Lemberg, 1941. Die sechzehnjährige Nelka wird von Soldaten aufgegriffen und mit zahlreichen Mädchen und Frauen nach Westen verschleppt. Auf einem norddeutschen Gutshof werden sie zu schwerer Arbeit gezwungen. Ihr Vater hatte Nelka früh im Obstbau unterrichtet, und schon als Kind hatte sie ihm beim Veredeln der Apfelbäume geholfen. Dank dieses Wissens kann sie sich anfänglich der Zudringlichkeit des Gutsverwalters erwehren. Sie plant den Apfelanbau für ihn, und die Plantagen bescheren ihm nach dem Krieg ein Vermögen. Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort ihres Leidens zurück. Sie will, dass Marten sich an das erinnert, wovon sie selbst sich endlich befreien muss.
She grew up in nothern Germany. In 2005 she plubished Büchsenlicht (a short story collection) and in 2010, the novel Schipino. In 2014 she published Das Letze Land with great welcome criticism and consecrated as one of the most significant authors of German literature. It has several awards, including the Werner Bergengruen.
Nelka wird im Jahr 1941 von den Deutschen aus ihrem polnischen Heimatort verschleppt und zur Zwangsarbeiterin auf einem Gutshof in Deutschland gemacht. Auf Grund ihrer Jugend, Schönheit und insbesondere ihrer tiefgehenden Kenntnisse zum Apfelbaumanbau, erregt sie die unerwünschte Aufmerksamkeit des Gutsverwalters. Einige Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort und zu dem Gutsverwalter zurück, um sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen.
Das Buch ist sehr melancholisch, sowohl im Ton als auch im Inhalt. Nelkas Schicksal, als junges 16-Jähriges Mädchen im Krieg, wird sehr eindringlich beschrieben. Die Lesenden bekommen anhand von fiktiven Einzelschicksalen ein umfassendes Bild vom Leid, das vielen, völlig unschuldigen, wehrlosen Menschen widerfahren ist.
Insbesondere depremierend ist das Gefühl von grenzenloser Ungerechtigkeit, das wir bei der Lektüre aushalten müssen. Befriedigend sind ja nun mal Geschichten, in denen die "bösen" am Ende bekommen, was sie verdienen und bestraft werden. Diese Geschichte ist realitätsnah gehalten, so dass das befriedigende Gefühl uns natürlich versagt bleibt. Stattdessen wird uns gezeigt, wie Menschen am Ende von ihren rücksichtslosen, teilweise unmenschlichen Verhaltensweisen, profitieren und immer wieder profitieren.
Ein gutes Buch, das ein Schlaglicht auf diesen, nicht oft thematisierten, Teil der Geschichte wirft.
Geschätzte 20 Millionen Zwangsarbeiter wurden während des dritten Reich in Deutschland als Arbeitskräfte missbraucht. Wie Sklaven wurden sie gehalten und behandelt. Gelesen habe ich darüber in der Vergangenheit nur peripher. Svenja Leiber widmet sich diesem dunklen Fleck unserer gemeinsamen Geschichte.
Nelka reist zurück an den Ort, der sie körperlich und psychisch viel Kraft gekostet hat. Als 15-jährige wird sie aus Lemberg verschleppt und landet auf einem Gutshof in Norddeutschland. Dort muss sie mit anderen Menschen schwerste Arbeiten verrichten und trägt somit unfreiwillig dazu bei, dass das deutsche Volk gut mit Lebensmitteln versorgt wird. Ein engerer Kontakt zu den „Herrenmenschen“ ist nicht erlaubt. Das schert besonders die Männer in höheren Positionen nicht. Sie missbrauchen die Frauen für einen Becher Sahne. Lehnt sich jemand gegen die schwere Arbeit oder die übergriffigen Handlungen auf, so wird man hart bestraft.
Nelka wechselt in das Haus des Verwalters und übernimmt Dienstbotentätigkeiten. Als sie eine Schale mit Äpfeln sieht, ruft das ihre Erinnerungen an zu Hause wach, denn ihr Vater war ein Bekannter Experte für die Veredelung von Sorten. Als Marten dies bekannt wird, verpflichtet er sie, ihr Know-how an ihn weiterzugeben. Auf diesem Wissen fußt sein späterer Reichtum. Jahrzehnte später stehen sich die beiden wieder gegenüber.
Svenja Leiber hat dieses Buch mit einer ganz besondere Stimmung ausgestattet. Es wirkt in seiner Grausamkeit ruhig und sanft erzählt. Dabei wühlte es mich ziemlich auf, denn die Willkür mit der Menschen hier benutzt wurden ist nur schwer auszuhalten. Um diese Intensität herzustellen, muss nicht alles ausgeschrieben werden. Svenja Leiber hat es hervorragend geschafft Worte wegzulassen und trotzdem alles zu sagen. Das betrifft insbesondere die Gefühle der Protagonisten. Nelkas Blick auf die Vergangenheit bekommt mit ihrer Reise eine andere Kraft. Besonders gut, finde ich dargestellt, wie sie sich gegen die Erinnerung wehrt und sie gleichzeitig zum Überleben braucht. Einmal mehr wird deutlich, dass es hier nicht ausschließlich um das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten und deren Auswirkungen geht, sondern um die Macht von Männern, die sich nehmen, was sie wollen.
