eines Handlungsgeschehens wird, über das die dirigierende Ich-Erzählinstanz nur noch mit ein paar hilflosen Alternativvarianten zu brambasieren versteht. Wer möchte nicht im Leben bleiben erinnert sehr an Christoph Heins Der Tangospieler, mit allen Facetten des zurückkehrenden Klavierspielers, und Bettina Wilperts Herumtreiberinnen, die ebenfalls das erstarrte, gehemmte Jugendleben in der DDR narrativ nachzuvollziehen sucht. Helene Bukowskis Journalistik fehlt die ästhetische Idee, die der Stoff ohne weiteres hergegeben hätte, zumal Christa Wolf (Nachdenken über Christa T.) und Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand) als Spannungsfeld ästhetischer Sehnsuchtsverarbeitung durchaus Pate stehen hätte können.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Ich-Erzählinstanz (IE), Alter unbestimmt, aber aus der Gegenwart, nach DDR-Wendezeit, recherchiert über den Todesfall von Christiane. Christiane, gestorben im Alter von 24 Jahren, nach einem längeren Aufenthalt in Moskau, Anfang der 1980er. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 138 Miniaturkapitel. Die Bekannte der Großmutter der IE, eine Siglinde, hat einen Nachlass sortiert und will, dass dieser erzählt werde. Sie sagt zu, um Neubrandenburg besser kennenzulernen, woher die mütterliche Seite ihrer Familie stammt. 1961-1972: Leipzig/Neustrelitz/Neubrandenburg Leipzig. Vater kauft Klavier. Geburt von Christiane (C). Mutter 35 Jahr alt. Vater gescheiterter Tenor an der Leipziger Oper. Flügel von Gustav und Annemarie bewirkte sein Umzug nach Leipzig. Mit 4 Jahren beginnt Cs Klavierunterricht durch den Vater. Vater zerbricht Cs Stöcke aus dem Leipziger Auwald, denen sie Namen gegeben hat Erster Besuch in der Oper. Als C 5 Jahre alt, verliert der Vater seinen Job an der Oper, zu streitlustig und aufsässig. Erhält Stelle als stellvertretender Direkter an der Musikschule in Neubrandenburg. Finden aber zuerst nur Wohnung in Neustrelitz. Neustrelitz. Kinder winken C fröhlich zu, spielt mit ihnen in den Wäldern. Vater autoritär beim Klavierunterricht, droht ihr, kein Essen zu bekommen. Neubrandenburg. Mit 6 Jahren Umzug in das Scheibenhochhaus. Mit Blick auf den Tollensesee. In Februar 1985, mit 25, wird C sich aus dem Fenster in diesem Hochhaus in den Tod stürzen. Erzählgegenwart 50 Jahre später (2017), IE betritt die Wohnung. Unterricht bei Frau Baumgarten beginnt. C hat Puppen und einen Bären als ständige Begleiter. C schlägt den Bär tot, schmeißt ihn in den Müllschlucker. Einschulung. Hänseln: Christina Hasenzahn. Cs Talent fällt auf. Sie kommt in die R-Klasse für russische Sprache. Vater organisiert erste Hauskonzerte. Der Musikdirektor setzt sich für ein Musikinternat in Berlin ein. Lichtenberg. 1972-1978: Berlin. Zimmergenossinnen Marita, Franziska und Uta, mit der sie den Kontakt bald verliert. Zu wenig Essen. Franziska rebellisch. Schule heißt „Spezi“. Unterricht bei Frau Feldberg. Schule wird als U-Boot bezeichnet. Vor dem Fenster der Blick auf den Todesstreifen. Eines Nachts Schüsse und Hundegebell. Mädchen hoffen, es war nur eine Übung. In den Sommerferien wieder Hauskonzerte. Franziska und C werden zum Bach-Wettbewerb geschickt. Franziska qualifiziert sich nicht für die zweite Runde. C gewinnt, Franziska gratuliert ihr. Eltern verkaufen das alte Klavier, neuen Flügel. Franziska experimentierfreudiger, nicht nur Musik. C wird in die Tschechoslowakei geschickt zum Klavierwettbewerb Ustin ad Labem. Fährt mit Frau Feldberg. C erhält den ersten Preis. Die erste Menstruation. Franziska hilft ihr, trotz Entfremdung. C erhält Stipendium, um in Moskau zu studieren. 