Ein glasklarer Essay über den Mut, Neues zu wagen und die befreiende Kraft des Schwimmens.
Jaqueline Scheiber hat jegliche sportliche Disziplin lange gemieden. Zu groß war die Unsicherheit, zu fremd die Codes. Doch eines Tages fasst sie allen Mut zusammen und taucht sprichwörtlich ein in eine neue Welt. Sie entdeckt das Schwimmen für sich und mit jedem Zug fühlt sie sich leichter, mit jeder Bahn wächst die innere Ruhe. In ihrem Essay erkundet die Bestseller-Autorin, was Schwimmen in uns auslösen kann. Durch ihre Urgroßmutter, die nie schwimmen lernen durfte, und ihre Mutter, die für Ungarns Schwimmteam in internationalen Wettbewerben antrat, erkennt sie die politische Dimension des Schwimmens.
Dieser Essay ist eine Liebeserklärung an das Strömende in uns, an die Möglichkeit, immer neue Wege zu finden und beweglich zu bleiben in unserem Alltag und unseren Gedanken.
„Und ich lasse hinter mir, was heute hinter mir gelassen werden muss. Das Warten auf Antwort auf diese eine Nachricht, die vorfreudige Nervosität, die Langeweile, die Hoffnung, die Überforderung.“ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Jaqueline Scheiber hat mich mit diesem Essay absolut verzaubert. Sprachlich wunderschön, erfasst „Schwimmen/Schweben“ eine Gefühlswelt zwischen Chance und Scheitern. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Der Autorin gelingt das Einfangen eines Themas, das mitreißt. Sie berichtet über ihr Vorhaben, Schwimmen in ihren Alltag als eine feste Routine zu etablieren. Rund ums Wasser bringt sie tolle Zitate und Werke anderer Autorinnen ein und schafft so eine eindrucksvolle Atmosphäre. Sie nimmt außerdem Bezug auf die Gesellschaft, in der wir waten, berichtet über Theorien und Kritiken. Auch Familienmitglieder von ihr tauchen im Verlauf der Erzählung auf. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Ich fand diesen Essay absolut stimmig. Ich war von der ersten Seite an begeistert und bin sehr gerne im Wasserthema untergetaucht. Irgendwie bin ich jetzt sehr motiviert, selbst eine Schwimmstudie zu unternehmen und mich auf den Weg ins nächste Hallenbad zu machen! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Mal schauen, ob ich damit auch so viel Erfolg habe, wie die Autorin. Für mich war der Essay auf jeden Fall ein Highlight und ich empfehle ihn sehr gerne weiter! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ 5/5 ⭐️
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Rezensionsexemplar I Vielen Dank @leykamverlag @netgalleyde 🩷
„Vielleicht bin ich noch sechs Monate von einer wissenschaftlich gefestigten Routine entfernt, aber viel wertvoller ist die Erkenntnis, dass das Wasser auch an Land wirkt" (S. 46), mit diesem Satz trifft Jaqueline Scheiber genau das, worum es in ihrem Essay geht: nicht um Perfektion, sondern um das, was die Beschäftigung mit etwas Neuem in uns verändert, noch bevor es zur Gewohnheit wird. „Schwimmen / Schweben", erschienen im März 2026 beim Leykam Verlag, ist ihr erstes essayistisches Buch nach dem Bestseller-Roman „Dreimeterdreißig". Formal ist „Schwimmen / Schweben" ein klassischer Icherzähl-Essay mit eingestreuten Recherche-Exkursen, einer umfangreichen Literaturliste am Ende und einer Sprache, die sich immer wieder ins Lyrische hebt.