Die Beschreibung von Apfelsorten, deren Aussehen und Geruch hat etwas sehr sinnliches. Der Roman berührt literarisch nicht nur meinen Kopf und mein Herz, sondern spricht auch meine fünf Sinne an. Die literarisch hochwertige Arbeit von Svenja Leiber ist in all dem schrecklichen voll Poesie und trotzdem leicht zugänglich.
Ein stilles und gleichzeitig kraftvolles Buch, das zeigt, wie man Menschen bricht und gleichzeitig überlebt. Ich empfehle es allen, die auf der Suche nach Literatur sind, die eine Zeit widerspiegelt, die niemals wiederkommen darf und die gleichzeitig in dieser eine neue Perspektive verfolgen möchten.
Bei hochgelobten Büchern bin ich eigentlich immer skeptisch. Dieses Buch wurde mir aber von einer Mitleserin aus meinem Lesekreis in die Hand gedrückt, die es sehr lesenswert fand. Da sie einen ähnlichen Geschmack wie ich habe, habe ich das Buch also mitgenommen.
Das Cover zeigt aufgeschnittene Äpfel, stellt einen schönen Zusammenhang zu Nelka und ihrem Vater her, der Experte für Äpfel in Lwow, bzw. dem heutigen Lwiw in der Ukraine war. Er hat Äpfel gezüchtet und veredelt und sein Wissen an seine Tochter weitergegeben. Dieses Wissen wird ihr das Überleben sichern, was damals noch niemand ahnen konnte.
Es ist 1941 und Nelka ist morgens in Lwow zum Brötchen holen unterwegs, als sie von den Deutschen auf der Straße aufgegriffen wird. Einfach so, weil die deutschen Besatzer das Recht dazu haben. Sie wird verschleppt und nach Norddeutschland gebracht mit anderen Frauen, die dort als Arbeitskräfte eingesetzt werden. Sie schlafen in Baracken, leiden unter Hunger und Kälte und der einzige Lichtblick ist, dass Nelka zwei andere Frauen kennengelernt hat, die ihr zu Freundinnen werden.
Nelka fällt dem Verwalter des Gutshofs auf, was Glück und Unglück zugleich bedeutet. Wir begleiten sie durch die Jahre des Kriegs, durch ihr Leid und durch schlimme Momente, aber auch durch Zusammenhalt und Freundschaft, die sie über die Zeit tragen.
Jahre später taucht Nelka auf dem Gutshof auf und stellt sich dem Verwalter gegenüber, der durch ihr Wissen und ihre Kenntnisse nach dem Krieg reich wurde. Sie hat die Erinnerungen an ihn nie überwinden können. Er dagegen wurde nie belangt und hat sein Fähnchen immer wieder neu ausgerichtet. Bis ihm Nelka gegenüber steht.
ich habe wirklich mit Nelka mitgelitten, mich für die Deutschen geschämt, die diese Untaten begangen haben und mich gefreut, wenn es Momente gab, die zu Hoffnung und Freude führten. Wie geht man mit solchen Erinnerungen um? Wie mit der Schuld als Täter oder Mitläufer?
Die Sprache ist anschaulich und ich war mitten im Geschehen auf diesem Hof. Auf nur 200 Seiten wird ein ganzes Menschenleben geschildert, mitreißend und bedrückend, ich habe den Roman wirklich verschlungen.
Wunderschöne poetische Sprache, die neben dem so wichtigen Inhalt (Zwangsarbeit und Vertreibung in der NS-Zeit) dazu geführt haben, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen wollte.
"Über alles wächst irgendwann irgendwas, Haut, Gras, Narben, Rinde."
"Und da ist es wieder, kommt wie eine Welle auf ihn zu, kommt über ihn, brausend, schrecklich. Er fühlt ein rauschendes Verlangen, bemerkt nicht, wie sein Kiefer arbeitet, als widersetzte der Körper sich diesen Gefühlen, als wüsste er die Wahrheit, die er seit Jahren unterdrückt hat, so sehr, dass eine Klärung unmöglich scheint und sich die Muskeln unter dieser Spannung verkrampfen. Es ist auch kein direktes Verlangen des Körpers, vielmehr ein körperloses, fast untotes Verlangen nach etwas, das nicht benennbar ist. Etwas, das aus allen Erzählungen getilgt und mit der Zeit tatsächlich verblasst war. Diese Lücke, die sich irgendwann scheinbar geschlossen hatte, jetzt reißt sie auf. Wie eine billige Naht. Darunter kommt das Fleisch der Geschichte zum Vorschein, roh und zart. Es kommt hervor. Das Fleisch kehrt zu ihm zurück."
"Sie hatte etwas länger stillgehalten, als es nötig gewesen wäre. Als hinge sie an dem Moment, wie man an einem Gedanken hängen kann."
"Und für jedes Stück bekam sie einen Wunsch zurück: »Keinen Fußbreit Boden deines Herzens an die Falschen«, sagten sie."
"Wer kann denn, denkt sie, mit Sicherheit wissen, ob das Ende einer Reise noch innerhalb der eigenen Lebenszeit liegen wird."
"Nelka betrachtet das versilberte Besteck, die Gabel mit den langen Zinken, das Messer, den Dessertlöffel, die Kuchengabel. Sie denkt den Abend am Besteck entlang."
"Da ist also das Heimweh. Sie war nie fort, sie hat es nicht gekannt, wie es einen biegt und drückt und schwer macht. Jetzt ist es da und geht nicht mehr."