1978-1984: Moskau. Dort Studium am Konservatorium. Besucht eine Freundin der Eltern, Julia, die in einer Kommunalka wohnt. Lernt die Familie Iwanow kennen, Anthroposophen. Zimmergenossin Dilja aus Taschkent in Usbekistan. C hat als Lehrerin TN, Tatjana Nikolajewa. Streng, aber offen. Lässt sie emotionaler Klavierspielen. Auftreten des prämenstruelle dysphorische Störung (depressive Verstörung mit zyklischem Verlauf) – Chris als alter ego taucht auf. Im ersten Winter besuchen die Eltern C. Kurzer Besuch von Berlin. Franziska schwanger. Besuch der Mutter, schöne Zeit. Mutter photographiert viel, auf dem Rückweg geht die Kamera auf und die Bilder verschwinden. C verliebt sich in Jura, Jura liebt aber Sascha. Sie bleiben befreundet, aber eng. Dilja kompromittiert sie hinaus in ein anderes Zimmer, dort lebt sie mit Vittoria, einer Italienerin. C besteht das Konservatorium. Vorbereitungen auf den Bach-Wettbewerb in Leipzig. C erkrankt an Angina. Vorbereitungsreise, Konzerte. In Leipzig kommt C in die zweite, aber nicht in die Finalrunde. Sascha gewinnt den Wettbewerb. Verlängerung für ein Zusatzjahr in Moskau abgelehnt. C muss zurück in die DDR. 1984-1985: Berlin/Neubrandenburg. Rückkehr schwierig. DDR weniger offen, weniger international. Kein Wohnung, C soll Klavier unterrichten ohne Unterrichtsraum und Klavier. Muss sich Räume erst suchen. Franziska hat zweites Kind. Entfremdung. Professor Mauser will ihr seinen Stempel aufdrücken. Zwingt sie, mechanischer zu spielen. Statt zum Busoni-Wettbewerb muss sie wieder nach Leipzig. C wieder krank, fiebrig, verloren. Das Vorspiel findet keine große Begeisterung. C krank, geht zu den Eltern, kann nicht schlafen, stürzt sich eines Nachts aus dem Fenster. Stasi-Unterlagen sprechen von Strangulierung. Einige Ungereimtheiten. IE spielt verschiedene Versionen durch. ●Kurzfassung: Eine junge Künstlerin erlebt die internationale Welt in Moskau, verliebt sich, muss aber nach einem gescheiterten Wettbewerb zurück in die graue DDR und bringt sich dort um. ●Charaktere: (rund/flach) lebendig, autofiktional, authentisch. ●Überflüssige Szenen/Charaktere: gibt einige Szenen, die nichts dem Buch hinzufügen, wie die Freundin Franziska, wie Udo, die Jungs auf der Spezi, wie Alvaro oder auch Julia, viele sinnlose Details, die den Erzählrahmen nicht stützen, statt Figuren wie die Lehrerinnen herauszuarbeiten. Besonders überflüssig die Ich-Erzählphasen und -abschnitte. ●Besondere Ereignisse/Szenen: intensiv, die winkenden Gitter vor dem Zaun in Neustrelitz, die verbrannten Stöcker aus dem Auwald. Spannend die Wettbewerbe. ●Diskurs: hormoneller Kampf zwischen Chris und Christina, vor allem aber Druck im künstlerischen, performativen Bereich, Druck, um aus den beengten Verhältnissen der DDR zu entkommen. Reiselust, Lust auf Welt, auf Experiment. Vor allem aber auch als Diskurs das Virtuosentum. … inhaltlich gibt es große Disparatheit zwischen dem Thema (der Musik) und der literarischen Bearbeitung. Die Erzählinstanz flieht in Bilder, materielle, wie Steine, wie Waldspaziergänge. Sie illustriert die Musik, sie bildet sie nicht nach, zudem sagt sie so gut wie nichts über die Musik. Musik wird nur als Emotion verstanden, nicht als Kunstwerk. Offenkundig hat sich die Erzählinstanz nicht für den Lebensinhalt ihrer Protagonistin interessiert. … ärgerlich: dass am Ende der Selbstmord in Frage steht – war es wirklich einer? Oder hat der Vater sie erwürgt? … häh? Und dann das Kolportageartige, gegenüber einer fiktionalisierten Figur, ohne historischen Hintergrund, und warum erfahre ich nichts über Tatjana Nikolajewa, über russische Musik, über die Gedanken und Gespräche der Konservatoriumsmitglieder, über den Unterricht? … inhaltlich zieht nur die Betroffenheit, die Trauer, das Traurige, einem lang hingezogenen Selbstmord beizuwohnen. --> 1 Stern
