Der Erfolg faschistischer Bewegungen und Parteien lässt sich nicht allein mit Angst und Wut erklären. Ebenso ausschlaggebend sind die Lust und das Vergnügen an Gewalt und Aggression. So ist Rassismus besonders intensiv, wenn er erotisch aufgeladen ist, etwa, wenn Migration als sexuelle Bedrohung für deutsche Frauen dargestellt wird. Neben diesem „sexy Rassismus“, so die Historikerin Dagmar Herzog, ist eine obsessive Behindertenfeindlichkeit elementarer Grundbaustein des AfD-Programms – mit starkem Widerhall der Nazis. In Der neue faschistische Körper unternimmt Dagmar Herzog den Versuch, die Geistesgeschichte dieser beiden Phänomene – libidinöse Intensivierung im Faschismus und Feindseligkeit gegenüber als imperfekt wahrgenommenen Körpern – zusammenzudenken. Denn nur wer die Gefühlswelten und Debatten vergangener Faschismen studiert, kann ihre gegenwärtige Erscheinungsform verstehen und bekämpfen. Mit einem Nachwort von Alberto Toscano, Autor des Buchs Spätfaschismus: Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik (2025).
Dagmar Herzog (born 1961) is Distinguished Professor of History and the Daniel Rose Faculty Scholar at the Graduate Center, City University of New York. She has published extensively on the histories of sexuality and gender, psychoanalysis, theology and religion, Jewish-Christian relations and Holocaust memory, and she has edited anthologies on sexuality in the Third Reich, sexuality in twentieth-century Austria, and the Holocaust.
Herzog's Essay erzählt von faschistischen Körperidealen und von Körpern, die durch den Faschismus unterdrückt werden. Es geht um Ableismus in der Zeit des Nationalsozialismus und auch heute, bei AfD und Trump. Das Fazit: Wir müssen dafür sorgen, dass insbesondere Kinder mit Diversität aufwachsen, um den klassistischen und rassistischen Idealen keinen Platz zu bieten. Auch das Nachwort ist sehr lesenswert, ordnet den Essay in einen aktuellen Kontext ein und bietet ein paar Erläuterungen.
Sprache ist teils sehr komplex und wissenschaftlich. Es wäre schön, wenn dieses Thema/ dieser spezielle Essay zugänglicher für alle Lesenden wäre, daher ein Punkt Abzug.
Spannendes Eassy, dass zum Mitdenken anregt. Treffend fasst es Alberto Toscano im Nachwort zusammen: „Wie Herzog prägnant formuliert, zeigt sich „sexy Rassismus" in „libidinös aufgeladene [n] Botschaften, die Gefühle von Angst, Wut und Abneigung schüren oder, andersherum, ein erregendes Dominanzgefühl gegenüber rassifizierter Vulnerabilität". Zwar bestehen unterschiedliche Entwicklungslinien für die Erotisierung von Rassismus und die Stigmatisierung von Behinderung, doch ein Verständnis davon, wie sich Rassifizierung (und Genderzuschreibungen) in Behinderung einweben, kann die Überlappung bis ins Detail der „affektive [n] Naht - zwischen tödlicher Niedertracht gegenüber Menschen mit Behinderungen und dem Versprechen transgressiver libidinöser Lust" sichtbar machen, die Herzog ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgt.“ Ebenso: „Das Problem, das Herzog anspricht und erkundet und das sie uns als Aufgabe stellt - nämlich die „multifunktionale Wirkmacht sowohl der Erotisierung einer behaupteten Überlegenheit als auch die erneute Insistenz auf eine Re-Hierarchisierung von menschlichem Wert" -, ist zentral für jegliche analytische und politische Auseinandersetzung mit den Formen der gegenwärtigen Reaktion.“
Dieses Essay unterstreicht eindrucksvoll, dass „antifaschistische Wissenschaft notwendig ein kollektives Unterfangen“ bleibt, um die Mechanismen, über die libidinöse Abwertung und erotisierte Überlegenheit passieren, besser zu verstehen und vor allem Gegenmaßnahmen zu entwerfen, in einer Zeit, in der der faschistische Körper, von abwertenden Zuschreibungen bis zu hin zu wellnessideologischem Selbstoptimierungszwang allgegenwärtig sind. Auch die, wenn auch kurze, theo-biopolitische Auseinandersetzung fand ich wertvoll und wird sicherlich dafür sorgen, dass ich mich mehr ins Thema einlesen werde.
Man muss wissen, dass es sich um ein kurzes Essay handelt und gar nicht erst versucht, Anspruch auf Vollständigkeit zu haben. Das sollte man vor dem Kauf wissen. Es ist dennoch äußerst lesenswert.
"Thus, after the destruction of the fascist state apparatus, the fascism in the head remains..."
Historian illustrating parallels between contemporary AfD and Nazi practices of control over the physical body, perceptions of the 'perfect' body, and the erotic allure of violence. Phenomenal account. Cannot recommend it enough.
Dagmar Herzog, Koryphäe auf dem Gebiet der Sexualpolitik in der Nazizeit, meldet sich mit einem kleinen Essay zurück, der den »neuen faschistischen Körper« fassen möchte. Also einen Körper oder eher ein Körperbild, das die moderne Rechte als Ideal ansieht. Dabei kommt Herzog auf die spezifische Behindertenfeindlichkeit und den abstrusen IQ-Fetisch zu sprechen, den die rechtsradikale Partei AfD in Deutschland herumtreibt. Immer wieder weist sie auf die Verschränkung von Ekel und Verachtung mit Lust und Erregung hin. Die unheimliche Kraft des Eros, das Abstoßende mit dem Anziehenden zu verbinden, könnte uns die unendliche Straflust der Rechten erklären. Ich habe den kurzen Essay (liest man in 45 min oder so) mit Gewinn gelesen, die Sprache ist konzis, die Struktur ist klar, die These schnell verständlich und dennoch tief.
Im Lesekreis gelesen und dadurch tolle Gespräche angeregt. Spannendes Thema und Verknüpfungen, die ich noch nie gesehen hab. Ich fand aber ihre Argumentation häufig nicht ganz schlüssig. Ihre Gedanken kamen mir nicht unplausibel vor, aber manchmal so hingestellt und einen darauf warten lassend, wann sie uns endlich erzählt, wo sie denn diese Schlüsse her hat. Wahrscheinlich hätte man sich mehr in die Fußnoten reinlesen müssen.