Nelka ist 16 Jahre alt, als sie von den Nazis aus ihrem Heimatland Polen verschleppt und auf einen norddeutschen Hof gebracht wird. Dort muss sie gemeinsam mit anderen Frauen und Mädchen Zwangsarbeit verrichten – und das unter unmenschlichen Bedingungen: physische und sexuelle Gewalt, Hunger, Kälte und die ständige Angst vor Bestrafungen oder gar dem Tod bestimmen von nun an ihr Leben. Als der Verwalter des Hofes herausfindet, wie viel Nelka durch ihren Vater über den Anbau von Apfelbäumen gelernt hat, macht er sich das Mädchen und ihr Wissen zu Nutze. Jahre später kehrt Nelka nun auf den Hof zurück, wo auch der Verwalter nach wie vor lebt. Nur so kann sie ihre Vergangenheit endlich loslassen.
Nelkas Geschichte hat mich von Seite eins an wahnsinnig gefesselt und bewegt. Das Buch behandelt ein sehr düsteres und oft verschwiegenes Kapitel der Vergangenheit. Es ist die tieftraurige und (leider) wahre Realität, mit der Svenja Leiber an die Opfer der NS-Zeit erinnert. Sie schreibt klar und schnörkellos, trotzdem baut das Buch von Anfang an einen Spannungsbogen auf, der sich bis zum Ende hält. Und trotz der sehr harten und unschönen Passagen, gibt es auch wunderschöne Momente. Insgesamt zwar kein leichtes, aber ein unfassbar tolles & so wichtiges Stück Erinnerungsliteratur, das traurig und zugleich hoffnungsvoll macht. Unbedingte Lese-Empfehlung!
Im Alter reist Nelka wieder nach Norddeutschland. Sie kehrt zurück an den Ort, an dem sie als Zwangsarbeiterin jahrelang arbeiten musste. Ihr Wissen bei der Veredlung von Apfelbäumen hat dem Gutsherrn während des Kriegs gute Dienste geleistet und ihm danach zu seinem Vermögen verholfen. Sie will Marten damit konfrontieren, wie sehr er von ihr profitiert hat.
Nelkas Vater hat ihr schon früh beigebracht, mit Apfelbäumen zu arbeiten. Dieses Wissen hat ihr das Leben gerettet. Es hat ihre eine Sonderstellung auf dem Hof verschafft, die sie von der ganz schweren Arbeit teilweise ausgeschlossen, aber auch die Aufmerksamkeit des Gutsherrn auf sie gelenkt hat
Die Selbstverständlichkeit, wie Nelka von der Straße gesammelt und mit zahlreichen anderen Frauen nach Deutschland gebracht wurde, ist erschreckend. Noch schlimmer fand ich den Umgang mit den Frauen und Männern auf dem Gut. Sie waren nur so viel wert, wie sie arbeiten konnten. Die deutschen Herren konnten über sie in jeder Lebenslage verfügen und haben das auch getan.
Svenja Leiber erzählt eine bedrückende Geschichte, aber sie hat mich nicht so berühren können, wie ich das vom Klappentext her erwartet habe. Dafür waren mir die Charaktere zu flach.
Grandioses Buch, welches mit ruhiger Sprache eine unfassbare emotionale und inhaltliche Tiefe entfaltet. Das Buch richtet den Fokus auf ein zu wenig aufgearbeitetes Thema der NS-Zeit während die Protagonist*innen nachvollziehbar handeln und ihre Umwelt authentisch dargestellt wird. Absolut empfehlenswert.
Nelka steht in der Reihe von Romanen, die die Folgen des Krieges auf die Zivilbevölkerung beleuchten, also bspw. mit Fische im Trüben von Elli Unruh, Die Wut ist ein heller Stern von Anja Kampmann oder Annett Gröschners Schwebende Lasten. In Nelka beleuchtet Leiber speziell das Schicksal von Frauen in Kriegsgefangenschaft und im Arbeiterlager. Die Protagonist mit selbem Namen wird nach Norddeutschland verschleppt und muss auf einem Bauernhof Frondienst leisten:
Reihe der Frauen entlang und prüfen Gebisse und Hände. Einer von ihnen, ein Mann mit immerhin erstklassigen Reitstiefeln, zählt einfach ab: eins, zwei, drei, vier … neunundzwanzig, dreißig. Schura ist die Zehn, Margaryta die Elf, Nelka die Zwölf.
Die erste Zeitebene, erzählt aus der Sicht Nelka fünfzig Jahre später, rekonstruiert ihre frühen Kindheitserfahrungen in Gefangenschaft. Die zweite Ebene verfolgt Nelka, wie sie die Konfrontation mit dem Verwalter des Bauernhofes sucht. Hierin verbirgt sich kompositorischer eine Zwangsläufigkeit, die jenseits des offensichtlichen Rachebedürfnisses inhaltlich überzeugt und den Roman in ein abgerundetes Ganzes verwandelt.
Nelka lässt sie los. Sie steigt ein, vorbei an der Schaffnerin in dunkler Uniform, findet ihr Abteil, setzt sich ans Fenster und sieht draußen Galina, deren Blick suchend am Zug entlangwandert. Ganz allein steht sie da, in ihrem mit Watte gestopften Mantel, in dieser Kleidung des Sozialismus, in der man entweder friert oder schwitzt. In dieser wertlosen Hülle einer gescheiterten Idee. Galinas Augen suchen vergeblich. Dieser verlorene Ausdruck in diesem jungen Gesicht, verloren in der Zeit, verloren im fehlenden Gegenüber, im fehlenden Bild, in der fehlenden Geschichte.