Form: ●Eindruck: wenig formal-ästhetisch interessiert, sehr direkt, sehr unumwunden, fast roh, kaum bearbeitet, sehr stichwortartig, mehr ein Puzzle, eine Rohform, keine durchgearbeitete Ästhetik ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, eher eine Art Recherche als Work-in-progress, d.h. Stoffsammlung, so erscheint es, mit wenigen literarischen Motiven (wie dem Bär, dem Bild der Eltern, das sie über das Bett hängt). ●Wortschatz/Wortzahl: uninteressante Auswahl an Wörtern, nicht poetisch ●Auffälligkeiten: keine ●Innovation: keine … eher akademisch, eher langweilig, wenig gewagt, kaum Mut, keine Wucht, keine Intensität, totale innere Sprachbremse, keine Freude am Ausdruck. Teilweise dann mit gewollt brüchigen Metaphern. --> 0 Stern
Erzählstimme: ●Eindruck: die Erzählinstanz spielt sich in den Vordergrund, arrangiert teilweise das Geschehen, mischt mit, um den Anschein zu geben, dass sie das historische Material verändern kann. Diese Wirkung fasziniert – interessantes Spiel zwischen Trägheit und Phantasie, eine eingreifende Ich-Erzählinstanz, die aber dann nichts verhindert, die wie ein Geist machtlos zusieht, nur kleine Details verändert, hierdurch wieder eingestandene Machtlosigkeit, sprachliche Hilflosigkeit gegenüber der normativen Kraft des Faktischen ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ansatzweise, hier und da, etwas tollkühn, vorwitzig, selbstverliebt ●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, solidarisch, teilweise roh und unverhohlen ●Einschätzung: insgesamt wirkt die Erzählinstanz in ihrem Spiel souveräner, geht durch ihr Material, mischt mit, macht sich erkennbar und deutet ein größeres Maß an ästhetisch-narrativen Willen an, der jedoch unausgeglichen um sich schlägt, nicht wirklich harmonisch mit dem Stoff schwingt, eher brachiale Lücken reißt, unwirsch. --> 4 Sterne
Komposition: ●Eindruck: chronologisch, am Fremdmaterial entlang gehangelt, keine Komposition ●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen nebenher, ein paar Nebelbomben, ein paar Irrwege und Digressionen, dennoch karg ●Operative Geschlossenheit: nein, das Buch rekonstruiert einfach eine Biographie, ohne die Rekonstruktion thematisch werden zu lassen hinsichtlich ihrer Quellen, Glaubwürdigkeit und Erlebnisweite ●Rahmenstabilisierende Details: keine ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): langgezogen, eher quälend langsam ●Extradiegetische Abschnitte: nein ●Lose Versatzstücke: ziemlich viele kleine, die Christina nichts hinzufügen. ●Reliefbildung: Moskau als Höhepunkt geheimnisvoll, endlich der DDR-Starre entkommen. ●Einschätzung: schleppend, hart und zäh wie der graue DDR-Alltag, der kritisiert werden soll, aber kein lebendiges Abbild erhält. Durch die lineare Chronik, nur wenig Sprünge, nur wenig gekonnte Überblendungen --> 1 Stern
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: für mich hat sich kaum etwas aus dieser Lektüre ergeben, zumal mir Christina nicht näher gebracht wurde, schon gar nicht durch den Einstieg, dass es „da“ ein Material zu beschreiben gäbe. Ich benötige schon den Enthusiasmus für eine Person, warum wird über sie erzählt? Sie wird keineswegs einzigartig beschrieben. Das ist keine Qualität des Exemplarischen. Was repräsentiert sie? Woran bricht sie? Es fehlt zu viel. Was an der Welt erkenne ich in Christina? Keine Ahnung. ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) als Individualdrama schon, überlastet vom Erwartungsdruck zerbricht ein junges Leben an der väterlich aufoktroyierten Tristesse ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein ●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja ●ein zweites Mal lesen? Nein … es gibt keinen Mehrwert, dieses Buch mehrmals zu lesen, weder sprachlich noch inhaltlich, es kreist um seine Substanz und weicht ihr gekonnt aus. Ja, ich habe mit Christina gelitten, aber das war’s auch schon. --> 1 Sterne
“»Pass auf, dass du nicht deine eigene Geschichte daraus machst«, sagt sie zu mir im Vorbeigehen. Ich fühle mich ertappt.”
