Adrienne Monnier (1892-1955) leitete in Paris seit 1915 das „Maison des Amis des Livres“ in der Rue de l'Odéon 7, die US-Amerikanerin Sylvia Beach (1887-1962) in der Hausnummer 12 ab 1921 die Buchhandlung für amerikanische Literatur »Shakespeare and Company«. Beide Frauen verfügten über keinerlei Ausbildung im Handel oder Verlagswesen. Inhaltlich und geschäftlich sind Handel und Verlagswesen noch männlich dominiert. In ihren Buchhandlungen traf sich die Elite französischer und amerikanischer Autoren. Beach brillierte wagemutig als Herausgeberin von Joyces Ulysses, Monnier gab zwei Literaturzeitschriften heraus, während zu ihrer Zeit weibliche Autoren meist unter Pseudonym veröffentlichten. Ihr Talent zum Netzwerken und im passenden Moment früher gewährte Gefallen wieder einzufordern, befähigte die Gefährtinnen während der deutschen Besetzung Frankreichs (1940–1944), Weggefährten im Exil zu unterstützen oder Hilfe für sie in die Wege zu leiten. Die private Beziehung zwischen Beach und Monnier wird auf eine harte Probe gestellt, als Monnier die Fotografinnenkarriere von Gisèle Freund (1908-2000) unter ihre Fittiche nimmt – und Sylvia Beach als Gefährtin praktisch entthront wird.
Beachs Geschäftsmodell beruhte darauf, dass eine große Anzahl in Paris lebender englischsprachiger Autoren und Künstler zu wenig Französisch verstand, um französischsprachige Romane zu lesen. Adriennes zweites Standbein war eine Leihbücherei, für die sie Mitgliedsbeiträge erhob und die ihr Stammkunden garantierte. Wenn alle ihre Kunden wie Simone de Beauvoir ihre Bücher weder eintrugen noch zurückbrachten, muss dieser Zweig allerdings ein Verlustgeschäft gewesen sein. Mit der deutschen Besatzung von Paris ab Juni 1940 endete für viele der Exilanten das unangepasste oder queere Leben in Paris; wer nicht untertauchen konnte, wurde deportiert. Sylvia Beach wurde zusammen mit vielen anderen 1942 in Vittel interniert. Für die Künstlerszene um die Buchhändlerinnen wird es von nun an um „Zuflucht und Widerstand“ gehen, wie der Untertitel treffend konstatiert. In der Szene um Beach und Monnier traf sich, was in der Literatur Rang und Namen hatte: Hemingway, Ernst Jünger, Walter Benjamin, Giséle Freund, Gertrude Stein, Sartre & de Beauvoir, Florence Goul, Siegfried Krakauer uvm. Mich hat besonders die Entwicklung von Giséle Freund interessiert.
Uwe Neumahr führt all diese Schicksale zunächst in zwei Zeitsträngen (1919 und 1939 beginnend) im Reißverschlussverfahren aufeinander zu, bis sie sich 1943 miteinander verknüpfen. Die Einzelschicksale werden nach 1945 fortgeführt, teils verzögert, wenn zunächst ungeklärt bleibt, wer Verfolgung und Deportationen überlebt hat. Der Autor konstatiert am Ende verwundert, dass Adrienne Monnier zwar alle Bedingungen erfüllte, um als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt zu werden (als Nichtjüdin, ohne Bezahlung zu fordern, Juden gerettet und sich dabei in Gefahr begeben), aber vor 2020 nicht für ihren Einsatz ausgezeichnet wurde.
Zu loben finde ich die Qualität der Fotos, die selbst auf kleinem ebook-Reader Display brillant wirken.
Fazit
Mit zahlreichen Quellenangaben und Namen prominenter Mitglieder der Szene um Beach und Monnier legt „Die Buchhandlung der Exilanten“ Zeugnis ab von einem Leben privater und geschäftlicher Wagnisse und verführt zur Lektüre weiterer Biografien aus dieser Epoche.