Leibers Roman überzeugt narrativ über weite Strecken, gerät nur gegen Ende völlig ins Ungleichgewicht, sobald er den Fokus von Nelka abwendet und die Nachkriegsgeschichte des Verwalters verfolgt und rekonstruiert. Das Aufweichen und Verallgemeinern des Erzählrahmens diffusioniert in der Kürze und in der Engproportioniertheit der Fabel den Blick auf die einzig lebendige Gestalt, Nelka.
»Es gibt«, sagt Nelka, »einen Apfel, der heißt Martensapfel, wie der Verwalter. Er ist mittelmäßig groß und von plattrunder Form, mit einem ziemlich tiefen Butzen. Er hat eine glatte Schale, die im Liegen sehr fettig wird. Sein Fruchtfleisch ist von keinem feinen Geschmack, darum ist er nur als Kochapfel gut.« Nelka wendet den Kopf zur Seite und sieht Else an. Sie brechen gleichzeitig in prustendes Gelächter aus, sie lachen viel zu doll und graben die Gesichter in das Leintuch, damit sie niemand hört.
Nelka überzeugt durch die lebendige Hauptfigur, die selbst den Kitsch, das Pathos trägt und narrativ vermittelt. Dort, wo der Verwalter einen Namen erhält (warum eigentlich?) und auch noch seine Hintergrund beleuchtet wird, verliert sich der Roman als kleinteiliger Großroman über die verwickelten Kriegsschicksale, einen Stoff, der sich auf die gezeigte Erzählweise und in der vorgetragenen Sprache gar nicht stemmen lässt. Es zwingt sich der Eindruck auf, dass der Roman künstlich verlängert werden musste. Schade.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- --------------------------------- Inhalt: ●Hauptfigur(en): Nelka, aus der Ukraine, besucht Norddeutschland, den Ort ihrer Kriegsgefangenschaft. Marten Wilhelmsen, verwitwet, seine Inge in der Erzählgegenwart tot, führt die Plantage. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: EG (Erzählgegenwart): Marten Wilhelmsen (MW), Großgrundbesitzer, u.a. von einer Apfelplantage erwartet Besuch von einer Nelka, befürchtet Reparationszahlungen. Haushälterin Gonda bereitet den Besuch vor. [Sie wurde von Nelka separat angeschrieben – Nelka kannte Gondas Mutter Else.] EG: Nelka bricht auf. Sie muss, sie kann es nicht aufschieben [Grund wird spät genannt. Nelka war schwanger, als sie floh, und befürchtete, dass das Kind vom Verwalter sei, und beschloss, es zu töten, falls es wie er aussehen sollte. Es wurde eine Tochter, Galja, und sah aus wie Nelka. Als die Tochter aber ein Kind zur Welt brachte, Galina, viel später, sah es aus, wie der Verwalter, und um sich zu exorzieren, reist sie als frischgebackene Großmutter los, sich mit dem Verwalter Marten zu konfrontieren. Das ist der Twist – die Rahmenhandlung: warum reist Nelka plötzlich ohne finanzielles Interesse los, trotz hohen Alters, um Marten zu konfrontieren.] Sie fährt über Krakau. Lebenserinnerung auf der Fahrt von Nelka. Aufgewachsen in Lwow, Lemberg, Vater Apfelzüchter, Pomologe, Wendelin Lechner. Dieser verliebte sich am 11. Juni 1924 in Jeva Silber. Nelka wird geboren. Liebt die Apfelzucht. EG: Sie trifft in Norddeutschland ein, wird von Gonda empfangen. Marten nervös. Nelka ebenfalls. Kommt am Verwalterhaus an. Der Verwalter isst. Nelka bekommt keinen Happen hinunter. Nelka starrt ihn an, schweigt, geht dann in das Haus der Haushälterin, wo sie sich viel wohler fühlt. Erinnerung. Nelka zehn Jahre alt, lernt bei ihrem Vater. Lwow wird sowjetisch. Dann 1941. Nelka 16, sie teilt das Zimmer mit Yasha. Ihr Vater wurde von der deutschen Geheimpolizei hingerichtet, weil er Zeuge eines Abtransportes von Gefangenen wurde. Yasha und Nelka verliebt, träumen von einem Spaziergang an der Poltwa. Nelka bricht auf, um Frühstück zu besorgen, wird vom deutschen Militär gefangengenommen und verschleppt. Im LKW trifft sie Margaryta (Rita), die in einem Uhrenladen als Verkäuferin gearbeitet hat. Sie lernen die Draufgängerin Schura kennen. Sie werden entlaust, gewaschen und in Baracken geschleppt. EG: Nelka wacht, in Gondas Haus. Verwirrt. Wieder zurück in der Erinnerung. Nelka, geboren 1925 am 12.2. Schura arbeitet an einer kleinen Trafika, in der Zygmuntowska. Sie erreichen ihr Ziel, in der Nordmark. Dort arbeitet sie für einen Freiherrn von Kretz, der sich meistenteils von dem Verwalter MW vertreten lässt. Es herrscht äußerstes Verbot für Fraternisation. EG: MW kann nicht schlafen, denkt über Nelka nach. Nelka badet, beruhigt sich. Sie erreichen das Gut. Schura beschützt Rita. Sie müssen melken. Im Stall arbeiten. Nelka träumt von Yasha. Rita magert ab. Verwalter beginnt sich für Nelka zu interessieren. Rita rät ihr, sich fernzuhalten. In der Nähe liegt der Mühlenteich, er spiegelt, er reflektiert und denkt sich seinen Teil. Schura muss in der Mühle schuften. Eines Morgens wirft sie einem Schwan einen Stein an den Kopf und wird bestraft. Sie muss in den Kerker. Entkräftet kommt sie nach einer Woche wieder. Rita hat