Am Anfang steht das Material, ein Nachlass - Fotoalben, Akten, Karten, und die Lücken dazwischen. In einer zärtlichen, fragmentarischen Aneinanderrückung von Lebensabschnitten tastet der Roman dem Verlauf eines Lebens nach und tritt in einen einseitigen - von einem tragischen Schicksal getrennten - Dialog mit der Figur.
Dabei thematisiert das Buch auch die Material-Werdung der Protagonistin - der Fotografien, der Zeugnisse und (u. a. mit der Chronik des Vaters) auch die Authentizität der Quellen selbst. Die Erzählerin, die als Autor*innenfigur fungiert äußert dabei auch immer wieder den Wunsch in den Verlauf der Handlung einzugreifen und agiert als aktive Lenkerin der Figuren, macht manche Eingriffe in den Stoff explizit.
Im Sinn eines Meta-Romans kehrt der Text dabei (wie ich finde sehr gekonnt) mit autofiktionalen Einschüben (auch) immer wieder zu Fragen des Schreibens und dem Romanprozess selbst zurück.
Dieser Roman ist ein Porträt, ein Langbrief, eine Gedichtsammlung, ein Leben, und eine große Empfehlung.
Am Anfang steht stapelweise Material, darunter Fotoalben, Briefe und Kassetten, die die Spanne von Christinas Leben umfassen, vierundzwanzig Jahre von 1961 bis 1985.
"Seitdem versuche ich zu dir aufzuschließen, dich einzuholen, dich zu greifen", schreibt Helene Bukowski, denn es ist ja tatsächlich sie, die sich diesem realen Material annimmt und in ihrem Roman als Ich-Erzählerin auftritt. Sie richtet sich dabei direkt an Christina, ein durchgängiges Du, das zugleich eindringlich und zärtlich wirkt.
Durch den Roman ziehen sich, musikähnlich, Variationen und Wiederholungen derselben Motive, wir treffen immer wieder auf Bären, den Wind, eine Mondlaterne aus frühester Kindheit und natürlich das Klavierspiel. Die Beschreibungen des Klavierspiels und -spielens lesen sich wie eingeschobene Naturlyrik; da werden Meere unter Moskau hervorgeholt, da wird durch Wälder gerannt und zwei Monde stehen am Himmel. Aber zuweilen ist das Klavier auch eine Uniform, in die Christina gepresst wird, ein Hacken mit der Axt. Und auch, wenn ich diese Beschreibungen sehr mochte, war ich immer wieder froh, wenn Helene Bukowski Christina nicht allein als Pianistin erzählt hat.
Der Roman hat mich nicht nur sprachlich-stilistisch überzeugt, ich empfand ihn auch als durchaus spannungsgeladen, auf eine ungekünstelte, natürliche Art. Das Ende, Christinas Tod, steht bereits am Anfang fest, und dennoch bauen die Wettbewerbe, die Freundschaften, die sie gewinnt, verliert und behält, und ihr sich verändernder/ verschlechternder Gesundheitszustand eine erzählerische Spannung auf, ein Mitfiebern, -freuen und -leiden mit Christina.
Die Jahre in Moskau habe ich am liebsten gelesen. In ihnen wird sowohl beschrieben, wie Christina frei, erwachsen und krank wird, als auch das Spannungsverhältnis zwischen Sowjetunion, DDR und Dem Westen, das nicht einfach neben, sondern über Christinas Leben erzählt wird.