Meine Meinung
Scheiber nähert sich dem Schwimmen als jemandem, die lange keinen Zugang zu Sport hatte. Nicht aus Faulheit, sondern aus einem Körpergefühl heraus, das von Sozialisierung geformt wurde. Das ist der Ausgangspunkt. Von dort aus öffnet der Essay erstaunlich viele Türen: Körperscham und Fettfeindlichkeit, die politische Dimension von Freibädern, die Familiengeschichte ihrer Mutter als ungarische Leistungsschwimmerin und Migrationsbiografie, das Recht auf Barrierefreiheit, die Romantisierung des Meeres und die schlichte Frage, wem Wasser eigentlich zugänglich ist und warum nicht. Was der Autorin meiner Meinung nach wahnsinnig gut kann ist das Persönliche mit dem Strukturellen zu verbinden, ohne dabei in Betroffenheitsrhetorik zu verfallen. Wenn sie schreibt, dass sie sich schämt im Hallenbad, weil ihr Körper „aus der Reihe tanzt" und dann sofort fragt, woher diese Scham stammt und wessen Normen sie eigentlich bedient, dann ist das feministische Analyse, die sich nicht wie Analyse anfühlt. Für mich persönlich besonders spannend waren die Passagen über Zugang und Ausschluss: Scheiber stellt die Frage, ob es ein Recht auf Abkühlung gibt, ohne sie rhetorisch zu behandeln. Sie schreibt über Burkini-Debatten als das, was sie sind: rassistische Deutungshoheitsbehauptungen einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Sie erinnert daran, dass das Mittelmeer für manche ein Sehnsuchtsort und für andere ein Überlebenskampf ist. Diese Verschiebungen, vom Persönlichen ins Geopolitische, von der eigenen Bahn im Hallenbad zu den Menschen im Schlauchboot, waren für mich mit die stärksten Momente des Buches.
Manchmal wirkt der Essay dennoch in seinen gesellschaftskritischen Passagen etwas sprunghaft. Die Kritik am neoliberalen Gesundheitsdiskurs ist treffend, aber kurz angerissen und wird nicht wirklich weiterverfolgt. Es entsteht stellenweise das Gefühl, Scheiber öffnet Türen, durch die sie dann nicht ganz hindurchgeht. Das ist vielleicht auch eine Eigenheit des essayistischen Formats, das Weite erlaubt statt Tiefe verlangt. Aber wer eine systematische Analyse erwartet, wird hier eher nicht fündig.
Fazit
„Schwimmen / Schweben" ist kein Buch, das man liest und danach weiß, wie man schwimmt, oder wie man ein besseres Leben führt. Es ist ein Buch, das man liest und danach anders durch ein Hallenbad geht. Anders auf Körper schaut. Anders über Zugang nachdenkt. Scheiber gelingt das, was guter Essay-Literatur gelingen soll: Sie macht das Private politisch, ohne dabei die Lesenden zu belehren. Dass die gesellschaftskritischen Fäden nicht immer zu Ende gesponnen werden, ist der einzige Vorbehalt, aber kein Grund, das Buch nicht zu lesen. Herzlichen Dank an den Leykam Verlag für das Rezensionsexemplar.
In der Nähe ihrer Wohnung liegt ein Schwimmbad, aber Jaqueline Scheiber ist lange nur daran vorbei gegangen. Dabei hat sie schon mehrere Ansätze genommen, eine Schwimmerin zu werden. Mal war es der Pool in einem Hotel, in dem sie als Einzige ihre Bahnen gezogen hat, mal war es eine Freundin, die sie endlich zu einem Besuch im Schwimmbad überreden konnte. Aber sie ist nie lange dabeigeblieben und das schlechte Gewissen deswegen wurde immer größer.
Vielleicht wirkt sie deshalb bei ihrem Besuch im Schwimmbad so unsicher. Sie fühlt sich beobachtet, nimmt jede noch so kleine Unzulänglichkeit ihres Körpers wahr und beneidet die regelmäßigen Schwimmerinnen um ihre Routine. Aber sobald sie im Wasser ist, passiert es. Nach nur wenigen Bahnen kommt sie bei sich an und "lässt alles hinter sich, was hinter sich gelassen werden muss."
Eine Zeile in dem Buch lautet "Wer liest, möchte von etwas mitgerissen werden" und das hat die Autorin mit ihrem Essay geschafft. Als jemand, die selbst schwimmt, konnte ich mich in vielem von dem, was ich gelesen habe, wiederfinden. Manchmal lässt das Leben eine neue Routine gerade nicht zu, aber das bedeutet nicht, dass der richtige Zeitpunkt nie kommen wird. Nach einem Jahr stellt sich Jaqueline die Frage, ob sie jetzt eine richtige Schwimmerin geworden ist. Das ist sie und das wird sich nicht mehr ändern. Man bleibt auch ein Schwimmer, wenn man längere Zeit nicht geschwommen ist.