ein Becher Sahn. Schura weiß, was sie dafür hat geben müssen. [Sie musste sich dafür prostituieren. Rita wird deshalb schwanger und wird bei der Geburt sterben.] EG: MW unruhig, wartet auf Nelka, will Dinge klären. Bald wird Nelka in das Haus des Verwalters berufen, im Advent. Dort lebt der Verwalter mit seiner Ehefrau. Sie sieht Äpfel, hebt sie auf. Als der Verwalter eintritt, zeigt sie ihre Apfelkenntnisse. Schura arbeitet nun bei den Forstarbeitern. Nelka beginnt, Putzarbeiten im Verwalterhaus auszuüben. Nelka lernt Else, das zweite Hausmädchen kennen. Rita wird krank, schweres Fieber. Medikamente zu geben, ist nicht erlaubt, da sie Kriegsgefangene ist. Nelka weint, Schura tröstet sie. Der Verwalter beschließt Schura ins Dorf zu verlegen, und Nelka in seinem Dachboden einzuschließen. Eines Nachts betritt der Verwalter Nelkas Zimmer, mit einem Apfel. [Apfel, die Versuchung, Baum der Erkenntnis, Paradiesapfel, Eva.] Er geht, lässt Nelka den Apfel. Sie zieht nun vollends in den Verwalterhaus. Sie beginnt dem Verwalter bei der Apfelzucht zu helfen. Rita erholt sich. EG: Nelka sieht, dass im Verwalterhaus Licht brennt. Kriegsgeschick dreht sich. Nelka gibt Tipps für eine erfolgreiche Apfelplantage. März 1942. Rita schwanger, sie weiß, dass sie die Geburt nicht überstehen wird. Der Verwalter beschützt Nelka vor einem Hauptsturmführer. Der Verwalter wird verwarnt. Rita bringt ein Kind zur Welt und stirbt an den Folgen. Else tröstet Nelka und geht mit ihr schwimmen. Die Frau des Verwalters, Inge, schlägt Nelka. EG: MW verwirrt in seinem kalten Haus. Ohne dass er es weiß, steht Nelka vor der Tür und fühlt, dass er wartet. Nelka hilft bei der Apfelplantage. Sie vergisst langsam Lwow. Zwischenfall mit einem polnischen Landarbeiter, der einst technischer Zeichner gewesen ist. Er wehrt sich gegen die Behandlung durch Schmähzeichnungen. Der Müller und andere erhängen ihn. Nelka illusionslos. Sie fordert MW auf, die Kinder besser zu nähren. Er kommt ihrer Bitte nach. MW ringt mit sich, vom Begehren nach Nelka zerfressen. Räsoniert über seine Zweckheirat, über seine Eltern, die enttäuscht darüber sind, dass er nicht wie die anderen in den Krieg gezogen ist. Geht zu seiner Frau, schläft mit ihr, als Beitrag für den Krieg. In der Nacht will er zu Nelka ins Zimmer. Sie lässt ihn nicht. Am nächsten Tag ist MW wütend, misshandelt einen jungen Russen, ein älterer flucht. Er droht beiden mit dem Revolver, lässt sie wegbringen. In der nächsten Nacht lässt Nelka ihn ins Zimmer. Sie opfert sich, um die anderen zu schützen. Wechsel zu einem Arbeiter, der singt, trotz harter Arbeit [wahrscheinlich Iwan, der Nelka retten, ihr Mann wird]. Nelka wird im Winter wegen der Kälte in einen Verschlag unter der Treppe quartiert. Zu Weihnachten kommt MW zu ihr, er will, dass sie seinen Namen sagt. EG: Nelka vor dem Verwalterhaus, wüsste, wie sie sich an ihn rächen, wie sie ihn gefahrlos erschießen könnte, mit dem Revolver in seinem Schreibtisch. Der Krieg kurz vor dem Ende, die Stadt brennt, die Sirenen heulen. Das Gut soll Evakuierte einquartieren. Einer der Russen heißt Iwan [eigentlich Wladimir Alexandrowitsch Michejew], verliebt sich in Nelka, schenkt ihr eine Blume, eine Nelke. Sie arbeitet mit Iwan im Garten. Als MW und Iwan ihr bei einem Spaziergang begegnen, bemerkt MW die Blicke und bestraft Iwan. Anfang Mai 1945, englische Truppen besetzen das Gut. EG: MW versucht sich zu rechtfertigen, es waren die Umstände. Nelka hat Angst vor der Rache der Männer, will, dass MW sie mitnimmt. Er aber verlässt das Gut mit seiner Frau ohne sie. Nelka wird misshandelt. Iwan kommt zu spät. Die Männer sind weg, Nelka ist traumatisiert. Sie bittet Iwan, sie nach Hause zu bringen. Iwan schlägt sich für Nelka durch. Sie erreichen das kriegsversehrte Lwow. Alles zerstört. Sie richten sich im Garten ihres Vaters ein. Nelka schickt Iwan weg. Sie ist schwanger und will das Kind, sollte es wie MW aussehen, töten. Iwan bleibt treu. Iwans kurze Lebensgeschichte. Er hat überlebt, weil er fleißig ist. Februar 1946 kommt Nelkas Kind zur Welt, es sieht aus wie Nelka. Sie nennt ihre Tochter Liat Iwanowna, und Iwan soll es als ein Kind melden. Sie schlagen sich durch. Iwan geht im Autobuswerk arbeiten. Schura ist wieder aufgetaucht. Nelka öffnet sich Iwan. Sie schlafen miteinander, das erste Mal. EG: Nelka denkt an Galja, an ihre Enkelin, die zu dieser Uhrzeit zur Universität fährt, um etwas zu lernen. MW schreckt auf, weiß nicht mehr, was er dem jungen und alten Russen angetan hat. Rückkehr von MW und Inge. Sie bauen das Gut wieder auf. Inge wird schwanger, Sohn Heiner. Sie bekommen das Land zu einem Spottpreis. MW macht Karriere, bekommt Medaillen, spendet eine Glocke. Bekommt mit Inge eine Tochter, Ursel. Neid kommt auf, Apfel-Wilhelmsen, der sich vor