Wichtiges Zeugnis der Revolution – mit einer notwendigen Differenzierung
Auf den Straßen Teherans ist ein wichtiges, mutiges und berührendes Buch. Es macht die Realität auf den Straßen Teherans greifbar und zeigt eindrücklich, wie sehr Frauen und die Gesellschaft insgesamt unter dem iranischen Regime leiden. Ich stehe klar an der Seite der Frauen im Iran und unterstütze ihren Kampf um Freiheit, Selbstbestimmung und Würde. Dieses Buch ist ein starkes Zeitzeugnis – und genau deshalb so wichtig.
Eine zentrale Stelle möchte ich jedoch kritisch, aber auch verständnisvoll einordnen: Sinngemäß wird behauptet, der Islam sei nicht renaissance- oder aufklärungsfähig. Ich kann nachvollziehen, warum sich das für die Autorin so anfühlt. Wer den Islam fast ausschließlich in der repressiven Form eines autoritären Regimes erlebt hat, verbindet ihn verständlicherweise mit Zwang, Kontrolle und Unterdrückung. In diesem Sinn ist diese Aussage für mich weniger eine sachliche Analyse als Ausdruck von erlebtem Trauma und persönlicher Erfahrung – und das ist menschlich absolut nachvollziehbar.
Trotzdem halte ich die Verallgemeinerung für problematisch. Dass das iranische Regime Religion zur Machtsicherung missbraucht und Menschen traumatisiert, sagt nichts über den Islam als solchen aus. Die Härte und Starrheit, die hier beschrieben werden, sind menschengemacht – sie entstehen durch politische Machtstrukturen und ideologische Auslegung, nicht durch die Religion an sich. Der Islam ist – wie jede große Weltreligion – historisch und kulturell vielfältig ausgelegt worden und in seiner Praxis wandelbar.
Für mich ist dabei zentral: Im Islam heißt es „la ikraha fid-din“ – es gibt keinen Zwang in der Religion. Zwangsverschleierung, Kontrolle über Körper und Leben von Frauen widersprechen diesem Grundsatz. Gerade deshalb ist der Protest der Frauen in Teheran nicht nur politisch mutig, sondern auch religiös und moralisch richtig und wichtig!!! Er richtet sich gegen Unterdrückung und Machtmissbrauch – nicht gegen Glauben.
Trotz dieser Differenzierung bleibt das Buch ein enorm wichtiges Zeugnis. Es hilft zu verstehen, was Menschen im Iran erleben, und verdient Aufmerksamkeit und Solidarität. Meine Kritik soll nicht abwerten, sondern einordnen – aus Respekt vor den Betroffenen und aus dem Wunsch heraus, Machtmissbrauch klar zu benennen, ohne Religion pauschal zu verurteilen.