"In deinem ersten Winter in Moskau besuchten dich deine Eltern. Nichts ist von diesem Besuch überliefert außer deiner Bitte vorab, dass sie dir ein Federbett mitbringen sollen. Alles andere können sie getrost zurücklassen, schreibst du, nur dieses Federbett muss mit in den Koffer. Und ich sehe dich, nachdem sie wieder abgereist sind, unter diesem Federbett liegen, das nach deinen Eltern, nach ihrer Wohnung, nach zu Hause riecht. Müdigkeit hat dich erfasst. Und die Decke mit ihrem schweren Gewicht ist ein anderer Mensch, der auf dir liegt. Der dich halt und wärmt." (S. 250)
Ta historia zdarzyła się naprawdę - w taki lub zupełnie inny sposób. Autorka próbuje odtworzyć życie dziewczynki, dziewczyny, a potem młodej pianistki, która w wieku zaledwie dwudziestu paru lat popełniła samobójstwo. A mowa jest o latach siedemdziesiątych i osiemdziesiątych w NRD i Moskwie. Obiera przy tym szczególną metodę - zwraca się do niej bezpośrednio i opowiada jej życie, towarzyszy jej niczym cień, dobry duch i baczna obserwatorka. Forma ta jest interesująca i z pewnością nietuzinkowa, ale bardzo męcząca, przynajmniej dla kogoś - jak ja - kto nie znosi narracji drugoosobowej, efekciarskiej i drewnianej jednocześnie. Bukowski próbuje uchwycić szczególne momenty, ale może się oprzeć jedynie na zachowanych fragmentach przeszłości - listach, fotografiach, rodzinnej kronice spisanej przez ojca, nielicznych rozmowach z tymi, którzy znali Christine. Jest to więc pewien kompromis między poetyckim, lirycznym wglądem w osobowość Christine, a dokumentacją. Czy udany? Nie wiem. Brakowało mi tutaj głosu samej Christine, właściwie nigdy nie dowiadujemy się, co naprawdę myślała, czego pragnęła, co czuła. Czy cierpiała, dyscyplinowana przez rodziców i nauczycielki muzyki? Czy kochała granie? Co jej dawała muzyka? Czego nie? Możemy się tego jedynie domyślać. Christine pozostaje niewiadomą. Podobnie realia - można by sądzić, że w tej historii odegrają większą, być może dominującą rolę. Ale nie, socjalistyczne państwo z rozbudowanym aparatem represji pozostaje dziwnie odległe, podobnie sowiecki wielki brat, choć przecież Christine spędza w Moskwie kilka lat, tych być może najważniejszych, formujących. I są to lata bodajże najszczęśliwsze w życiu młodej pianistki. Jak to możliwe? Nie było dysonansu? Sceptycyzmu? Wątpliwości? Strachu? Tego też się nie dowiadujemy. Wiemy, że były przyjaźnie, nieodwzajemniona miłość, rozmowy przy herbacie i muzyka. Są tu fragmenty poruszające, jest wstrząsający finał, ale jest też poczucie niedopowiedzenia i wielkiej zagadki.
4,6 Sterne. Nach dem ersten Drittel war ich überzeugt, dass dieses Buch ein Jahreshighlight sein könnte. So oder so war es aus verschiedenen Gründen für mich persönlich ein sehr besonderes Buch. Ich habe mich Christina sehr nahe gefühlt, auch, weil Bukowski so einfühlsam schreibt. Die Idee, sich selbst in die Szenerie hineinzuschreiben sowie die Grundidee, an ein Leben auf Grundlage von Tagebucheinträgen, Fotos und Recherche zu erinnern, finde ich herausragend.
Nicht nötig fand ich die konkrete Erwähnung von PMDS. Im Nachwort hätte diese Vermutung vielleicht einen besseren Platz gefunden. Für alle informierten Leser:innen ist im Text deutlich genug herausgekommen, dass Bukowksi PMDS vermutet, aber vielleicht lebe ich da auch in einer Blase. Etwas überdrüssig war ich gegen Ende auch der sich wiederholenden Beschreibungen der sich durch Christinas Klavierspiel auftuende Welten. Grundsätzlich waren jedoch diese Beschreibungen die nachvollziehbarsten, die ich seit langer Zeit über das Klavierspiel in Romanen gelesen habe. Christinas Leben ist mit Sicherheit so oder so ähnlich kein Einzelschicksal. Viele Dinge existieren heute auch noch (zum Beispiel die Rivalitäten zwischen Professor:innen und das daraus resultierende „Auseinandernehmen“ Studierender, wenn vielleicht auch aus weniger politischen Gründen als in der DDR). Trotzdem frage ich mich, wann es endlich mal einen Roman über eine glückliche Pianist:in geben wird. Apropos, Bukowski gendert mit Trema-ï, was mir zuvor in einem Roman nicht untergekommen ist, ich aber jetzt nicht mehr missen möchte.
Insgesamt ist der Roman schon durchweg düster und vielleicht für Menschen, die in der DDR lebten und auf einer solchen Schule waren, noch mehr, auch weil sie noch mehr Dinge wissen, die hier nicht vorkommen - vielleicht weil sie Christina nicht betrafen, vielleicht weil sie nicht dokumentiert worden sind. Ich freue mich außerdem auf weitere Rezensionen, ich werde auch sicher noch eine Weile über das Buch nachdenken.