dem Krieg versteckt hat. Erhält das Bundesverdienstkreuz. EG: MW denkt über sein Leben nach. Nelka erzälht Gonda von ihrem Leben. Sie arbeitete als Lehrerin im Waisenhaus. Liat, ihre Tochter, hat sich in Danylo, einen Ingenieur verliebt. Sie sprechen über die Spuren der Natur, die Realität der Taten. Nelka beschließt, ohne MW nochmal besucht zu haben, zu gehen. Erzählt Gonda vom Grund ihrer Reise. Sie besuchten Rytas Grab. Sie zeigt dem Grabstein das Bild ihrer Enkelin, Galina, die aussieht wie MW, weil die Ähnlichkeiten manchmal Generationen überspringen. Nelka wollte MW nochmal zur Rede stellen, aber in Wirklichkeit erschien er ihr viel zu klein. Als die Grenze, nach 1991, geöffnet wurden, wollte sie ihn sehen. Es hat sich nicht mehr gelohnt, ihn zur Rede zu stellen. ●Kurzfassung: Nelka, ein junges Mädchen aus Lwow, wird verschleppt, gerät in Kriegsgefangenschaft, wird dort von dem Gutsverwalter geschwängert, schwört, das Kind zu töten, sollte es wie er aussehen, aber es sah wie sie aus. Aber ihr Enkelkind sieht aus wie er. Als sich die Grenzen öffnen, nach dem Ende des kalten Krieges, besucht sie ihn, um ihn zu Rede zu stellen. Sie reist aber ab. Er hat kein Gewicht mehr. ●Charaktere: (rund/flach) durch Auslassung mysteriös, dicht und unheimlich, aber auch verlässlich, stark und überzeugend ●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, dicht, intensiv erzählt … vielleicht Inge, die Ehefrau von MW, die nicht so recht hineinpasst, auch die Kinder, die MW bekommt, Heiner und Ursel, die kaum Erwähnung finden. Überhaupt MWs Nachkriegsgeschichte. ●Besondere Ereignisse/Szenen: Rytas Tod, Besuch des Mühlenteichs, Besuch von Rytas Grab ●Diskurs: Kriegsgefangenschaft, Vergewaltigung, Krieg und die Folgen … der Twist am Ende rundet die atmosphärische Erzählung ab. Sie hatte ein Telos, einen Dreh, hat dadurch die Spannung gehalten. Als Erzählung überzeugend, wie „Schwere Lasten“, mit ähnlicher allegorischer Verwebung, und literarisch anspruchsvoller erzählt als die Gretchen-Sage von Susanna Abel. Betonung auf das Warten Iwans, der sich Nelka nicht aufdrängt, mit dem Nelka heilen kann, hier unerwartete Momente des besonnenen Iwans. Nelka selbst als Figur sehr stark. … ärgerlich ein wenig die Metapher des Apfels, die Versuchung, Baum der Erkenntnis, Ev“a“ (Nelk“a“), M“a“rten, „A“dam; auch störend, Nelkas Wunsch, wegen des Aussehens ihr Kind zu töten; und auch Schura, die ohne Grund mit einem Stein einen Schwan tötet. Hier ein Unterschied zu „Schwebende Lasten“, wo es um Schuld geht; in „Nelka“ um Rache gegen Unschuldige … also die Zerstörung der Empathie durch Krieg, hierdurch aber zu perspektivisch verengt. --> 5 Sterne
Form: ●Eindruck: gut geschrieben, lyrisch, atmosphärisch, intensive, abwechselnde Form, als Erzählung direkt, märchenhaft, eine Legende, Nelka, die die Rache überkommt. In seiner Form wie Stefanie zur Schulte „Junge mit schwarzem Hahn“ … sehr verträumt, trotz der Härte, aufgelöst in der Sicherheit des Rückblicks, desjenigen, der zurückblickt ohne Wut im Bauch. ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch, durch erzählerische Form ●Wortschatz/Wortzahl: interessant, dynamisch, vielseitig. ●Auffälligkeiten: märchenhaft, verträumt, fast romantisch ●Innovation: keine Auffälligkeiten, aber poetisch, narrativ, lyrisch stilistisch überzeugend --> 4 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: kommentierend, hier und da, aus dem Off sprechend, episodenhaft erzählt, ohne personale Bindung, deshalb perspektivlos, eine allwissende Erzählerin, die sich nicht zeigt, die nichts preisgibt, eher im Sinne einer verschwindenden Erzählinstanz, insofern sehr belletristisch, ohne zweite Reflektion, ohne Form-Inhalt-Dialektik dadurch. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch ●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, parteiisch, kommentierend. ●Einschätzung: die Schwäche vom Episodenerzählen ist die Montage, die eine gewisse Willkür in der Zeitebene zur Folge hat, bedeutungsschwangere Auslassungen können nerven, eignet sich zum ungerechtfertigen, manipulativen Pathos, auf den ich reinfalle, den ich aber nicht zu schätzen weiß. Die Erzählposition ist narrativ zu schwach. Die Geschichte ist zu persönlich, sie sollte deshalb auch personal erzählt werden. Diese Form sonst müsste sich weiter aufspreizen, um das ganze Kriegsgeschehen zu umfassen (zumindest allegorisch-potentiell). Adäquat als Unterhaltungs- und Identifikationsform. Die Erzählperspektive ist manipulativ (sie spiegelt Distanz vor: durch Montage, Auslassung, Zeitsprünge, und besitzt aber keine Distanz zu Nelka). --> 2 Sterne
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): tatsächlich narrativ überzeugend, und auch spannend zu lesen, mit Telos, leider keine Form-Inhalt-Dialektik, keine Durchdringung der gewählten Form, keine ausgefeilte, zweitreflektierte Erzählweise, aber kompositorisch mit Twist und Sinn einer Rahmenhandlung mit Code. ●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, sehr eng am Personal ●Operative Geschlossenheit: das Motiv der Rache, der aufgeschobenen Rache, der überwundenen Rache, das ist der Dreischritt. Nelka will sich rächen. Nelka muss sich nicht rächen (Kind sieht nicht aus wie Marten). Enkelin sieht aus wie Marten. Sie rächt sich nicht, will die Sicherheit der Nichtrache und erhält sie. Marten ist klein, verdient keine Relevanz. ●Rahmenstabilisierende Details: die Liebe Nelkas so Yasha, der Liebesverlust, die erneute Liebe zu Iwan. ●Extradiegetische Abschnitte: keine ●Lose Versatzstücke: keine ●Reliefbildung: die Ruhe der Landschaft, die Härte des Krieges. ●Einschätzung: schwierig, narrativ, also inhaltlich, geht die Erzählung auf, aber formal nicht. Formal wirkt sie manipulativ und platt, gefällig und konstruiert. --> 3 Sterne
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: ich hab’s gerne gelesen und gehe dennoch mit einem zwiespältigen Gefühl heraus, zu parteiisch (was in Ordnung ist), ohne die Erzählposition klar zu markieren, warum nicht personal erzählen, warum diese „Objektivität“ durch Vielstimmigkeit andeuten und doch nicht ausreizen, warum deshalb manipulativ werden, illustrativ, moralpornographisch, um es drastisch zu sagen. Es ist ein gutes Buch, mit argen formalen Mängeln. ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja ●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, da es nicht reflektiert, nicht die Situation, nicht den Gehalt, es wirkt deshalb konstruiert. ●ein zweites Mal lesen? nein --> 3 Sterne
Großartig erzählt. Oft schlimme, herzerschütternde Bilder und Szenen, manchmal nur in Andeutungen. Ein Denkmal für die Frauen, die während des Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit verrichten mussten. Als alte Frau reist Nelka aus der Ukraine zurück auf den norddeutschen Gutshof, auf den sie verschleppt wurde. Sie trifft dort nur noch auf den Verwalter von damals: „In diesem Moment trifft ihn Nelkas Blick. Auch wenn sie schweigt, ist ihm, als antwortete sie doch auf seine Frage, warum sie hergekommen ist: nicht um deinetwillen.“ Sie muss sich erinnern, um die Bilder, die sie verfolgen, auf diese Weise zu bannen. Er muss sich erinnern, damit Nelka das Erlebte zurücklassen kann. Damals, als Lemberg gerade polnisch ist, lebt sie zusammen mit ihrem deutschstämmigen Vater und der jüdischen Mutter in der Vielvölkerstadt Lemberg. Der Vater, ein Apfelforscher, bringt der Tochter alles bei, was er über Äpfel und Apfelbäume weiß – auf deutsch. Mit sechzehn Jahren wird sie mit tausenden anderen zur Zwangsarbeit auf ein Gut in Schleswig-Holstein verschleppen, wo sie das Grauen erlebt. Die Mädchen und Frauen aus den besetzten Gebieten sind Nutzobjekte. Mehr nicht. Nelka muss sich unter Schmerzen der Macht annähern, um andere zu schützen. „Er kann sie nicht haben, aber er kann sie gebrauchen.“ Besonders für die neue Idee, die er verfolgt, nachdem Nelka ihr pomologisches Wissen preisgegeben hat. (Nach dem Krieg wird er mit einer Apfelplantage reich.) Svenja Leiber erzählt von der Rückkehr Nelkas und den Erinnerungen, die dabei aufflammen. Sie erzählt auch von dem Mann, der im Zentrum des Grauens stand, dem Verwalter Marten. Die Erzählstränge wechseln sich ab: Da ist das Mädchen, das gerade die erste Liebe erlebt hat und das Böse der Gegenwart mit ihren Erinnerungen an den geliebten Yasha verdrängt – bis auch diese Erinnerung ausgelöscht ist. Da ist auch der Verwalter, durchdrungen von der Ideologie der Herrenrasse und dem Gefühl, Macht über so viele Menschen zu besitzen. Alles verbrämt von der Notwendigkeit, das Land mit seinem Hof zu ernähren. Als Nelka lange nach dem Krieg vor seiner Tür steht, denkt er wie so viele Deutsche: „Aber es gibt Dinge und Zeiten, in denen soll man nicht herumwühlen. Die sind Vergangenheit.“ Dennoch wühlt die Erinnerung auch in ihm und bereitet ihm Schmerzen. Von der Erkenntnis der eigenen Schuld ist er aber weit entfernt. Ein Roman über die lebenswichtige Bedeutung von Erinnerung, aber auch über Mut, weibliche Solidarität, Freundschaft und Liebe. Ein Lese-Highlight, vor allem auch wegen der feinfühligen Sprache, in der Svenja Leiber vom Schrecklichen erzählt. Mehr auf www.kultursalon.blog
“Nelka” von Svenja Leiber handelt von der gleichnamigen Protagonistin, die während des 2. Weltkriegs als junges Mädchen aus ihrer Heimat Lwow auf einen Gutshof nach Norddeutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurde. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kehrt sie dorthin zurück, um den Gutsverwalter, unter dem sie gelebt und gelitten hat, zur Rede zur stellen.
“Nelka” ist ein Kammerstück, das in der erzählerischen Gegenwart mit ruhigen, klaren Sätzen auskommt und eine, aus Sicht des Verwalters, bedrohliche Atmosphäre aufbaut, das die Lesenden genau wie er selbst nicht wissen, was sie auf den kommenden Seiten erwarten wird. Dazu trägt die konsequente Verwendung des Präsens bei, während die Rückblenden, die die eigentliche Geschichte erzählen, in der Vergangenheitsform gehalten sind. Auch diese sind bedächtig, aber schlagkräftig, sodass auf den lediglich 200 Seiten eine große, universelle Geschichte erzählt wird, die Millionen Zwangsarbeitende betroffen hat und deren Schicksale in der zeitgenössischen Literatur oft nur am Rande erwähnt werden.
Ich bin begeistert vom sprachlichen Geschick der Autorin, die mit leisen, prägnanten Sätzen die Verzweiflung, den Überlebenswillen und die Schicksale ihrer Figuren zeichnet. Ein großartiges Buch, das unbestritten aus der Masse an Kriegserzählungen heraus sticht.
*Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
"Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. ... Eine eigene Rolle nehmen in diesem Kontext Frauen und ihr Körper ein. Gegen sexualisierte Gewalt ... waren die aus den Heimatländern verschleppten Mädchen und Frauen ... so gut wie gar nicht geschützt." (Nachwort, S. 202f.)
"(Der Roman) ist eine Annäherung, auch wenn ich weiß, ich komme nie an, ich kann nur hindeuten, verweisen, auf die polnischen und ukrainischen Frauen, deren Hände große Teile der Landschaft geformt haben. Ich kann diese Landschaft nicht mehr betrachten, ohne an die Frauen zu denken. Sie trägt ihre Zeichen. Es ist auch ihre Landschaft. Es ist auch die Landschaft von Margaryta, Schura und Nelka." (Nachwort, S. 205)
Gelungenes Buch zu einer der zahlreichen Schattenseiten der deutschen Geschichte. Im Laufe des 2. Weltkriegs werden Osteuropäer.innen nach Deutschland unter Zwang gebracht, um die Arbeit der Deutschen, die an die Front zogen, zu übernehmen. Gewalt und Missbrauch erleben sie täglich. Jahre später erinnert sich Nelka noch an alles. Der deutsche Marten auch, würde es jedoch wahrscheinlich lieber verdrängen können.
Trafiła mnie prosto w serce. Nie tylko samą historią, ze względów osobistych bardzo mi bliską, ale i sposobem opowiadania - wrażliwym, ale bez łzawości i taniego sentymentalizmu, na takim ludzkim, humanistycznym poziomie - językiem, kreacją postaci. Tu się wszystko zgadza.
Ich habe dad Buch wegen eines Buchclubs gelesen, aber irgendwie kam ich nicht rein. Vermutlich ist gerade nicht die richtige Zeit für mich und Nelka gewesen.
Der Schreibstil ist eigentlich total schön gewesen, aber ich empfand die Geschichte als sehr kühl und konnte daher nicht so mitfühlen, wie ich es erwartet hätte. Auch habe ich etwas gebraucht hineinzukommen.
Mal schauen was wir im Buchclub zu erzählen haben. 😊
Es ist durchgehend ein sehr bildlicher schreibstil. Er spricht ein wichtiges Thema an und verpackt diese sehr greifend und auf eine andere Art. Ich fand es sehr gut zu lesen
Einen Stern Abzug für fehlende Kapitel. Bei der Wucht dieses Buches aber vollkommen hinzunehmen…
Erwartet habe ich einen historischen Roman - bekommen habe ich eine intensive Geschichte über Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg mit herzzerreißender Sprache.
Definitiv keine „seichte Kost“ aber trotzdem sehr sehr empfehlenswert.